Bemerkenswert

Interview mit Kim Krämer und Uli Hofmann vom FC Bayern-Fanclub Rollwagerl 93 e.V.

In der aktuellen Ausgabe des BBAG-Magazins habe ich einen Artikel über den Rollwagerl 93 e.V. veröffentlicht. Da die Themen „behindertenfreundliche Stadionausstattung“ und „Tickets für Fans mit Behinderung“ sehr bedeutend und vielseitig sind, habe ich mich entschieden, noch ein ausführliches Interview mit dem aktuellen und ehemaligen Fanclub-Vorsitzenden Kim Krämer und Uli Hofmann zu führen. Im Folgenden erfahrt ihr also noch mehr über den Rollwagerl 93 e.V….

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Kim Krämer (l.) und Uli Hofmann sprachen mit mir über den Rollwagerl 93 e.V. und darüber, was andere Bundesligisten bzgl. ihrer behindertengerechten Stadioneinrichtung noch verbessern können. Foto: Lisa Schatz

Lisa Schatz: Servus Kim und Uli, in eurem zweiten Zuhause, der Allianz Arena. Bitte beschreibt zunächst einmal euren Fanclub. Was zeichnet den Rollwagerl 93 e.V. aus?

Kim Krämer: Unser Fanclub ist wie eine Familie. Man ist mittendrin statt nur dabei. Bei uns ist es so: Wenn jemand etwas machen will, dann versuchen wir, denjenigen ins Boot zu holen. Ersen Tekin, unser TV-Melder, wollte etwas machen. Wir haben also eine Seite auf unserem Internetauftritt installiert, auf der er eingeben kann, wann und wo die Spiele des FC Bayern bzw. deren Zusammenfassungen übertragen werden. Zudem sind wir einer der zwei größten Behinderten-Fußballfanclubs in Europa. Der MUDSA (Manchester United Disabled Supporters‘ Association) hat aktuell (Stand: 10.02.2019) auch ca. 900 Mitglieder.

Uli Hofmann: Der Rollwagerl 93 e.V. ist eine wichtige Ergänzung in der Fanszene und für den FC Bayern an sich, weil die Damen und Herren dort nicht wissen können, worauf es ankommt. Wenn irgendetwas gemacht werden muss, was die Rollstuhlfahrer betrifft, kannst du fragen, wen du willst beim FC Bayern: Jeder verweist mittlerweile auf uns. Da halten sie sich komplett raus. Das ist ein guter Vertrauensbeweis.

Lisa Schatz: Könntest du bitte ein konkretes Beispiel nennen, um das den Leser*innen genauer zu verdeutlichen, Uli?

Uli Hofmann: Bis hin zum Klopapier haben wir uns um alles gekümmert. Diese Haltebügel links und rechts an den Behindertentoiletten mit dem angebauten Klorollenhalter haben den Vorteil, dass sie mit einer einzigen Hand bedient werden können, ohne dass das Papier herunterfällt und wegrollt. Diese Klorollenhalter wurden angebracht, da manche Menschen mit Behinderung Einschränkungen in der Fingerfunktion haben. Zwischendurch wurden große „Turborollen“ verwendet, wie sie auf den Standard-Toiletten üblich sind. Diese zeichnen sich jedoch durch einen großen Durchmesser und passen nicht auf diese speziellen Klorollenhalter. Diese Rollen kann man auf den gängigen Toiletten hernehmen, nicht aber auf den Behindertentoiletten. Die zuständigen Bediensteten haben anfangs gefühlte sieben Kilometer abgerollt, bis die jeweilige Rolle zunächst darauf passte. Das nutzte aber nichts, weil die inliegende Papprolle einen größeren Durchmesser hatte als die Steckvorrichtung. Somit konnten die Menschen mit der entsprechenden Einschränkung das Klopapier nicht einhändig abrollen. Außerdem fiel die Rolle mangels Halt ständig auf den Boden. Wir haben dann erfolgreich das Gespräch mit den Entscheidungsträgern gesucht. Heute wird nur noch geeignetes Klopapier (d.h. Standard-Rollen) dafür verwendet.

