Fußballbuch-Update Nr. 10: Von Sabrina Flores zu Brianna Pinto

Liebe Fußballfans!

Unser Buch ist nun in North Carolina bei Brianna Pinto angekommen. Brianna ist Mittelfeldspielerin und hat schon einige internationale Erfahrungen gesammelt. Bereits im Alter von 12 Jahren war sie bei ihrem ersten US-Nationalteam-Camp dabei. 2016 nahm sie an der U17-Weltmeisterschaft in Jordanien und 2018 an der U20-Weltmeisterschaft in Frankreich teil.

Unser Interview entwickelte sich zu einem lockeren und sehr netten Gespräch über Briannas Geschichte, ihre Erfahrungen im College-Fußball und wir merkten wieder, wie klein die große Fußballwelt wirklich ist….

Lest es einfach selbst… 🙂 Viel Spaß!

Brianna Pintos Torjubel beim gegen New Jersey/New York Gotham FC. Foto: Andy Mead – USA TODAY Sports

Brianna, du hast das Fußballbuch von Sabrina Flores bekommen. Wie kam es dazu und warum hast du dich entschieden, an diesem „etwas verrückten“ Projekt teilzunehmen?

Das Projekt ist supercool. Ich finde es schön, dass so viele verschiedene Menschen an einem Projekt rund um den Fußball mitwirken. Sabrina hat mir das Buch überlassen und gesagt: „Hey, ich glaube, du hast eine wirklich interessante Geschichte auf deiner Reise durch den Profifußball erlebt, deshalb wollte ich dir dieses Buch geben, damit du hineinschreiben kannst.“

Ich habe mir all die anderen Geschichten angesehen und war mir sicher, dass ich einen Beitrag zu diesem Buch leisten wollte, weil ich es für eine wirklich schöne Sache halte. Das war das erstaunlichste Projekt, das ich je gesehen habe, und es gefällt mir.

Möchtest du ein wenig über deine Geschichte erzählen, die du in das Buch schreiben willst?

Mein Name ist Brianna Pinto und ich bin in Durham, North Carolina, aufgewachsen. Es war mein Lebenstraum für die University of North Carolina, Chapel Hill, zu spielen. Denn dort haben einige der besten Spielerinnen der Welt gespielt: wie Mia Hamm, Kristine Lilly und Cindy Parlow, die jetzt Präsidentin des US-Fußballverbands ist.

Es ist erstaunlich, denn eines der coolsten Dinge, die ich tun konnte, war, die US-Nationalmannschaft in Alter von 12 Jahren bis heute zu vertreten. Während meiner Zeit in der U20-Nationalmannschaft wurde ich als US-Jugendvertreterin für das vereinigte Kandidaturkomitee ausgewählt. Ich bin während der WM 2018 nach Russland gereist und habe zusammen mit Diego Lainez (Mexiko) und Alphonso Davies (Kanada) am 60. FIFA-Kongress teilgenommen, wo wir als Teil des vereinigten 2026-Komitees Reden darüber gehalten haben, warum die WM 2026 in Nordamerika ausgetragen werden sollte. Es war eine solch beeindruckende Erfahrung, weil wir vor der FIFA gesprochen haben, der Organisation, für die wir bereits damals gespielt haben. Es war schon immer mein Traum, als Erwachsene bei einer Weltmeisterschaft zu spielen, und ich hatte das Glück zu sehen, wie die FIFA tagtäglich arbeitet, den Präsidenten Gianni Infantino zu treffen, und zu erleben, dass viele Nationen weltweit die Bewerbung der Vereinigten Staaten für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft in Nordamerika 2026 unterstützen. Es war eine so erfüllende Erfahrung. Und für mich als Frau und Afroamerikanerin war es wirklich beeindruckend, Vertreterin einer Männer-WM zu sein. Ich schwärme davon, wie cool es war. Als ob ich die Weltmeisterschaft nach Hause bringen würde… (Sie hat ein breites Lächeln auf dem Gesicht…) Das ist also die Geschichte, die ich erzählen möchte, weil ich mit zwei weltweiten Superstars im Rampenlicht stehen durfte. Es war einfach eine so erfüllende Erfahrung.

Eine großartige, wirklich großartige Geschichte, vielen Dank.

North Carolina Courage-Mittelfeldspielerin Brianna Pinto (oben Mitte) feiert ihr Tor gemeinsam mit ihren Mitspielerinnen im Spiel gegen den New Jersey/New York Gotham FC im Sahlen’s Stadium.
Foto: Andy Mead – USA TODAY Sports

Lass uns über dich selbst sprechen. Was magst du am meisten am Fußball? Du hast natürlich erzählt, dass du mit 12 Jahren in einem größeren Team angefangen hast. Also ging es zu Beginn nur um Freundschaften und Spaß, oder ging es auch darum, „Oh, ich will wirklich Fußballprofi werden“?

Ich komme aus einer Fußballfamilie. Als mein Vater aufgewachsen ist, hat er am College gespielt. Einer meiner größten Träume war es, die Welt zu bereisen, und ich denke, dass Fußball eine globale Sache ist, bei der man Menschen aus der ganzen Welt trifft. Man kann überall hinreisen und spielen, weil er auf der ganzen Welt gespielt wird. Mein Vater sagte: „Fußball ist ein Weg, das zu tun. Wenn du weiter gegen den Ball trittst und gut genug wirst, kannst du die USA vertreten und weiterreisen.“ Nicht nur das Reisen ist ein großer Teil dieser Erfahrung. Denn ich denke, was mich jetzt motiviert, ist, dass ich durch diesen Sport wunderbare Menschen wie dich kennenlerne. Und ich habe die unwahrscheinlichsten Freundschaften in meinem Leben geschlossen. Ich glaube, dass wir durch die Liebe zum Sport auf eine wirklich schöne Art und Weise miteinander konkurrieren können, und es macht so viel Spaß, Weltmeisterschaften zu sehen, und wie Menschen aus der ganzen Welt für ein Ereignis zusammenkommen. Zusammenfassend würde ich sagen, dass ich mit dem Fußballspielen angefangen habe, weil ich die Welt bereisen wollte, und weil ich es liebe an Wettkämpfen teilzunehmen und dabei lebenslange Freundschaften mit Menschen zu schließen.

In den Vereinigten Staaten spricht man von College-Teams. Vor elf Jahren fand in Deutschland die Weltmeisterschaft der Frauen statt. Ich war als Ehrenamtliche dabei. In Deutschland wird der Frauenfußball immer populärer, aber im Vergleich zum Männerfußball ist es ziemlich schwierig. Meinem Eindruck nach ist der Frauenfußball in den USA ziemlich beliebt oder bekannt. Wie sieht es denn im Moment aus? Arbeitest du neben dem Fußball oder studierst du oder wie funktioniert das? Und wenn du das System ändern könntest, was würdest du ändern?

Ich denke, das ist eine wunderbare Frage. Eines der coolen Dinge im College-Fußball war Titel IX. Das war eine Änderung, die in den 70er Jahren verabschiedet wurde. Sie ermöglichte es Frauen, in den Vereinigten Staaten Sport zu treiben. Und sie erhielten die gleiche finanzielle Unterstützung wie die Männerteams. Da Fußball, Feldhockey oder andere Frauensportarten im College-Sport keine Einnahmen generieren, erhalten wir Geld von der (American) Football-Mannschaft der Männer oder der Basketball-Mannschaft der Männer, damit wir existieren können.

Im Grunde genommen ermöglicht uns das, die schönsten Trikots zu tragen, auf die gleiche Weise zu reisen wie die Männerteams, die gleichen hochwertigen Hotels zu beziehen und dergleichen mehr. Das ist einfach ein gleichberechtigtes Spielfeld für die Männer- und Frauenteams. Außerdem ist man im College-Sport verpflichtet, gleichzeitig eine Ausbildung zu absolvieren, wobei es eine persönliche finanzielle Entlastung bedeutet, wenn man ein Vollstipendium erhält. Ich war also Vollstipendiatin, habe meine Ausbildung bezahlt bekommen und konnte auf einem wirklich hohen Niveau Fußball spielen. Als ich aufgewachsen bin, konnte ich den besten Mädchen beim College-Fußball zusehen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das Niveau im Profifußball gut genug, um die dort vorhandenen Talente zu halten. Wir arbeiten immer noch daran, die ungleiche Bezahlung und andere systembedingte Probleme im professionellen Frauenfußball zu verkleinern.

Der Collegefußball wird von großen Fernsehsendern wie ESPN unterstützt. Wir haben eine gute Einschaltquote, weil er weit verbreitet ist. Er ist hier also sehr populär, und ich fand es toll, Teil einer so erfolgreichen Ära des Frauen-College-Sports zu sein. Ich habe bei UNC-Chapel Hill [Team der University of North Carolina; Anm. von LS] gespielt, in einer der größten College-Fußball-Dynastien des Landes. Wir haben 22 nationale Meisterschaften gewonnen. Das sind mit Abstand die meisten. Einer der Gründe, warum ich dort hingegangen bin, ist, dass ich lernen wollte, was man braucht, um Mitglied der US-Frauen-Nationalmannschaft zu werden, und weil wir dort so viele Spielerinnen haben, die für das Nationalteam der Vereinigten Staaten gespielt haben. Carolina verkörpert gewissermaßen die DNA, die man braucht, um die internationale Ebene zu erreichen.

Eines der Dinge, die ich ändern würde, ist, dass man in den letzten drei Jahren, als ich auf dem College war, kein Geld verdienen konnte. Nach dem Gesetz „Name, Image & Beliebtheit“ hatte die Schule die Werberechte, und es war nicht erlaubt, mit Dingen Geld zu verdienen, bei denen dein Gesicht oder deine Unterschrift verwendet wurde.

