Celia Šašić: Ex-Profi, Mutter, Studentin und sozial engagierte Frau

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Celia Šašić (Mitte; damals 1. FFC Frankfurt) lässt Milla Fischer vom VfL Wolfsburg hinter sich. Foto: imago

Sie spielte für Bad Neuenahr und für den 1. FFC Frankfurt, gewann den DFB-Pokal, die Champions-League sowie die Olympische Bronzemedaille: Celia Šašić. Doch was sich leicht liest, war harte Arbeit. Als weiblicher Fußballprofi war es für sie selbstverständlich, neben ihrer sportliche Karriere zu arbeiten – oder, wie sie sagt: „Ich wollte eine Ausbildung machen und nebenbei noch Fußball spielen“. Nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation hat Europas Fußballerin des Jahres 2015 ein Studium der Kulturwissenschaft begonnen, das sie demnächst abschließen möchte. Bevor sie jedoch ihre Bachelorarbeit anmeldet, ist sie rund um die Uhr für ihre kleine Tochter Mila da. Im Interview erzählt Celia Šašić, warum sie sich für ein Studium entschieden hat, weshalb sie sich sozial so stark engagiert und was sie fußballbegeisterten Mädchen mit auf den Weg geben möchte…

Frau Šašić, zunächst zwei Fragen zu Ihnen und Ihrem Kind. Wie geht es Ihnen und Ihrer Tochter und wie genießen Sie den Alltag?

Uns geht’s wunderbar und der Alltag ist vollkommen anders als zuvor, aber sehr sehr schön und mit sehr viel Spaß verbunden. Es ist einfach ein ganz anderes Leben, wunderschön.

Wächst Mila mehrsprachig auf?

Ja, ich spreche deutsch und französisch mit ihr und mein Mann spricht kroatisch und deutsch mit ihr.

 

Ausbildung, Studium und Fußball

Nun zu Ihrem Werdegang. Sie haben parallel zu Ihrer Karriere als Fußballspielerin eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation absolviert und ein Studium der Kulturwissenschaft begonnen. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?

In erster Linie war es wichtig, einen sportlerfreundlichen Arbeitgeber zu haben. Auch in der Uni war es bedeutend, Unterstützung zu erhalten: Zum Beispiel, dass ich die Prüfungen an anderen Terminen nachschreiben konnte. Als in meiner Ausbildungszeit größere Turniere anstanden, habe ich ohne Probleme frei bekommen. Man muss schon auch im Vorfeld mit dem Arbeitgeber klären, ob das alles so machbar ist oder nicht. Man braucht jemanden, der einen unterstützt, weil das sonst so in der Form nicht möglich wäre.

Wie sind Sie darauf gekommen, eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation zu absolvieren?

In der Schulzeit wissen viele nicht: Was soll ich machen, in welche Richtung soll es gehen? Ich habe mich immer für Marketing interessiert und wollte wissen, wie es in dem Bereich ist. Bei Lotto Rheinland-Pfalz, das damals Sponsor in Bad Neuenahr war, habe ich dann die Chance bekommen, diese Ausbildung zu machen. Diese habe ich dankend angenommen, um einen Einblick in dieses Berufsfeld zu erhalten und zu schauen, was das wirklich ist.

Nach Ihrer Ausbildung haben Sie ein Studium der Kulturwissenschaft begonnen. Was genau hat Sie dazu motiviert?

Ich habe mich für den Studiengang entschieden, weil er mich wirklich vom Thema her interessiert hat. Vom Inhalt her wollte ich meinen Horizont erweitern. Ich habe das Studium nicht begonnen, um dann einen bestimmten Beruf zu ergreifen, sondern es war wirklich für mich für meinen Kopf, für meinen Geist, für mein Interesse.

Wie gefällt Ihnen das Studium und welche Inhalte haben Ihnen besonders viel Spaß gemacht?

Mir gefällt das Studium sehr gut, weil es für mich ein Ausgleich zum Fußball war. Mir fehlt jetzt nur noch die Abschlussarbeit. Für mich war das Inhaltliche, vor allem der Themenbereich „antike Philosophie“, am spannendsten. Ansonsten finde ich es gut, dass das Studium sehr breitgefächert ist. Auf eine gewisse Art und Weise gehört ja alles zur Kultur. Da war alles mit dabei: Medienwissenschaft, Ethnologie, Philosophie.

Sie sprechen mehrere Sprachen. Waren diese im Studium wichtig?

Das meiste war auf Deutsch. Ab und an gab es mal Texte auf Englisch, aber man musste keine zwei, drei Sprachen sprechen, um dort voranzukommen.

Worüber werden Sie voraussichtlich Ihre Bachelorarbeit schreiben? In einem Interview hatten Sie mal erwähnt, Platon aufgreifen zu wollen.

Ich habe mir in den vergangenen Wochen keine Gedanken darüber gemacht, weil ich erstmal mit meinem Kind ausgelastet bin. Aber das Thema hat mich sehr stark interessiert und deshalb werde ich es auch in der Abschlussarbeit thematisieren, denk ich mal.

 

„Wenn man verletzt ist, unterstützt einen niemand“

Dann zum Thema „Plan B – Karriere neben bzw. nach dem Profifußball“. Wie unterscheidet sich in der Hinsicht der Männerfußball vom Frauenfußball? Meiner Meinung nach zollt es höchsten Respekt, was die weiblichen Profis leisten, was Sie geleistet haben. Ohne Ausbildung oder Studium neben dem Job geht es bei den meisten gar nicht. Vielleicht können Sie ein bisschen beschreiben, was Sie von den Männern mitbekommen? Ob diese für „ein Leben nach dem Profifußball“ planen oder das komplett außer Acht lassen?

Grundsätzlich ist es schon schwierig. Im Frauenfußball sind nicht alle Profis, sag ich mal so. Klar, wenn man für die Nationalmannschaft und auch in einem „richtigen Verein“ spielt, dann kann man auch schon so viel verdienen, dass man sozusagen „Profi“ ist. Aber trotzdem muss man – oder ich sage mal – sollte man eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium haben oder zumindest beginnen, weil man nicht weiß, wie lange die Karriere im Fußball dauert. Wenn man verletzt ist, dann unterstützt einen niemand. Was klar ist, ist, dass man nach der Karriere nicht so ausgesorgt hat wie es bei einigen Männern der Fall ist.

Wird man von den Vereinen speziell gefördert? Sagen die Trainerinnen und Trainer auch mal, dass man Wert auf eine Ausbildung oder ein Studium legen soll oder ist es völlig legitim für die Spielerinnen, dass sie dahingehend etwas tun?

Das unterscheidet sich natürlich von Verein zu Verein, da werden die Schwerpunkte sehr unterschiedlich gesetzt. Irgendwie ist es im Frauenfußball selbstverständlich, eine Ausbildung zu absolvieren oder zu studieren, da es noch nicht so lange den weiblichen wirklichen Profifußball gibt. Also, als ich mit dem Fußball spielen angefangen habe: Ich weiß nicht, wie viele bzw. wenige damals nur vom Fußball gelebt haben. Da gab es sehr, sehr wenige, – wenn überhaupt. Die haben alle nebenbei noch gearbeitet. Da wurde eben nach der Arbeit noch trainiert. Man hat gespielt und ist praktisch vom Spiel heraus wieder zur Arbeit gegangen. Das war selbstverständlich. Jetzt ist es so, dass die jungen Mädels direkt von der Schule in dieses „Profi sein“ hineinkommen. Aber grundsätzlich ist es, ich sag mal in der „Szene“, selbstverständlich, weil jede weiß: Ohne Ausbildung oder Studium geht’s nicht. Man steht sonst blöd da, wenn man verletzt ist, aufhören muss und die Karriere beendet ist, ohne sagen zu können: „So, jetzt hab ich so viel verdient, das hat sich gelohnt“.

