Thomas „Sandy“ Sandgathe: Ein Kerl des Potts

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Thomas „Sandy“ Sandgathe vor der Rahnstatue in Essen. Foto: Schatz

Soziales Engagement. Der Essener Thomas „Sandy“ Sandgathe ist Musiker und setzt sich für die Herzenswünsche ein, ein Projekt des Vereins Essener Chancen e.V.. In dem Rahmen feiern Kinder im Stadion Essen Weihnachten und bekommen dort Geschenke, die sie zuvor auf Wunschzettel geschrieben haben. Sandy hat 2013 von dem Projekt erfahren und gibt seitdem Konzerte, von welchen die gesamten Einnahmen an die Herzenswünsche gehen. Ich durfte ihn ins Stadion begleiten und eines seiner Konzerte miterleben. Dabei wurde mir klar, warum Sandy so ein Unikum ist…

Essen. Es ist kurz vor zwölf, schönstes Fußballwetter und die Fans um mich herum sind gut gelaunt. Ich stehe vor der Rahnstatue und bin gespannt. Heute hat es mich ins Ruhrgebiet verschlagen, weil ich Sandy, den Kultfan von Rot-Weiss Essen, einen Spieltag lang begleiten möchte.

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Sandy musiziert im VIP-Raum des Stadion Essen an der Hafenstraße. Foto: Schatz

Ich überlege, wie er wohl so drauf ist. Bisher kenne ich ihn ja nur aus einem Musikvideo, bei dem sich natürlich alles um den Traditionsverein dreht, und vom Schreiben. Da kommt er schon. Kurze Hose, Fanclubshirt, Schnurrbart, seinen Hut mit einer Vielzahl von Pins auf‘m Kopf und die Gitarre auf‘m Rücken. Dat is er also: Thomas „Sandy“ Sandgathe, Kerl aus‘m Pott. Als ich gerade auf ihn zugehe, trifft er einen Kumpel. Ich bleibe stehen, er erkennt mich, lacht, geht mir entgegen und umarmt mich zur Begrüßung. Wir bewegen uns in Richtung VIP-Bereich, um ein paar Fotos vor einem großen RWE-Bild zu machen. Zwischendurch stellt er mir einige Leute vor: Ultras, einen Hartz IV-Empfänger, VIP-Gäste und Mitarbeiter des Vereins.

 

 

In der Kurve und der VIP-Loge

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Thomas „Sandy“ Sandgathe mit einem RWE-Fan. Foto: Schatz

Es wird Zeit, dass wir uns langsam auf die Westtribüne begeben. Wir gehen durch die Kontrollen, Sandy wird durchgewunken, die Ordner kennen ihn. Wir wollen uns nur noch schnell was zu trinken holen, als er kaum noch weiterkommt. Die Fans freuen sich ihn zu sehen und er kommt mit vielen von ihnen ins Gespräch. Ein paar Kinder wollen Fotos mit ihm machen. „Klar doch“, sagt er, nimmt sich Zeit, lächelt in die Kameras. Als wir es endlich geschafft haben, Getränke zu holen, trifft er einen Freund und Kollegen aus dem Musikbusiness. Er stellt uns einander vor: „Er hat auch schon Songs über RWE gemacht. Wir unterstützen uns alle gegenseitig. Du kannst in Deutschland so eine Musikszene suchen – du findest nirgends so eine wie in Rot-Weiss. Viele Vereine geben Vereinssongs in Auftrag, aber da merkt man doch schon beim Hören, dass das ohne Herz und ohne Seele geschrieben ist. Bei uns ist das anders: Man kennt sich, man mag sich, man unterstützt sich. So soll’s eigentlich sein im Musikbusiness. Dat macht uns besonders, da bin ich auch stolz drauf. Und da muss man ein bissken wat für tun und dat passt auch“.

Wir sind in der Kurve angekommen. Da Sandy dem Fanclub namens „Stauder Kommilitonen“ angehört, trinkt er was? Stauder natürlich. Ich beobachte ihn. Er singt bei den Fangesängen mit und leidet mit den Jungs, die 0:2 gegen Rot-Weiß Oberhausen verlieren. Trotzdem machen die Fans das ganze Spiel über Stimmung. Das ist das, was Sandy so begeistert: „Wir verlieren 0:2 und die Kurve feiert trotzdem. Es macht Spaß, hier dabei zu sein und wir dürfen einfach nicht aufhören an unseren Verein zu glauben und alles dafür zu tun, dass er wieder nach oben kommt. Das fängt beim kleinsten Fan, Andre Brieu, der die Stadionzeitung verschenkt und für die Kinder sammelt, an, und hört bei Michael Welling, unserem Vorstandsvorsitzenden, auf. Ist ja ganz einfach“.