Aber im letzten Jahr wurden die Regeln geändert und studierende Athleten dürfen nun Geld verdienen. Man lebt im Grunde wie ein Profi und erhält gleichzeitig eine Ausbildung, und ich denke, das ist das Beste aus beiden Welten. Die Veränderung, die ich mir zu meiner Studienzeit gewünscht habe, ist also vor kurzem eingetreten, und sie verändert das Leben der studierenden Sportler auf so positive Weise. Was die Entwicklung des Fußballs angeht, so trainieren immer mehr Mädchen schon in jüngeren Jahren gemeinsam mit den Profis. Ich habe zum Beispiel mein letztes Jahr, in dem ich spielberechtigt war, nicht wahrgenommen, um Profifußballerin zu werden, weil ich bezahlt werden wollte. Ich spiele gegen die beste Konkurrenz, gegen internationale Superstars aus der ganzen Welt. Und ich war einfach bereit für etwas Neues. Die National Women’s Soccer League (NWSL) [nationale Frauenfußballliga in den USA; Anm. von LS] wird also immer nachhaltiger und ist bereit, alle Spielerinnen zu unterstützen. Immer mehr Mädchen wechseln in einem früheren Alter von der College-Liga zu den Profis, wie man es in Europa sieht. Das ist eine großartige Erfahrung, aber es ist definitiv etwas anderes.

Nun ein ganz anderes Thema. Du bist eine Schwarze und ich möchte dich fragen: Hast du jemals Erfahrungen mit Rassismus gemacht, denn ich denke, in deinem früheren Verein in New Jersey – ich habe Bilder auf Instagram gesehen und ich glaube, dass das kein Thema mehr ist? Gibt es verrückte Fans?

Weil ich denke, dass Frauenfußball nicht mit Männerfußball verglichen werden kann, da es nicht so sehr ein Thema ist: zum Beispiel schwul zu sein. In meinen Augen ist das für uns im Frauenfußball kein „Thema“. Wie sind denn deine Erfahrungen in den USA?

Mittelfeldspielerin Brianna Pinto (weißes Trikot) und Houston Dash -Verteidigerin Katie Naughton kämpfen in der zweiten Halbzeit im Texaner PNC Stadium um den Ball.
Foto: Maria Lysaker – USA TODAY Sports

Ich würde sagen, dass ich zwar viele Privilegien genieße, mir aber auch die Schwierigkeiten bewusst sind, mit denen viele schwarze Spielerinnen konfrontiert sind, wenn sie in den Vereinigten Staaten aufsteigen wollen. Zum Beispiel werden schwarze Spielerinnen von den Trainern oft nach ihren körperlichen Eigenschaften eingeteilt, was oft dazu führt, dass sie Flügelspieler oder Außenverteidiger werden, weil sie schnell sind. Es ist nicht üblich, dass schwarze Spieler im Mittelfeld spielen, und das ist meine Aufgabe. Ich glaube, ich bin eine der technisch versiertesten Spielerinnen auf dem Feld. Aber in den Vereinigten Staaten werden schwarze Spieler oft nur für ihre Schnelligkeit geschätzt. Ich denke, es ist schwierig, und das ist mir besonders im Profibereich aufgefallen, dass es eine Menge „movement for justice“ gibt, aber nicht unbedingt für Rassengerechtigkeit. Ich bin zum Beispiel eine große Befürworterin der LGBTQ+-Gemeinschaft, ich würde sie gerne auf jede erdenkliche Weise unterstützen. Meines Erachtens leistet die Liga hier gute Arbeit.

Ich würde jedoch gerne die gleichen Bemühungen für Schwarze sehen, die mit der Rassenungleichheit in den Vereinigten Staaten zu kämpfen haben. Ich habe das Gefühl, dass wir unsere schwarzen Spielerinnen nicht so unterstützen, wie wir es bei anderen Minderheiten tun. Dazu gehört auch, wie wir die Mittel verteilen und wie wir unsere Demonstrationen gestalten: Sind sie einheitlich? Stehen alle für die gleiche Sache ein? Und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass dies durchgängig der Fall ist.

Dann würde ich gerne zu deiner Geschichte kommen. Ich denke, du hast in den letzten Jahren so viel erlebt, also wie hast du die Entscheidung getroffen, worüber du schreiben willst? Und du hast mir auch von einem Foto erzählt… Wie lange hat es gedauert, bis du dich entschieden hast, und was ist die Geschichte dahinter?

Also, es ist die Geschichte, wie ich zum 60. FIFA-Kongress kam. Der Grund dafür, dass ich als Vertreterin der US-Jugend für diese Position ausgewählt wurde, war: Ich habe eine Geschichte erzählt, in der es darum ging, im ersten Länderspiel der U19 gegen den Iran zu spielen. Wir spielten bei einem Turnier in China. Es war die erste internationale Erfahrung für die Iranerinnen. Ich glaube nicht, dass die Punktzahl ausgeglichen war, aber das Spiel war wichtiger als das.

Wir konnten Beziehungen zu den iranischen Mädchen aufbauen und sie nach dem Spiel auch abseits des Spielfelds als Menschen kennenlernen. Es war eine wirklich schöne Erfahrung, weil sie meine Mannschaftskameradinnen und mich daran erinnerten, wie viel Glück wir hatten, dass wir alle Mittel und Möglichkeiten hatten, auf höchstem Niveau zu spielen, vor allem in diesem Alter, in welchem dies für sie ihre erste Gelegenheit war. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Was können wir als gut ausgestattete Nationen tun, um den Ländern, die gerade erst mit dem Frauensport beginnen, mehr Chancengleichheit zu bieten?

Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind zwei der Weltmächte im Frauenfußball. Damit sich der Sport auf der ganzen Welt entwickeln kann, müssen wir mehr tun: Unterstützen wir andere Nationen? Ich weiß, dass wir natürlich daran interessiert sind, dass unsere eigenen Länder gewinnen. Aber ich denke, dass alles, was wir tun können, um gleiche Bedingungen für alle zu schaffen, das Spiel in Zukunft viel besser machen wird.

Wie bin ich dazu gekommen, darüber zu schreiben? Ich meine, jeder kann über ein Spiel berichten, das er gewonnen hat, oder über den Gewinn einer Meisterschaft. Aber ich denke: Ich habe mich entschieden, diese Geschichte zu erzählen, weil sie auf den Punkt bringt, worum es beim Fußball geht. Denn so wurde ich für diese Position bei der FIFA-Veranstaltung ausgewählt, bei der wir uns die Gastgeberrechte für die Weltmeisterschaft sicherten. Es ging darum, dass Kulturen zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen. Das war eine großartige Sache, die innerhalb der FIFA passieren kann. Also wollte ich die Geschichte erzählen.

Wo hat das Turnier in China stattgefunden?

Es fand in Guangzhou statt.

Als wir uns weiter unterhielten, kamen wir darauf zu sprechen, dass Brianna kurz zuvor Lutz (Pfannenstiel; der auch einer der Autoren des Fußballbuches ist) getroffen hatte.

Ich habe ihn bei der Mac-Hermann-Veranstaltung getroffen. Ich war dort mit zwei anderen College-Spielern. Es war eine Veranstaltung zur Ehrung der drei besten Spieler im College-Fußball. Ihn in dem Buch zu sehen, war also wirklich einzigartig. (Sie blättert durch das Buch und zeigt mir ein Foto…) Dieses Bild ist mein Agent.

Nein, wirklich?! Oh mein Gott, ich muss das Urs erzählen, dem ehemaligen Schiedsrichter, der die Geschichte geschrieben hat und der die Geschichte liebt. Er war der Initiator dafür, dass diese Leute [Spieler aus den USA und aus dem Iran] für ein Bild zusammenkamen.

Ich habe tatsächlich ein Bild, das dem hier sehr ähnlich ist. Also, die Geschichte, von der ich erzählt habe, als wir gegen den Iran gespielt haben. Wir haben ein Foto wie dieses gemacht. Ich schicke es dir zu. Und ich kann es auch auf meine Seite kleben, wenn ich sie schreibe.

Wahnsinn!

(Sie zeigt mit dem Finger auf einen Mann auf dem Bild.) Er ging auch nach Carolina, an die University of North Carolina, Chapel Hill.

Und wie heißt er?

Eddie Pope. Und das ist Claudio Reyna (sie zeigt auf einen anderen Mann auf dem Bild), seine Frau hat für meinen Trainer in Carolina gespielt.

Oh, wow!

Ja, das ist wirklich einzigartig.

Das ist so cool! Das ist Fußball, so eine kleine Welt…

Die Welt ist klein! (wir lachen…)

So, die Welt ist wieder klein… 😊 Vielen Dank an Brianna, dass sie ein Teil unseres internationalen Fußballbuch-Teams ist!

Mal sehen, welche Station in der kleinen, weiten Fußballwelt das Buch als Nächstes ansteuert!

Fußballbuch – Update Nr. 6: Von Ryan Smith zu Michael Lahoud

Liebe Fußballbegeisterte auf der ganzen Welt,

wie gestern angekündigt ist das Fußballbuch inzwischen von London nach Texas gereist. Michael Lahoud, ehemaliger MLS-Spieler und Nationalspieler von Sierra Leone, hat sich darin verewigt, und sich meinen Fragen zum Buch, doch vor allem auch zu seiner Lebensgeschichte, gestellt… Lest selbst, welch wunderbare Erfahrungen er durch Fußball machen konnte…

Viel Spaß beim Lesen, passt auf euch auf und bleibt zu Hause!

Lisa Blue

 

Interview mit Michael Lahoud

Lisa Schatz: Hallo Michael, vielen Dank für deine Zeit. Ich habe mich sehr gefreut als ich hörte, dass das Buch nach Texas gereist ist, und jetzt sprechen wir mit einer Zeitverschiebung von sieben Stunden. Fußball verbindet die Menschen wirklich…

Warum wolltest du an diesem Projekt teilnehmen und was hat Ryan dir erzählt, sodass du daran teilgenommen hast?

Michael Lahoud: Ich glaube fest daran, dass Dinge aus einem bestimmten Grund geschehen und dass sie zum passenden Zeitpunkt im Leben passieren. Ryan und ich haben uns unterhalten. Als er mir von dem Buch erzählt hat, kam der Zeitpunkt genau richtig, denn ich begann, über meine Karriere und über die Saison nachzudenken. Und ich musste wirklich zurückerinnert werden, warum ich dieses Spiel spiele. Es war also genau der richtige Zeitpunkt, um ein leeres Blatt Papier zu erhalten, um etwas zu schreiben, Teil von etwas zu sein und dem Fußballspiel, das mir so viel gegeben hat, etwas zurückzugeben. Ich möchte etwas zurückgeben, so dass diese Geschichte wie eine perfekte Gelegenheit erscheint.