Ist Ihnen das noch einmal mehr bewusst geworden, als Sie auf Grund eines Schienbeinbruchs ein Jahr lang pausieren mussten? Redet man dann mehr mit den Kolleginnen über die Thematik „Plan B“?

Für mich war es eine Selbstverständlichkeit zu arbeiten, deswegen hat mich die Verletzung nicht bestärkt zu arbeiten. Für mich war das ganz normal: Ok, ich mache meine Ausbildung und dann mein Studium. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte, ich müsse nebenher noch etwas Vernünftiges machen, sondern es war so, dass ich mir dachte: Ich mache eine Ausbildung und spiele nebenbei noch Fußball. Ich konnte so gut Fußball spielen, dass es zu meinem Beruf geworden ist, aber ich habe mich nicht für den Beruf Fußballprofi entschieden. Es hat sich einfach so entwickelt.

Jetzt möchte ich einen großen Sprung machen. Sie sind seit mittlerweile über zehn Jahren DFB-Integrationsbotschafterin. Welche Aufgaben haben Sie als solche?

Vor allem versuche ich Mädchen zu motivieren, Fußball zu spielen. Ich mache ganz viel Vielfältiges. Berichten, unterrichten, in die vielen verschiedenen Verein zu gehen und vielleicht auch zu Schulen zu fahren und sie dazu zu motivieren, die Projekte weiterzumachen, die sie gestartet haben. Auch die Integrationspreisverleihung gehört zu meinem Aufgabengebiet. Im Moment habe ich nichts auf der Agenda stehen. Ich werde immer wieder angefragt und muss derzeit gucken, wie es sich mit meiner Tochter vereinbaren lässt. Ich denke mal, dass da auch in Zukunft noch viel passiert.

 

Celia Šašićs soziales Engagement

Sie setzen sich auch für die Theo-Zwanziger-Stiftung und das Projekt „Girls for Hope“ ein. Was genau steckt dahinter?

Grundsätzlich habe ich viele Projekte unterstützt: Gerade für Projekte für Kinder bin ich immer sehr leicht zu haben, weil ich Kinder einfach sehr gerne hab. Deshalb habe ich mich in vielerlei Hinsicht für solche eingesetzt. Meine Einsätze gehen nie über einen längeren Zeitraum, sondern sind immer projektbezogen.

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Celia Šašić spielte über zehn Jahre für die deutsche Nationalmannschaft. Foto: DFB

Dann zur Nationalmannschaft. Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Teamkameradinnen?
Ich habe noch Kontakt zu einigen Spielerinnen, wir haben ja viel Zeit miteinander verbracht. Ich verfolge das Ganze noch vom Fernsehen aus und freue mich, wie es bei dem Team gerade läuft.

 

„Ich würde gerne im Sportbereich bleiben“

Sie hatten in einem Interview angeführt, dass Sie sich auch vorstellen könnten, als Managerin im Frauenfußball zu arbeiten, um das Ganze besser strukturieren zu können. Ist das mittelfristig Ihr Ziel oder sagen Sie, Sie konzentrieren sich jetzt erstmal auf die gemeinsame Zeit mit Ihrem Kind und schauen spontan, was kommt?

Aktuell kümmere ich mich um das Kind. Ich kann mir vorstellen, danach irgendwo hineinzuschnuppern. Ich habe mein Leben lang Fußball gespielt und hatte dadurch nie Zeit, Praktika zu machen, um herauszufinden, was für mich in Frage kommt. Zunächst möchte ich etwas ausprobieren und gucken, in welche Richtung es für mich in Zukunft gehen soll. Ich würde gerne im Sportbereich bleiben. Ob es dann in einer Managerposition ist oder in irgendeiner anderen Art mit Fußball zu tun hat, wäre schön, da ich dann in dem Bereich arbeiten könnte, den ich gerne mag.

Könnten Sie sich auch vorstellen, als Trainerin tätig zu sein?

Das, was ich mir im Moment nicht unbedingt vorstellen kann, ist es, Trainerin im Seniorenbereich zu sein. Aber ausschließen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert, würde ich es nicht. Was ich mir schon eher vorstellen könnte ist, als Trainerin im Kinder- und Jugendbereich zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob sich das in zwei, drei Jahren ändert. Grundsätzlich möchte ich mich erstmal ein wenig ausprobieren.

Haben Sie in Ihrer aktiven Profizeit einen Hype wahrgenommen, dass nach der WM 2003 oder 2007 deutlich mehr Mädchen und Frauen Fußball spielen wollten?

Von dem Zeitpunkt, als ich angefangen habe in der Bundesliga zu spielen bis heute, hat sich der Frauenfußball sehr rasant entwickelt. Es kam schnell vom Hobby- zum Profitum. Auch die Präsenz und die Wahrnehmung der Nationalmannschaft hat sich deutlich gesteigert. Natürlich ist man nicht dort, wo der Männerfußball ist. Das wird der Frauenfußball auch nie sein. Natürlich ist auch noch Luft nach oben. Aber, wenn man die Zeitspanne betrachtet, ist diese Entwicklung schon enorm. Da ist auf jeden Fall einiges passiert.

Nehmen wir mal an, Sie würden in zwei, drei Jahren Managerin eines Frauenfußballteams werden. Welche wären die ersten Punkte, die Sie ändern und verbessern wollen würden?

Es kommt natürlich auf den Verein an, in dem man arbeitet. Darauf, welche Bedingungen man dort vorfindet. Es wäre schon wichtig, Strukturen zu schaffen, die im Männerfußball einfach gegeben sind, im Frauenfußball aber in einigen Vereinen noch nicht existieren.

Was würden Sie jungen Spielerinnen mit auf den Weg geben, wenn Sie in die Nationalmannschaft möchten? Welche Charaktereigenschaften sollten Sie mitbringen?

Man sollte das ganze machen, weil es einem sehr, sehr viel Spaß macht. Ganz egal, wie schwer und wie hart es ist: Man sollte versuchen, besser zu werden. Es ist außerdem immer sehr wichtig zu wissen, was man für ein Glück hat, wenn man in der Nationalmannschaft spielen kann. Die Mädchen sollten einfach ihr Ziel verfolgen, ohne dass sie dabei den Weg vergessen. Sie sollten immer daran denken, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Man kommt nicht voran, wenn man die anderen nicht im Team hat!

Vielen Dank für das Interview, Frau Šašić.

Bitte, gerne.

Teil II des Interviews mit Marco Kostmann

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Marco Kostmann beim Training an der Elfenbeinküste. Dort arbeitete er von 2006 bis 2008 als Torwarttrainer. Foto: Stefan Meisel

Kein wirkliches Elfmetertrainingsgeheimnis…

Wie sieht es mit Elfmetertraining aus? Wie bereiten Sie Ihre Spieler auf Elfmeter vor?

Im Jugendbereich mache ich gar kein Elfmetertraining. Da geht es vor allen Dingen um die Körpersprache der Torhüter. Darum, dass sie einen Teil des Tors verdecken. Ein spezielles Elfmetertraining habe ich bisher nur in der direkten Spielvorbereitung gemacht.

In Bielefeld haben Sie Alexander Schwolow, Arminias Pokalhelden von 2015, trainiert. Wie haben Sie ihn auf das Elfmeterschießen eingestellt?

Wir haben uns hauptsächlich per Videoanalyse vorbereitet. Dabei haben wir vor allem auf den Anlauf der Schützen geachtet. Es ging darum, in welchen Situationen der Spieler den Ball in die eine und in welchen in die andere Ecke schießt. Dabei lag unser Schwerpunkt darauf zu erkennen, wann die Spieler gestresst sind und bei Elfmeterschießen hat ein Spieler grundsätzlich totalen Stress. Aber das haben wir auch in den Meisterschaftsspielen gemacht, dass wir uns Videos angeschaut und die am Trainingsplatz nachgestellt haben. Wir haben im Training nicht explizit Elfmetersituationen geübt, sondern folgendes: Das explosive Abdruckverhalten, das lange Stehen und im letzten Moment die Entscheidung zu treffen und in welche Ecke Alex springt. Wir haben es „Katzentraining“ genannt. Schließlich geht es zunächst darum, wie eine Katze zu lauern und im letzten Moment abzuspringen.