Lisa Schatz: Wie ist es mit den anderen Stadien?

Kim Krämer: Mit der „Toilette für alle“ sind in Deutschland nur die Allianz Arena, die Wirsol Rhein-Neckar-Arena und die Mercedes-Benz Arena ausgestattet. Wichtig für uns ist natürlich auch die Sicht aufs Spielfeld und die Anzahl der Plätze. In Hoffenheim beispielsweise wäre eigentlich alles in Ordnung, aber dort sitzen Menschen direkt vor dir. Sie stehen oft auf und dann sieht man nichts mehr. Ein großes Problem ist zudem: Wenn bei Auswärtsfahrten die zehn-Prozent-Regel gilt, dann stünden uns in Hoffenheim nur vier Tickets zu. Deshalb müssen wir immer mit dem jeweiligen Behindertenfanbeauftragten sprechen, ob man nicht noch Tickets dazu nehmen kann. Es wäre schließlich schwierig, eine Fahrt mit einem Reisebus zu machen, und nur vier oder fünf Rollifahrer mitnehmen zu können. Da ist Berlin natürlich erste Sahne. Im dortigen Olympiastadion sind alle Rollstuhlfahrerplätze im Block der Gastmannschaft. Das heißt, da bekommt Bayern dann an die 30. Berlin ist für uns also immer ganz toll. Dorthin haben wir schon Fahrten mit zwei Reisebussen gemacht. Die Planung ist immer enorm aufwendig für vier Tage. Auch finanziell, wo wir inzwischen ein super Netzwerk zu Sponsoren und zum Sozialreferat aufgebaut haben. Der FC Bayern und die Allianz Arena sowie der AUDI-Fanclub FC Bayern und Rehability sponsern uns. Zudem zahlt unser langjährigster und größter Unterstützer Raimond Aumann auch noch einen Bus. In einen Bus passen zehn bis elf Rollifahrer, je nachdem, wie er ausgestattet ist.

Uli Hofmann: In Bezug auf die Sicht aufs Feld sind wir in München wirklich Vorreiter.

Wenn man nach Dortmund blickt: Dort wurde immer wieder nachgerüstet. Zum Beispiel für die WM 2006. Damals wurden neue VIP-Zonen und eine neue Ebene für die Presseplätze errichtet. Aber für Rollstuhlfahrer ist immer alles gleich geblieben. Das Stadion hat 81.000 Sitzplätze, davon sind 72 Rolliplätze. Das sind weniger als 0,1 Prozent. Ein Armutszeugnis.

Oder auch Schalke. Das Stadion in Gelsenkirchen ist noch relativ neu. Darin sieht ein Rollifahrer aber nichts, wenn die Fans vor ihm aufspringen. Es herrscht nach wie vor sehr viel Nachholbedarf, egal, wohin man blickt.

Lisa Schatz: Wie sieht es mit Hoffenheim aus?

Uli Hofmann:. Dort ist die Situation ähnlich wie in Berlin. Obwohl Dietmar Hopp sozial engagiert ist und auch eine Stiftung hat, wurde beim Neubau des Stadions einiges versäumt: Man sieht auch hier nichts vom Spielgeschehen, wenn die Zuschauer vor einem kollektiv aufspringen! Bei unserer ersten Auswärtsfahrt dorthin habe ich nichts vom Tor gesehen. Wenn da ein Tor gefallen ist, und die Fans vor mir aufgesprungen sind, habe ich nur den Jubel gehört. Ich war total frustriert. Beim nächsten Mal hat deren Behindertenbeauftragter persönlich mit den Fans in der Reihe vor uns Kontakt aufgenommen und sie gebeten, sitzen zu bleiben, damit wir etwas sehen. Das hat sehr gut funktioniert.

Lisa Schatz: Lasst uns zu eurem Fanclub kommen. Wer kann bei euch Mitglied werden und wie funktioniert das?

Kim Krämer: Bei uns kann jeder Mitglied werden, inzwischen sogar online. Man kann eine Online-Maske ausfüllen und ist dann direkt im System registriert. Im Anschluss erhält man eine Benachrichtigung per E-Mail.

