Fußballbuch-Update Nr. 13: Von Madi Pry zu Talia DellaPeruta

Liebe Leserinnen und Leser! / Ciao a tutti!

Es ist unglaublich… Das Fußballbuch hat rund 7.100 km zurückgelegt und den Nordatlantik überquert. Es wurde von Madi Pry an Talia DellaPeruta weitergegeben, die es von Chapel Hill, North Carolina, nach Mailand, Italien, gebracht hat.

Talia hat sich die Zeit genommen, kurz zu erzählen, wie sie zum Fußball gekommen ist und was eines ihrer schönsten und denkwürdigsten Erlebnisse im Fußball war….

Was ich hier mit großem Respekt anmerken möchte: Ich war sehr beeindruckt, dass Talia mir das Interview nur wenige Stunden vor dem Endspiel der CONCACAF-Frauen-U20-Meisterschaft gegeben hat (das übrigens durch einen von ihr verwandelten Elfmeter gewonnen wurde letztlich 2:0 gegen Mexiko). Ich glaube nicht, dass das selbstverständlich ist. Trotzdem hat sie sich Zeit genommen. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Glückwunsch auch wenn das Spiel zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Interviews schon eine Weile her ist zum Titel an Talia und ihr Team! Und an alle, die hier mitlesen: Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und Verfolgen der Reise des Buches!

Eure

Lisa Blue

P.S.: Bitte beachtet, dass das Interview den Stand vom 12.3. widergibt. Danke.

Hallo Talia, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir vor eurem Finale Zeit für das Interview nimmst.

Danke, ja, wir sind super aufgeregt.

Fangen wir direkt an… Was hat Madi dir gesagt, was du in das Buch schreiben sollst bzw. warum hast du dich entschieden, an unserem Projekt teilzunehmen?

Ja, sie hat mir erzählt, dass dieses Buch an verschiedene Menschen in unterschiedlichen Ländern weitergegeben wurde, und das finde ich einfach supercool. Ich wollte ein Teil davon sein, weil ich denke, dass Fußball eine universelle Sprache ist, und wenn man nicht dieselbe Sprache spricht, dann können wir doch alle dadurch, dass wir das Spiel lieben, miteinander in Verbindung stehen. Ich halte das für eine wirklich coole Idee und möchte ein Teil davon sein. Ich freue mich darauf, weitere Geschichten in dem Buch zu lesen und auch meine eigenen Erfahrungen und das, was das Spiel mir gegeben hat, einzubringen. Ich finde es einfach eine wirklich coole Idee, die du dir ausgedacht hast, um viele Geschichten von Leuten aus der ganzen Welt darüber zu erzählen, wie das Spiel sie beeinflusst hat oder was sie daran lieben.

Könntest du bitte kurz etwas über sich selbst erzählen? Wie bist du zum Fußball gekommen, warum magst du ihn?

Ich habe mit drei Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Mein Vater hat mich dazu gebracht, und das ist etwas, was er und ich zusammen gemacht haben. Ich habe es also genossen, Zeit mit ihm zu verbringen, und er hat mich im Garten trainiert, seit ich drei Jahre alt war. Ich habe es einfach geliebt. Ich lernte sehr schnell. Ich bin sehr wettbewerbsorientiert und mag es, mich zu messen und hart zu arbeiten, und ich liebe die technische Seite des Spiels, also habe ich viel geübt.

Ich spiele für die Universität von North Carolina. Ich bin im zweiten Studienjahr und gehöre auch zur U20-Jugendnationalmannschaft der USA. Mit dieser Mannschaft qualifizieren wir uns gerade. 