Jetzt zum Torhüterspiel an sich. Wie hat sich das Spiel Ihrer Meinung nach in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren verändert?

Grundlegend durch die Änderung der Rückpassregelung. Das war ein revolutionärer Einschnitt in das Torwartspiel und demzufolge auch in das Torwarttraining. Parallel dazu begann die Zeit, dass Torhüter eigene Trainer haben. Vorher haben sie ja mit ihren Teams unter den Cheftrainern mittrainiert. Zeitgleich wurden die Torwarte in ihren fußballerischen Fähigkeiten gestärkt, welche von da an ein Talentkriterium darstellten. Man begann Torhüter zu scouten. Vorher waren die fußballerischen Fähigkeiten kein Kriterium, zumindest nicht, wenn der Ball am Boden war. Vielleicht beim Abschlag oder Abwurf, aber ansonsten eben nicht. Das war so der gravierendste Einschnitt, der von außen kam. Und dann gab es noch einen großen Wandel: Das hat sich in den vergangenen fünf, sechs Jahren nochmal ein bisschen verändert, dass Torhüter noch deutlich mutiger geworden sind. Sie agieren offensiver, greifen auch außerhalb des Sechzehners ein. Das gab es meines Erachtens ab der WM 2010 in Südafrika nochmal eine Trendwende. Jetzt sind die Torhüter viel mehr ins Offensivspiel eingebunden. Sie sind Aufbauspieler und zugleich Spieler für die Spielverlagerung. Das hat sich in den vergangenen Jahren wirklich herauskristallisiert. Was meiner Erfahrung nach weniger geworden ist, ist das Abfangen von Flanken, weil die Bälle wesentlich flacher und deutlich schärfer reinkommen als noch vor zehn Jahren. Damals war die Quote der abgefangenen Flanken viel höher als jetzt, weil es jetzt nicht mehr möglich ist. Schließlich kommen die Bälle inzwischen nicht mehr so hereingesegelt wie früher. Da gab es noch die sogenannten Torwartflanken.

 

Über seine Schüler und die Probleme der Nachwuchsprofis

Mit welchen Spielern haben Sie hauptsächlich zusammengearbeitet?

In meiner Zeit als U20-Torwarttrainer beim DFB habe ich über einen längeren Zeitraum Ron-Robert Zieler, Lorenz Karius, Bernd Leno oder Timo Horn gecoacht. Auch Alexander Schwolow habe ich lange trainiert. In Rostock habe ich Alexander Walke, in Bielefeld gehörten Patrick Platins und Stefan Ortega zu meinen Schützlingen. Ich denke, dass Patrick damals eine sehr stabile Drittligasaison gespielt hat und dann eine vernünftige Zweitligasaison. Stefan Ortega hat meines Erachtens auch einen Schritt nach vorne gemacht in Bielefeld.

Als Torwarttrainer-Koordinator, Mitarbeiter des Nachwuchsleistungszentrums des HSV und langjähriger Torwarttrainer stehen Sie in engem Kontakt zu den Nachwuchsprofis, deren Eltern, Lehrern etc.. Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten aus Sicht der Nachwuchsprofis?

Der limitierteste Faktor, den wir im Jugendbereich haben, ist die Zeit. Also, ich möchte auch nochmal Spieler sein, aber kein Schüler mehr. Das Training ist deutlich professioneller und individualisierter geworden, das hat sich sehr verbessert. Aber der Schulalltag ist eben viel strammer geworden. Ich sehe, in welchem Zustand unsere Spieler bzw. Torhüter manchmal zum Training kommen. Die Balance zwischen der schulischen Aktivität und dem Fokussieren auf das Training hinzubekommen, das ist eine enorme Herausforderung. Darin liegt meines Erachtens noch die größte Ressource im Umgang mit den Spielern: Es geht darum, wie sie ihr Zeitmanagement auf ihren Tagesablauf einstellen können. Das finde ich sehr schwierig, daran arbeiten wir mit den Schulleitern und den Psychologen. Das ist immer ein Thema. Die Spieler haben einen 12-Stunden-Tag und müssen nach der Schule noch ins Training. Dort erwarten wir natürlich ihre beste Leistung, und das hinzubekommen, das zu unterstützen, dazu sind wir da. Es ist sehr viel, was auf die Jungs einprasselt: Einerseits wollen wir Trainer ihre Topleistung, andererseits müssen sie für die Schule lernen und die Familien und die Freundinnen und Freunde möchten auch, dass sie Zeit für sie haben.

 

Quergefragt

Welches war Ihr bislang prägendstes und was war Ihr erfolgreichstes Erlebnis im Fußball?

Der Aufstieg mit Arminia 2013 war der größte sportliche Erfolg für mich. Der dramatische Abstieg ein Jahr später war auch ein Erlebnis, aus welchem ich nochmal viel mitgenommen habe und das mich geprägt hat in meiner Sichtweise auf Fußballspiele, Emotionen und Stress. Ansonsten ist jede Zusammenarbeit mit einem Cheftrainer, die auf absolutem Vertrauen basiert, ein absoluter Erfolg für mich, weil sich das in der Mannschaftsleistung zeigt. Das sind Erlebnisse, die ich wertschätze, weil es nicht selbstverständlich ist und nicht immer und überall geht und man die Situation nicht erzwingen kann.

Welche Hobbies haben Sie?

Über Weihnachten habe ich immer sechs Tage frei und fahre mit meiner Familie zum Ski fahren nach Obertauern. Das ist mir heilig. Dabei ist mir Obertauern sehr wichtig, wichtiger als das Skifahren. Das ist ein liebgewordenes Ritual für mich. Das Problem ist, dass es heißt: „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, aber damit habe ich ja kein Hobby mehr. Ansonsten hat man als Trainer keine Zeit für Hobbies. Also, ich lese das Hamburger Abendblatt und fahre im Winter Ski…

Wie wichtig ist Querdenken für Sie und wo spielt es eine Rolle in Ihrem Beruf?

Querdenken ist grundsätzlich Alltag. Ich muss immer wieder versuchen neue Reize zu setzen, in der Ansprache zu variieren. Für die Torhüter bin ich ja ein „Brain-Activator“, wir Torwarttrainer müssen den Jungs immer wieder etwas anbieten, wodurch sie sich weiterentwickeln und das geht nicht mit einem stupiden Programm. Da gibt es immer wieder Abwechslungen und jede Abwechslung bedeutet quer zu denken und Trends zu setzen, nicht irgendwelchen Trends hinterherzulaufen. Querdenken erhöht bei mir die Sensibilität kreativ zu sein. Ich muss kreativ sein, damit meine Torhüter besser werden. Querdenken ist also eine Grundvoraussetzung für mich.

Das ist ein perfektes Schlusswort. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Alles gut, bitte.

Prof. Dr. Jürgen Buschmann und das „Team Köln“: Spielanalysen für die deutsche Nationalmannschaft

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Prof. Dr. Jürgen Buschmann war von 2005 bis 2014 Leiter der Abteilung Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln. Foto: Buschmann

Team hinter dem Team. Die EM hat begonnen,  Joachim Löw und sein Team arbeiten auf Hochtouren. Doch nicht nur die Mannschaft gibt ihr bestes, auch der Leistung des Teams hinter dem Team sollte großer Respekt gezollt werden. Die Menschen, die im Hintergrund rackern, tragen einen enormen Teil dazu bei, dass die Mannschaft top vorbereitet in die Spiele gehen kann. Einer, der von 2005 bis 2014 zum Team hinter dem Team gehörte, ist Professor Jürgen Buschmann. Sein Spezialgebiet: Spielanalysen. Lest im Anschluss ein spannendes Interview mit dem Mann, der mit dem „Team Köln“ Jogis Gegner knackte…

Herr Professor Buschmann, bitte beschreiben Sie zunächst in Kürze, welche Verbindung Sie zum Fußballsport und zur DSHS haben.