Lisa Schatz: Nun zu eurem Ticketingsystem. Wie wurden die Tickets früher vergeben und wie hat sich das Ganze entwickelt?

Kim Krämer: Unser Fanclub wurde ja auf Grund der schlechten Kartenverteilung gegründet. Das erste Ticketingsystem von Peter Czogalla war rein telefonisch. Das war eine Katastrophe für seine Frau, weil das Telefon den ganzen Tag klingelte. 2005 hat Uli Hofmann den Vereinsvorsitz und das Ticketing übernommen. Er hat eingeführt, dass die Bestellung der Tickets nur noch per Anrufbeantworter, Fax, E-Mail und Post läuft. Ich habe das Ganze dann 2008 fortgeführt. Zunächst habe ich nichts verändert,  dann jedoch an einem Konzept gearbeitet, dass wir online und automatisiert Tickets anbieten können. Das steht jetzt. Wir sind nun der erste Fanclub eines Bundesligisten, der Online-Ticketing speziell für Menschen mit Behinderung anbietet. Auch keiner der Bundesligavereine selbst macht dies.

Lisa Schatz: Wie läuft euer Online-Ticketing im Detail ab?

Kim Krämer: Die Bestellfrist startet einen Monat vor dem Spieltag und endet zwei Wochen vor dem Spieltag. In diesen zwei Wochen kann man sich online bewerben.  Wer Mitglied ist, muss einfach auf unsere Ticketingseite gehen, dort seinen Namen und seine Mitgliedsnummer eingeben. Wenn man seine Bestellung abgeschickt hat, erhält man direkt im Browser eine Nachricht: „Ihre Auftragsnummer ist XY. Sie werden rechtzeitig informiert“. Der Kunde sitzt am PC, schickt seine Bewerbung ab, und wir haben zeitgleich die Anfrage als Kundenauftrag im System. In dem Ticketingsystem „add on“ von SAP Business One, das 5.500 € gekostet hat, sind alle Heimspiele verzeichnet mit jeweils 50 Tickets auf der Ost- und auf der Westseite in der Allianz Arena. Ich kann diese dann zuweisen und sehe direkt, ob jemand die letzten drei Heimspiele schon gesehen hat, oder zwei davon. Umso mehr jemand von den vergangenen drei Heimspielen gesehen hat, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige eine Absage für das folgende bekommt. Hat man im vergangenen Spiel eine Absage erhalten, ist es in der Regel so, dass man für das darauf folgende Spiel wieder eine Zusage bekommt. Es sei denn, es geht auf das Ende des Jahres zu, und Dortmund und Real Madrid spielen beispielsweise hintereinander in der Allianz Arena. Die Karten für diese Gegner sind sehr gefragt. Dann kann es passieren, dass jemand zwei Absagen hintereinander erhält. Das System wird sehr gut angenommen: Aktuell kommen noch ca. fünf Bestellungen pro Spiel per E-Mail, der Rest macht alles online.

Lisa Schatz: Wie viele Anfragen habt ihr in etwa pro Spiel vorliegen und wie viele Plätze könnt ihr vergeben?

Kim Krämer: Wir sind immer ausgebucht. Sollten einmal nicht alle Tickets an unsere Mitglieder vergeben worden sein, so stehen wir mit Einrichtungen in Kontakt, von deren Seite Interesse besteht, und an die wir die Tickets dann verteilen. Insgesamt gibt es in der Allianz Arena 227 Plätze für Menschen mit Behinderung. Davon hat der Rollwagerl-Fanclub 100. Den Rest verwaltet der FC Bayern.

Lisa Schatz: Unternehmt ihr auch Fahrten zu Auswärtsspielen?

Kim Krämer: Wir versuchen immer, wenn es finanziell machbar ist, mehrtägige Auswärtsfahrten zu machen und im Rahmen der Reisen ein Kulturprogramm anzubieten. Das ist uns sehr wichtig: Nicht nur Fußball, sondern auch Kultur. Wir haben Mitglieder, die im Heim wohnen, in der Lebenshilfe. Für sie sind die Fahrten von großer Bedeutung, um aus ihrem Alltag und der Isolation herauszukommen, und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Auf den Fahrten können sie sich gemeinsam freuen und auch zusammen trauern. Das ist zudem ein prägender Punkt hinsichtlich unserer Gemeinnützigkeit. Allein durch die Vergabe von Heimspieltickets wird man nicht gemeinnützig, sondern wegen solchen Auswärtsfahrten.