Was gefällt dir am besten an diesem Spiel? Geht es um die Verbindung der Menschen, die von überall her kommen oder ist es das Teamfeeling?

Es ist multifaszinierend, ich spiele sehr gerne. Fußball ist ein Ort, an dem man träumen kann, oder ein Ort, an dem es keine Rolle spielt, woher man kommt. Dein Hintergrund spielt keine Rolle. Für mich persönlich war der Fußball der Ort, an dem mein Hintergrund, meine Geschichte, mein sozioökonomischer Status keine Rolle spielt. Im Fußball spielen das Alter, die Rassenzugehörigkeit und die Nationalität keine Rolle. Wir sind alle durch den Fußball verbunden. Und ich denke, dass der Fußball das ist, was mich wirklich inspiriert hat. Alles, das mir durch Fußball gegeben wurde, alles, das mir beigebracht wurde, hat mich inspiriert, dieses Wissen weiterzugeben. Ich glaube an junge Menschen, an junge Fußballer. Ich war selbst einmal ein junger Fußballspieler, und jemand hat an mich geglaubt. Wenn ich mich mit jungen Spielern treffe und ein wenig von mir selbst in ihnen sehe, dann macht mich das umso leidenschaftlicher, Fußball zu spielen.

Wie schwer war das? Du kamst als Geflüchteter in die Vereinigten Staaten. Bist du alleine oder mit deiner Familie dorthin gekommen?

Ich kam im Alter von sechs Jahren als Geflüchteter in die USA und reiste allein. Mir wurde die Einreise gewährt, man ordnete mich als Notfall ein. Ich hatte keine Ahnung, was um mich herum passierte. Aber zu dieser Zeit herrschte in Sierra Leone ein tragischer Bürgerkrieg, und dieses Visum in die Vereinigte Staaten hat mir das Leben gerettet, und wirklich, der Fußball hat mir das Leben gerettet. Als ich hierher kam, wusste ich nicht, was vor sich ging. Ich wusste, dass ich hierher kommen würde, um wieder mit meiner Familie, meiner unmittelbaren Familie, in Kontakt zu kommen. Aber es war wohl das Beste, was mir passieren konnte: Dass ich zu jung war, um irgendetwas zu begreifen. Aber ich bin sehr, sehr dankbar für dieses Visum. Das ist etwas, das ich nie vergessen werde.

Ich kann mir vorstellen, dass es äußerst schwer gewesen sein muss, denn du warst damals sechs Jahre alt, ein kleines Kind…

Ja, es war schwierig. Es ist schwer genug, wenn man an einen neuen Ort geht. Die Sprache ist sehr schwer. Englisch wird auf der ganzen Welt gesprochen, aber es ist anders als jede andere Sprache. Ich hatte in Afrika in der Schule Englisch gelernt. Aber was es wirklich schwierig für mich machte, war: Als Kinder, aus Sierra Leone, sind wir einfach als Sierra Leonier aufgewachsen. Wir haben nie darüber gesprochen, welcher Rasse man angehört, woran man glaubt,… Es war wirklich so, dass wir einfach alle gleich waren. Und als ich nach Amerika kam… Es war das erste Mal, dass ich mich anders fühlte. Und es war das erste Mal, dass es mir schwer fiel, wie anders ich war. Ich war so durcheinander, weil ich – verdammt noch mal – so etwas noch nie zuvor erlebt hatte. Ich fing an, all die Unterschiede zu bemerken. Das war sehr schwierig für mich.

Hast du Erfahrungen mit Rassismus gemacht oder wie hast du dich gefühlt?

Nein, ich hatte Glück. Am ersten Tag als ich in Amerika zur Schule kam, traf ich meinen besten Freund. Ob du es glaubst oder nicht: Es war der Fußball, der uns verbunden hat.

Das ist wirklich die Kraft des Fußballs. Er verbindet wirklich die Welt. Als ich in die Schule kam, hatte ich solche Angst. Eine Gruppe von Kindern spielte Fußball. Wirklich: Ich wollte gesehen werden, und ich wollte nicht gesehen werden, weil ich hoffte, dass mich niemand sieht. Denn: Ich weiß nicht, ich bin das Kind, das anders ist, das neu ist. Das ist anders. Und natürlich, wann immer man nicht gesehen werden will, wird man gesehen. Der Ball rollte zu mir, nachdem er vom Fuß eines Mitschülers abgeprallt war. Und die Schüler sagten: „Hey, wirf den Ball“. Ich hatte noch nie zuvor einen Ball geworfen, weshalb ich sehr nervös war. Ich tat es, aber ich wusste nicht, wie ich es tun sollte. Ich habe den Ball geholt und ihn zu ihnen zurückgespielt. Und das hatten sie so noch nie zuvor gesehen. Ich habe ihn sehr hoch geworfen und ihn über das Dach des Gebäudes gekickt. Sofort hatte ich den Respekt von allen. Ich war das Kind, das neu war, und das niemand bemerkt hatte. Es war nicht schlecht, dass die erste Person, die zu mir kam, ein sehr beliebter Junge in der Schule war, das sagte: „Hey, ich habe das noch nie jemanden machen sehen! Du bist mein neuer bester Freund“. Und er brachte mich zu seiner Familie. Er sagte: „Oh, das ist mein Torwart, er kann beides – Fußbälle, Tennisbälle – auf das Dach schießen“. Ich konnte es nicht glauben.

Hattest du die Möglichkeit, in den USA in einer Familie zu leben, weil du sehr jung warst, oder warst du in einer Unterkunft wie z. B. in einem Flüchtlingsheim?

Ich habe hier eine neue Familie gefunden. Es war wirklich interessant, meine leibliche Familie in Sierra Leone zu haben, und eine zweite Familie hier in den Vereinigten Staaten gefunden zu haben. Ich war so dankbar dafür. Wir haben alle eine Familie, deren Blut durch unsere Adern fließt. Und wir haben die Menschen, die für uns zur Familie werden. Durch diesen Tag war es, als wäre ich adoptiert worden.

Er war wie dein Bruder…

Ja, wirklich. Es war wirklich so, als ob ich ein Teil von ihnen werde, man bot mir diese Adoptivfamilie an. Sie waren so fantastisch zu meiner biologischen Familie und sie waren so liebevoll zu mir. Meine Eltern arbeiteten die ganze Zeit. Vor allem meine Mutter, sie ist Krankenschwester. Daher war es für uns sehr schwierig, das Leben hier zu verstehen, im Gegensatz zu dem, woher wir kamen. Doch meinem besten Freund, Jack Wolf, bin für immer dankbar für das, was sie meiner Familie und mir über die Jahre hinweg bedeutet haben, was sie für mich geschaffen haben.

Michael Lahoud spielte für den Miami FC. Foto: Alenny Orovio
Michael Lahoud spielte für den Miami FC. Foto: Alenny Orovio

In deiner Geschichte, die du im Fußballbuch verewigt hast, hast du über die Sportpsychologin Dr. Cristina Fink geschrieben. Dass sie dein Leben verändert hat…

Sie gehörte während meiner MLS-Zeit (Major League Soccer) zu einem meiner Vereine. Sie war in Los Angeles. Hier in Amerika haben wir im Fußball ein ähnliches System wie beim Basketball: einen Tauschhandel. Ich bin dankbar, dass ein solcher Handel dafür sorgte, dass ich Dr. Cristina Fink begegnete. Von dem Moment an, als ich sie traf, wusste ich, dass ich mit ihr zusammenarbeiten muss. Es war nie das, was sie sagte. Aber sie hat diese Präsenz. Ich kannte ihre Geschichte, ihren Hintergrund nicht: Sie ist eine ehemalige Olympionikin, eine Hochspringerin. Sie kommt aus Mexiko-Stadt. Sie ist eine sehr, sehr, sehr brillante Frau. Ich wusste wirklich, dass ich besser werden wollte. Ich wollte der bestmögliche Fußballer sein, der ich sein kann. Ich wusste, dass ich Talent hatte. Ich wusste, dass meine Karriere weit führen könnte, aber ich wusste, dass Talent nicht genug war. Ich wollte Hilfe. Es gab einen Punkt, an dem ich Hilfe brauchte, um dorthin zu gelangen, und das war eine sehr demütigende Erfahrung. Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich erlebte, nicht der Star zu sein. Ich erlebte, dass ich nicht „der Fußballspieler“ war, und das ist sehr demütigend, wenn man das im Profisport erlebt. Ich glaube, dass widrige Umstände das Beste sind, das Fußballern passieren kann, vor allem jungen Fußballern. Es war also der richtige Zeitpunkt für mich, sie zu treffen, und so war ich die einzige Person im Team, die sie sehen sollte. Damals sagten alle, Sportpsychologen seien hier, vor allem in Amerika, nicht gerade beliebt. Ich wusste nicht wirklich, wer sonst noch mit ihnen zusammenarbeitete, aber einmal sagte sie mir, dass dies auf dem Rest der Welt eine große Sache sei. Und sie fügte hinzu: „In Amerika liegt ihr Jungs im Rückstand“. Und dieser Aspekt bezogen auf den Sport, besonders auf den Fußball… Das hat mir wirklich geholfen zu sehen, dass selbst die größten Fußballstars Hilfe auf dem längeren Weg brauchten, um dorthin zu gelangen, wo sie sind. Das kann man nicht alleine schaffen. Und so hat es einfach perfekt gepasst.

Auf welche Weise hat sie dir am Meisten geholfen?

Zum Teil war es Mentaltraining, aber es fühlte sich nie wie irgendeine Art von Training an. Es fühlte sich für mich einfach so an, als dass jemand an mich glaubte, dass jemand mehr in mir sah, als ich sehen konnte. Mehr als mein Talent. Ich glaube, jeder Trainer, für den ich je gespielt habe, hat es gesehen, konnte es aber nie in Worte fassen. Sie war die erste Person, die es konnte.

Wie alt warst du, als du ihr erstmals begegnet bist?

