Interview mit Kim Krämer und Uli Hofmann vom FC Bayern-Fanclub Rollwagerl 93 e.V.

In der aktuellen Ausgabe des BBAG-Magazins habe ich einen Artikel über den Rollwagerl 93 e.V. veröffentlicht. Da die Themen „behindertenfreundliche Stadionausstattung“ und „Tickets für Fans mit Behinderung“ sehr bedeutend und vielseitig sind, habe ich mich entschieden, noch ein ausführliches Interview mit dem aktuellen und ehemaligen Fanclub-Vorsitzenden Kim Krämer und Uli Hofmann zu führen. Im Folgenden erfahrt ihr also noch mehr über den Rollwagerl 93 e.V….

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Kim Krämer (l.) und Uli Hofmann sprachen mit mir über den Rollwagerl 93 e.V. und darüber, was andere Bundesligisten bzgl. ihrer behindertengerechten Stadioneinrichtung noch verbessern können. Foto: Lisa Schatz

Lisa Schatz: Servus Kim und Uli, in eurem zweiten Zuhause, der Allianz Arena. Bitte beschreibt zunächst einmal euren Fanclub. Was zeichnet den Rollwagerl 93 e.V. aus?

Kim Krämer: Unser Fanclub ist wie eine Familie. Man ist mittendrin statt nur dabei. Bei uns ist es so: Wenn jemand etwas machen will, dann versuchen wir, denjenigen ins Boot zu holen. Ersen Tekin, unser TV-Melder, wollte etwas machen. Wir haben also eine Seite auf unserem Internetauftritt installiert, auf der er eingeben kann, wann und wo die Spiele des FC Bayern bzw. deren Zusammenfassungen übertragen werden. Zudem sind wir einer der zwei größten Behinderten-Fußballfanclubs in Europa. Der MUDSA (Manchester United Disabled Supporters‘ Association) hat aktuell (Stand: 10.02.2019) auch ca. 900 Mitglieder.

Uli Hofmann: Der Rollwagerl 93 e.V. ist eine wichtige Ergänzung in der Fanszene und für den FC Bayern an sich, weil die Damen und Herren dort nicht wissen können, worauf es ankommt. Wenn irgendetwas gemacht werden muss, was die Rollstuhlfahrer betrifft, kannst du fragen, wen du willst beim FC Bayern: Jeder verweist mittlerweile auf uns. Da halten sie sich komplett raus. Das ist ein guter Vertrauensbeweis.

Lisa Schatz: Könntest du bitte ein konkretes Beispiel nennen, um das den Leser*innen genauer zu verdeutlichen, Uli?

Uli Hofmann: Bis hin zum Klopapier haben wir uns um alles gekümmert. Diese Haltebügel links und rechts an den Behindertentoiletten mit dem angebauten Klorollenhalter haben den Vorteil, dass sie mit einer einzigen Hand bedient werden können, ohne dass das Papier herunterfällt und wegrollt. Diese Klorollenhalter wurden angebracht, da manche Menschen mit Behinderung Einschränkungen in der Fingerfunktion haben. Zwischendurch wurden große „Turborollen“ verwendet, wie sie auf den Standard-Toiletten üblich sind. Diese zeichnen sich jedoch durch einen großen Durchmesser und passen nicht auf diese speziellen Klorollenhalter. Diese Rollen kann man auf den gängigen Toiletten hernehmen, nicht aber auf den Behindertentoiletten. Die zuständigen Bediensteten haben anfangs gefühlte sieben Kilometer abgerollt, bis die jeweilige Rolle zunächst darauf passte. Das nutzte aber nichts, weil die inliegende Papprolle einen größeren Durchmesser hatte als die Steckvorrichtung. Somit konnten die Menschen mit der entsprechenden Einschränkung das Klopapier nicht einhändig abrollen. Außerdem fiel die Rolle mangels Halt ständig auf den Boden. Wir haben dann erfolgreich das Gespräch mit den Entscheidungsträgern gesucht. Heute wird nur noch geeignetes Klopapier (d.h. Standard-Rollen) dafür verwendet.

Lisa Schatz: Wie ist es mit den anderen Stadien?

