Teil II des Interviews mit Marco Kostmann

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Marco Kostmann beim Training an der Elfenbeinküste. Dort arbeitete er von 2006 bis 2008 als Torwarttrainer. Foto: Stefan Meisel

Kein wirkliches Elfmetertrainingsgeheimnis…

Wie sieht es mit Elfmetertraining aus? Wie bereiten Sie Ihre Spieler auf Elfmeter vor?

Im Jugendbereich mache ich gar kein Elfmetertraining. Da geht es vor allen Dingen um die Körpersprache der Torhüter. Darum, dass sie einen Teil des Tors verdecken. Ein spezielles Elfmetertraining habe ich bisher nur in der direkten Spielvorbereitung gemacht.

In Bielefeld haben Sie Alexander Schwolow, Arminias Pokalhelden von 2015, trainiert. Wie haben Sie ihn auf das Elfmeterschießen eingestellt?

Wir haben uns hauptsächlich per Videoanalyse vorbereitet. Dabei haben wir vor allem auf den Anlauf der Schützen geachtet. Es ging darum, in welchen Situationen der Spieler den Ball in die eine und in welchen in die andere Ecke schießt. Dabei lag unser Schwerpunkt darauf zu erkennen, wann die Spieler gestresst sind und bei Elfmeterschießen hat ein Spieler grundsätzlich totalen Stress. Aber das haben wir auch in den Meisterschaftsspielen gemacht, dass wir uns Videos angeschaut und die am Trainingsplatz nachgestellt haben. Wir haben im Training nicht explizit Elfmetersituationen geübt, sondern folgendes: Das explosive Abdruckverhalten, das lange Stehen und im letzten Moment die Entscheidung zu treffen und in welche Ecke Alex springt. Wir haben es „Katzentraining“ genannt. Schließlich geht es zunächst darum, wie eine Katze zu lauern und im letzten Moment abzuspringen.

Jetzt zum Torhüterspiel an sich. Wie hat sich das Spiel Ihrer Meinung nach in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren verändert?

Grundlegend durch die Änderung der Rückpassregelung. Das war ein revolutionärer Einschnitt in das Torwartspiel und demzufolge auch in das Torwarttraining. Parallel dazu begann die Zeit, dass Torhüter eigene Trainer haben. Vorher haben sie ja mit ihren Teams unter den Cheftrainern mittrainiert. Zeitgleich wurden die Torwarte in ihren fußballerischen Fähigkeiten gestärkt, welche von da an ein Talentkriterium darstellten. Man begann Torhüter zu scouten. Vorher waren die fußballerischen Fähigkeiten kein Kriterium, zumindest nicht, wenn der Ball am Boden war. Vielleicht beim Abschlag oder Abwurf, aber ansonsten eben nicht. Das war so der gravierendste Einschnitt, der von außen kam. Und dann gab es noch einen großen Wandel: Das hat sich in den vergangenen fünf, sechs Jahren nochmal ein bisschen verändert, dass Torhüter noch deutlich mutiger geworden sind. Sie agieren offensiver, greifen auch außerhalb des Sechzehners ein. Das gab es meines Erachtens ab der WM 2010 in Südafrika nochmal eine Trendwende. Jetzt sind die Torhüter viel mehr ins Offensivspiel eingebunden. Sie sind Aufbauspieler und zugleich Spieler für die Spielverlagerung. Das hat sich in den vergangenen Jahren wirklich herauskristallisiert. Was meiner Erfahrung nach weniger geworden ist, ist das Abfangen von Flanken, weil die Bälle wesentlich flacher und deutlich schärfer reinkommen als noch vor zehn Jahren. Damals war die Quote der abgefangenen Flanken viel höher als jetzt, weil es jetzt nicht mehr möglich ist. Schließlich kommen die Bälle inzwischen nicht mehr so hereingesegelt wie früher. Da gab es noch die sogenannten Torwartflanken.

 

Über seine Schüler und die Probleme der Nachwuchsprofis

Mit welchen Spielern haben Sie hauptsächlich zusammengearbeitet?