Ich war bis 2014 Dozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln und war dort Leiter des Zentrums für Olympische Studien sowie der Abteilung Scouting-Studien. Von 1990 bis 2002 war ich als Dozent im Bereich Fußball tätig. Bis zur dritten Liga habe ich früher selbst gespielt und damit mein Studium finanziert. Anschließend habe ich die Trainerlizenzen gemacht und bis zur dritten Liga als Trainer gearbeitet. Danach habe ich viel im unteren Amateurbereich mitgeholfen und zum Beispiel 1980 das größte Breiten- und Freizeitturnier im westdeutschen Raum mit 150 Mannschaften organisiert.

Klinsis Anruf um 1 Uhr nachts

Wie kam es dazu, dass sie Leiter der Abteilung Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln wurden?

Eigentlich wollte ich 2005 ein bisschen mit dem Fußball „brechen“. Ich war in ein Alter gekommen, in welchem man mehr für die Wissenschaft tätig sein sollte, und vielleicht mehr Theorie als Praxis gefordert sein sollte. 2005 kam jedoch ein Anruf von Jürgen Klinsmann, der fragte, ob ich mir vorstellen könnte, für die WM 2006 zusammen mit Studierenden ein paar Gegner mit zu beobachten. Die Motivation vor der Weltmeisterschaft im eigenen Lande war sehr hoch und da habe ich natürlich spontan „ja“ gesagt. Damals haben wir mit fünfzehn Studierenden diese 31 potenziellen Gegner beobachtet, allerdings sehr oberflächlich. Ist ja klar, mit fünfzehn Leuten. Das hat sich bis 2014 weiterentwickelt, als wir dann mit mehr oder weniger 50 Studierenden und vier wissenschaftlichen Mitarbeitern während der WM in Brasilien gearbeitet haben. So hat sich das von Turnier zu Turnier weiter verbessert. Aus wissenschaftlicher Sicht hat sich parallel dazu ein eigener Weiterbildungs-Masterstudiengang für Spielanalyse an der DSHS Köln entwickelt.

Wie ist Jürgen Klinsmann auf Sie gekommen?

Der Kontakt ist über den TV- und Medien-Koordinator der Nationalmannschaft, Ulrich Voigt, der ein persönlicher Freund von mir ist und mit dem ich zusammen Fußball gespielt habe, entstanden. Als ich in der dritten Liga Trainer wurde, war er unser Kapitän. Wir kennen uns seit den 70er Jahren. Er saß damals vor dem Länderspiel gegen die Niederlande in Rotterdam mit Jürgen Klinsmann zusammen. Jürgen Klinsmann und Joachim Löw haben überlegt, wie sie die Arbeit im Scoutingbereich vorantreiben könnten. Uli meinte: „Ja, ich kenn‘ einen an der Uni, der macht das auch schon die ganze Zeit und könnte uns bestimmt weiterhelfen“. Daraufhin meinten Löw und Klinsmann: „Könntest du ihn anrufen?“. Nachts um 1 Uhr haben sie mich damals aus dem Bett geholt, weil sie das dann natürlich direkt haben wissen wollen.

Die Anfänge des „Team Köln“

Wie kann man sich das genau vorstellen? Sie hatten zugesagt. Wie haben Sie angefangen, das Ganze zu strukturieren?

Ich war der einzige, der sich damals an der Deutschen Sporthochschule mit diesem Bereich beschäftigt und die ersten Analysen gemacht hatte. Ich habe versucht, die Fußballkollegen zu motivieren mitzumachen. Diese haben jedoch abgelehnt. Sie meinten, dass das viel zu aufwendig sei und man für ein Spiel ein paar Tage bräuchte. Ich habe also zunächst einmal geschaut, welche aktuellen Softwaremöglichkeiten es auf dem Markt gibt. Einige kannte ich bereits. Dann bin ich zur Firma Mastercoach gegangen, weil ich mit dieser bereits im Vorfeld zusammengearbeitet hatte. Da merkte ich auf einmal, dass die Mitarbeiter ein bisschen zurückhaltend waren. Bis ich mitbekommen habe, dass sie eigentlich gerne meinen Job gehabt hätten und auch schon mit einem Mitarbeiter ein paar Sachen für den DFB gemacht haben. Das war mir damals nicht so bewusst. Nichtsdestotrotz haben wir die Lizenz bekommen. Zudem hat Uli Voigt über die Telekom fünfzehn Laptops besorgt, sodass wir schließlich auf jedem Laptop eine Lizenz hatten. So konnten wir nach den Vorgaben des DFB und der Trainer die ersten Mannschaften analysieren. Klar hatten wir die Informationen über die 31 Teams, aber wichtig waren vor allem die Vorrundengegner sowie potenzielle Viertelfinal- und maximale Halbfinalgegner, die wir analysiert hatten. Vom Rest haben wir nur allgemeine Informationen gesammelt. Aber das ging schon im Jahre 2006 so weit, dass ich alle deutschen Botschaften der Länder, gegen die wir gespielt oder die an der WM teilgenommen haben, angeschrieben habe. Von diesen 31 Ländern haben 22 deutsche Botschafter geantwortet. Die Hälfte davon hat gesagt, dass sie uns keine Informationen geben würde. Ich wollte nichts anderes von ihnen haben als z. B. den „Kicker“ von Brasilien oder so etwas in der Art. Ich wollte keine Geheiminformationen, sondern einfach nur die Tages- oder Sportzeitungen von ihnen haben. Aber selbst diese haben mir einige Botschaften nicht gesandt. Allerdings habe ich dann dennoch über den Kurierdienst jede Woche ein Zeitungspaket bekommen. Wir hatten an der Sporthochschule Studierende aus über 80 Ländern und somit immer jemanden vor Ort, der übersetzen konnte. So haben wir weitere Informationen eingeholt, denn die Trainer haben sich von Anfang an auch für die Stimmung in den verschiedenen Ländern interessiert. Wenn es hieß, dass ein Land gegen Deutschland spielen würde, wollten sie wissen, wie in diesem Land über Deutschland gedacht wird. Darüber hinaus konnten wir über diese Medienanalyse auch sehr gut die Persönlichkeitsstrukturen der Spieler aufzeichnen. Diese Informationen zu haben ist in der heutigen Zeit nicht ganz unwichtig.

Wie hat sich das Team Köln anfangs zusammengesetzt und wie setzt es sich jetzt zusammen?

Bis 2014 lief das ganze unter meiner Leitung, inzwischen ist Dr. Stephan Nopp der Leiter der Abteilung. Er hat zunächst in Köln studiert, war währenddessen Mitarbeiter des Analyseteams und hat schließlich seine Diplomarbeit über die Spielanalysen 2006 geschrieben. 2012 hat er seine Doktorarbeit darüber verfasst, inwiefern Ballbesitz für den Spielausgang ausschlaggebend ist. Jetzt sitzt er bei Joachim Löw mit im Team. Für jemanden wie mich ist das natürlich eine sehr schöne und erfolgreiche Geschichte, wenn man das von Anfang an miterleben kann. 2014 waren um die 45 Studierende im Team Köln. Für die aktuelle EM sind derzeit 30 bis 40 Studierende im Einsatz. Wir hatten interessanterweise sehr viele ausländische Studierende dabei: Koreaner, Japaner usw. Es waren oft Studierende der Länder im Team, gegen die wir gespielt haben. Da gab es aber nie Probleme. Sie fanden es sehr wichtig, an unserem Projekt teilzunehmen, um das Gelernte eventuell später auch in ihr Land transportieren zu können.

Wie läuft die Arbeit genau ab?