Kim Krämer: Mit der „Toilette für alle“ sind in Deutschland nur die Allianz Arena, die Wirsol Rhein-Neckar-Arena und die Mercedes-Benz Arena ausgestattet. Wichtig für uns ist natürlich auch die Sicht aufs Spielfeld und die Anzahl der Plätze. In Hoffenheim beispielsweise wäre eigentlich alles in Ordnung, aber dort sitzen Menschen direkt vor dir. Sie stehen oft auf und dann sieht man nichts mehr. Ein großes Problem ist zudem: Wenn bei Auswärtsfahrten die zehn-Prozent-Regel gilt, dann stünden uns in Hoffenheim nur vier Tickets zu. Deshalb müssen wir immer mit dem jeweiligen Behindertenfanbeauftragten sprechen, ob man nicht noch Tickets dazu nehmen kann. Es wäre schließlich schwierig, eine Fahrt mit einem Reisebus zu machen, und nur vier oder fünf Rollifahrer mitnehmen zu können. Da ist Berlin natürlich erste Sahne. Im dortigen Olympiastadion sind alle Rollstuhlfahrerplätze im Block der Gastmannschaft. Das heißt, da bekommt Bayern dann an die 30. Berlin ist für uns also immer ganz toll. Dorthin haben wir schon Fahrten mit zwei Reisebussen gemacht. Die Planung ist immer enorm aufwendig für vier Tage. Auch finanziell, wo wir inzwischen ein super Netzwerk zu Sponsoren und zum Sozialreferat aufgebaut haben. Der FC Bayern und die Allianz Arena sowie der AUDI-Fanclub FC Bayern und Rehability sponsern uns. Zudem zahlt unser langjährigster und größter Unterstützer Raimond Aumann auch noch einen Bus. In einen Bus passen zehn bis elf Rollifahrer, je nachdem, wie er ausgestattet ist.

Uli Hofmann: In Bezug auf die Sicht aufs Feld sind wir in München wirklich Vorreiter.

Wenn man nach Dortmund blickt: Dort wurde immer wieder nachgerüstet. Zum Beispiel für die WM 2006. Damals wurden neue VIP-Zonen und eine neue Ebene für die Presseplätze errichtet. Aber für Rollstuhlfahrer ist immer alles gleich geblieben. Das Stadion hat 81.000 Sitzplätze, davon sind 72 Rolliplätze. Das sind weniger als 0,1 Prozent. Ein Armutszeugnis.

Oder auch Schalke. Das Stadion in Gelsenkirchen ist noch relativ neu. Darin sieht ein Rollifahrer aber nichts, wenn die Fans vor ihm aufspringen. Es herrscht nach wie vor sehr viel Nachholbedarf, egal, wohin man blickt.

Lisa Schatz: Wie sieht es mit Hoffenheim aus?

Uli Hofmann:. Dort ist die Situation ähnlich wie in Berlin. Obwohl Dietmar Hopp sozial engagiert ist und auch eine Stiftung hat, wurde beim Neubau des Stadions einiges versäumt: Man sieht auch hier nichts vom Spielgeschehen, wenn die Zuschauer vor einem kollektiv aufspringen! Bei unserer ersten Auswärtsfahrt dorthin habe ich nichts vom Tor gesehen. Wenn da ein Tor gefallen ist, und die Fans vor mir aufgesprungen sind, habe ich nur den Jubel gehört. Ich war total frustriert. Beim nächsten Mal hat deren Behindertenbeauftragter persönlich mit den Fans in der Reihe vor uns Kontakt aufgenommen und sie gebeten, sitzen zu bleiben, damit wir etwas sehen. Das hat sehr gut funktioniert.

Lisa Schatz: Lasst uns zu eurem Fanclub kommen. Wer kann bei euch Mitglied werden und wie funktioniert das?

Kim Krämer: Bei uns kann jeder Mitglied werden, inzwischen sogar online. Man kann eine Online-Maske ausfüllen und ist dann direkt im System registriert. Im Anschluss erhält man eine Benachrichtigung per E-Mail.

Lisa Schatz: Nun zu eurem Ticketingsystem. Wie wurden die Tickets früher vergeben und wie hat sich das Ganze entwickelt?