Ich war 26 Jahre alt. Ich wurde wirklich von diesem Gefühl verfolgt, dass es mir nicht genug ist, wenn es mir gut geht. Ich muss es töten, ich muss der Beste der Besten aller Zeiten sein, alle müssen aufstehen und mir mit Standing Ovationen zusehen. Das ist nicht realistisch. Es gibt immer jemanden, der besser ist als du, der in etwas besser ist als du. Cristina hat nicht versucht, das von mir zu nehmen. Sie gab mir nur eine andere Perspektive. Sie sagte: „Verlier‘ das nicht, und nutze eine andere Sichtweise, um dich selbst zu motivieren. Die ist nicht da draußen. Sie war immer in dir drinnen“.

Das Erstaunlichste, das sie zu mir sagte – abgesehen davon, dass ich aus Liebe zum Spiel spielen sollte – war: „Ein guter Spieler muss nicht zeigen, dass er ein guter Spieler ist. Er ist einfach einer“. Das hat mir dieses Gefühl weggenommen: „Ich muss es beweisen, ich muss es beweisen, jeden Tag muss ich es beweisen“, und es anderen Menschen wirklich bestätigen. Andere Leute entscheiden, wie es dir geht. Sie sagte: „Nein. Weißt du, ein guter Fussballer weiß, dass er ein guter Fussballer ist. Er muss es nicht der Welt erzählen, er muss es wissen“. Im Fußball muss man seinen Job machen.

Es war diese Art von Gesprächen, die so aufschlussreich war. Im Fußball würde ich, so sehr ich auch Talent habe, immer meinen Weg durchdenken. An der Universität, aber auch als Profi, bereitete ich mich darauf vor, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der mir half, zu sagen: „Hey, hier sind ein paar Dinge, die du machst und die dir helfen werden“. Und: „Hier sind einige Möglichkeiten, die du tatsächlich nutzen kannst, um dein Wissen auf die nächste Stufe zu bringen“. Es ist wirklich eine unglaubliche Erfahrung.

Hattest du ein Idol wie Zizou oder hast du einfach versucht, an dich selbst zu glauben und zu versuchen, was du konntest?

Zinedine Zidane war nie mein Vorbild. Ich hielt ihn für einen erstaunlichen Fußballer. Es war nicht nur die Klasse, mit der er spielte. Es war vor allem die Eleganz, dass er so gut war. Und er wusste es. Und du wusstest es. Aber es war, dass er es wusste. Und er wollte, dass du es weißt.

Mein Idol war David Beckham. Er war jemand, der mir gezeigt hat, dass man mehr als nur Fußball sein kann. Für ihn war es der kommerzielle Aspekt der Dinge. Aber er war der moderne Fußballer, der das wirklich auf eine andere Ebene gebracht hat: dass man mehr als nur Fußball sein kann. Und das bedeutet für alle anderen etwas anderes. Für ihn ist es der Ruhm. Er ist auch ein Familienmensch. Man kann tatsächlich Fußballer sein, aber man kann immer noch mehr als Fußball sein.

Ich möchte dich auch zu deinem sozialen Engagement befragen. Welche Projekte führst du für soziale Zwecke durch?

Das ist etwas, das zusammen mit dem Fußball zu einer Leidenschaft geworden ist. Im Jahr 2010 traf ich eine Frau, die mir eine Frage stellte, welche mein Leben veränderte. Sie fragte mich: „Wie würden Sie gerne die Welt verändern?“ Und ich war gerade erst am Anfang meiner Karriere, und ich hätte nie mit jemandem gerechnet, der mich das fragen würde, wenn es nicht mit Fußball zu tun hat. Ich antwortete: „Oh, ich verändere die Welt durch Fußball, weil ich ein fantastischer Fußballer bin“. Aber es hat mich wirklich dazu eingeladen zu begreifen, dass die Welt größer ist als ich es bin. Und es gibt etwas Soziales, das tiefer geht als das, was ich sehe. Das ist größer als ich. Es hat mein Herz auf eine Weise erobert, die ich kannte: Dass ich mich ändern würde und nie mehr derselbe sein würde.

Diese Frage, die sie mir stellte, lud mich zu einem Prozess der Selbstentdeckung ein. Sie hat meinen Geist erweitert. Ich wollte den Fußball wirklich nutzen, und nicht nur so, als es das von meinem eigenen Spiel bedeutet. Ich wollte den Fußball als Plattform nutzen, um anderen zu nützen. Wenn man Fußballer ist und jedes Wochenende spielt – ja, man spielt auf Grund seiner eigenen Leidenschaft und seiner eigenen Wünsche – aber man ist nur ein Profi, weil die Fans dafür bezahlen, dass sie einen spielen sehen. Ohne die Fans ist man einfach ein Amateur. Was es bedeutet, ein Teil der Mannschaft zu sein, mit diesem Vereinslogo auf dem Trikot zu spielen: Man spielt für eine Tradition, die größer ist als man selbst. Die Spieler, die den größten Einfluss im Spiel haben, sie verkörpern das, sie nehmen das auf, das bedeutet mehr für sie. Diese Botschaft bedeutet ihnen mehr. Mein Leben, meine Geschichte, meine Karriere… Das bedeutet mehr. Und das möchte ich wirklich nutzen, um auf mein Heimatland, mein Heimatland Sierra Leone, einzuwirken. Ihre Frage lud mich ein, mehr zu erfahren. Nicht nur darüber, wer ich bin, sondern auch, woher ich komme. Sie half mir, einen Teil von mir wiederzufinden, der wegen des Bürgerkriegs und des Umzugs nach Amerika verloren gegangen war. Deshalb möchte ich meine Plattform als Fußballer gerne nutzen, um dafür zu sorgen, dass dieser Krieg in Sierra Leone nie wieder passiert. Ich möchte den Kindern helfen, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

Sie hat meinem Land geholfen, Schulen zu bauen. Sie ist ein ehemaliges Friedensmissionsmitglied. Ich konnte den Zeitpunkt nicht begreifen. Ich hatte noch nie eine Person, deren Timing so beeindruckend war, um in mein Leben einzutreten.

Was hast du getan?

Ich habe mich auf eine Reise begeben. Ich wollte in meiner Heimatstadt in Sierra Leone wirklich eine Schule bauen. Über einen Zeitraum von Jahren haben wir dies zusammen mit meinen Nationalmannschaftskameraden aus Sierra Leone getan. Wir bauten gemeinsam eine Schule. Das ist etwas, worauf ich immer stolz sein werde.

Währenddessen geschahen in diesem Land schreckliche Dinge. Im Jahr 2014 brach die Cholera aus. Ein Freund aus Heidelberg und ich haben uns zusammengetan, um Geld für „Ärzte ohne Grenzen“ zu sammeln, und wir haben diese Kampagne mit dem Namen „Kick Ebola in the butt“ (deutsche Übersetzung: „Tritt Ebola in den Hintern“) ins Leben gerufen. Die Menschen mochten sie sehr: Sie unterstützten den Zweck und sie unterstützten die Schule. Es ist erstaunlich, was es bedeutet, für etwas zu spielen und einen Sport zu nutzen, der Menschen zusammenbringt, die sonst nie miteinander verbunden gewesen wären – wenn man das für eine Sache nutzt, die größer ist als man selbst, für eine gemeinsame Sache. Die Kraft des Fußballs ist erstaunlich. Ich denke, das hat die Kraft des Fußballs verkörpert. Jetzt wollen wir diese Schule auf die nächste Stufe bringen, indem wir wirklich Fußball spielen. Für diese Kinder haben wir in einer Schule ein Fußballfeld gebaut. Das gibt ihnen eine unglaubliche Kraft, auch den Menschen in der Nachbarschaft. Es ist ein Moment, den ich nie vergessen werde: Die Kinder zu sehen, die man  beeinflusst, und die Dankbarkeit.

Vielen Dank für diese Geschichten! Nun möchte ich auf das Thema des Fußballbuchs zurückkommen. Warum hast du dich entschieden, dich an unserem Projekt zu beteiligen?

Ich glaube an Geschichten. Das Mächtigste an jedem von uns sind unsere Geschichten. Die Möglichkeit, nach Sierra Leone zurückzukehren und Zeuge der Geschichte zu werden, die dort geschrieben wurde, hat mich so dankbar für die Menschen gemacht, die mich beim Bau dieser Schule unterstützt und mich dazu ermutigt haben. Es gibt Menschen, die auf mich zählen, die ich nicht kannte, die ich noch nie zuvor auf der anderen Seite der Welt gesehen habe. Sie zählen auf mich, dass ich ihren Traum am Leben erhalte, und meinten: „Danke! Wegen deines Traums, wegen deines Traums haben wir eine Chance im Leben“. Diese Kinder zu sehen, das ist es, woran ich denke, was mich wirklich berührt und woran ich mich immer erinnere.

Wir leben in einer Welt von hochwertiger Qualität und Luxus. Ich empfehle anderen Amerikanern, und wenn ich ihnen nur einen Wunsch erfüllen könnte… In Europa reist ihr so viel. Hier in Amerika, weil das Land so groß ist, reisen viele Leute nicht so viel. Jeder sollte versuchen, andere Perspektiven zu bekommen. Wir brauchen einander als Menschen, nicht nur unsere Nachbarn.

Sierra Leone training camp ahead of Swaziland v Sierra Leone on 18 May 2014. Lobamba, Swaziland.
Michael Lahoud beim Länderspiel gegen Swasiland am 18.5.2014. Foto © www.XtraTimeSports.net / Darren McKinstry

Wann wäre das Buch in deinen Augen erfolgreich?

Es ist solch eine Ehre, Teil dieses Buches zu sein, weil wir alle Geschichten haben, wie ich schon sagte, und selbst als Fußballer, denken die Leute, dass alles einfach „perfekt“ ist. Sie sehen dich nur von Außen, und da gibt es viel mehr für Fußballer, die genauso auch Menschen sind. Wir haben Kämpfe, wir haben Momente, die unser Leben verändern. Wenn man andere Menschen zu seinen Geschichten einladen kann, dann ist das wirklich eine intime Erfahrung durch dieses Buch, und ich kann wirklich sehen, wie das Buch einiges Preis gibt. Ich freue mich wirklich darauf, zurückzublättern und Geschichten zu lesen. In ein paar Jahren werde ich zurückblicken und meine eigene Geschichte aus einer anderen Perspektive lesen. Ich denke, es ist ein besonderes Projekt, und es erinnert uns daran, menschlich zu sein. Für mich, für die Menschheit, gibt es einen Sinn für Geschichten: die Kraft der Geschichten. Das ist etwas, das wir nie verlieren. Dass Geschichten uns menschlich machen.