Du spielst also für Chapel Hill, richtig? Und jetzt machst du ein Auslandssemester in Italien oder wie funktioniert das? Madi Pry hat mir darüber geschrieben…

Ja, meine Assistenztrainerin ist eine wirklich gute Freundin der Cheftrainerin des AC Mailand-Teams. Sie hat also mit ihr gesprochen und meinte: „Hey, ich habe zwei Spielerinnen, die gerne im Ausland spielen und dort aufs College gehen würden. Hättest du etwas dagegen? Ich könnte sie für ein Semester zu dir schicken, während sie studieren…“ Ich habe also in Mailand an der Universität von Katalonien studiert und für die erste Mannschaft von Mailand gespielt.

Das ist großartig. Welche Erfahrungen hast du international gemacht? Du hast gesagt, dass du im Moment beim U20-Frauen-Turnier spielst, das in Santo Domingo ausgetragen wird. Kannst du ein bisschen von den letzten Tagen erzählen? Hast du Freundschaften mit Spielerinnen aus anderen Mannschaften, Nationen geschlossen? Vielleicht auch in den letzten Jahren?

Ja, ich war tatsächlich Teil der U14-, U15-, U17- und U20-Nationalmannschaft. In den letzten fünf Jahren war ich in der Nationalmannschaft und bin mit ihr in über 10, 15 Länder gereist, und so habe ich in verschiedenen Ländern definitiv viele Freundinnen aus anderen Teams gefunden. Ich habe einige Freunde auf Haiti, in Kanada, Mexiko und Puerto Rico.

Hast du schon etwas in das Buch geschrieben? Oder überlegst du noch, was du schreiben könntest?

Ich habe versucht darüber nachzudenken, was ich schreiben möchte, weil ich so viele Geschichten erzählen möchte und wie sehr der Fußball mich und so viele Menschen beeinflusst hat. Aber ich denke, ich schreibe über die verschiedenen Länder, in denen ich gewesen bin, die verschiedenen Kulturen, die ich kennen gelernt habe, wie Fußball uns alle zusammenbringt und wie wir ihn alle lieben. Und ich denke, ich werde auch ein bisschen über diese Erfahrung mit dem U20-Team schreiben, je nachdem, wie es heute läuft. Insgesamt war es ein sehr, sehr gutes Turnier für mich. 

Dann eine ganz andere Frage. Du weißt ja, dass Megan Rapinoe und ihre Mannschaftskameradinnen das Ziel der gleichen Bezahlung der Männer und Frauen durch den US-Verband erreicht haben und dass sie so hart dafür gekämpft haben. Wenn du etwas im Frauenfußball, international oder in den USA, ändern könntest, was wäre das?

Ich würde sagen, auf jeden Fall mehr Mittel für den Frauenfußball und damit vielleicht auch mehr Profiteams in den USA. Man hat begonnen, ein paar mehr WNSL-Teams [Women’s National Soccer League; Anm. von LS] zu gründen, das ist die Profiliga für Frauen in Amerika. Aber ich denke: Mehr Teams in den großen Städten würden dazu beitragen, jüngere Mädchen zu fördern, damit sie später einmal auf dieser professionellen Ebene spielen können.

Weißt du schon, in welchem Bereich du später einmal arbeiten willst? Es ist noch ziemlich früh, um ehrlich zu sein, aber willst du nach deiner Karriere im Fußball bleiben? Was denkst du im Moment?

Ich meine, es war schon immer mein Ziel, professionell zu spielen und Teil der US-Frauen-Nationalmannschaft zu sein. Ich spiele also noch viel länger Fußball. Ich möchte auf jeden Fall auch im Ausland Fußball spielen, deshalb freue ich mich sehr über diese zusätzliche Erfahrung, in Italien zu spielen. Und ich habe auch schon ein paar Wochen in Deutschland gekickt. Ich möchte auf jeden Fall im Nationalteam bleiben und in die A-Nationalmannschaft kommen. 

Kannst du dir vorstellen, später einmal Trainerin zu werden?