Kim Krämer: Unser Fanclub wurde ja auf Grund der schlechten Kartenverteilung gegründet. Das erste Ticketingsystem von Peter Czogalla war rein telefonisch. Das war eine Katastrophe für seine Frau, weil das Telefon den ganzen Tag klingelte. 2005 hat Uli Hofmann den Vereinsvorsitz und das Ticketing übernommen. Er hat eingeführt, dass die Bestellung der Tickets nur noch per Anrufbeantworter, Fax, E-Mail und Post läuft. Ich habe das Ganze dann 2008 fortgeführt. Zunächst habe ich nichts verändert,  dann jedoch an einem Konzept gearbeitet, dass wir online und automatisiert Tickets anbieten können. Das steht jetzt. Wir sind nun der erste Fanclub eines Bundesligisten, der Online-Ticketing speziell für Menschen mit Behinderung anbietet. Auch keiner der Bundesligavereine selbst macht dies.

Lisa Schatz: Wie läuft euer Online-Ticketing im Detail ab?

Kim Krämer: Die Bestellfrist startet einen Monat vor dem Spieltag und endet zwei Wochen vor dem Spieltag. In diesen zwei Wochen kann man sich online bewerben.  Wer Mitglied ist, muss einfach auf unsere Ticketingseite gehen, dort seinen Namen und seine Mitgliedsnummer eingeben. Wenn man seine Bestellung abgeschickt hat, erhält man direkt im Browser eine Nachricht: „Ihre Auftragsnummer ist XY. Sie werden rechtzeitig informiert“. Der Kunde sitzt am PC, schickt seine Bewerbung ab, und wir haben zeitgleich die Anfrage als Kundenauftrag im System. In dem Ticketingsystem „add on“ von SAP Business One, das 5.500 € gekostet hat, sind alle Heimspiele verzeichnet mit jeweils 50 Tickets auf der Ost- und auf der Westseite in der Allianz Arena. Ich kann diese dann zuweisen und sehe direkt, ob jemand die letzten drei Heimspiele schon gesehen hat, oder zwei davon. Umso mehr jemand von den vergangenen drei Heimspielen gesehen hat, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige eine Absage für das folgende bekommt. Hat man im vergangenen Spiel eine Absage erhalten, ist es in der Regel so, dass man für das darauf folgende Spiel wieder eine Zusage bekommt. Es sei denn, es geht auf das Ende des Jahres zu, und Dortmund und Real Madrid spielen beispielsweise hintereinander in der Allianz Arena. Die Karten für diese Gegner sind sehr gefragt. Dann kann es passieren, dass jemand zwei Absagen hintereinander erhält. Das System wird sehr gut angenommen: Aktuell kommen noch ca. fünf Bestellungen pro Spiel per E-Mail, der Rest macht alles online.

Lisa Schatz: Wie viele Anfragen habt ihr in etwa pro Spiel vorliegen und wie viele Plätze könnt ihr vergeben?

Kim Krämer: Wir sind immer ausgebucht. Sollten einmal nicht alle Tickets an unsere Mitglieder vergeben worden sein, so stehen wir mit Einrichtungen in Kontakt, von deren Seite Interesse besteht, und an die wir die Tickets dann verteilen. Insgesamt gibt es in der Allianz Arena 227 Plätze für Menschen mit Behinderung. Davon hat der Rollwagerl-Fanclub 100. Den Rest verwaltet der FC Bayern.

Lisa Schatz: Unternehmt ihr auch Fahrten zu Auswärtsspielen?

Kim Krämer: Wir versuchen immer, wenn es finanziell machbar ist, mehrtägige Auswärtsfahrten zu machen und im Rahmen der Reisen ein Kulturprogramm anzubieten. Das ist uns sehr wichtig: Nicht nur Fußball, sondern auch Kultur. Wir haben Mitglieder, die im Heim wohnen, in der Lebenshilfe. Für sie sind die Fahrten von großer Bedeutung, um aus ihrem Alltag und der Isolation herauszukommen, und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Auf den Fahrten können sie sich gemeinsam freuen und auch zusammen trauern. Das ist zudem ein prägender Punkt hinsichtlich unserer Gemeinnützigkeit. Allein durch die Vergabe von Heimspieltickets wird man nicht gemeinnützig, sondern wegen solchen Auswärtsfahrten.

Lisa Schatz: Wo wart ihr bislang und wie lief das Ganze ab?