2006 war es zum Beispiel so: Ein Student hatte ein A-Team und ein B-Team. Ein A-Team war ein potenzieller Gegner, gegen den wir spielen konnten, und ein B-Team war ein Gegner, auf den man wahrscheinlich nie treffen konnte. Wir haben pro Land die letzten drei, vier vergangenen Qualifikations- und Freundschaftsspiele nach Vorgabe der Trainer analysiert und ihnen die Ergebnisse vorgelegt. Aber man muss sich mal vorstellen, wie sich die technischen Möglichkeiten, die wir hatten, entwickelt haben: 2006, noch während der WM, mussten wir natürlich weiterarbeiten und die entsprechenden Gegner analysieren. Das haben wir in Köln gemacht und haben dann die gebrannten DVDs per Kurierdienst zum Flughafen Köln/Bonn gefahren, von wo aus sie nach Berlin geflogen wurden. Denn mit der Internetübertragung damals, fünf Gigabyte, da war überhaupt nicht daran zu denken, dass man die Daten abschicken konnte. Das heißt, das war damals wirklich noch technisches Mittelalter. Aber es hat geklappt.

Das allerwichtigste, was wir schon im Vorfeld unserer ersten WM-Analyse gemerkt haben: Wir mussten erstmal lernen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Denn im Fußball kann man wohl Tage und Wochen darüber diskutieren, was ein „Zweikampf“ oder was eine „Torchance“ ist, was ein „Pass in die Tiefe“ ist und um wie viel Prozent das ganze abweichen darf, damit es noch ein „Pass in die Tiefe“ ist. Da ist in mir natürlich der Wissenschaftler hochgekommen, der das alles genau definiert haben wollte. Anfangs war das auch ein kleiner Kampf mit den Trainern, denn so genau wollte man das auch nicht haben. Man wollte natürlich in der Fußballpraxis bleiben. Für uns aber war es dennoch wichtig, dass sowohl alle Trainer als auch Studierenden eine gemeinsame Fachsprache beherrschten. Nach der WM 2006 hat sich der Trainerstab unter der Leitung von Joachim Löw zusammengesetzt und man hat eine Spielphilosophie entwickelt. Man hat Leitlinien für jede einzelne Position und für die Mannschaftsblöcke entwickelt. Ich habe versucht, diese wissenschaftlich zu überarbeiten. Im Laufe der Zeit hat sich das immer weiter entwickelt. Damit das klarer wird, erläutere ich das an einem Beispiel: Am „Abdrängen des Außenstürmers“. Wie soll der Verteidiger stehen, wohin soll der Verteidiger den Außenstürmer abdrängen? Die Philosophie der Nationalmannschaft besagte damals: „Möglichst nach innen“. Und in jedem Lehrbuch steht natürlich: „Nach außen“. Aber man bildet dann „Abwehrdreiecke“ und so weiter. Man muss aber jede einzelne Situation ganz konkret beurteilen. Aber nach diesen Formen der Spielphilosophie, wie z. B. dem Abdrängen des Stürmers durch einen Verteidiger, wurden die Szenen abgelegt. Wenn wir zehn Szenen hatten und fünfmal nach außen und fünfmal nach innen abgedrängt wurde, oder in der Regel eben neunmal nach außen und einmal nach innen, dann heißt es eben: Der Verteidiger drängt den Stürmer in der Regel nach außen ab oder nach innen ab. Der Gegner wurde so nach der Spielphilosophie der deutschen Nationalmannschaft analysiert.

Studentische Spielanalysen für das Nationalteam: Alles EHRENAMTlich

Im Jahre 2008 hatten wir dann schon ein relativ großes Team an Studierenden. Jede/-r von ihnen hat in dem halben Jahr vor einer EM oder WM mindestens zehn Stunden pro Woche gearbeitet. Sie wurden in Seminaren auf die Analysen vorbereitet. Wenn man das hochrechnet und wenn dreißig Leute arbeiten, kamen da schon einige Planstellen zusammen. Viele von ihnen haben gefragt, warum der DFB ihre Arbeit nicht bezahlen würde. Am Anfang war ich auch ein bisschen der Meinung, dass sie Geld für die Analysen bekommen sollten. Aber hinterher fand ich es dann korrekt, dass die Arbeit unbezahlt war, weil die Studierenden so hoch qualifiziert wurden. Die DFB-Trainer sind nach Köln gekommen, haben sie ausgebildet und ihnen nochmal die Spielphilosophie der Nationalmannschaft vermittelt – in Theorie und Praxis. Zudem gab es manchmal Trikots oder ein gemeinsames Essen mit Urs Siegenthaler und weiteren DFB-Mitarbeitern, wofür der DFB die Kosten übernommen hat. Am Ende ihrer Tätigkeit als Spielanalyst(-inn-)en bekamen sie von Oliver Bierhoff, Joachim Löw und mir ein offizielles Zeugnis ausgestellt. Ich denke, dass diejenigen, die wirklich Interesse haben, an so etwas teilzunehmen, so stark davon profitieren, dass das auch keine 500 Euro im Monat aufgewogen hätten. Aber wir konnten uns dann auf jeden Fall sicher sein, dass wir die richtigen hatten, die zu 100% dahinterstanden. Entwickelt hat sich das sehr stark, immer wissenschaftlicher. Was vom Trend her sehr interessant ist: Am Anfang haben wir rein qualitativ gescoutet, es wurde also kaum statistisches Material verwendet, sprich es gab kaum diese berühmten Strichlisten. Vielmehr wurde versucht herauszufinden, wie sich der Gegner bei Rückstand verhält, wie sich die einzelnen Mannschaftsblöcke verhalten, wie das Umschaltspiel nach Ballgewinn und nach Ballverlust ist, wie schnell der Gegner dann wieder in der Grundordnung ist. All diese Informationen haben die Trainer natürlich viel mehr interessiert als beispielsweise die Anzahl der Ecken.

Wir hatten später natürlich sehr viele Analysedaten. Deshalb sind wir dazu übergegangen, das Statistische in den Mittelpunkt zu stellen, weil wir mit dem statistischen Material dann eben wirklich auch wissenschaftlich arbeiten konnten – also mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit Varianzanalysen, sodass wir da einige gute Ergebnisse erzielen konnten. Aber interessanterweise ging der Trend von der Überbetonung der „reinen Zahlen“ wieder zu 50% qualitative und 50% quantitative Arbeit über. Jetzt ist es so, dass das Qualitative noch mehr im Mittelpunkt steht, wobei die Zahlen und Daten die Basis darstellen.

 

Beherrschen der Fußballsprache als Grundvoraussetzung

Welches Fußballwissen müssen die Studierenden mitbringen, um Teil des Team Köln werden zu können?

Wir haben eine Fibel von rund 100 Seiten mit der Fußballsprache. Diese müssen die Bewerber/-innen draufhaben. In dem Buch steht beispielsweise, was ein „Pass“ ist und ab wann das ganze als „Dribbling“ zählt, ab drei Ballkontakten. Alles muss ganz klar definiert sein.

Wie werden dann zwei aufeinanderfolgende Ballkontakte eines Spielers bezeichnet?

Das ist die „Ballverarbeitung“. Was wohl genauso interessant ist: Bei uns gibt es den Begriff „Zweikampf“ nicht. Ein „Zweikampf“ besteht eigentlich nur, wenn zwei Spieler in gleicher Entfernung auseinander stehen und der Ball genau in der Mitte herunterfällt. Diese Situation gibt es ja so gut wie nie. Deshalb wird der „Zweikampf“ bei uns in vier verschiedene Bereiche eingeteilt: Das ist das Verhindern eines Zusammenspiels, das Tackling, die Abwehr gegen Dribbler und das Kopfballspiel. Genauso verhält es sich mit dem Begriff „Torchance“: Wenn ein Spieler am Ball ist, hat er eine „Torchance“. Wenn ich aber einen Zentimeter am Ball vorbeirutsche und dabei zwei Meter vom Tor entfernt bin, zählt das nicht als „Torchance, weil ich den Ball nicht berührt habe.