Ich glaube, als ich jünger war, in den Jahren vor Heather O’Reilly, hätte ich „nein“ gesagt. Aber jetzt möchte ich auf jeden Fall Assistenztrainerin oder Cheftrainerin am College werden. Wie Heather O’Reilly. Sie ist ein Vorbild für mich. Ich glaube, sie hat mich echt beeinflusst, sie war meine Trainerin. Ich möchte die Mädchen wirklich motivieren und eine Art Vorbild sein und ihnen dabei helfen, ihre sportlichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Was fasziniert dich am meisten am Fußball? Er ist wie eine Sprache für alle. Magst du es auch, wirklich ein Team zu sein, dich weiterzuentwickeln, oder was gefällt dir am meisten am Spiel selbst?

Ich mag es, wie viel man über sich selbst und andere lernen kann. So wie man in einem Team arbeitet. Man entwickelt viele Führungsqualitäten wie Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Kreativität, wie man in jeder Umgebung man selbst sein kann. Das sind einige Dinge, die ich wirklich während meiner Zeit im Fußball gelernt habe und die ich immer noch zu verbessern versuche.

Ich habe auch mit Anson [Dorrance; Trainer; Anm. von LS] von Chapel Hill gesprochen und ich war sehr beeindruckt von den Möglichkeiten dort. Würdest du sagen, dass es für Frauen am besten ist, in den USA Fußball zu spielen, weil es dort College-Teams gibt? Ihr habt großartige Einrichtungen. Die USA sind sehr weit mit ihren Möglichkeiten, und ich denke, dass die USA in einigen Bereichen in der Entwicklung viel weiter sind. Sie tun so viel für euch oder ist das ein falscher Eindruck von mir?

Nein, nein, du hast völlig recht. Das Spiel wächst in Amerika, was im Frauenbereich wirklich toll ist. Das heißt, es werden Frauen-Profiteams gegründet, die vielen Spielerinnen helfen, die nächste Stufe zu erreichen. Denn wir haben viele Talente in Amerika. Wir müssen sie nur weiter fördern und ihnen einen Ort bieten, zu dem sie kommen können.

Wie ist es hinsichtlich des Respekts? Ich glaube, es gibt auch Männerteams an den Colleges. Respektieren sie sich gegenseitig oder sagen sie so etwas wie „Oh, die Frauen…“ und so weiter – denn ich glaube, ihr seid viel weiter als wir hier in Deutschland. Wenn man sich die erste deutsche Liga anschaut, die 1. Bundesliga, dann sagen sie – natürlich nicht alle, aber ich habe es oft gehört –  so etwas wie: „Oh, Frauenfußball…, hm, …naja, …“ Es ist schon ein bisschen crazy hier, um ehrlich zu sein. Sie müssen wirklich für ihre Rechte oder für den Respekt kämpfen.

Ich glaube, in den USA ist das nicht so. In Deutschland haben die Männerteams die Frauenteams nicht so sehr respektiert, als ich dort gespielt habe. Aber in den USA respektiert die Männermannschaft das Frauenteam.

Gibt es einen besonderen Moment in deiner Karriere, der dir am besten gefallen hat? Du hast viele Turniere erlebt und wegen des Fußballs viele Menschen aus der ganzen Welt getroffen. Gibt es eine besondere Geschichte, an die du dich erinnerst und von der du sagen würdest: „Oh, das war wirklich, wirklich besonders und großartig“?

Das ist wirklich schwierig. Vielleicht würde ich sagen, als ich bei den U15-Qualifikationsturnieren der CONCACAF war. Wir waren dort bei einem Turnier und alle Mannschaften waren auf demselben Platz. Meine Mannschaft hat sich mit der Mannschaft von Trinidad und Tobago unterhalten und Spaß gehabt. Sie wollten mit uns mitmachen. Also haben wir alle zusammen getanzt, bevor wir gegeneinander gespielt haben. Das war etwas ganz Besonderes.