Kim Krämer: Unsere erste inklusive Auswärtsfahrt haben wir nach Hoffenheim gemacht. Zuvor hatte ich eine Schulung zum Thema „Kompetent für Inklusion“ begonnen und wir hatten den Auftrag, eine Projektarbeit zu machen. Hier entstand die Idee. Wir hatten schon Erfahrung mit Auswärtsfahrten, aber noch nicht mit inklusiven. Bei dieser Fahrt hatten wir Gehörlose dabei und eine syrische Familie – ein ganz schwerer Fall – mit Folter. Für die Gehörlosen hatten wir eine Dolmetscherin, die immer abends zu unserer Gesprächsrunde ins Hotel kam. Wir waren auch im Technikmuseum in Sinsheim und hatten zudem ein Treffen mit dem integrativen Fanclub der TSG Hoffenheim im alten Dietmar-Hopp-Stadion. Daran haben auch Raimond Aumann und zwei Profis von Hoffenheim teilgenommen. Seitdem machen wir ausnahmslos inklusive Auswärtsfahrten. Unser nächstes Ziel ist Düsseldorf.

Lisa Schatz: Wie viele Auswärtsfahrten macht ihr pro Saison?

Kim Krämer: In der Regel zwei. Auf Grund der Softwareeinführung haben wir jetzt zwei Jahre hintereinander jeweils nur eine gemacht und eine Tagesfahrt. Die Tagesfahrten sind immer abhängig von Stuttgart und Nürnberg. Wenn die nicht in der Liga sind, können wir keine Tagesfahrten machen.

Lisa Schatz: Welche Schwierigkeiten oder Hürden sind bisher hinsichtlich eurer Auswärtsfahrten aufgetreten?

Kim Krämer: Bei uns ist immer alles ins Detail geplant. Während den Fahrten ist meist alles in Ordnung. Jedoch gestaltet sich die Planung als schwierig: Man muss sich direkt an dem Tag, an dem der Spielplan herauskommt, die Spiele heraussuchen, zu denen man auswärts fahren will. Dann wird gleich das Hotel angefragt. Damit ist der Großteil erledigt. Anschließend werden die Einladungen verschickt, die Rückmeldungen ausgewertet und die jeweiligen Zu- und Absagen versandt. Daraufhin werden das Essen bzw. die Restaurants organisiert oder reserviert. Im Anschluss stelle ich das Programm zusammen. Was auch wichtig ist: Zu prüfen, ob an dem Spieltag eine Messe in der Stadt stattfindet. Wichtig sind vor allem auch unsere 20 bis 25 ehrenamtlichen Helfer, die uns auch bei den Auswärtsfahrten, beim Einkaufen und Brötchen schmieren für die Busfahrt usw. unterstützen.

Lisa Schatz: Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem FC Bayern, wie sieht die Unterstützung durch den Bundesligisten aus?

Kim Krämer: Vor dem Bau der Allianz Arena wurden wir auf unsere Nachfrage hin zu einem runden Tisch eingeladen. Damals haben wir gemeinsam mit Peter Czogalla, Uli Hofmann und Jürgen Muth, dem Geschäftsführer der Allianz Arena, eine Begehung gemacht. Wir haben die Plätze begutachtet und Tipps gegeben, dass man hier doch investieren sollte und darauf achtet, dass die Rollis freie Sicht aufs Spielfeld haben, auch wenn die Fans vor ihnen aufstehen.

Bezüglich der Sicht ist Folgendes zu sagen: Auf unserer Seite im Westen befinden sich die Presseplätze. Die Journalisten stehen sowieso nicht auf, da gibt es kein Problem. Aber im Osten wurden zwei Sitzplatzreihen herausgebaut und ein L-Block gebildet. Das heißt: Wenn die Fans in der Reihe vor den Rollifahrern aufstehen, sind deren Köpfe auf Höhe der Füße der Rollifahrer. Ohne diese Maßnahme gäbe es dort zwei Reihen mehr: Das sind auf 10 Jahre gerechnet Einnahmen in der Höhe von ca. 10 Millionen Euro, auf die der FC Bayern verzichtet, damit die Rollstuhlfahrer freie Sicht haben.

Bezüglich unserer Auswärtsfahrten haben wir mit dem FC Bayern vereinbart, dass wir immer das volle Kontingent an Rolli-Tickets bekommen, dazu 4 Tickets zusätzlich für Begleitpersonen. Das klappt seit Jahren sehr gut.

Lisa Schatz: Gibt es noch eine Geschichte, die du erzählen möchtest, Kim?