Vielen Dank für all die großartigen Eindrücke, Mike.

Sehr gerne.

Prof. Dr. Jürgen Buschmann und das „Team Köln“: Spielanalysen für die deutsche Nationalmannschaft

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Prof. Dr. Jürgen Buschmann war von 2005 bis 2014 Leiter der Abteilung Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln. Foto: Buschmann

Team hinter dem Team. Die EM hat begonnen,  Joachim Löw und sein Team arbeiten auf Hochtouren. Doch nicht nur die Mannschaft gibt ihr bestes, auch der Leistung des Teams hinter dem Team sollte großer Respekt gezollt werden. Die Menschen, die im Hintergrund rackern, tragen einen enormen Teil dazu bei, dass die Mannschaft top vorbereitet in die Spiele gehen kann. Einer, der von 2005 bis 2014 zum Team hinter dem Team gehörte, ist Professor Jürgen Buschmann. Sein Spezialgebiet: Spielanalysen. Lest im Anschluss ein spannendes Interview mit dem Mann, der mit dem „Team Köln“ Jogis Gegner knackte…

Herr Professor Buschmann, bitte beschreiben Sie zunächst in Kürze, welche Verbindung Sie zum Fußballsport und zur DSHS haben.

Ich war bis 2014 Dozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln und war dort Leiter des Zentrums für Olympische Studien sowie der Abteilung Scouting-Studien. Von 1990 bis 2002 war ich als Dozent im Bereich Fußball tätig. Bis zur dritten Liga habe ich früher selbst gespielt und damit mein Studium finanziert. Anschließend habe ich die Trainerlizenzen gemacht und bis zur dritten Liga als Trainer gearbeitet. Danach habe ich viel im unteren Amateurbereich mitgeholfen und zum Beispiel 1980 das größte Breiten- und Freizeitturnier im westdeutschen Raum mit 150 Mannschaften organisiert.

Klinsis Anruf um 1 Uhr nachts

Wie kam es dazu, dass sie Leiter der Abteilung Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln wurden?

Eigentlich wollte ich 2005 ein bisschen mit dem Fußball „brechen“. Ich war in ein Alter gekommen, in welchem man mehr für die Wissenschaft tätig sein sollte, und vielleicht mehr Theorie als Praxis gefordert sein sollte. 2005 kam jedoch ein Anruf von Jürgen Klinsmann, der fragte, ob ich mir vorstellen könnte, für die WM 2006 zusammen mit Studierenden ein paar Gegner mit zu beobachten. Die Motivation vor der Weltmeisterschaft im eigenen Lande war sehr hoch und da habe ich natürlich spontan „ja“ gesagt. Damals haben wir mit fünfzehn Studierenden diese 31 potenziellen Gegner beobachtet, allerdings sehr oberflächlich. Ist ja klar, mit fünfzehn Leuten. Das hat sich bis 2014 weiterentwickelt, als wir dann mit mehr oder weniger 50 Studierenden und vier wissenschaftlichen Mitarbeitern während der WM in Brasilien gearbeitet haben. So hat sich das von Turnier zu Turnier weiter verbessert. Aus wissenschaftlicher Sicht hat sich parallel dazu ein eigener Weiterbildungs-Masterstudiengang für Spielanalyse an der DSHS Köln entwickelt.

Wie ist Jürgen Klinsmann auf Sie gekommen?

Der Kontakt ist über den TV- und Medien-Koordinator der Nationalmannschaft, Ulrich Voigt, der ein persönlicher Freund von mir ist und mit dem ich zusammen Fußball gespielt habe, entstanden. Als ich in der dritten Liga Trainer wurde, war er unser Kapitän. Wir kennen uns seit den 70er Jahren. Er saß damals vor dem Länderspiel gegen die Niederlande in Rotterdam mit Jürgen Klinsmann zusammen. Jürgen Klinsmann und Joachim Löw haben überlegt, wie sie die Arbeit im Scoutingbereich vorantreiben könnten. Uli meinte: „Ja, ich kenn‘ einen an der Uni, der macht das auch schon die ganze Zeit und könnte uns bestimmt weiterhelfen“. Daraufhin meinten Löw und Klinsmann: „Könntest du ihn anrufen?“. Nachts um 1 Uhr haben sie mich damals aus dem Bett geholt, weil sie das dann natürlich direkt haben wissen wollen.

Die Anfänge des „Team Köln“

Wie kann man sich das genau vorstellen? Sie hatten zugesagt. Wie haben Sie angefangen, das Ganze zu strukturieren?

Ich war der einzige, der sich damals an der Deutschen Sporthochschule mit diesem Bereich beschäftigt und die ersten Analysen gemacht hatte. Ich habe versucht, die Fußballkollegen zu motivieren mitzumachen. Diese haben jedoch abgelehnt. Sie meinten, dass das viel zu aufwendig sei und man für ein Spiel ein paar Tage bräuchte. Ich habe also zunächst einmal geschaut, welche aktuellen Softwaremöglichkeiten es auf dem Markt gibt. Einige kannte ich bereits. Dann bin ich zur Firma Mastercoach gegangen, weil ich mit dieser bereits im Vorfeld zusammengearbeitet hatte. Da merkte ich auf einmal, dass die Mitarbeiter ein bisschen zurückhaltend waren. Bis ich mitbekommen habe, dass sie eigentlich gerne meinen Job gehabt hätten und auch schon mit einem Mitarbeiter ein paar Sachen für den DFB gemacht haben. Das war mir damals nicht so bewusst. Nichtsdestotrotz haben wir die Lizenz bekommen. Zudem hat Uli Voigt über die Telekom fünfzehn Laptops besorgt, sodass wir schließlich auf jedem Laptop eine Lizenz hatten. So konnten wir nach den Vorgaben des DFB und der Trainer die ersten Mannschaften analysieren. Klar hatten wir die Informationen über die 31 Teams, aber wichtig waren vor allem die Vorrundengegner sowie potenzielle Viertelfinal- und maximale Halbfinalgegner, die wir analysiert hatten. Vom Rest haben wir nur allgemeine Informationen gesammelt. Aber das ging schon im Jahre 2006 so weit, dass ich alle deutschen Botschaften der Länder, gegen die wir gespielt oder die an der WM teilgenommen haben, angeschrieben habe. Von diesen 31 Ländern haben 22 deutsche Botschafter geantwortet. Die Hälfte davon hat gesagt, dass sie uns keine Informationen geben würde. Ich wollte nichts anderes von ihnen haben als z. B. den „Kicker“ von Brasilien oder so etwas in der Art. Ich wollte keine Geheiminformationen, sondern einfach nur die Tages- oder Sportzeitungen von ihnen haben. Aber selbst diese haben mir einige Botschaften nicht gesandt. Allerdings habe ich dann dennoch über den Kurierdienst jede Woche ein Zeitungspaket bekommen. Wir hatten an der Sporthochschule Studierende aus über 80 Ländern und somit immer jemanden vor Ort, der übersetzen konnte. So haben wir weitere Informationen eingeholt, denn die Trainer haben sich von Anfang an auch für die Stimmung in den verschiedenen Ländern interessiert. Wenn es hieß, dass ein Land gegen Deutschland spielen würde, wollten sie wissen, wie in diesem Land über Deutschland gedacht wird. Darüber hinaus konnten wir über diese Medienanalyse auch sehr gut die Persönlichkeitsstrukturen der Spieler aufzeichnen. Diese Informationen zu haben ist in der heutigen Zeit nicht ganz unwichtig.

Wie hat sich das Team Köln anfangs zusammengesetzt und wie setzt es sich jetzt zusammen?

Bis 2014 lief das ganze unter meiner Leitung, inzwischen ist Dr. Stephan Nopp der Leiter der Abteilung. Er hat zunächst in Köln studiert, war währenddessen Mitarbeiter des Analyseteams und hat schließlich seine Diplomarbeit über die Spielanalysen 2006 geschrieben. 2012 hat er seine Doktorarbeit darüber verfasst, inwiefern Ballbesitz für den Spielausgang ausschlaggebend ist. Jetzt sitzt er bei Joachim Löw mit im Team. Für jemanden wie mich ist das natürlich eine sehr schöne und erfolgreiche Geschichte, wenn man das von Anfang an miterleben kann. 2014 waren um die 45 Studierende im Team Köln. Für die aktuelle EM sind derzeit 30 bis 40 Studierende im Einsatz. Wir hatten interessanterweise sehr viele ausländische Studierende dabei: Koreaner, Japaner usw. Es waren oft Studierende der Länder im Team, gegen die wir gespielt haben. Da gab es aber nie Probleme. Sie fanden es sehr wichtig, an unserem Projekt teilzunehmen, um das Gelernte eventuell später auch in ihr Land transportieren zu können.

Wie läuft die Arbeit genau ab?

2006 war es zum Beispiel so: Ein Student hatte ein A-Team und ein B-Team. Ein A-Team war ein potenzieller Gegner, gegen den wir spielen konnten, und ein B-Team war ein Gegner, auf den man wahrscheinlich nie treffen konnte. Wir haben pro Land die letzten drei, vier vergangenen Qualifikations- und Freundschaftsspiele nach Vorgabe der Trainer analysiert und ihnen die Ergebnisse vorgelegt. Aber man muss sich mal vorstellen, wie sich die technischen Möglichkeiten, die wir hatten, entwickelt haben: 2006, noch während der WM, mussten wir natürlich weiterarbeiten und die entsprechenden Gegner analysieren. Das haben wir in Köln gemacht und haben dann die gebrannten DVDs per Kurierdienst zum Flughafen Köln/Bonn gefahren, von wo aus sie nach Berlin geflogen wurden. Denn mit der Internetübertragung damals, fünf Gigabyte, da war überhaupt nicht daran zu denken, dass man die Daten abschicken konnte. Das heißt, das war damals wirklich noch technisches Mittelalter. Aber es hat geklappt.