Ein anderes Mal waren wir, glaube ich, in Südkorea. Wir wohnten in der gleichen Einrichtung wie die südkoreanische Nationalmannschaft. Sie hatten einen Tischtennisraum und wir haben ein großes Turnier mit den Südkoreanerinnen veranstaltet, um zu sehen, wie wir mithalten können. Es hat sehr viel Spaß gemacht, sich mit ihnen in einer anderen Sportart zu messen.

Aber sie sind wirklich gut im Tischtennis, oder?

Sie waren sehr gut, sie haben uns natürlich geschlagen.

Habt ihr bei der aktuellen Meisterschaft in der Dominikanischen Republik auch ein besonderes Erlebnis rund um den Fußball oder eine besondere Begegnung mit einem Menschen gehabt?

Ja, wir haben in unserem zweiten Spiel gegen Puerto Rico gespielt. Da kam ein Mädchen zu mir und sagte: „Hey, ich finde, du bist eine tolle Spielerin…. Wäre es für dich in Ordnung, wenn wir ein gemeinsames Foto machen?“ Sie spielt in Puerto Rico. Das war wirklich, wirklich cool.

So süß.

Natürlich gab sie mir auch eines ihrer Trainingsshirts und lächelte…

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wollte nicht so viel mit dir reden, weil du heute das Finale hast.

Sehr gerne.

Fußballbuch-Update Nr. 11: Von Brianna Pinto zu Anson Dorrance

Liebe Fußballfans,

…und wieder gibt es Neuigkeiten: Brianna Pinto hat sich entschieden, das Fußballbuch an Anson Dorrance weiterzugeben. Der Trainer, der mit seinem Team die erste Frauen-WM im Fußball (1991) gewonnen hat, hatte keine andere Wahl. Er musste sich darauf einlassen. Weshalb? Das könnt ihr selbst im Interview nachlesen…

Da Anson Dorrance im Fußball schon viel erlebt hat, wurde unser Gespräch immer länger. Seine Aussagen gaben mir Anlass zu immer mehr Fragen. Deshalb feiern wir heute eine Premiere: Das erste dreiteilige Interview auf meinem Blog folgt… Teil 1 heute, Teil 2 am 8.7.2022 und Teil 3 am 10.7.2022.

Viel Spaß beim Sammeln von Eindrücken!

Eure

Lisa Blue

Anson Dorrance, Trainer des Frauenteams der University of North Carolina, bei der Arbeit. Foto: Athletic Department, University of North Carolina

Herr Dorrance, als Erstes würde ich gerne wissen, warum Sie sich entschieden haben, am Fußballbuchprojekt mitzuwirken? Wie haben Sie reagiert, als Sie das Buch bekommen haben?

Eigentlich hatte ich gar keine große Wahl. Brianna Pinto hat es mir einfach mit einer Notiz auf den Schreibtisch gelegt. Ich war also nicht im Besitz des Buches. Ich war also nicht in der Lage, es abzulehnen. Ich mag Brianna sehr. Das Buch lag also da, und es sah sehr interessant aus, also habe ich mich darauf gestürzt.

Ehrlich gesagt dachte ich: „Oh mein Gott, was für eine Nervensäge?“ Ich brauche drei bis vier Stunden am Tag, um meine E-Mails zu bearbeiten. Meine Tage sind also sehr, sehr arbeitsreich. Ich spreche die ganze Zeit mit vielen Leuten, wie mit dir. Ich rede viel mit meinen Spielerinnen. Im Moment bringe ich meine Profispielerinnen in die Mannschaft. Sie wollen während dieses Transferfensters spielen.

Für mich war es also eine Sache nach der anderen. Mein erster Gedanke, als ich das Buch gesehen habe, war: „Oh mein Gott, noch mehr Arbeit, das ist ja langweilig“. Aber dann schlug ich es auf, schaute es an und meinte: „Was für ein interessantes Projekt“. Ich fand es also wirklich spannend. Als ich angefangen habe zu schreiben, bin ich irgendwie hineingekommen. Und was mich dazu brachte, war Rainer Maria Rilke. Weil ich so viel anders über das Spiel nachdachte als die meisten Leute, weil ich ein Philosoph bin. Für mich ist das eine andere Sichtweise. Ich denke, diese Perspektive, durch das außergewöhnliche Rilke-Gedicht „Der Schauende“ auf das Spiel zu blicken, ist eine wirklich interessante.