Kim Krämer: Unser Mitglied Martin Bauer habe ich auf der Auswärtsfahrt nach Hannover kennen gelernt. Wir waren zweimal in einer Autobahnraststätte beim Pause machen – auf der Hin- und auf der Rückfahrt, in der gleichen wie Martin. Wir sind ins Gespräch gekommen. Eine Woche später kam Martin in den Rollwagerl Shop und wurde Mitglied. Er unterstützt uns finanziell, unseren Soli. Das ist bei uns sozusagen das „Sozialticket“. Denjenigen, die sich keine Tickets bzw. Auswärtsfahrten leisten können, werden die Fahrten und Karten durch unseren sog. Solitopf ermöglicht. Normalerweise liegt der Eigenanteil an Auswärtsfahrten bei 80 € – Fahrt, Ticket für das jeweilige Spiel und Übernachtungskosten inbegriffen. Martin unterstützt uns immer und hinterlegt auch ArenaCards, damit sich die Mitglieder, die es sich sonst nicht leisten können, auch hier etwas zu essen und zu trinken kaufen können. Bei uns ist das Sozialticket ein fester Bestandteil. Maximal dreißig Mitglieder nehmen es in Anspruch. Auch dreißig Tickets werden aus dem Solitopf bezahlt. Zudem gibt es ermäßigte Beiträge für die Mitgliedschaft. Diese Gruppe zahlt den halben Preis, um Mitglied zu sein. Früher waren die Auswärtsfahrten „Jugendherberge und McDonalds“, ohne Kultur. Jetzt übernachten wir in barrierefreien Hotels und haben ein Kulturprogramm. Uns war es wichtig, das alles zu verbessern. Die Sponsoren sollen auch sehen, dass wir eine gute Arbeit leisten. Das hat irgendwann eine Eigendynamik entwickelt. Uns ist Zuverlässigkeit absolut wichtig.

Lisa Schatz: Vielen Dank, dass ihr euch so viel Zeit für das Interview genommen habt.

Kim Krämer und Uli Hofmann: Natürlich gerne.

Weitere Informationen für einen barrierefreien Stadionbesuch sind – auch in leichter Sprache und mit Hörservice – unter https://www.barrierefrei-ins-stadion.de/ zu finden.

Thomas „Sandy“ Sandgathe: Ein Kerl des Potts

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Thomas „Sandy“ Sandgathe vor der Rahnstatue in Essen. Foto: Schatz

Soziales Engagement. Der Essener Thomas „Sandy“ Sandgathe ist Musiker und setzt sich für die Herzenswünsche ein, ein Projekt des Vereins Essener Chancen e.V.. In dem Rahmen feiern Kinder im Stadion Essen Weihnachten und bekommen dort Geschenke, die sie zuvor auf Wunschzettel geschrieben haben. Sandy hat 2013 von dem Projekt erfahren und gibt seitdem Konzerte, von welchen die gesamten Einnahmen an die Herzenswünsche gehen. Ich durfte ihn ins Stadion begleiten und eines seiner Konzerte miterleben. Dabei wurde mir klar, warum Sandy so ein Unikum ist…

Essen. Es ist kurz vor zwölf, schönstes Fußballwetter und die Fans um mich herum sind gut gelaunt. Ich stehe vor der Rahnstatue und bin gespannt. Heute hat es mich ins Ruhrgebiet verschlagen, weil ich Sandy, den Kultfan von Rot-Weiss Essen, einen Spieltag lang begleiten möchte.

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Sandy musiziert im VIP-Raum des Stadion Essen an der Hafenstraße. Foto: Schatz

Ich überlege, wie er wohl so drauf ist. Bisher kenne ich ihn ja nur aus einem Musikvideo, bei dem sich natürlich alles um den Traditionsverein dreht, und vom Schreiben. Da kommt er schon. Kurze Hose, Fanclubshirt, Schnurrbart, seinen Hut mit einer Vielzahl von Pins auf‘m Kopf und die Gitarre auf‘m Rücken. Dat is er also: Thomas „Sandy“ Sandgathe, Kerl aus‘m Pott. Als ich gerade auf ihn zugehe, trifft er einen Kumpel. Ich bleibe stehen, er erkennt mich, lacht, geht mir entgegen und umarmt mich zur Begrüßung. Wir bewegen uns in Richtung VIP-Bereich, um ein paar Fotos vor einem großen RWE-Bild zu machen. Zwischendurch stellt er mir einige Leute vor: Ultras, einen Hartz IV-Empfänger, VIP-Gäste und Mitarbeiter des Vereins.