In meiner Zeit als U20-Torwarttrainer beim DFB habe ich über einen längeren Zeitraum Ron-Robert Zieler, Lorenz Karius, Bernd Leno oder Timo Horn gecoacht. Auch Alexander Schwolow habe ich lange trainiert. In Rostock habe ich Alexander Walke, in Bielefeld gehörten Patrick Platins und Stefan Ortega zu meinen Schützlingen. Ich denke, dass Patrick damals eine sehr stabile Drittligasaison gespielt hat und dann eine vernünftige Zweitligasaison. Stefan Ortega hat meines Erachtens auch einen Schritt nach vorne gemacht in Bielefeld.

Als Torwarttrainer-Koordinator, Mitarbeiter des Nachwuchsleistungszentrums des HSV und langjähriger Torwarttrainer stehen Sie in engem Kontakt zu den Nachwuchsprofis, deren Eltern, Lehrern etc.. Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten aus Sicht der Nachwuchsprofis?

Der limitierteste Faktor, den wir im Jugendbereich haben, ist die Zeit. Also, ich möchte auch nochmal Spieler sein, aber kein Schüler mehr. Das Training ist deutlich professioneller und individualisierter geworden, das hat sich sehr verbessert. Aber der Schulalltag ist eben viel strammer geworden. Ich sehe, in welchem Zustand unsere Spieler bzw. Torhüter manchmal zum Training kommen. Die Balance zwischen der schulischen Aktivität und dem Fokussieren auf das Training hinzubekommen, das ist eine enorme Herausforderung. Darin liegt meines Erachtens noch die größte Ressource im Umgang mit den Spielern: Es geht darum, wie sie ihr Zeitmanagement auf ihren Tagesablauf einstellen können. Das finde ich sehr schwierig, daran arbeiten wir mit den Schulleitern und den Psychologen. Das ist immer ein Thema. Die Spieler haben einen 12-Stunden-Tag und müssen nach der Schule noch ins Training. Dort erwarten wir natürlich ihre beste Leistung, und das hinzubekommen, das zu unterstützen, dazu sind wir da. Es ist sehr viel, was auf die Jungs einprasselt: Einerseits wollen wir Trainer ihre Topleistung, andererseits müssen sie für die Schule lernen und die Familien und die Freundinnen und Freunde möchten auch, dass sie Zeit für sie haben.

 

Quergefragt

Welches war Ihr bislang prägendstes und was war Ihr erfolgreichstes Erlebnis im Fußball?

Der Aufstieg mit Arminia 2013 war der größte sportliche Erfolg für mich. Der dramatische Abstieg ein Jahr später war auch ein Erlebnis, aus welchem ich nochmal viel mitgenommen habe und das mich geprägt hat in meiner Sichtweise auf Fußballspiele, Emotionen und Stress. Ansonsten ist jede Zusammenarbeit mit einem Cheftrainer, die auf absolutem Vertrauen basiert, ein absoluter Erfolg für mich, weil sich das in der Mannschaftsleistung zeigt. Das sind Erlebnisse, die ich wertschätze, weil es nicht selbstverständlich ist und nicht immer und überall geht und man die Situation nicht erzwingen kann.

Welche Hobbies haben Sie?

Über Weihnachten habe ich immer sechs Tage frei und fahre mit meiner Familie zum Ski fahren nach Obertauern. Das ist mir heilig. Dabei ist mir Obertauern sehr wichtig, wichtiger als das Skifahren. Das ist ein liebgewordenes Ritual für mich. Das Problem ist, dass es heißt: „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, aber damit habe ich ja kein Hobby mehr. Ansonsten hat man als Trainer keine Zeit für Hobbies. Also, ich lese das Hamburger Abendblatt und fahre im Winter Ski…

Wie wichtig ist Querdenken für Sie und wo spielt es eine Rolle in Ihrem Beruf?

Querdenken ist grundsätzlich Alltag. Ich muss immer wieder versuchen neue Reize zu setzen, in der Ansprache zu variieren. Für die Torhüter bin ich ja ein „Brain-Activator“, wir Torwarttrainer müssen den Jungs immer wieder etwas anbieten, wodurch sie sich weiterentwickeln und das geht nicht mit einem stupiden Programm. Da gibt es immer wieder Abwechslungen und jede Abwechslung bedeutet quer zu denken und Trends zu setzen, nicht irgendwelchen Trends hinterherzulaufen. Querdenken erhöht bei mir die Sensibilität kreativ zu sein. Ich muss kreativ sein, damit meine Torhüter besser werden. Querdenken ist also eine Grundvoraussetzung für mich.

Das ist ein perfektes Schlusswort. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Alles gut, bitte.

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