Der Schiedsrichter pfeift gerade ab, als Sandy meint: „Nach den Spielen geh ich meist in die VIP-Loge. Mal gucken, ob du mit raufdarfst“. Ja. Kein Problem. Denn egal, wo Sandy hinkommt: Die Securitys im Stadion an der Hafenstraße kennen ihn, in der VIP-Loge wird er ohne ein Wimperzucken durchgelassen. Der Kerl ist eben ein echtes Unikum. Sandy hat am letzten Spieltag Gitarre gespielt, bevor das Georg-Melches-Stadion abgerissen wurde, und hat wieder ein Konzert gegeben, als das neue Stadion Essen 2012 eröffnet wurde. Er ist wohl der bekannteste Fan des Vereins – ein Fan, der selbst schon Fans hat. Einer, der so viel für seinen Club tut wie kaum ein anderer. Thomas Holtmann, Vorstandsmitglied der Fan- und Förderabteilung, meint: „Der Sandy ist einer, der sowohl den Verein als auch die gute Sache im Herzen trägt. Wo der Verein auch immer Unterstützung braucht – Sandy ist dabei“.

 

Sandy und sein soziales Engagement für die Herzenswünsche

Mich interessiert, warum er sich so stark für die Herzenswünsche einsetzt. Er bleibt bescheiden und meint, dass sein Engagement „überbewertet wird. Ich bin Musiker, ich mache gerne Musik, ich fahre gerne durch die Stadt oder mal nach Berlin, zu meinen Freunden von Union Berlin. Ich opfere ein bisschen Zeit, mehr ist das nicht. Ich bin ja auch Familienvater und es kann nicht sein, dass Kinder nichts zu Weihnachten bekommen. Es geht einfach darum, dass jeder sein Talent einbringt“. Für die Herzenswünsche zu spielen, das sei „irgendwann einmal durch eine Schnapsidee geboren. Mich hat im Dezember 2013 ein Fanclub angesprochen, ob ich vorbeikommen und auf dessen Weihnachtsfeier spielen würde. Sie hatten mich gefragt, wie hoch meine Gage sein sollte und ich meinte: ,Ich will doch keine Kohle von Leuten, mit denen ich alle zwei Wochen in der Kurve stehe‘ und sagte: ,Lass uns das doch für die Herzenswünsche spenden‘. Daraus sind dann 300 Euro Spendengelder geworden und da kam die Idee, ein bissken mehr in der Richtung zu machen. Das hat funktioniert. Im ersten Jahr sind über 5.000 Euro zusammen gekommen, im zweiten Jahr über 6.000 Euro und jetzt sind es 2016 mittlerweile schon 4.000 Euro. Läuft doch. Irgendjemand, in dem Fall ich, macht en bissken Musik. Es kommt auf die Leute an, die ihr Portmonnaie aufmachen und die Aktion unterstützen. Darum geht’s. Es gibt kein ,ich im Team, wir machen hier alles zusammen. Ich bin halt der, der spielt und die anderen spenden die Kohle. Alles gut“.

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Auch in der VIP-Loge sorgt Sandy für gute Stimmung. Foto: Schatz

Wir gehen zurück in die VIP-Loge. Sandy wird aufgefordert, zu musizieren. Er packt die Gitarre aus und erfüllt die Musikwünsche. Die Stimmung ist klasse, alle singen und klatschen mit. Dann müssen wir weiter. Sandy sagt mir, dass er noch mit dem Vorstandsvorsitzenden reden wolle, weil er beim vergangenen Auswärtsspiel „ziemliche Scheiße gebaut“ habe. Er meint, dass er „nicht weiß, wie es soweit kommen konnte. Aber wenn ich Mist baue, dann steh ich dafür grade“. Wenige Minuten später sind wir im großen VIP-Bereich. Ein bissken Schickimicki. Sandy stört das nicht. Er ist einfach er selbst: Fan mit Hut, rot-weißen Socken, Schal und Fanclub-Shirt. Er spricht mit Prof. Dr. Michael Welling. Diesmal halte ich Abstand. Dann werde ich wieder zu seinem Ein-Tages-Schatten und begleite ihn zum Trainer- und Spielertisch. Die Mannschaft freut sich, als er vorbeischaut und die Jungs mit Handschlag begrüßt. Nach einem kurzweiligen und lustigen Gespräch mit dem Co-Trainer machen wir uns auf in Richtung Essen-Borbeck, wo das Konzert in drei Stunden stattfinden soll.

 

 

 „Kneipenkonzert“ oder „261,95 Euro mehr für die Herzenswünsche“

„Wir gehen jetzt noch zu Kai“, sagt Sandy. Keine zehn Minuten sind rum und ich sitze mit Sandy und zwei seiner Kumpels auf‘m Sofa beim Sportschaugucken. Wir reden über Fußball, Querbeet. Als Sandy sich auf den Weg gemacht hat, um alles für das Kneipenkonzert aufzubauen, erzählt mir Kai, dass er es schön findet, dass Sandy „im Plattenbau in Duisburg vor drei Leuten auf einem 50. Geburtstag genauso spielt wie in der VIP-Loge von Rot-Weiss Essen“.