Lisa Schatz: Wo wart ihr bislang und wie lief das Ganze ab?

Kim Krämer: Unsere erste inklusive Auswärtsfahrt haben wir nach Hoffenheim gemacht. Zuvor hatte ich eine Schulung zum Thema „Kompetent für Inklusion“ begonnen und wir hatten den Auftrag, eine Projektarbeit zu machen. Hier entstand die Idee. Wir hatten schon Erfahrung mit Auswärtsfahrten, aber noch nicht mit inklusiven. Bei dieser Fahrt hatten wir Gehörlose dabei und eine syrische Familie – ein ganz schwerer Fall – mit Folter. Für die Gehörlosen hatten wir eine Dolmetscherin, die immer abends zu unserer Gesprächsrunde ins Hotel kam. Wir waren auch im Technikmuseum in Sinsheim und hatten zudem ein Treffen mit dem integrativen Fanclub der TSG Hoffenheim im alten Dietmar-Hopp-Stadion. Daran haben auch Raimond Aumann und zwei Profis von Hoffenheim teilgenommen. Seitdem machen wir ausnahmslos inklusive Auswärtsfahrten. Unser nächstes Ziel ist Düsseldorf.

Lisa Schatz: Wie viele Auswärtsfahrten macht ihr pro Saison?

Kim Krämer: In der Regel zwei. Auf Grund der Softwareeinführung haben wir jetzt zwei Jahre hintereinander jeweils nur eine gemacht und eine Tagesfahrt. Die Tagesfahrten sind immer abhängig von Stuttgart und Nürnberg. Wenn die nicht in der Liga sind, können wir keine Tagesfahrten machen.

Lisa Schatz: Welche Schwierigkeiten oder Hürden sind bisher hinsichtlich eurer Auswärtsfahrten aufgetreten?

Kim Krämer: Bei uns ist immer alles ins Detail geplant. Während den Fahrten ist meist alles in Ordnung. Jedoch gestaltet sich die Planung als schwierig: Man muss sich direkt an dem Tag, an dem der Spielplan herauskommt, die Spiele heraussuchen, zu denen man auswärts fahren will. Dann wird gleich das Hotel angefragt. Damit ist der Großteil erledigt. Anschließend werden die Einladungen verschickt, die Rückmeldungen ausgewertet und die jeweiligen Zu- und Absagen versandt. Daraufhin werden das Essen bzw. die Restaurants organisiert oder reserviert. Im Anschluss stelle ich das Programm zusammen. Was auch wichtig ist: Zu prüfen, ob an dem Spieltag eine Messe in der Stadt stattfindet. Wichtig sind vor allem auch unsere 20 bis 25 ehrenamtlichen Helfer, die uns auch bei den Auswärtsfahrten, beim Einkaufen und Brötchen schmieren für die Busfahrt usw. unterstützen.

Lisa Schatz: Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem FC Bayern, wie sieht die Unterstützung durch den Bundesligisten aus?

Kim Krämer: Vor dem Bau der Allianz Arena wurden wir auf unsere Nachfrage hin zu einem runden Tisch eingeladen. Damals haben wir gemeinsam mit Peter Czogalla, Uli Hofmann und Jürgen Muth, dem Geschäftsführer der Allianz Arena, eine Begehung gemacht. Wir haben die Plätze begutachtet und Tipps gegeben, dass man hier doch investieren sollte und darauf achtet, dass die Rollis freie Sicht aufs Spielfeld haben, auch wenn die Fans vor ihnen aufstehen.