Das allerwichtigste, was wir schon im Vorfeld unserer ersten WM-Analyse gemerkt haben: Wir mussten erstmal lernen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Denn im Fußball kann man wohl Tage und Wochen darüber diskutieren, was ein „Zweikampf“ oder was eine „Torchance“ ist, was ein „Pass in die Tiefe“ ist und um wie viel Prozent das ganze abweichen darf, damit es noch ein „Pass in die Tiefe“ ist. Da ist in mir natürlich der Wissenschaftler hochgekommen, der das alles genau definiert haben wollte. Anfangs war das auch ein kleiner Kampf mit den Trainern, denn so genau wollte man das auch nicht haben. Man wollte natürlich in der Fußballpraxis bleiben. Für uns aber war es dennoch wichtig, dass sowohl alle Trainer als auch Studierenden eine gemeinsame Fachsprache beherrschten. Nach der WM 2006 hat sich der Trainerstab unter der Leitung von Joachim Löw zusammengesetzt und man hat eine Spielphilosophie entwickelt. Man hat Leitlinien für jede einzelne Position und für die Mannschaftsblöcke entwickelt. Ich habe versucht, diese wissenschaftlich zu überarbeiten. Im Laufe der Zeit hat sich das immer weiter entwickelt. Damit das klarer wird, erläutere ich das an einem Beispiel: Am „Abdrängen des Außenstürmers“. Wie soll der Verteidiger stehen, wohin soll der Verteidiger den Außenstürmer abdrängen? Die Philosophie der Nationalmannschaft besagte damals: „Möglichst nach innen“. Und in jedem Lehrbuch steht natürlich: „Nach außen“. Aber man bildet dann „Abwehrdreiecke“ und so weiter. Man muss aber jede einzelne Situation ganz konkret beurteilen. Aber nach diesen Formen der Spielphilosophie, wie z. B. dem Abdrängen des Stürmers durch einen Verteidiger, wurden die Szenen abgelegt. Wenn wir zehn Szenen hatten und fünfmal nach außen und fünfmal nach innen abgedrängt wurde, oder in der Regel eben neunmal nach außen und einmal nach innen, dann heißt es eben: Der Verteidiger drängt den Stürmer in der Regel nach außen ab oder nach innen ab. Der Gegner wurde so nach der Spielphilosophie der deutschen Nationalmannschaft analysiert.

Studentische Spielanalysen für das Nationalteam: Alles EHRENAMTlich

Im Jahre 2008 hatten wir dann schon ein relativ großes Team an Studierenden. Jede/-r von ihnen hat in dem halben Jahr vor einer EM oder WM mindestens zehn Stunden pro Woche gearbeitet. Sie wurden in Seminaren auf die Analysen vorbereitet. Wenn man das hochrechnet und wenn dreißig Leute arbeiten, kamen da schon einige Planstellen zusammen. Viele von ihnen haben gefragt, warum der DFB ihre Arbeit nicht bezahlen würde. Am Anfang war ich auch ein bisschen der Meinung, dass sie Geld für die Analysen bekommen sollten. Aber hinterher fand ich es dann korrekt, dass die Arbeit unbezahlt war, weil die Studierenden so hoch qualifiziert wurden. Die DFB-Trainer sind nach Köln gekommen, haben sie ausgebildet und ihnen nochmal die Spielphilosophie der Nationalmannschaft vermittelt – in Theorie und Praxis. Zudem gab es manchmal Trikots oder ein gemeinsames Essen mit Urs Siegenthaler und weiteren DFB-Mitarbeitern, wofür der DFB die Kosten übernommen hat. Am Ende ihrer Tätigkeit als Spielanalyst(-inn-)en bekamen sie von Oliver Bierhoff, Joachim Löw und mir ein offizielles Zeugnis ausgestellt. Ich denke, dass diejenigen, die wirklich Interesse haben, an so etwas teilzunehmen, so stark davon profitieren, dass das auch keine 500 Euro im Monat aufgewogen hätten. Aber wir konnten uns dann auf jeden Fall sicher sein, dass wir die richtigen hatten, die zu 100% dahinterstanden. Entwickelt hat sich das sehr stark, immer wissenschaftlicher. Was vom Trend her sehr interessant ist: Am Anfang haben wir rein qualitativ gescoutet, es wurde also kaum statistisches Material verwendet, sprich es gab kaum diese berühmten Strichlisten. Vielmehr wurde versucht herauszufinden, wie sich der Gegner bei Rückstand verhält, wie sich die einzelnen Mannschaftsblöcke verhalten, wie das Umschaltspiel nach Ballgewinn und nach Ballverlust ist, wie schnell der Gegner dann wieder in der Grundordnung ist. All diese Informationen haben die Trainer natürlich viel mehr interessiert als beispielsweise die Anzahl der Ecken.

Wir hatten später natürlich sehr viele Analysedaten. Deshalb sind wir dazu übergegangen, das Statistische in den Mittelpunkt zu stellen, weil wir mit dem statistischen Material dann eben wirklich auch wissenschaftlich arbeiten konnten – also mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit Varianzanalysen, sodass wir da einige gute Ergebnisse erzielen konnten. Aber interessanterweise ging der Trend von der Überbetonung der „reinen Zahlen“ wieder zu 50% qualitative und 50% quantitative Arbeit über. Jetzt ist es so, dass das Qualitative noch mehr im Mittelpunkt steht, wobei die Zahlen und Daten die Basis darstellen.

 

Beherrschen der Fußballsprache als Grundvoraussetzung

Welches Fußballwissen müssen die Studierenden mitbringen, um Teil des Team Köln werden zu können?

Wir haben eine Fibel von rund 100 Seiten mit der Fußballsprache. Diese müssen die Bewerber/-innen draufhaben. In dem Buch steht beispielsweise, was ein „Pass“ ist und ab wann das ganze als „Dribbling“ zählt, ab drei Ballkontakten. Alles muss ganz klar definiert sein.

Wie werden dann zwei aufeinanderfolgende Ballkontakte eines Spielers bezeichnet?

Das ist die „Ballverarbeitung“. Was wohl genauso interessant ist: Bei uns gibt es den Begriff „Zweikampf“ nicht. Ein „Zweikampf“ besteht eigentlich nur, wenn zwei Spieler in gleicher Entfernung auseinander stehen und der Ball genau in der Mitte herunterfällt. Diese Situation gibt es ja so gut wie nie. Deshalb wird der „Zweikampf“ bei uns in vier verschiedene Bereiche eingeteilt: Das ist das Verhindern eines Zusammenspiels, das Tackling, die Abwehr gegen Dribbler und das Kopfballspiel. Genauso verhält es sich mit dem Begriff „Torchance“: Wenn ein Spieler am Ball ist, hat er eine „Torchance“. Wenn ich aber einen Zentimeter am Ball vorbeirutsche und dabei zwei Meter vom Tor entfernt bin, zählt das nicht als „Torchance, weil ich den Ball nicht berührt habe.

Wenn man hingegen an der eigenen Torlinie steht und den Ball schlägt, also einen klassischen „Clearingstoß“, unkontrollierten Stoß, ausführt, und „Kyrill“ kommt und den Ball ins Tor bläst, hat man theoretisch eine „Torchance“, weil man am Ball war. Auch, wenn diese vielleicht in dem Fall mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 Millionen eintritt (lacht). Aber wer legt fest, wo das ganze anfängt und wo es aufhört? Natürlich hat man ein Gespür dafür, aber im Allgemeinen ist es subjektiv. Deswegen haben wir eben eine gewisse Zeit gebraucht, um die Termini entsprechend zu vereinheitlichen. Das müssen die Studierenden erstmal lernen. Dann werden sie eingewiesen. Jede/-r Mitarbeiter/-in bekommt einen eigenen Laptop mit der entsprechenden Software. Wir haben eine eigene Software mit eigenen Tools entwickelt.

Was ist neben dem Beherrschen der Fachsprache wichtig? Wie sieht die Aufnahmeprüfung aus?

Motivation ist die Grundvoraussetzung, um im Analyseteam aufgenommen zu werden. Wenn wir merken, dass jemand nicht zuverlässig sind, ist er oder sie raus. Man kann ja auch nicht einfach mal so ein Länderspiel verlegen. Wir hatten schon den Fall, dass wir im Vorfeld 60 Leute hatten, von denen 30 übrig geblieben sind. Das waren dann aber diejenigen, auf die wir uns hundertprozentig verlassen konnten. Zudem muss jeder, der bei uns mitmacht, schon mal im höheren Amateurniveau gespielt haben und auch einige Grundkenntnisse in diesem Bereich haben. Dahingehend haben wir interessanterweise mehrfach beobachtet, dass jemand, der selbst in der Landes- oder Bezirksliga gespielt hat, besser war als jemand, der selbst in der Regionalliga aktiv war. Denn diese haben das ganze oftmals nicht so ernst genommen.

Bei der Aufnahmeprüfung müssen die Bewerber/-innen unter bestimmten Gesichtspunkten ein Spiel analysieren. Diese Tests werden auch während der Mitarbeit regelmäßig wiederholt und die Studierenden werden aus- und fortgebildet. Es ist keine Hexerei. Manchmal sind Studierenden mit Spielszenen gekommen, die ihnen selbst gefallen haben. Das war auch immer ganz schön zu beobachten, weil sie dadurch teilweise sehr kreativ geworden sind.

Was gefällt Ihnen am Meisten daran, Spiele zu analysieren?