Rilke ist ein berühmter deutscher Dichter. Ich habe dieses Gedicht am Ende eingefügt, weil ich wirklich glaube, dass unser Spiel uns alle möglichen wertvollen Dinge lehren kann. Was wirklich interessant ist: Wir lernen in unserem Spiel nicht durch Erfolg. Wir lernen in unserem Spiel durch das Scheitern. Denn dann werden wir widerstandsfähiger. Wir wissen die Tatsache zu schätzen, dass wir durch Misserfolge wachsen. Habt also keine Angst vor dem Scheitern. Habt keine Angst vor Herausforderungen. Und was ich jetzt langsam sehe, was nicht gut ist, ist: Wir werden alle so zerbrechlich. Das ist der Punkt, an dem ich immer noch sehe, dass Sport einen Wert hat. Und sogar einen Wert im universitären Umfeld. Denn wir sind alle das, was man den Elfenbeinturm nennt. Der Elfenbeinturm sind all jene Professoren, die denken, dass dies eine absolute Verschwendung unserer Vereinigung ist: eine Sportmannschaft in Verbindung mit einer Universität zu haben. Das lenkt von der Mission ab. Und die Mission ist eine normale Mission. Ich stimme dem Auftrag der Akademie im Elfenbeinturm vollkommen zu. Es geht darum, unsere jungen Leute zu erziehen, ihren Horizont zu erweitern. Um sie produktiver zu machen. Ich schätze, ich habe eine praktischere Sicht auf den Wert der Leichtathletik. Denn ich glaube wirklich, dass ich die „Theorie des großen Mannes“ der Bildung voll und ganz unterstütze. Dass man lernen kann, ein großer Mann zu sein, indem man die großen Männer und natürlich auch Frauen unserer Kulturen studiert, um herauszufinden, wie wir unser eigenes Leben leben wollen. Für mich hat der Sport also einen großen Wert, weil er uns sehr praktische Dinge darüber lehrt, wie wir unser eigenes Leben führen können, und er ist von großem Nutzen. Und auch für die Akademie ist er von großem Wert, weil man dann belastbarer ist. Damit ist man gerüstet.

Er lehrt uns auch den Respekt und die sozialen Aspekte, Freundschaften, das sich gegenseitige Helfen.

Ja. Und das sind Themen, die in der Akademie oder im Elfenbeinturm im akademischen Umfeld nicht wirklich direkt angesprochen werden. Werden sie denn direkt angesprochen? Ja, natürlich. Wenn man Shakespeare liest, lernt man auch etwas über Beziehungen. Und man erhält eine Ausbildung auf so viele verschiedene positive Arten. Aber ich denke, Sport hat auch einen Wert. Für mich haben also all diese verschiedenen Dinge einen Wert. Und was mir an dem Buch wirklich Spaß macht, ist, dass ich meinen kleinen Einblick in den Wert der Leichtathletik geben kann. Und ich habe meine kleine Einführung in das gegeben, was die Akademie zu schätzen wüsste, nämlich das Studium brillanter Schriftsteller wie Rilke, die einen außergewöhnlichen und kraftvollen unschätzbaren Wert in sich tragen, und wie wir auf die außergewöhnlichste Weise in der Welt aufwachsen können.

