Bemerkenswert

Wolfgang Schlosser: Träumer, ausgelacht. Ziel erreicht, das Unmögliche möglich gemacht.

Was schreibe ich nur über einen Menschen, über den man eine ganze Buchreihe verfassen könnte? Über jemanden, den ich inzwischen jahrelang kenne und ins Herz geschlossen habe? Über einen Macher, der zur „alten Garde“ gehört und sein Leben dem Fußball widmet? Über einen Weltbürger, der neugierig ist, interessiert an anderen Kulturen, der begeistert, mitreißt, Respekt und Fairplay als höchste Werte ansieht und der den Fußball verkörpert, so wie er sein sollte? Nun ja, eine – wie ich finde – echt schöne Story, die es nur dank ihm zu erzählen gibt…

Zur Information: Diese Geschichte ist kein Märchen. Sie ist zu 100% wahr. Ja, das IST verrückt.

Es ist nun fast neun Jahre her, dass eine ziemlich verrückte Fußball-Mail-Freundschaft entstanden ist. Ich hab ca. vierzig E-Mails in alle Welt verschickt: auf Englisch, Deutsch und Französisch. Er war einer von denjenigen, die mir geantwortet haben: Wolfgang Schlosser. Anfangs meinte er, dass er bestimmt viel älter sei als ich. Aber er wusste auch, dass „Fußball verbindet, über alle Grenzen hinweg. Da spielt das Alter keine Rolle“. Inzwischen sind wir gute Freunde. Vor wenigen Wochen feierte er seinen 87. Geburtstag und das ist wohl Grund genug, seine coole Geschichte aufzuschreiben. Die Fußballwelt kann derzeit Vorbilder brauchen…

Was ich damals noch nicht ahnte: Dieser Mann hat so viel für den deutschen und internationalen Fußball getan wie kaum ein anderer. Meiner Meinung nach ist Wolfgang Schlosser einer der größten im Fußball überhaupt. Und einer der verrücktesten.

Klamotten und ein Ball – das Tor zum neuen Zuhause

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam Schlosser, nur mit Klamotten am Leib und einem Fußball unterm Arm, nach Breidenbach. Der Fußball war damals noch so einer, den wir heute nur noch aus den Museen kennen: Eine Lederkugel, die sich bei Regen richtig vollsog und irre schwer zu spielen war. Dieser Ball war sein „Türöffner“. Zu neuen Freundschaften, einem neuen Lebensabschnitt. Er ist also sozusagen die Integration durch Fußball in Person. Schlosser hatte Glück: Das hessische Breidenbach war ein Fußballdorf. Ein Dorf, in dem bald eine wunderbare Geschichte beginnen sollte…

Der fußballverrückte Jugendliche schloss sich dem dortigen Fußballverein an: FV 09 Breidenbach. Er fuhr zu vielen Spielen, quer durch Deutschland: mit dem Moped zu den Heim- und Auswärtsspielen des 1. FC Kaiserslautern, dem damaligen Topteam Deutschlands. Wenige Jahre später stand das Vereinsjubiläum vor der Tür. Die Verantwortlichen wollten ein großes Sportfest organisieren. Fußball hatte im Nachkriegsdeutschland – vor allem nach der WM 1954 – einen enormen Stellenwert. Wolfgang Schlosser hatte eine super Idee für das 50-jährige Jubiläum. Er meinte, er würde den 1. FC Kaiserslautern nach Breidenbach holen. Aber er wurde ausgelacht. Der 1. FC Kaiserslautern, das war damals das Team um Kapitän Fritz Walter, eines des Helden von Bern. Und der FV 09 Breidenbach, das war ein kleiner hessischer Verein mit einem Hartplatz am Waldrand.

Doch wenn ein Wolfgang Schlosser sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wollte er das auch machen. Da er so viele Spiele der Lauterer besucht hatte, kannte ihn Fritz Walter bereits vom Sehen. Wieder mal in Kaiserslautern, traf Schlosser den Fußballprofi zufällig in einem Café und erzählte ihm einfach ein bisschen von sich. Wenige Zeit später nahm Schlosser wegen des Vereinsjubiläums Kontakt zu ihm auf. Und machte das Spiel klar. Einfach so.

Wenn das Unmögliche möglich wird

Im Sommer 1959 war es dann soweit. Fritz Walter und seine Mannschaftskollegen vom 1. FC Kaiserslautern kamen ins „Fußballdorf Breidenbach“. Schlossers Augen glänzen, wenn er heute davon spricht. 2008 hat er mich dorthin mitgenommen. Auf den Hausbergsportplatz, wo sich 1959 knapp 8.000 Menschen (konzipiert war das Gelände für 4.000!) ansammelten, um einige der Helden von Bern kicken zu sehen. Ja, kicken schreib ich. Der Fußballplatz: Ein Hartplatz. Die Tribüne: Aus Holz. Die Eintrittskarten: In der Mitte durchgerissen, weil es nicht genug gab.

Der Schiri wollte das Spiel nicht anpfeifen, weil die Zuschauer auf den Außenlinien saßen. Die Menschen standen auf den Bäumen und Zäunen. Unglaublich, aber wahr. Ich hab die Bilder gesehen. Wenn man den Platz betritt und die Hintergrundgeschichte kennt, spürt man jetzt noch diese Magie. Diese Magie von damals. Crazy, aber wahr. Wenn man auf die schwarz-weißen Fotos blickt, kann man sich alles ziemlich gut vorstellen. Keine Smartphones, kein Fußball-Managerspiel. Staub wirbelt durch die Luft, die lederne Kugel rollt über den Boden und unzählige Menschen bestaunen die „Jungens“, wie Schlosser sagt, die wohl der Inbegriff des „neuen Deutschlands“ nach dem Krieg sind.