Ich glaube, man sieht ein Spiel ganz anders. Man schaut grundsätzlich auf taktische Analysen. Mir fällt es immer schwer, ein Spiel völlig unbedarft zu gucken, ob ich jetzt ein Spiel in der Kreisklasse betrachte, oder ob ich mir das Europa League-Finale des FC Liverpool ansehe. Ich schaue es immer unter taktischen Gesichtspunkten und immer wieder im Vergleich zur deutschen Fußballnationalmannschaft: Was ist gut daran, was weniger? Natürlich ist bei den meisten vieles schlechter (lacht). Es geht dabei nicht um das technische Vermögen des Einzelnen, sondern um das gesamtmannschaftliche Verhalten. Oder eben auch um Körpersprache, denn die Psychologie spielt ja doch eine sehr starke Rolle. Das hat mich zum Beispiel maßlos gestört beim Spiel des FC Bayern gegen Atletico Madrid: Wenn man eine Viertelstunde vor Schluss noch ein Tor schießen muss und zum Einwurf geht, anstatt da wirklich zum Einwurf zu sprinten und das Spiel schnell zu machen und da jede Sekunde herauszuholen. So etwas ist für mich Körpersprache, Willenssache und eine Mentalitätsfrage. Ich glaube, dass das bisher noch viel zu wenig erforscht ist und dass darauf noch viel zu wenig Wert gelegt wird. Theoretisch hatten wir sogar zum Ziel, biomechanische und motorische Elemente zu analysieren und zu schulen: Wenn z.B. ein Verteidiger gegen Ronaldo spielen musste und wir analysiert hätten, dass er mit Vorliebe den „Übersteiger“ macht, dann sollte ein Verteidiger im Training die Finte genauso üben. Denn wenn ich das über das spinalmotorische System selbst machen kann, kann ich natürlich im peripheren Sehen und im Ansatz viel früher erkennen, wenn so eine Bewegung eingeleitet wird, was der Gegner vorhat. Und das sind natürlich hochwissenschaftliche Sachen. Soweit sind wir leider noch nicht. Oder vielleicht zum Glück. Sonst wäre alles sehr kongruent und dann käme vielleicht gar kein Spiel mehr zustande. Auf der anderen Seite: Alle Statistiken und Spielanalysen helfen sicherlich nicht, aus den berühmten Ackergäulen Rennpferde zu machen. Aber ich glaube, je gleicher die Mannschaften sind und je höher deren Niveau ist, umso mehr sollte man die Möglichkeiten nutzen, die Spielanalysen bieten. Das können eben die entscheidenden Prozente sein. Wenn ich mich an ein Spiel gegen Spanien erinnere: Wir hatten 800 Seiten und zig DVDs über diesen einen Gegner. Er wurde regelgerecht „auseinandergenommen“, sodass wir alles über ihn wussten. Hansi Flick und das Team um Chefscout Urs Siegenthaler mussten das alles lesen und daraus ein Exzerpt für Joachim Löw zu machen, das war schon eine Aufgabe. Der Trainer musste natürlich wissen, was noch alles in den 800 Seiten stand. Dafür musste er auch ein Verständnis entwickelt haben.

Arbeitsschwerpunkt und Mannschaftsbesprechungen

Was interessiert die Trainer und Urs Siegenthaler am Meisten? Worauf wird der Schwerpunkt bei den Spielanalysen gelegt? Was genau steht inhaltlich auf den zwei oder drei der 800 Seiten?

Es geht um rein qualitative Fragen: Wie ist der Spielaufbau einer Mannschaft, d. h. wie werden Angriffe eingeleitet? Gibt es dahingehend Muster? Läuft das ganze über bestimmte Personen? Wie verhält sich ein Team, wenn es den Ball verloren hat? Wie reagiert es, wenn es zurückliegt? Wie ist das Verhalten der gesamten Abwehr, wie ist das der Stürmer – gehen sie mit zurück, helfen sie sich gegenseitig? All diese ganz normalen Aspekte eigentlich. Wir haben alles anhand von Videomaterial belegt.

Werden die Analysen dann auch auf die einzelnen Positionen aufgeteilt? Im Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ gibt es z. B. eine Sequenz, in welcher Joachim Löw ausschließlich mit den Verteidigern eine Sitzung hat und darin Videos bespricht…

Das ist das Schöne, dass er das so macht. Vor einem Länderspiel kommt in der Regel Urs Siegenthaler mit seinem Team und erklärt genau, wie die gegnerische Mannschaft spielt. Dann nimmt er sich beispielsweise noch einmal die Abwehrspieler heraus und bespricht mit ihnen, wie das Aufbauverhalten, das Sturmverhalten des Gegners ist. Anschließend setzt er sich mit den Angreifern zusammen und bespricht das gegnerische Abwehrverhalten im Detail. Das wird wirklich in diesen Blöcken gemacht. Im Sommer 2006 hat danach Joachim Löw eine Mannschaftsbesprechung einberufen und erstmal die eigene Taktik vorgestellt. Anschließend hat er den Sturm herausgegriffen und den Jungs gesagt, wie sie spielen sollen. Das gleiche hat er mit der Abwehr etc. gemacht. Und dann kam erst Jürgen Klinsmann als Cheftrainer.

Diese Aufgabenteilung ist schon sehr markant. Ich denke, dass sich Trainer, die im Rahmen der Spielvorbereitung alles selbst machen, selbst verschleißen und abnutzen. Wenn Jürgen Klinsmann vor den Spielen bei der WM 2006 nochmal die wichtigsten taktischen Elemente genannt hat und für Motivation gesorgt hat, dann war das meines Erachtens insgesamt eine gute Aufteilung der Aufgaben im Trainerstab.

Zur Sicht deutscher Profitrainer und Klinsis Gummibändern

Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich der Spielanalysen mit den Trainern der deutschen Profiligen gemacht?

Was ich leider immer wieder festgestellt habe: Oft wird heutzutage von den „Laptop-Trainern“ gesprochen. Klar, die Entwicklung geht in diese Richtung, aber in der Bundesliga wird in dem Bereich noch viel zu wenig gemacht. Da kommt oft noch der Vorwurf an uns: „Ja, ihr mit eurer Nationalmannschaft, wenn ihr im halben Jahr ein paar Spiele habt, da habt ihr Zeit euch darauf vorzubereiten. Wir spielen alle drei Tage, das geht gar nicht“. Ich sage dann nur: „Liebe Kollegen, was ist bei einer EM oder WM? Da spielen die Jungs auch alle drei Tage und die Spiele werden trotzdem genauso vorbereitet“.

Haben Sie in der Hinsicht seit der WM 2014 eine veränderte Einstellung bei ihnen wahrgenommen?

Nein. Der Trend bei den Trainern ist der, den man auch von Seiten der Nationalmannschaft sehr begrüßt: diese Tuchels, Nagelsmänner und andere junge Trainer. Das sieht man natürlich schon sehr gerne. Denn es ist nicht damit getan, dass jemand hundertmal in der Nationalmannschaft gespielt hat und dann Trainer wird. Sicherlich kann dieser auch ein guter Trainer sein, aber ich finde einfach, man muss heute – und das ist meiner Meinung nach immer noch der ganz große Verdienst von Jürgen Klinsmann – einen Weit- und Durchblick haben. Wenn er damals nicht gekommen wäre, wäre der DFB in meinen Augen vielleicht auch noch nicht so weit wie heute!

Wenn man allein die Tatsache betrachtet, dass er Fitnesstrainer dazugeholt hat.

Genau. Ich erinnere mich daran, als Jürgen Klinsmann und Joachim Löw bei uns in Köln waren und aus Motivationsgründen mit den Studierenden gesprochen haben. Ich habe Jürgen Klinsmann damals gesagt, dass ich es absolut super finde, was er macht. Ich meine, er hat nichts anderes gemacht, als im Leistungssport üblich war. Aber im Fußball eben nicht. Ich habe ihm verdeutlicht, dass wir hier an der Sporthochschule Köln, der renommiertesten Sporthochschule, sind, aber dass ich nicht verstehen würde, weshalb sich die Nationalmannschaft einen Fitnesstrainer aus den USA nehmen würde. Da erklärte er mir: „Ja, Herr Buschmann, das ist relativ einfach. Ich bin von heute auf morgen ins kalte Wasser geschmissen worden und ich wusste genau, was ich wollte und wen ich wollte. Mit dem FC Bayern haben wir uns zweimal bei Mark Verstegen in den USA fit machen lassen“. Dadurch wusste er, wie Mark Verstegen arbeitet und dass er sich auf ihn verlassen konnte. Da musste ich sagen: „Ja, ok“. Aber diese Antwort wollte ich erstmal haben.

Jürgen Klinsmann wurde ziemlich stark von der Presse kritisiert, als er mit seinen Gummibändern ankam. Aber wenn man Dritter wird, kann das nicht so falsch gewesen sein…

Aber überhaupt das Schaffen von diesen Grundstrukturen, das Hinzuholen von Spezialisten, vielen Trainern und auch Dinge wie die Spielanalyse, das ist nur durch Jürgen Klinsmann und Co. geschehen. Früher hat man in der Vorbereitung auf ein Turnier auf die routinierten DFB-Trainer gebaut. Diese hatten sicherlich sehr viel Erfahrung. Aber man kann nicht nur mal fünf DFB-Trainer zu fünf Spielen schicken, die dann eine mehr oder weniger oberflächliche qualitative Analyse von einem Spiel abliefern. Ich denke diese Zeiten sind vorbei. Und wenn man in der heutigen Zeit diese Möglichkeiten hat wie z. B. mit einer Universität zusammenzuarbeiten – wer das nicht nutzt, der handelt fahrlässig. Und wenn es nur das letzte Prozent ist, das damit herausgeholt wird. Aber das letzte Prozent kann entscheidend sein. Das berühmteste Beispiel ist Jens Lehmanns Elfmeterzettel. Wir waren die ersten, die versucht hatten, die Schützen statistisch auszuwerten. Wenn man eben weiß, dass man in einer Stresssituation – und dazu gehört eben ein WM-Viertelfinale – dass man da zu 99% in die vom Schützen bevorzugte Ecke schießt, dann ist das eben so. Oder 2006, das fand ich wunderbar: Vor dem WM-Spiel gegen Schweden rief mich Urs Siegenthaler an und sagte: „Jürgen, wir haben keine Informationen über Larsson, wohin der die Elfmeter schießt“. Ich meinte darauf: „Ja, dann haben wir das nicht analysiert“. Aber wir hatten eben Kontakte nach Schweden und Barcelona und haben dort angerufen. Dadurch haben wir herausbekommen, dass er als Schütze so perfekt war, dass er grundsätzlich reagierte und nicht agierte. Er wartete immer, bis der Torwart etwas machte, dann schoss er z.B. in die andere Ecke. Also haben wir den Tipp weitergegeben, dass sich Jens Lehmann nicht bewegen soll. Und wie es der Zufall wollte, kam es zum Elfmeter, Lehmann ist wie versteinert stehen geblieben und was hat Larsson gemacht? Er wusste nicht, was er tun sollte und hat den Ball über das Tor geschossen. Wenn man so etwas bei einer WM erreicht, dann sitzt man schon zuhause im Fernsehsessel und macht die „Becker-Faust“ (lacht).