Was ich an dem Rilke-Gedicht „Der Schauende“ so liebe, ist: Er spricht über die Art, wie man wächst. Und die Art, wie man wächst, besteht darin, dass man von immer größeren Wesen besiegt wird. Meiner Meinung nach gibt es einen großen Zusammenhang zwischen dem Kampf, zu lernen, wie man das Spiel spielt, und den Herausforderungen, das Spiel zu gewinnen. Und im Grunde auch mit dem echten Leben. Also habe ich ein Gedicht geteilt, das ich absolut liebe, das meiner Meinung nach unser Spiel einfängt. Ich denke, dass unser Spiel einen Wert hat, weil es uns etwas über das Leben lehrt, und ich finde, dass unser Spiel so viel Ähnlichkeit mit der Lebenserfahrung selbst hat. Deshalb habe ich dieses Gedicht ausgewählt.

Perfekt. Ich bin nur ein bisschen überrascht, dass Sie Rainer Maria Rilke kennen. Er ist in Deutschland ziemlich berühmt, aber ich wusste nicht, dass er auch in den USA so bekannt ist.

Du solltest dieses Gedicht lesen, weil es sehr kraftvoll ist. Du wirst sehen, warum ich dieses Gedicht als Metapher für den Fußball ausgewählt habe. Ich denke, wenn du es gelesen hast, wirst du beeindruckt sein, weshalb ich es ausgewählt habe.

Danke, das werde ich machen. Das führt mich zur nächsten Frage. Was mögen Sie am meisten am Fußball? Ist es das Spiel selbst oder ist es das Zusammenkommen mit den Menschen, die Kommunikation mit ihnen? Die Teamarbeit, oder sind es die internationalen Turniere? Oder ist es das Kennenlernen anderer Kulturen?

Meine Liebe zu diesem Spiel hat sich mit der Zeit entwickelt. Als ich jung war, war es natürlich der Ball selbst, den ich liebte. Deshalb denke ich, dass man mit der Liebe zum Ball und der Liebe zum Spiel beginnt. Abgesehen davon, dass man das Spiel spielt, spielt man mit seinen Freunden. Es gibt also sicherlich einen sozialen Aspekt, der das Spiel einzigartig macht. Aber es ist auch das Fühlen des Balls am Fuß, die Befriedigung, etwas zu erreichen, was sehr schwierig ist, denn etwas mit den Füßen zu tun, ist eine wunderbare Herausforderung.

Ich denke, am Anfang steht die Liebe zum Ball, die Liebe zum Spiel, die Liebe zum Spiel mit Freunden. Und ich bin ein Weltbürger. Ich bin im Ausland geboren und aufgewachsen. Was man zu schätzen lernt, und ich als Amerikaner sicherlich auch, ist: Das ist das Spiel der Welt. Ich bin in Bombay, Indien, geboren. Als ich drei Jahre alt war, zogen wir nach Kalkutta, wo ich aufgewachsen bin. Von dort nach Kenia, von Nairobi, Kenia, nach Addis Abeba, Äthiopien, dann nach Singapur, Malaysia und nach Brüssel, Belgien. Während ich in Brüssel war, wurde ich auf ein Schweizer Internat in Freiburg in der Schweiz geschickt. Für mich ist das also mein Leben. Ich bin ein Bürger dieser Welt. Und natürlich: Was ist das Spiel der Welt? Fußball ist das Spiel der Welt. Als ich anfing, mich für Fußball zu interessieren, war es das Spiel, das ich an der University of North Carolina auf College-Ebene spielen konnte.