Wenn man hingegen an der eigenen Torlinie steht und den Ball schlägt, also einen klassischen „Clearingstoß“, unkontrollierten Stoß, ausführt, und „Kyrill“ kommt und den Ball ins Tor bläst, hat man theoretisch eine „Torchance“, weil man am Ball war. Auch, wenn diese vielleicht in dem Fall mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 Millionen eintritt (lacht). Aber wer legt fest, wo das ganze anfängt und wo es aufhört? Natürlich hat man ein Gespür dafür, aber im Allgemeinen ist es subjektiv. Deswegen haben wir eben eine gewisse Zeit gebraucht, um die Termini entsprechend zu vereinheitlichen. Das müssen die Studierenden erstmal lernen. Dann werden sie eingewiesen. Jede/-r Mitarbeiter/-in bekommt einen eigenen Laptop mit der entsprechenden Software. Wir haben eine eigene Software mit eigenen Tools entwickelt.

Was ist neben dem Beherrschen der Fachsprache wichtig? Wie sieht die Aufnahmeprüfung aus?

Motivation ist die Grundvoraussetzung, um im Analyseteam aufgenommen zu werden. Wenn wir merken, dass jemand nicht zuverlässig sind, ist er oder sie raus. Man kann ja auch nicht einfach mal so ein Länderspiel verlegen. Wir hatten schon den Fall, dass wir im Vorfeld 60 Leute hatten, von denen 30 übrig geblieben sind. Das waren dann aber diejenigen, auf die wir uns hundertprozentig verlassen konnten. Zudem muss jeder, der bei uns mitmacht, schon mal im höheren Amateurniveau gespielt haben und auch einige Grundkenntnisse in diesem Bereich haben. Dahingehend haben wir interessanterweise mehrfach beobachtet, dass jemand, der selbst in der Landes- oder Bezirksliga gespielt hat, besser war als jemand, der selbst in der Regionalliga aktiv war. Denn diese haben das ganze oftmals nicht so ernst genommen.

Bei der Aufnahmeprüfung müssen die Bewerber/-innen unter bestimmten Gesichtspunkten ein Spiel analysieren. Diese Tests werden auch während der Mitarbeit regelmäßig wiederholt und die Studierenden werden aus- und fortgebildet. Es ist keine Hexerei. Manchmal sind Studierenden mit Spielszenen gekommen, die ihnen selbst gefallen haben. Das war auch immer ganz schön zu beobachten, weil sie dadurch teilweise sehr kreativ geworden sind.

Was gefällt Ihnen am Meisten daran, Spiele zu analysieren?

Ich glaube, man sieht ein Spiel ganz anders. Man schaut grundsätzlich auf taktische Analysen. Mir fällt es immer schwer, ein Spiel völlig unbedarft zu gucken, ob ich jetzt ein Spiel in der Kreisklasse betrachte, oder ob ich mir das Europa League-Finale des FC Liverpool ansehe. Ich schaue es immer unter taktischen Gesichtspunkten und immer wieder im Vergleich zur deutschen Fußballnationalmannschaft: Was ist gut daran, was weniger? Natürlich ist bei den meisten vieles schlechter (lacht). Es geht dabei nicht um das technische Vermögen des Einzelnen, sondern um das gesamtmannschaftliche Verhalten. Oder eben auch um Körpersprache, denn die Psychologie spielt ja doch eine sehr starke Rolle. Das hat mich zum Beispiel maßlos gestört beim Spiel des FC Bayern gegen Atletico Madrid: Wenn man eine Viertelstunde vor Schluss noch ein Tor schießen muss und zum Einwurf geht, anstatt da wirklich zum Einwurf zu sprinten und das Spiel schnell zu machen und da jede Sekunde herauszuholen. So etwas ist für mich Körpersprache, Willenssache und eine Mentalitätsfrage. Ich glaube, dass das bisher noch viel zu wenig erforscht ist und dass darauf noch viel zu wenig Wert gelegt wird. Theoretisch hatten wir sogar zum Ziel, biomechanische und motorische Elemente zu analysieren und zu schulen: Wenn z.B. ein Verteidiger gegen Ronaldo spielen musste und wir analysiert hätten, dass er mit Vorliebe den „Übersteiger“ macht, dann sollte ein Verteidiger im Training die Finte genauso üben. Denn wenn ich das über das spinalmotorische System selbst machen kann, kann ich natürlich im peripheren Sehen und im Ansatz viel früher erkennen, wenn so eine Bewegung eingeleitet wird, was der Gegner vorhat. Und das sind natürlich hochwissenschaftliche Sachen. Soweit sind wir leider noch nicht. Oder vielleicht zum Glück. Sonst wäre alles sehr kongruent und dann käme vielleicht gar kein Spiel mehr zustande. Auf der anderen Seite: Alle Statistiken und Spielanalysen helfen sicherlich nicht, aus den berühmten Ackergäulen Rennpferde zu machen. Aber ich glaube, je gleicher die Mannschaften sind und je höher deren Niveau ist, umso mehr sollte man die Möglichkeiten nutzen, die Spielanalysen bieten. Das können eben die entscheidenden Prozente sein. Wenn ich mich an ein Spiel gegen Spanien erinnere: Wir hatten 800 Seiten und zig DVDs über diesen einen Gegner. Er wurde regelgerecht „auseinandergenommen“, sodass wir alles über ihn wussten. Hansi Flick und das Team um Chefscout Urs Siegenthaler mussten das alles lesen und daraus ein Exzerpt für Joachim Löw zu machen, das war schon eine Aufgabe. Der Trainer musste natürlich wissen, was noch alles in den 800 Seiten stand. Dafür musste er auch ein Verständnis entwickelt haben.

Arbeitsschwerpunkt und Mannschaftsbesprechungen

Was interessiert die Trainer und Urs Siegenthaler am Meisten? Worauf wird der Schwerpunkt bei den Spielanalysen gelegt? Was genau steht inhaltlich auf den zwei oder drei der 800 Seiten?

Es geht um rein qualitative Fragen: Wie ist der Spielaufbau einer Mannschaft, d. h. wie werden Angriffe eingeleitet? Gibt es dahingehend Muster? Läuft das ganze über bestimmte Personen? Wie verhält sich ein Team, wenn es den Ball verloren hat? Wie reagiert es, wenn es zurückliegt? Wie ist das Verhalten der gesamten Abwehr, wie ist das der Stürmer – gehen sie mit zurück, helfen sie sich gegenseitig? All diese ganz normalen Aspekte eigentlich. Wir haben alles anhand von Videomaterial belegt.

Werden die Analysen dann auch auf die einzelnen Positionen aufgeteilt? Im Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ gibt es z. B. eine Sequenz, in welcher Joachim Löw ausschließlich mit den Verteidigern eine Sitzung hat und darin Videos bespricht…

Das ist das Schöne, dass er das so macht. Vor einem Länderspiel kommt in der Regel Urs Siegenthaler mit seinem Team und erklärt genau, wie die gegnerische Mannschaft spielt. Dann nimmt er sich beispielsweise noch einmal die Abwehrspieler heraus und bespricht mit ihnen, wie das Aufbauverhalten, das Sturmverhalten des Gegners ist. Anschließend setzt er sich mit den Angreifern zusammen und bespricht das gegnerische Abwehrverhalten im Detail. Das wird wirklich in diesen Blöcken gemacht. Im Sommer 2006 hat danach Joachim Löw eine Mannschaftsbesprechung einberufen und erstmal die eigene Taktik vorgestellt. Anschließend hat er den Sturm herausgegriffen und den Jungs gesagt, wie sie spielen sollen. Das gleiche hat er mit der Abwehr etc. gemacht. Und dann kam erst Jürgen Klinsmann als Cheftrainer.