Die Spieler wurden bei verschiedenen Familien im Dorf untergebracht. Heute kaum vorstellbar. Vorstellbar, das ist das Stichwort. Als Wolfgang Schlosser seinen Vereinskollegen von seiner Idee, Fritz Walter und sein Team zum Vereinsjubiläum des FV 09 Breidenbach nach Hessen holen zu wollen, erzählt hatte, konnten sie sich das auch nicht vorstellen, dass die Weltmeister von 1954 bei ihnen auflaufen würden. Den Rest der Geschichte kennt ihr ja… Drei Tage waren sie dann da. Der kleine FV 09 hatte den großen FCK zu Gast. Verrückt. Fritz Walter freundete sich am Abend nach dem Spiel bei einem Bier mit Wolfgang Schlosser an. Die Verbindung hielt bis zum Tod der Fußballlegende an.

Schlossers Tipp an die Jugend von heute

Schlosser war immer ein Macher und ist dabei stets ein Denker geblieben. „Immer den Kontakt zur Basis halten“, das war und ist ihm wichtig. Und das ist auch das, was er jungen Nachwuchskräften im Fußballbereich, egal in welchem Amt, mit auf den Weg gibt (das schreib ich nicht nur, damit es gelesen wird ;-)).

Mit diesem Text hoffe ich, dem lieben Wolfgang aus Hessen eine kleine Freude zu bereiten und zugleich möchte ich euch alle dazu ermutigen, für eure Träume zu kämpfen! Egal, wie verrückt sie sind. „Man muss sich einfach trauen. Wenn man eine Idee hat, muss man sie verwirklichen“, hat Schlosser mir einmal gesagt. Ich weiß nicht, ob es diesen Blog geben würde, hätte ich diesen faszinierenden fußballaffinen Menschen nicht getroffen. Jedenfalls gäbe es diese Zeilen nicht.

Mich hat Herr Schlosser durch diese Geschichte mit dem 1. FC Kaiserslautern (und einige andere…) auch schon zu manch anderer verrückten Aktion motiviert. Einige davon konnte ich tatsächlich umsetzen, obwohl ich das oft selbst vorher nicht erwartet hatte. Also, los, ab nach draußen! 🙂

Fußballbuch-Update Nr. 2: Von Lutz Pfannenstiel zu Bjarne Goldbaek

Liebe Fußballbegeisterte!

 

„Schreib doch hier mal was rein – wir müssen zusehen, dass das Ding um die Welt kommt“

Die Reise geht weiter… Inzwischen wurde das Fußballbuch (mehr zum Projekt findet ihr hier) durch Lutz Pfannenstiel an Bjarne Goldbaek, Schalker Ex-Profi, weitergegeben. Letzterer beschrieb mir, in welchem Rahmen er das Buch erhalten hat: „Ich habe Lutz Pfannenstiel beim Fernsehen getroffen, weil wir beide für den gleichen Sender arbeiten. Er drückte mir das Buch in die Hand und meinte: ‚Schreib doch hier mal was rein – wir müssen zusehen, dass das Ding um die Welt kommt!‘“ Daraufhin habe der gebürtige Däne „einen Blick in das Buch geworfen“, sofort mit „ja, klar, alles klar“ geantwortet, und fortan seine „Geschichte hineingeschrieben.“

Am Telefon wollte ich von ihm wissen, weshalb er von dem Projekt überzeugt ist und ein Teil davon sein wollte. Er antwortete: „Ich habe selbst durch den Fußball einen viel breiteren Blickwinkel bekommen. Man kommt mit anderen Nationalitäten, mit sehr vielen Menschen, zusammen. Und das bedingt einfach, dass man besser auf andere Menschen zugehen kann und anderen Kulturen verständnisvoller begegnet. Das hat mir der Fußball gegeben und das ist ja auch das, was das Buch zeigen will: Dass Fußball verbindet und Verständnis erzeugt.“

In seinem Text hat Bjarne Goldbaek seine Erlebnisse rund um die Fußball-WM 1998, das gemeinsame Feiern der Menschen verschiedener Kulturen und Nationen, aufgegriffen. Er schrieb u. a.: „Das Schönste am Turnier war aber ganz klar die Stimmung rund um die Spiele. Obwohl ich in der Bundesliga und der Premier League gespielt habe – wo die Stimmung schon extrem gut ist – war die Stimmung und das friedliche Miteinander unter den verschiedensten Nationalitäten so beeindruckend!“

Mich hat interessiert, ob er sofort wusste, was er ins Buch schreiben möchte. Er entgegnete mir: „Wenn ich die Frage danach, was in meiner Karriere am beeindruckendsten gewesen ist, schnell beantworten hätte müssen, hätte ich vielleicht etwas anderes geschrieben. Ich habe das Ganze eine Zeit lang sacken lassen. Das, was ich geschrieben habe, gibt wohl das am besten wider, was ich im Fußball Großes erlebt habe, was der Fußball so zurückgeben kann in vielen Jahren. Das andere wäre so, ja, dass ich das und das erlebt habe, da Meister wurde und dort Tore geschossen habe. Aber das, was ich geschrieben habe, ist das Größte, was ich vom Fußball bekommen habe.“

Am Ende seines schriftlichen Beitrags formulierte er: „Es ist immer wieder sehr schön zu erleben wie neugierig, offenherzig die Fans verschiedenster Nationen mit sehr unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, Erziehung, Bildungsniveau etc. miteinander umgehen und sich gegenseitig schätzen.“

Vielen Dank meinerseits nochmal an Bjarne für diese tollen Worte!

Und jetzt lasst uns gespannt sein, wer als Nächstes in das Buch schreibt und wohin die Reise geht…

Sportliche Grüße

Lisa Blue