 

 

In der Kurve und der VIP-Loge

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Thomas „Sandy“ Sandgathe mit einem RWE-Fan. Foto: Schatz

Es wird Zeit, dass wir uns langsam auf die Westtribüne begeben. Wir gehen durch die Kontrollen, Sandy wird durchgewunken, die Ordner kennen ihn. Wir wollen uns nur noch schnell was zu trinken holen, als er kaum noch weiterkommt. Die Fans freuen sich ihn zu sehen und er kommt mit vielen von ihnen ins Gespräch. Ein paar Kinder wollen Fotos mit ihm machen. „Klar doch“, sagt er, nimmt sich Zeit, lächelt in die Kameras. Als wir es endlich geschafft haben, Getränke zu holen, trifft er einen Freund und Kollegen aus dem Musikbusiness. Er stellt uns einander vor: „Er hat auch schon Songs über RWE gemacht. Wir unterstützen uns alle gegenseitig. Du kannst in Deutschland so eine Musikszene suchen – du findest nirgends so eine wie in Rot-Weiss. Viele Vereine geben Vereinssongs in Auftrag, aber da merkt man doch schon beim Hören, dass das ohne Herz und ohne Seele geschrieben ist. Bei uns ist das anders: Man kennt sich, man mag sich, man unterstützt sich. So soll’s eigentlich sein im Musikbusiness. Dat macht uns besonders, da bin ich auch stolz drauf. Und da muss man ein bissken wat für tun und dat passt auch“.

Wir sind in der Kurve angekommen. Da Sandy dem Fanclub namens „Stauder Kommilitonen“ angehört, trinkt er was? Stauder natürlich. Ich beobachte ihn. Er singt bei den Fangesängen mit und leidet mit den Jungs, die 0:2 gegen Rot-Weiß Oberhausen verlieren. Trotzdem machen die Fans das ganze Spiel über Stimmung. Das ist das, was Sandy so begeistert: „Wir verlieren 0:2 und die Kurve feiert trotzdem. Es macht Spaß, hier dabei zu sein und wir dürfen einfach nicht aufhören an unseren Verein zu glauben und alles dafür zu tun, dass er wieder nach oben kommt. Das fängt beim kleinsten Fan, Andre Brieu, der die Stadionzeitung verschenkt und für die Kinder sammelt, an, und hört bei Michael Welling, unserem Vorstandsvorsitzenden, auf. Ist ja ganz einfach“.

Der Schiedsrichter pfeift gerade ab, als Sandy meint: „Nach den Spielen geh ich meist in die VIP-Loge. Mal gucken, ob du mit raufdarfst“. Ja. Kein Problem. Denn egal, wo Sandy hinkommt: Die Securitys im Stadion an der Hafenstraße kennen ihn, in der VIP-Loge wird er ohne ein Wimperzucken durchgelassen. Der Kerl ist eben ein echtes Unikum. Sandy hat am letzten Spieltag Gitarre gespielt, bevor das Georg-Melches-Stadion abgerissen wurde, und hat wieder ein Konzert gegeben, als das neue Stadion Essen 2012 eröffnet wurde. Er ist wohl der bekannteste Fan des Vereins – ein Fan, der selbst schon Fans hat. Einer, der so viel für seinen Club tut wie kaum ein anderer. Thomas Holtmann, Vorstandsmitglied der Fan- und Förderabteilung, meint: „Der Sandy ist einer, der sowohl den Verein als auch die gute Sache im Herzen trägt. Wo der Verein auch immer Unterstützung braucht – Sandy ist dabei“.

 