Diese Aufgabenteilung ist schon sehr markant. Ich denke, dass sich Trainer, die im Rahmen der Spielvorbereitung alles selbst machen, selbst verschleißen und abnutzen. Wenn Jürgen Klinsmann vor den Spielen bei der WM 2006 nochmal die wichtigsten taktischen Elemente genannt hat und für Motivation gesorgt hat, dann war das meines Erachtens insgesamt eine gute Aufteilung der Aufgaben im Trainerstab.

Zur Sicht deutscher Profitrainer und Klinsis Gummibändern

Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich der Spielanalysen mit den Trainern der deutschen Profiligen gemacht?

Was ich leider immer wieder festgestellt habe: Oft wird heutzutage von den „Laptop-Trainern“ gesprochen. Klar, die Entwicklung geht in diese Richtung, aber in der Bundesliga wird in dem Bereich noch viel zu wenig gemacht. Da kommt oft noch der Vorwurf an uns: „Ja, ihr mit eurer Nationalmannschaft, wenn ihr im halben Jahr ein paar Spiele habt, da habt ihr Zeit euch darauf vorzubereiten. Wir spielen alle drei Tage, das geht gar nicht“. Ich sage dann nur: „Liebe Kollegen, was ist bei einer EM oder WM? Da spielen die Jungs auch alle drei Tage und die Spiele werden trotzdem genauso vorbereitet“.

Haben Sie in der Hinsicht seit der WM 2014 eine veränderte Einstellung bei ihnen wahrgenommen?

Nein. Der Trend bei den Trainern ist der, den man auch von Seiten der Nationalmannschaft sehr begrüßt: diese Tuchels, Nagelsmänner und andere junge Trainer. Das sieht man natürlich schon sehr gerne. Denn es ist nicht damit getan, dass jemand hundertmal in der Nationalmannschaft gespielt hat und dann Trainer wird. Sicherlich kann dieser auch ein guter Trainer sein, aber ich finde einfach, man muss heute – und das ist meiner Meinung nach immer noch der ganz große Verdienst von Jürgen Klinsmann – einen Weit- und Durchblick haben. Wenn er damals nicht gekommen wäre, wäre der DFB in meinen Augen vielleicht auch noch nicht so weit wie heute!

Wenn man allein die Tatsache betrachtet, dass er Fitnesstrainer dazugeholt hat.

Genau. Ich erinnere mich daran, als Jürgen Klinsmann und Joachim Löw bei uns in Köln waren und aus Motivationsgründen mit den Studierenden gesprochen haben. Ich habe Jürgen Klinsmann damals gesagt, dass ich es absolut super finde, was er macht. Ich meine, er hat nichts anderes gemacht, als im Leistungssport üblich war. Aber im Fußball eben nicht. Ich habe ihm verdeutlicht, dass wir hier an der Sporthochschule Köln, der renommiertesten Sporthochschule, sind, aber dass ich nicht verstehen würde, weshalb sich die Nationalmannschaft einen Fitnesstrainer aus den USA nehmen würde. Da erklärte er mir: „Ja, Herr Buschmann, das ist relativ einfach. Ich bin von heute auf morgen ins kalte Wasser geschmissen worden und ich wusste genau, was ich wollte und wen ich wollte. Mit dem FC Bayern haben wir uns zweimal bei Mark Verstegen in den USA fit machen lassen“. Dadurch wusste er, wie Mark Verstegen arbeitet und dass er sich auf ihn verlassen konnte. Da musste ich sagen: „Ja, ok“. Aber diese Antwort wollte ich erstmal haben.

Jürgen Klinsmann wurde ziemlich stark von der Presse kritisiert, als er mit seinen Gummibändern ankam. Aber wenn man Dritter wird, kann das nicht so falsch gewesen sein…

Aber überhaupt das Schaffen von diesen Grundstrukturen, das Hinzuholen von Spezialisten, vielen Trainern und auch Dinge wie die Spielanalyse, das ist nur durch Jürgen Klinsmann und Co. geschehen. Früher hat man in der Vorbereitung auf ein Turnier auf die routinierten DFB-Trainer gebaut. Diese hatten sicherlich sehr viel Erfahrung. Aber man kann nicht nur mal fünf DFB-Trainer zu fünf Spielen schicken, die dann eine mehr oder weniger oberflächliche qualitative Analyse von einem Spiel abliefern. Ich denke diese Zeiten sind vorbei. Und wenn man in der heutigen Zeit diese Möglichkeiten hat wie z. B. mit einer Universität zusammenzuarbeiten – wer das nicht nutzt, der handelt fahrlässig. Und wenn es nur das letzte Prozent ist, das damit herausgeholt wird. Aber das letzte Prozent kann entscheidend sein. Das berühmteste Beispiel ist Jens Lehmanns Elfmeterzettel. Wir waren die ersten, die versucht hatten, die Schützen statistisch auszuwerten. Wenn man eben weiß, dass man in einer Stresssituation – und dazu gehört eben ein WM-Viertelfinale – dass man da zu 99% in die vom Schützen bevorzugte Ecke schießt, dann ist das eben so. Oder 2006, das fand ich wunderbar: Vor dem WM-Spiel gegen Schweden rief mich Urs Siegenthaler an und sagte: „Jürgen, wir haben keine Informationen über Larsson, wohin der die Elfmeter schießt“. Ich meinte darauf: „Ja, dann haben wir das nicht analysiert“. Aber wir hatten eben Kontakte nach Schweden und Barcelona und haben dort angerufen. Dadurch haben wir herausbekommen, dass er als Schütze so perfekt war, dass er grundsätzlich reagierte und nicht agierte. Er wartete immer, bis der Torwart etwas machte, dann schoss er z.B. in die andere Ecke. Also haben wir den Tipp weitergegeben, dass sich Jens Lehmann nicht bewegen soll. Und wie es der Zufall wollte, kam es zum Elfmeter, Lehmann ist wie versteinert stehen geblieben und was hat Larsson gemacht? Er wusste nicht, was er tun sollte und hat den Ball über das Tor geschossen. Wenn man so etwas bei einer WM erreicht, dann sitzt man schon zuhause im Fernsehsessel und macht die „Becker-Faust“ (lacht).

Kritik an den Profitrainern: Die Datenbank blieb ungenutzt

Man muss zwischen den Gegnerbeobachtungen und der Suche nach passenden Spielern für das eigene Team differenzieren. Welchen Umfang hatte Ihre Datenbank?

Wir haben das – aus wissenschaftlichen Gründen – parallel gemacht. Wir haben sogar die Copa Libertadores analysiert und alle U-Turniere sowie die Afrika-, Asien- und Südamerikameisterschaft. In der Datenbank war alles drin, wir hatten um die 15.000 Spieler ausgewertet, und über 10.000 Spiele. Wenn jetzt ein Trainer gesagt hätte, dass kurzfristig doch Meyer anstatt Müller in der gegnerischen Startelf steht und er keine Informationen über diesen hätte, hätte er nur Meyer in die Datenbank eingeben müssen und sich dann alles über Meyer in der Datenbank anschauen können – und das inklusive Bilder, nicht nur Daten und Fakten.

Lag der Fokus Ihrer Arbeit wirklich auf den Gegnern oder hat Joachim Löw auch nach Zusammenschnitten der Länderspiele von Per Mertesacker etc. gefragt?

Wir haben eher die Gegner unter die Lupe genommen. Die Analysen der eigenen Mannschaft bilden den Arbeitsschwerpunkt von DFB-Chefscout Urs Siegenthaler. Wenn er z. B. noch ein paar Videoszenen von Per Mertesackers Spielen für Arsenal gebraucht hat, hatte er Zugriff auf unsere Datenbank, wenn ihm die entsprechenden Daten tatsächlich nicht alle durch seine Beobachtungen bzw. vom DFB vorlagen. Wir hatten in der Hinsicht wirklich höchstens mal den Auftrag, im Vorfeld einen Perspektivkader zu beobachten. Aber wenn es um das Stellungsspiel von Mats Hummels etc. ging, war das natürlich die Aufgabe der Trainer (lacht).