Ich liebe alle Sportarten. Die Sportart, in der ich am besten war, um auf College-Ebene zu spielen, war Fußball. Also fing ich mit Fußball an und liebte es einfach. Ich liebte den Wettbewerb. Ich liebte die Herausforderung. Und dann hat mich meine Liebe zum Spiel langsam aber sicher dazu gebracht, das Spiel zu organisieren, sodass ich eine führende Rolle im Bundesstaat North Carolina übernahm und versuchte, den US-Fußball mit den Ligen in North Carolina zu verbinden. Als ich dann Nationaltrainer der US-Frauen wurde, wurde ich zu einer nationalen Führungspersönlichkeit, die den Frauenfußball förderte. Denn als ich bei der UNC angestellt wurde, wurde ich eingestellt, um die Spieler zu trainieren, mit denen ich zusammen gespielt habe. Ich war also sehr jung. Aber mein Ziel war es nicht, Fußballtrainer zu werden. Ich wollte Anwalt werden, weil mein Vater seine eigene Ölfirma gründete und er wollte, dass ich sein Firmenanwalt werde. Ich liebte meinen Vater, ich war ein pflichtbewusster Sohn. Ich habe also Jura studiert, weil mein Vater das so wollte. Und der Witz in der Familie lautete damals: Wenn ich sein Firmenanwalt würde, würde ich wenigstens nicht die Dreistigkeit besitzen, mein eigenes Vermögen zu stehlen. Das war der Familienhumor. Dass ich der Familie und dem Unternehmen dienen würde und nicht – du weißt schon – Geld aus dem Unternehmen stehlen und es in meine eigene Tasche stecken würde.

Dann habe ich Jura studiert und ich habe es absolut gehasst. Während des Studiums trainierte ich in Teilzeit die Männer hier an der UNC, weil mein Vorgänger in den Ruhestand gegangen ist und mich dem Sportdirektor empfohlen hatte. Die meisten Leute schließen ihr Jurastudium hier in drei Jahren ab. Ich brauchte bis ins vierte Jahr, weil ich ein Semester nahm, um die Männer hier zu trainieren. Die Teilzeitstelle bei den Männern wurde dann in eine Vollzeitstelle umgewandelt, weil man mir auch ein Frauenteam anvertraute.

Ich trainierte also die Männer und die Frauen UND studierte gleichzeitig Jura. Ich habe jede Nacht vier bis sechs Stunden Schlaf bekommen. Das ist nicht genug für mich. Und so kam ich eines Tages nach Hause und meine arme Frau, die dachte, sie würde sich in einer Villa am Mittelmeer zur Ruhe setzen und mit einem Mann verheiratet sein, der eine Ölgesellschaft leitete, war nun mit einem Fußballtrainer verheiratet. Du kannst dir die unglaubliche Tragödie vorstellen, die ich mit nach Hause brachte, als ich ihr sagte, dass ich das Jurastudium aufgeben würde. Aber ganz ehrlich: Sie wusste, dass ich den Fußball liebe, und sie wollte, dass ich glücklich bin. Sie hatte also kein Problem damit. Der Einzige, der ein Problem damit hatte, war mein Vater, der offensichtlich enttäuscht war, weil er wollte, dass ich mit ihm zusammenarbeite und das Ölimperium der Familie Dorrance aufbaue. Aber der Fußball und das Coaching haben mir zu viel Spaß gemacht, und dann habe ich zehn Jahre lang die Männer und Frauen trainiert. Dazu gehörte auch, dass ich 1986 zum Nationaltrainer der Frauen ernannt wurde. Als ich eingestellt wurde, waren wir eine neue Nation im internationalen Fußball. Als ich eingestellt wurde, hatten wir noch nie ein Spiel in einem internationalen Wettbewerb gewonnen. Fünf Jahre später waren wir Weltmeister*in. Darauf bin ich natürlich sehr stolz, denn wir haben die Welt in ihrem eigenen Spiel geschlagen. Es ist nicht unser Spiel. Es ist dein Spiel, es ist das Spiel der Welt. Und wir waren tatsächlich Weltmeister*in.