Bezüglich der Sicht ist Folgendes zu sagen: Auf unserer Seite im Westen befinden sich die Presseplätze. Die Journalisten stehen sowieso nicht auf, da gibt es kein Problem. Aber im Osten wurden zwei Sitzplatzreihen herausgebaut und ein L-Block gebildet. Das heißt: Wenn die Fans in der Reihe vor den Rollifahrern aufstehen, sind deren Köpfe auf Höhe der Füße der Rollifahrer. Ohne diese Maßnahme gäbe es dort zwei Reihen mehr: Das sind auf 10 Jahre gerechnet Einnahmen in der Höhe von ca. 10 Millionen Euro, auf die der FC Bayern verzichtet, damit die Rollstuhlfahrer freie Sicht haben.

Bezüglich unserer Auswärtsfahrten haben wir mit dem FC Bayern vereinbart, dass wir immer das volle Kontingent an Rolli-Tickets bekommen, dazu 4 Tickets zusätzlich für Begleitpersonen. Das klappt seit Jahren sehr gut.

Lisa Schatz: Gibt es noch eine Geschichte, die du erzählen möchtest, Kim?

Kim Krämer: Unser Mitglied Martin Bauer habe ich auf der Auswärtsfahrt nach Hannover kennen gelernt. Wir waren zweimal in einer Autobahnraststätte beim Pause machen – auf der Hin- und auf der Rückfahrt, in der gleichen wie Martin. Wir sind ins Gespräch gekommen. Eine Woche später kam Martin in den Rollwagerl Shop und wurde Mitglied. Er unterstützt uns finanziell, unseren Soli. Das ist bei uns sozusagen das „Sozialticket“. Denjenigen, die sich keine Tickets bzw. Auswärtsfahrten leisten können, werden die Fahrten und Karten durch unseren sog. Solitopf ermöglicht. Normalerweise liegt der Eigenanteil an Auswärtsfahrten bei 80 € – Fahrt, Ticket für das jeweilige Spiel und Übernachtungskosten inbegriffen. Martin unterstützt uns immer und hinterlegt auch ArenaCards, damit sich die Mitglieder, die es sich sonst nicht leisten können, auch hier etwas zu essen und zu trinken kaufen können. Bei uns ist das Sozialticket ein fester Bestandteil. Maximal dreißig Mitglieder nehmen es in Anspruch. Auch dreißig Tickets werden aus dem Solitopf bezahlt. Zudem gibt es ermäßigte Beiträge für die Mitgliedschaft. Diese Gruppe zahlt den halben Preis, um Mitglied zu sein. Früher waren die Auswärtsfahrten „Jugendherberge und McDonalds“, ohne Kultur. Jetzt übernachten wir in barrierefreien Hotels und haben ein Kulturprogramm. Uns war es wichtig, das alles zu verbessern. Die Sponsoren sollen auch sehen, dass wir eine gute Arbeit leisten. Das hat irgendwann eine Eigendynamik entwickelt. Uns ist Zuverlässigkeit absolut wichtig.

Lisa Schatz: Vielen Dank, dass ihr euch so viel Zeit für das Interview genommen habt.

Kim Krämer und Uli Hofmann: Natürlich gerne.

Weitere Informationen für einen barrierefreien Stadionbesuch sind – auch in leichter Sprache und mit Hörservice – unter https://www.barrierefrei-ins-stadion.de/ zu finden.

Bemerkenswert

Wolfgang Schlosser: Träumer, ausgelacht. Ziel erreicht, das Unmögliche möglich gemacht.

Was schreibe ich nur über einen Menschen, über den man eine ganze Buchreihe verfassen könnte? Über jemanden, den ich inzwischen jahrelang kenne und ins Herz geschlossen habe? Über einen Macher, der zur „alten Garde“ gehört und sein Leben dem Fußball widmet? Über einen Weltbürger, der neugierig ist, interessiert an anderen Kulturen, der begeistert, mitreißt, Respekt und Fairplay als höchste Werte ansieht und der den Fußball verkörpert, so wie er sein sollte? Nun ja, eine – wie ich finde – echt schöne Story, die es nur dank ihm zu erzählen gibt…

Zur Information: Diese Geschichte ist kein Märchen. Sie ist zu 100% wahr. Ja, das IST verrückt.