Wie kann man sich die Arbeit von Joachim Löw diesbezüglich vorstellen? War es so, dass er Ihnen und Ihrem Team ein Profil vorgegeben hat, wenn er einen neuen Spieler ins A-Team aufnehmen wollte? Oder hat er zusammen mit Urs Siegenthaler die Datenbank durchforstet und dort nach Spielern gesucht, die in die Nationalelf passen?

Wir haben vor einer EM oder WM hier und da zu einem vorgegebenen Perspektivkader, der um die vierzig Spieler umfasste, eine Analyse abgegeben. Aber unsere Datenbank wurde vom DFB sonst kaum genutzt. Wir haben auch mit drei, vier Bundesligisten zusammengearbeitet, die relativ wenig Geld für die Datenbank ausgeben mussten. Deren Trainer hätten hineingucken können und beispielsweise nach einem rechten Verteidiger, der ein Linksfuß ist, 1, 70 m groß ist und pro Spiel meinetwegen zehn Flanken schlägt, suchen können. Dann hätte der PC vielleicht zwanzig Spieler gefunden, die die Kriterien erfüllen. Davon wären vielleicht zehn zu teuer gewesen, dann hätte es vielleicht noch fünf Spieler gegeben, die der Trainer aussortiert hätte und dann wären z. B. drei Spieler aus den skandinavischen Ligen und zwei aus der Bundesliga in der engeren Auswahl gewesen. Die hätte sich der Trainer näher anschauen können und da wären anhand der haargenauen Analyse der Datenbank zwei oder drei Spieler übrig geblieben. An der Stelle hätte der Trainer dann seine Scouts hinausschicken sollen – und meines Erachtens auch wirklich erst zu diesem Zeitpunkt, um die Spieler genauer beobachten zu lassen. Bis dahin hätte sich der Verein schon mindestens 100.000 Euro sparen können.

Aber kein Mensch hat das gemacht. Keiner. Obwohl sie die Datenbank zur Verfügung hatten. Die Clubs haben sich immer noch für die Spieler entschieden, die ihnen per DVD und mit der Ausdrucksweise „Ja, ich hab einen guten für dich, der macht in der nächsten Saison zehn Buden“ empfohlen wurden. Dafür haben sie dann fünf oder zehn Millionen Euro bezahlt. Das war für mich einfach unverständlich.

Woran, denken Sie, lag das hauptsächlich? Ist es so, dass viele Trainer nicht von ihrer Arbeitsweise, die sie schon jahrelang betreiben, abweichen wollen und somit schlichtweg skeptisch gegenüber Neuem sind? Oder haben sie kein Vertrauen in die Datenbank? Das Ganze ist ja in gewisser Weise wirklich unverständlich.

Ja, das passte nicht zusammen. Das wollte man nicht. Man hatte zum Beispiel Vertrauen in jemanden, der schon dreimal einen guten Spieler verkauft hat und dann hat man eben auch das vierte Mal auf denjenigen gehört.

Quergefragt

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Analysezeit?

Ja, aber eine eher negative. Die TV-Sender müssen ihre Sendungen vor den Fußballspielen immer füllen. Vor dem Spiel gegen Griechenland bei der EM 2012 war wirklich jeden Tag die Tagesschau, das Heute-Journal etc. bei mir. Da wollte ich unsere Arbeit bzw. vor allem die Arbeit der Studierenden in den Mittelpunkt stellen. Also habe ich erzählt, dass die Studierenden einige Nachtschichten einlegen mussten, weil Griechenland nicht wirklich auf unserem Zettel stand. Das heißt, dass wir nicht damit gerechnet haben, dass wir gegen sie spielen würden. Ich habe gesagt, dass wir uns eben mehr auf die anderen Gegner konzentriert hätten und deshalb in den vergangenen Tagen mehr arbeiten mussten. Das kam überall im Fernsehen. Es ist natürlich klar, dass der Trainerstab sehr aufgeregt war, als er das gehört und gelesen hat. Denn damit haben wir Griechenland stark gemacht, schließlich kam das so herüber wie: „Euch hatten wir gar nicht auf dem Zettel, euch haben wir gar nicht beobachtet“. Das war vom Psychologischen her nicht gut. Ich als Mitarbeiter erzählte so etwas und da war man natürlich stinkesauer. Ich wollte ja eigentlich nur hervorheben, wie gut und wie viel die Studierenden gearbeitet hatten. Da musste man wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen (lacht). Vor allem, wenn das auf dieser Ebene geschieht. Das hatte wirklich jeder mitbekommen, weil ja jeder die Tagesthemen guckt. Eine Stunde vor dem Spiel wurde das auch nochmal erwähnt. Das war wirklich fürchterlich.

Jetzt ein kleiner Themenwechsel. DIE MANNSCHAFT steht immer im Vordergrund, stets wird von der Nationalmannschaft gesprochen. Aber haben Sie auch die Spiele der Jugendnationalmannschaften analysiert?

Als die Philosophie der Nationalmannschaft feststand, wurde diese auch den Trainern der U-Teams zugänglich gemacht. Jedoch war es damals nicht immer möglich, dass diese auch von ihnen umgesetzt wurde. Heute ist das meiner Meinung nach sehr viel besser. Die Kooperation zwischen den Jugendnationalteams und dem A-Team hat sich äußerst positiv entwickelt und ist weiter fortgeschritten.

Wie lief die Zusammenarbeit mit U20-Cheftrainer Frank Wormuth, der zugleich für die Fußball-Lehrer-Lehrgänge verantwortlich ist? Hierbei fließen Spielanalysen sicherlich zu einem nicht geringen Anteil ein…

Die Zusammenarbeit mit Frank Wormuth war immer gut. Ich konnte regelmäßig themenspezifische Vorträge vor den angehenden Fußball-Lehrern halten. Trotzdem wurde das ganze methodisch nicht so schnell in der Form aufgebaut, wie ich mir das durchaus hätte vorstellen können. Anfangs haben Urs Siegenthaler und ich ab und an über Spielanalysen referiert. Es hat einige Zeit gedauert, bis man die Thematik wirklich didaktisch/methodisch gut in den Lehrgang integriert hatte.

Waren Sie selbst in Ihrer Zeit als Leiter des Instituts für Scouting-Studien an der DSHS während der Spiele stets in Köln oder haben Sie diese mitunter live im Stadion angeschaut?

Ich war 2008 bei der EM in Österreich und 2006 beim Viertelfinale in Berlin gegen Argentinien. Bei jedem Turnier habe ich mir ein oder zwei Spiele angeguckt, allerdings nicht operativ, sondern nur als Gast. Ich habe meine Mitarbeiter immer im Hintergrund arbeiten lassen. Das sind dann stets min. zwei Studierende, die dafür zuständig sind. Nach den Spielen habe ich mir die Berichte vorlegen lassen und bin sprachlich und wissenschaftlich nochmal drüber gegangen, bevor sie abgeschickt wurden. Operativ habe ich in der Zeit kaum mehr gearbeitet, das haben wirklich die Studierenden übernommen.

Wie sehen die Berufschancen für Spielanalystinnen und Spielanalysten aus?

Wenn ich jetzt auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicke, hatten wir mindestens zwanzig Studierende im Team, die inzwischen hauptberuflich im Spielanalysebereich tätig sind. Meiner Meinung nach müsste jeder Bundesligist eine mindestens sechsköpfige Spielanalyseabteilung haben, wobei die dann sowohl die Gegneranalyse, die Analyse der eigenen Mannschaft, als auch das klassische Scouting machen sollten. Wir haben die erste und zweite deutsche Liga von 2007 bis 2012 komplett analysiert und alle Ergebnisse in einer Datenbank festgehalten. Das war eine rein statistische Auswertung, in der wirklich alles drin war, und die wirklich kein Mensch außer uns hatte.

Vielen Dank für das spannende und sehr informative Interview!

Sehr gerne.