Eine halbe Stunde später sitzen wir vor der Kneipe „van Megeren“ am alten Markt und lauschen Sandys Gitarrenspiel und Gesang. Von „Over the rainbow“ über „Ring of Fire“ bis hin zu „Über den Wolken“ spielt er über zweieinhalb Stunden alles durch. Alles für den guten Zweck. Rund sechzig Leute unterhalten sich bei lockerer Atmosphäre. Wir genießen einen tollen, entspannten Sommerabend im Freien. Sandy strahlt über das ganze Gesicht. An diesem Abend nimmt er 261,95 Euro für die Herzenswünsche ein.

Am Ende meines Aufenthalts in Essen sauge ich nochmal die ganze Stimmung auf. Ich lasse den Tag Revue passieren und muss schmunzeln. Sandy schafft es wirklich, sie alle mit seiner Musik und seiner Begeisterung zu Rot-Weiss Essen zu vereinen: Von den Ultras und Hooligans über die Mannschaft und die VIPs bis hin zum Vorstandsvorsitzenden. Um es mit Sandys Worten auszudrücken: „Wir sind zusammen gewachsen, wir stehen zusammen und gehen gemeinsam durch alle schweren Zeiten und sind einfach nicht kaputt zu kriegen“.

 

 KURZINTERVIEW MIT SANDY

Was zeichnet den Verein Rot-Weiss Essen aus?

Wer dort auf den Tribünen sitzt oder steht und regelmäßig dort hingeht, obwohl die Saison nicht gut verläuft und die Erwartungen wieder nicht erfüllt oder übertroffen worden sind und dem Verein trotzdem treu bleibt. Das sind alles ganz besondere Menschen, auch unterschiedlichen Intellekts. Da gibt es den kleinen, liebenswürdigen Mann, der selbst von Hartz IV lebt und trotzdem Spieltag für Spieltag für arme Kinder sammelt – solche Leute machen unseren Verein aus, machen ihn besonders. Heute haben wir 0:2 gegen Oberhausen verloren und die Kurve macht Stimmung und tobt, das zeichnet unseren Club aus. Wir alle sind Rot-Weiss Essen. Da gibbet nicht irgendwie so einen synthetischen Verein wie den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim oder was weiß ich wat, die einen Mäzen haben und keine Fanszene. Wir sind zusammen gewachsen, wir stehen zusammen und gehen gemeinsam durch alle schweren Zeiten und sind einfach nicht kaputt zu kriegen. Ich mein, was soll einem Verein noch mehr widerfahren als das, was uns widerfahren ist? Wir verlieren 0:2 und die Kurve feiert trotzdem. Es macht Spaß, hier dabei zu sein und wir dürfen einfach nicht aufhören an unseren Verein zu glauben und alles dafür zu tun, dass er wieder nach oben kommt. Das fängt beim kleinsten Fan, Andre Brieux, der die Stadionzeitung verschenkt und für die Kinder sammelt, an, und hört bei Prof. Dr. Michael Welling, unserem Vorstandsvorsitzenden, auf. Ist ja ganz einfach.

Wie wichtig findest du die Tradition des Vereins?

Natürlich ehrt man immer die, die großes für den Verein geleistet haben. Man kann sich aber nicht immer hinter der Meisterschaft von ‘55 verstecken. Das ist natürlich etwas, das den Verein geprägt hat: Georg Melches, Helmut Rahn und andere große Spieler. Natürlich ist Tradition wichtig und man sollte sie nicht vergessen, aber das aktuelle ist viel wichtiger und auch auf das aktuelle bin ich stolz.

Welche waren deine schönsten Erlebnisse mit Rot-Weiss Essen?

2010 haben wir wieder in der fünften Liga angefangen und erstmal gar nicht gewusst, ob es überhaupt noch weitergeht. Als wir ins Stadion gekommen sind, standen da 6.500 Zuschauer auf den Rängen. Die Spieler sind auf den Platz gelaufen und wussten erstmal gar nicht, wie ihnen geschieht. Sie konnten einfach nicht glauben, wie voll die Hütte ist. Und dann markierte Thamm in der 65. Minute den Siegtreffer gegen Homburg, der zugleich das Tor des Monats wurde. Da dachte ich mir: „Jo, wir sind wieder da!“. Das war ein klasse Moment. Aber eigentlich is dat die Summe von unglaublich vielen Dingen, die den Verein für mich besonders und ein Stück weit auch zur Familie macht. Dat is einfach so. Als Rot-Weiss-Fan gehste mit Rot-Weiss ins Bett und wachste mit Rot-Weiss wieder auf. Dat is einfach so und da kannst du dich auch nicht gegen wehren. Dat is so. Was auch schön war, war das Pokalfinale in Berlin, als wir 1:3 gegen Bremen verloren haben (1994; Anm. von Lisa Schatz) und anschließend mit den Bremern gegen gefeiert haben ohne Ende. Dat 2:0 von Jörg Lipinski gegen Schalke 04 im Pokal 1992/93 war genauso klasse und das 5:0 gegen den 1. FC Köln (Saison 2006/2007; Anm. von Lisa Schatz) an Rosenmontag. Zu den emotionalsten Erlebnissen mit dem Verein gehört für mich mit Sicherheit auch die Stadioneröffnung 2012.

Vielen Dank für das Interview und dafür, dass ich heute dabei sein durfte.

Bitte, sehr gerne.

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