Kritik an den Profitrainern: Die Datenbank blieb ungenutzt

Man muss zwischen den Gegnerbeobachtungen und der Suche nach passenden Spielern für das eigene Team differenzieren. Welchen Umfang hatte Ihre Datenbank?

Wir haben das – aus wissenschaftlichen Gründen – parallel gemacht. Wir haben sogar die Copa Libertadores analysiert und alle U-Turniere sowie die Afrika-, Asien- und Südamerikameisterschaft. In der Datenbank war alles drin, wir hatten um die 15.000 Spieler ausgewertet, und über 10.000 Spiele. Wenn jetzt ein Trainer gesagt hätte, dass kurzfristig doch Meyer anstatt Müller in der gegnerischen Startelf steht und er keine Informationen über diesen hätte, hätte er nur Meyer in die Datenbank eingeben müssen und sich dann alles über Meyer in der Datenbank anschauen können – und das inklusive Bilder, nicht nur Daten und Fakten.

Lag der Fokus Ihrer Arbeit wirklich auf den Gegnern oder hat Joachim Löw auch nach Zusammenschnitten der Länderspiele von Per Mertesacker etc. gefragt?

Wir haben eher die Gegner unter die Lupe genommen. Die Analysen der eigenen Mannschaft bilden den Arbeitsschwerpunkt von DFB-Chefscout Urs Siegenthaler. Wenn er z. B. noch ein paar Videoszenen von Per Mertesackers Spielen für Arsenal gebraucht hat, hatte er Zugriff auf unsere Datenbank, wenn ihm die entsprechenden Daten tatsächlich nicht alle durch seine Beobachtungen bzw. vom DFB vorlagen. Wir hatten in der Hinsicht wirklich höchstens mal den Auftrag, im Vorfeld einen Perspektivkader zu beobachten. Aber wenn es um das Stellungsspiel von Mats Hummels etc. ging, war das natürlich die Aufgabe der Trainer (lacht).

Wie kann man sich die Arbeit von Joachim Löw diesbezüglich vorstellen? War es so, dass er Ihnen und Ihrem Team ein Profil vorgegeben hat, wenn er einen neuen Spieler ins A-Team aufnehmen wollte? Oder hat er zusammen mit Urs Siegenthaler die Datenbank durchforstet und dort nach Spielern gesucht, die in die Nationalelf passen?

Wir haben vor einer EM oder WM hier und da zu einem vorgegebenen Perspektivkader, der um die vierzig Spieler umfasste, eine Analyse abgegeben. Aber unsere Datenbank wurde vom DFB sonst kaum genutzt. Wir haben auch mit drei, vier Bundesligisten zusammengearbeitet, die relativ wenig Geld für die Datenbank ausgeben mussten. Deren Trainer hätten hineingucken können und beispielsweise nach einem rechten Verteidiger, der ein Linksfuß ist, 1, 70 m groß ist und pro Spiel meinetwegen zehn Flanken schlägt, suchen können. Dann hätte der PC vielleicht zwanzig Spieler gefunden, die die Kriterien erfüllen. Davon wären vielleicht zehn zu teuer gewesen, dann hätte es vielleicht noch fünf Spieler gegeben, die der Trainer aussortiert hätte und dann wären z. B. drei Spieler aus den skandinavischen Ligen und zwei aus der Bundesliga in der engeren Auswahl gewesen. Die hätte sich der Trainer näher anschauen können und da wären anhand der haargenauen Analyse der Datenbank zwei oder drei Spieler übrig geblieben. An der Stelle hätte der Trainer dann seine Scouts hinausschicken sollen – und meines Erachtens auch wirklich erst zu diesem Zeitpunkt, um die Spieler genauer beobachten zu lassen. Bis dahin hätte sich der Verein schon mindestens 100.000 Euro sparen können.

Aber kein Mensch hat das gemacht. Keiner. Obwohl sie die Datenbank zur Verfügung hatten. Die Clubs haben sich immer noch für die Spieler entschieden, die ihnen per DVD und mit der Ausdrucksweise „Ja, ich hab einen guten für dich, der macht in der nächsten Saison zehn Buden“ empfohlen wurden. Dafür haben sie dann fünf oder zehn Millionen Euro bezahlt. Das war für mich einfach unverständlich.

Woran, denken Sie, lag das hauptsächlich? Ist es so, dass viele Trainer nicht von ihrer Arbeitsweise, die sie schon jahrelang betreiben, abweichen wollen und somit schlichtweg skeptisch gegenüber Neuem sind? Oder haben sie kein Vertrauen in die Datenbank? Das Ganze ist ja in gewisser Weise wirklich unverständlich.

Ja, das passte nicht zusammen. Das wollte man nicht. Man hatte zum Beispiel Vertrauen in jemanden, der schon dreimal einen guten Spieler verkauft hat und dann hat man eben auch das vierte Mal auf denjenigen gehört.

Quergefragt

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Analysezeit?

Ja, aber eine eher negative. Die TV-Sender müssen ihre Sendungen vor den Fußballspielen immer füllen. Vor dem Spiel gegen Griechenland bei der EM 2012 war wirklich jeden Tag die Tagesschau, das Heute-Journal etc. bei mir. Da wollte ich unsere Arbeit bzw. vor allem die Arbeit der Studierenden in den Mittelpunkt stellen. Also habe ich erzählt, dass die Studierenden einige Nachtschichten einlegen mussten, weil Griechenland nicht wirklich auf unserem Zettel stand. Das heißt, dass wir nicht damit gerechnet haben, dass wir gegen sie spielen würden. Ich habe gesagt, dass wir uns eben mehr auf die anderen Gegner konzentriert hätten und deshalb in den vergangenen Tagen mehr arbeiten mussten. Das kam überall im Fernsehen. Es ist natürlich klar, dass der Trainerstab sehr aufgeregt war, als er das gehört und gelesen hat. Denn damit haben wir Griechenland stark gemacht, schließlich kam das so herüber wie: „Euch hatten wir gar nicht auf dem Zettel, euch haben wir gar nicht beobachtet“. Das war vom Psychologischen her nicht gut. Ich als Mitarbeiter erzählte so etwas und da war man natürlich stinkesauer. Ich wollte ja eigentlich nur hervorheben, wie gut und wie viel die Studierenden gearbeitet hatten. Da musste man wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen (lacht). Vor allem, wenn das auf dieser Ebene geschieht. Das hatte wirklich jeder mitbekommen, weil ja jeder die Tagesthemen guckt. Eine Stunde vor dem Spiel wurde das auch nochmal erwähnt. Das war wirklich fürchterlich.

Jetzt ein kleiner Themenwechsel. DIE MANNSCHAFT steht immer im Vordergrund, stets wird von der Nationalmannschaft gesprochen. Aber haben Sie auch die Spiele der Jugendnationalmannschaften analysiert?

Als die Philosophie der Nationalmannschaft feststand, wurde diese auch den Trainern der U-Teams zugänglich gemacht. Jedoch war es damals nicht immer möglich, dass diese auch von ihnen umgesetzt wurde. Heute ist das meiner Meinung nach sehr viel besser. Die Kooperation zwischen den Jugendnationalteams und dem A-Team hat sich äußerst positiv entwickelt und ist weiter fortgeschritten.

Wie lief die Zusammenarbeit mit U20-Cheftrainer Frank Wormuth, der zugleich für die Fußball-Lehrer-Lehrgänge verantwortlich ist? Hierbei fließen Spielanalysen sicherlich zu einem nicht geringen Anteil ein…

Die Zusammenarbeit mit Frank Wormuth war immer gut. Ich konnte regelmäßig themenspezifische Vorträge vor den angehenden Fußball-Lehrern halten. Trotzdem wurde das ganze methodisch nicht so schnell in der Form aufgebaut, wie ich mir das durchaus hätte vorstellen können. Anfangs haben Urs Siegenthaler und ich ab und an über Spielanalysen referiert. Es hat einige Zeit gedauert, bis man die Thematik wirklich didaktisch/methodisch gut in den Lehrgang integriert hatte.

Waren Sie selbst in Ihrer Zeit als Leiter des Instituts für Scouting-Studien an der DSHS während der Spiele stets in Köln oder haben Sie diese mitunter live im Stadion angeschaut?

Ich war 2008 bei der EM in Österreich und 2006 beim Viertelfinale in Berlin gegen Argentinien. Bei jedem Turnier habe ich mir ein oder zwei Spiele angeguckt, allerdings nicht operativ, sondern nur als Gast. Ich habe meine Mitarbeiter immer im Hintergrund arbeiten lassen. Das sind dann stets min. zwei Studierende, die dafür zuständig sind. Nach den Spielen habe ich mir die Berichte vorlegen lassen und bin sprachlich und wissenschaftlich nochmal drüber gegangen, bevor sie abgeschickt wurden. Operativ habe ich in der Zeit kaum mehr gearbeitet, das haben wirklich die Studierenden übernommen.

Wie sehen die Berufschancen für Spielanalystinnen und Spielanalysten aus?

Wenn ich jetzt auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicke, hatten wir mindestens zwanzig Studierende im Team, die inzwischen hauptberuflich im Spielanalysebereich tätig sind. Meiner Meinung nach müsste jeder Bundesligist eine mindestens sechsköpfige Spielanalyseabteilung haben, wobei die dann sowohl die Gegneranalyse, die Analyse der eigenen Mannschaft, als auch das klassische Scouting machen sollten. Wir haben die erste und zweite deutsche Liga von 2007 bis 2012 komplett analysiert und alle Ergebnisse in einer Datenbank festgehalten. Das war eine rein statistische Auswertung, in der wirklich alles drin war, und die wirklich kein Mensch außer uns hatte.

Vielen Dank für das spannende und sehr informative Interview!

Sehr gerne.