Sandy und sein soziales Engagement für die Herzenswünsche

Mich interessiert, warum er sich so stark für die Herzenswünsche einsetzt. Er bleibt bescheiden und meint, dass sein Engagement „überbewertet wird. Ich bin Musiker, ich mache gerne Musik, ich fahre gerne durch die Stadt oder mal nach Berlin, zu meinen Freunden von Union Berlin. Ich opfere ein bisschen Zeit, mehr ist das nicht. Ich bin ja auch Familienvater und es kann nicht sein, dass Kinder nichts zu Weihnachten bekommen. Es geht einfach darum, dass jeder sein Talent einbringt“. Für die Herzenswünsche zu spielen, das sei „irgendwann einmal durch eine Schnapsidee geboren. Mich hat im Dezember 2013 ein Fanclub angesprochen, ob ich vorbeikommen und auf dessen Weihnachtsfeier spielen würde. Sie hatten mich gefragt, wie hoch meine Gage sein sollte und ich meinte: ,Ich will doch keine Kohle von Leuten, mit denen ich alle zwei Wochen in der Kurve stehe‘ und sagte: ,Lass uns das doch für die Herzenswünsche spenden‘. Daraus sind dann 300 Euro Spendengelder geworden und da kam die Idee, ein bissken mehr in der Richtung zu machen. Das hat funktioniert. Im ersten Jahr sind über 5.000 Euro zusammen gekommen, im zweiten Jahr über 6.000 Euro und jetzt sind es 2016 mittlerweile schon 4.000 Euro. Läuft doch. Irgendjemand, in dem Fall ich, macht en bissken Musik. Es kommt auf die Leute an, die ihr Portmonnaie aufmachen und die Aktion unterstützen. Darum geht’s. Es gibt kein ,ich im Team, wir machen hier alles zusammen. Ich bin halt der, der spielt und die anderen spenden die Kohle. Alles gut“.

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Auch in der VIP-Loge sorgt Sandy für gute Stimmung. Foto: Schatz

Wir gehen zurück in die VIP-Loge. Sandy wird aufgefordert, zu musizieren. Er packt die Gitarre aus und erfüllt die Musikwünsche. Die Stimmung ist klasse, alle singen und klatschen mit. Dann müssen wir weiter. Sandy sagt mir, dass er noch mit dem Vorstandsvorsitzenden reden wolle, weil er beim vergangenen Auswärtsspiel „ziemliche Scheiße gebaut“ habe. Er meint, dass er „nicht weiß, wie es soweit kommen konnte. Aber wenn ich Mist baue, dann steh ich dafür grade“. Wenige Minuten später sind wir im großen VIP-Bereich. Ein bissken Schickimicki. Sandy stört das nicht. Er ist einfach er selbst: Fan mit Hut, rot-weißen Socken, Schal und Fanclub-Shirt. Er spricht mit Prof. Dr. Michael Welling. Diesmal halte ich Abstand. Dann werde ich wieder zu seinem Ein-Tages-Schatten und begleite ihn zum Trainer- und Spielertisch. Die Mannschaft freut sich, als er vorbeischaut und die Jungs mit Handschlag begrüßt. Nach einem kurzweiligen und lustigen Gespräch mit dem Co-Trainer machen wir uns auf in Richtung Essen-Borbeck, wo das Konzert in drei Stunden stattfinden soll.

 

 

 „Kneipenkonzert“ oder „261,95 Euro mehr für die Herzenswünsche“

„Wir gehen jetzt noch zu Kai“, sagt Sandy. Keine zehn Minuten sind rum und ich sitze mit Sandy und zwei seiner Kumpels auf‘m Sofa beim Sportschaugucken. Wir reden über Fußball, Querbeet. Als Sandy sich auf den Weg gemacht hat, um alles für das Kneipenkonzert aufzubauen, erzählt mir Kai, dass er es schön findet, dass Sandy „im Plattenbau in Duisburg vor drei Leuten auf einem 50. Geburtstag genauso spielt wie in der VIP-Loge von Rot-Weiss Essen“.

Eine halbe Stunde später sitzen wir vor der Kneipe „van Megeren“ am alten Markt und lauschen Sandys Gitarrenspiel und Gesang. Von „Over the rainbow“ über „Ring of Fire“ bis hin zu „Über den Wolken“ spielt er über zweieinhalb Stunden alles durch. Alles für den guten Zweck. Rund sechzig Leute unterhalten sich bei lockerer Atmosphäre. Wir genießen einen tollen, entspannten Sommerabend im Freien. Sandy strahlt über das ganze Gesicht. An diesem Abend nimmt er 261,95 Euro für die Herzenswünsche ein.

Am Ende meines Aufenthalts in Essen sauge ich nochmal die ganze Stimmung auf. Ich lasse den Tag Revue passieren und muss schmunzeln. Sandy schafft es wirklich, sie alle mit seiner Musik und seiner Begeisterung zu Rot-Weiss Essen zu vereinen: Von den Ultras und Hooligans über die Mannschaft und die VIPs bis hin zum Vorstandsvorsitzenden. Um es mit Sandys Worten auszudrücken: „Wir sind zusammen gewachsen, wir stehen zusammen und gehen gemeinsam durch alle schweren Zeiten und sind einfach nicht kaputt zu kriegen“.