Es ist nun fast neun Jahre her, dass eine ziemlich verrückte Fußball-Mail-Freundschaft entstanden ist. Ich hab ca. vierzig E-Mails in alle Welt verschickt: auf Englisch, Deutsch und Französisch. Er war einer von denjenigen, die mir geantwortet haben: Wolfgang Schlosser. Anfangs meinte er, dass er bestimmt viel älter sei als ich. Aber er wusste auch, dass „Fußball verbindet, über alle Grenzen hinweg. Da spielt das Alter keine Rolle“. Inzwischen sind wir gute Freunde. Vor wenigen Wochen feierte er seinen 87. Geburtstag und das ist wohl Grund genug, seine coole Geschichte aufzuschreiben. Die Fußballwelt kann derzeit Vorbilder brauchen…

Was ich damals noch nicht ahnte: Dieser Mann hat so viel für den deutschen und internationalen Fußball getan wie kaum ein anderer. Meiner Meinung nach ist Wolfgang Schlosser einer der größten im Fußball überhaupt. Und einer der verrücktesten.

Klamotten und ein Ball – das Tor zum neuen Zuhause

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam Schlosser, nur mit Klamotten am Leib und einem Fußball unterm Arm, nach Breidenbach. Der Fußball war damals noch so einer, den wir heute nur noch aus den Museen kennen: Eine Lederkugel, die sich bei Regen richtig vollsog und irre schwer zu spielen war. Dieser Ball war sein „Türöffner“. Zu neuen Freundschaften, einem neuen Lebensabschnitt. Er ist also sozusagen die Integration durch Fußball in Person. Schlosser hatte Glück: Das hessische Breidenbach war ein Fußballdorf. Ein Dorf, in dem bald eine wunderbare Geschichte beginnen sollte…

Der fußballverrückte Jugendliche schloss sich dem dortigen Fußballverein an: FV 09 Breidenbach. Er fuhr zu vielen Spielen, quer durch Deutschland: mit dem Moped zu den Heim- und Auswärtsspielen des 1. FC Kaiserslautern, dem damaligen Topteam Deutschlands. Wenige Jahre später stand das Vereinsjubiläum vor der Tür. Die Verantwortlichen wollten ein großes Sportfest organisieren. Fußball hatte im Nachkriegsdeutschland – vor allem nach der WM 1954 – einen enormen Stellenwert. Wolfgang Schlosser hatte eine super Idee für das 50-jährige Jubiläum. Er meinte, er würde den 1. FC Kaiserslautern nach Breidenbach holen. Aber er wurde ausgelacht. Der 1. FC Kaiserslautern, das war damals das Team um Kapitän Fritz Walter, eines des Helden von Bern. Und der FV 09 Breidenbach, das war ein kleiner hessischer Verein mit einem Hartplatz am Waldrand.

Doch wenn ein Wolfgang Schlosser sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wollte er das auch machen. Da er so viele Spiele der Lauterer besucht hatte, kannte ihn Fritz Walter bereits vom Sehen. Wieder mal in Kaiserslautern, traf Schlosser den Fußballprofi zufällig in einem Café und erzählte ihm einfach ein bisschen von sich. Wenige Zeit später nahm Schlosser wegen des Vereinsjubiläums Kontakt zu ihm auf. Und machte das Spiel klar. Einfach so.

Wenn das Unmögliche möglich wird

Im Sommer 1959 war es dann soweit. Fritz Walter und seine Mannschaftskollegen vom 1. FC Kaiserslautern kamen ins „Fußballdorf Breidenbach“. Schlossers Augen glänzen, wenn er heute davon spricht. 2008 hat er mich dorthin mitgenommen. Auf den Hausbergsportplatz, wo sich 1959 knapp 8.000 Menschen (konzipiert war das Gelände für 4.000!) ansammelten, um einige der Helden von Bern kicken zu sehen. Ja, kicken schreib ich. Der Fußballplatz: Ein Hartplatz. Die Tribüne: Aus Holz. Die Eintrittskarten: In der Mitte durchgerissen, weil es nicht genug gab.

Der Schiri wollte das Spiel nicht anpfeifen, weil die Zuschauer auf den Außenlinien saßen. Die Menschen standen auf den Bäumen und Zäunen. Unglaublich, aber wahr. Ich hab die Bilder gesehen. Wenn man den Platz betritt und die Hintergrundgeschichte kennt, spürt man jetzt noch diese Magie. Diese Magie von damals. Crazy, aber wahr. Wenn man auf die schwarz-weißen Fotos blickt, kann man sich alles ziemlich gut vorstellen. Keine Smartphones, kein Fußball-Managerspiel. Staub wirbelt durch die Luft, die lederne Kugel rollt über den Boden und unzählige Menschen bestaunen die „Jungens“, wie Schlosser sagt, die wohl der Inbegriff des „neuen Deutschlands“ nach dem Krieg sind.

Die Spieler wurden bei verschiedenen Familien im Dorf untergebracht. Heute kaum vorstellbar. Vorstellbar, das ist das Stichwort. Als Wolfgang Schlosser seinen Vereinskollegen von seiner Idee, Fritz Walter und sein Team zum Vereinsjubiläum des FV 09 Breidenbach nach Hessen holen zu wollen, erzählt hatte, konnten sie sich das auch nicht vorstellen, dass die Weltmeister von 1954 bei ihnen auflaufen würden. Den Rest der Geschichte kennt ihr ja… Drei Tage waren sie dann da. Der kleine FV 09 hatte den großen FCK zu Gast. Verrückt. Fritz Walter freundete sich am Abend nach dem Spiel bei einem Bier mit Wolfgang Schlosser an. Die Verbindung hielt bis zum Tod der Fußballlegende an.

Schlossers Tipp an die Jugend von heute

Schlosser war immer ein Macher und ist dabei stets ein Denker geblieben. „Immer den Kontakt zur Basis halten“, das war und ist ihm wichtig. Und das ist auch das, was er jungen Nachwuchskräften im Fußballbereich, egal in welchem Amt, mit auf den Weg gibt (das schreib ich nicht nur, damit es gelesen wird ;-)).

Mit diesem Text hoffe ich, dem lieben Wolfgang aus Hessen eine kleine Freude zu bereiten und zugleich möchte ich euch alle dazu ermutigen, für eure Träume zu kämpfen! Egal, wie verrückt sie sind. „Man muss sich einfach trauen. Wenn man eine Idee hat, muss man sie verwirklichen“, hat Schlosser mir einmal gesagt. Ich weiß nicht, ob es diesen Blog geben würde, hätte ich diesen faszinierenden fußballaffinen Menschen nicht getroffen. Jedenfalls gäbe es diese Zeilen nicht.

Mich hat Herr Schlosser durch diese Geschichte mit dem 1. FC Kaiserslautern (und einige andere…) auch schon zu manch anderer verrückten Aktion motiviert. Einige davon konnte ich tatsächlich umsetzen, obwohl ich das oft selbst vorher nicht erwartet hatte. Also, los, ab nach draußen! 🙂

Football book – Update no 4: From Moritz Volz to Danny Karbassiyoon

Ihr wollt nicht wissen wie mein Schreibtisch aussah...
The book keeps on traveling… Photo: Lisa Schatz

Good morning everybody!

As I’ve already announced, I’ll keep you posted on the football book. Before I start on my way to another continent, I’d like to tell you the most important news: The book was passed on from Moritz Volz to Danny Karbassiyoon. Danny has now also filled one page of the book. We are very excited to see how the journey continues!

Sunny greetings all over the world and
always stay fair and sporty!

Yours

Lisa Blue

 

GERMAN VERSION – DEUTSCHE VERSION:

Guten Morgen zusammen!

Wie ich bereits angekündigt habe, halte ich euch bezüglich des Fußballbuchs auf dem Laufenden. Bevor ich mich gleich auf den Weg auf einen anderen Kontinent machen, formuliere ich die Neuigkeit: Moritz Volz hat das Buch an Danny Karbassiyoon weitergegeben. Danny hat nun auch eine Seite hineingeschrieben.

Wir sind sehr gespannt wie die Reise weitergeht!

Sonnige Grüße in alle Welt und

immer schön fair und sportlich bleiben!

Eure

Lisa Blue