 

 KURZINTERVIEW MIT SANDY

Was zeichnet den Verein Rot-Weiss Essen aus?

Wer dort auf den Tribünen sitzt oder steht und regelmäßig dort hingeht, obwohl die Saison nicht gut verläuft und die Erwartungen wieder nicht erfüllt oder übertroffen worden sind und dem Verein trotzdem treu bleibt. Das sind alles ganz besondere Menschen, auch unterschiedlichen Intellekts. Da gibt es den kleinen, liebenswürdigen Mann, der selbst von Hartz IV lebt und trotzdem Spieltag für Spieltag für arme Kinder sammelt – solche Leute machen unseren Verein aus, machen ihn besonders. Heute haben wir 0:2 gegen Oberhausen verloren und die Kurve macht Stimmung und tobt, das zeichnet unseren Club aus. Wir alle sind Rot-Weiss Essen. Da gibbet nicht irgendwie so einen synthetischen Verein wie den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim oder was weiß ich wat, die einen Mäzen haben und keine Fanszene. Wir sind zusammen gewachsen, wir stehen zusammen und gehen gemeinsam durch alle schweren Zeiten und sind einfach nicht kaputt zu kriegen. Ich mein, was soll einem Verein noch mehr widerfahren als das, was uns widerfahren ist? Wir verlieren 0:2 und die Kurve feiert trotzdem. Es macht Spaß, hier dabei zu sein und wir dürfen einfach nicht aufhören an unseren Verein zu glauben und alles dafür zu tun, dass er wieder nach oben kommt. Das fängt beim kleinsten Fan, Andre Brieux, der die Stadionzeitung verschenkt und für die Kinder sammelt, an, und hört bei Prof. Dr. Michael Welling, unserem Vorstandsvorsitzenden, auf. Ist ja ganz einfach.

Wie wichtig findest du die Tradition des Vereins?

Natürlich ehrt man immer die, die großes für den Verein geleistet haben. Man kann sich aber nicht immer hinter der Meisterschaft von ‘55 verstecken. Das ist natürlich etwas, das den Verein geprägt hat: Georg Melches, Helmut Rahn und andere große Spieler. Natürlich ist Tradition wichtig und man sollte sie nicht vergessen, aber das aktuelle ist viel wichtiger und auch auf das aktuelle bin ich stolz.

Welche waren deine schönsten Erlebnisse mit Rot-Weiss Essen?

2010 haben wir wieder in der fünften Liga angefangen und erstmal gar nicht gewusst, ob es überhaupt noch weitergeht. Als wir ins Stadion gekommen sind, standen da 6.500 Zuschauer auf den Rängen. Die Spieler sind auf den Platz gelaufen und wussten erstmal gar nicht, wie ihnen geschieht. Sie konnten einfach nicht glauben, wie voll die Hütte ist. Und dann markierte Thamm in der 65. Minute den Siegtreffer gegen Homburg, der zugleich das Tor des Monats wurde. Da dachte ich mir: „Jo, wir sind wieder da!“. Das war ein klasse Moment. Aber eigentlich is dat die Summe von unglaublich vielen Dingen, die den Verein für mich besonders und ein Stück weit auch zur Familie macht. Dat is einfach so. Als Rot-Weiss-Fan gehste mit Rot-Weiss ins Bett und wachste mit Rot-Weiss wieder auf. Dat is einfach so und da kannst du dich auch nicht gegen wehren. Dat is so. Was auch schön war, war das Pokalfinale in Berlin, als wir 1:3 gegen Bremen verloren haben (1994; Anm. von Lisa Schatz) und anschließend mit den Bremern gegen gefeiert haben ohne Ende. Dat 2:0 von Jörg Lipinski gegen Schalke 04 im Pokal 1992/93 war genauso klasse und das 5:0 gegen den 1. FC Köln (Saison 2006/2007; Anm. von Lisa Schatz) an Rosenmontag. Zu den emotionalsten Erlebnissen mit dem Verein gehört für mich mit Sicherheit auch die Stadioneröffnung 2012.

Vielen Dank für das Interview und dafür, dass ich heute dabei sein durfte.

Bitte, sehr gerne.