Der Beginn des Pressings im Fußball…

Mein Lieblingsmoment bei der Weltmeisterschaft 1991 war der Sieg gegen Deutschland. Denn die Deutschen hatten eine hervorragende Mannschaft, und der Trainer der Mannschaft war der Trainer, der die Trainer in der Männer-Bundesliga ausgebildet hat. Dieser Mann war also nicht dafür bekannt, Frauen zu trainieren. Er war berühmt dafür, Männer zu trainieren, die auf der höchsten Ebene des deutschen Fußballs trainierten. Sein Name war Gero Bisanz. Wir haben ihn mit 4:2 geschlagen, und das war ihm sehr peinlich. Und zu seiner Rechten saß Tina Theune [damals Theune-Meyer, Anm. von LS], seine Assistentin. Im Grunde hat er der Welt und der Presse erzählt, dass wir geschummelt haben. Und wie haben wir geschummelt? Nun, wir haben gepresst. Und damals hat niemand gepresst. Alle spielten ein sehr klassisches und formelles 4-4-2. Es gab eine niedrige Konfrontationslinie, bei der man die andere Mannschaft im Defensivdrittel einen Raum schaffen ließ, indem man den Ball nach hinten spielte und dann einen Ball ins Mittelfeld spielte, um einen Verteidiger ins Mittelfeld zu schicken, der sich um den Ball herum aufbaute, und dann einen weiteren Ball nach vorne spielte. Und natürlich liefen wir in sie hinein. Wir haben die andere Mannschaft an der Gurgel gepackt und ihnen die Luft abgedrückt. Wenn die Deutschen den Ball gewonnen haben, haben wir ihnen keine Plattform gegeben, von der aus sie spielen konnten. Wir haben hoch gepresst.

In der Pressekonferenz behauptete er, dass dies eine Form von Betrug sei. Und natürlich presst heute jeder. Aber damals waren wir damit einzigartig. Weil niemand presste. Wir waren die einzige Mannschaft auf der Welt, die gepresst hat. Was dann wirklich schön war, war, dass Tina Theune, die eine sehr anmutige und wunderbare Frau war, zu mir kam, und sich für Geros Bemerkungen in der Pressekonferenz entschuldigte, nachdem sie von Gero wegen Betrugs beschimpft worden war – was wir natürlich nicht getan hatten. Sie sagte im Grunde, dass unser Team großartig gewesen sei und wir den Sieg verdient gehabt hätten. Und das war nur ein weiterer Beweis für meinen Respekt vor ihr, die schließlich natürlich Deutschland trainiert und hervorragende Arbeit geleistet hat. Ich habe also großen Respekt vor Tina. Sie hat mir eine Menge über das Spiel beigebracht. Sie hatte mich zu einem Lehrgang in Kanada eingeladen, und ich war dabei. Ich hörte mir ihre Rede an, und viele ihrer Ideen habe ich von ihr übernommen und in mein College-Programm und auch in die US-Nationalmannschaft einfließen lassen.

Als ich nach Kanada gebracht wurde, um Tina zuzuhören, hatte Deutschland einen Feldhockeytrainer eingestellt, um das deutsche Feldhockey zu verändern. Und was dieser Trainer umgesetzt hat, was zu dieser Zeit revolutionär war: die alte traditionelle Idee für die Spielerentwicklung, nämlich die maximale Wiederholung.

Das heißt, man hat diese anstrengenden drei bis dreieinhalb Stunden Training. Die Idee dahinter war natürlich: Je öfter du den Ball berührst, oder im Feldhockey, je öfter du den Ball triffst, desto besser wirst du werden. Den Ball zu berühren und zu treffen ist alles. Und dieser deutsche Feldhockeytrainer hat das deutsche Feldhockey mit diesen revolutionären Ideen aus dem Nichts an die Weltspitze geführt. Und was waren diese revolutionären Ideen? Sie lauteten, dass das Training maximal anderthalb Stunden dauern sollte, und auch wenn man nicht so viele Wiederholungen wie bei einem drei-, dreieinhalb- oder vierstündigen Training macht, so gewinnt man doch eine unglaubliche Begeisterung für das Spiel, und man kommt ausgeruht, gestärkt und spielfreudig zum Training und verliebt sich in das Spiel. Und mit diesem Enthusiasmus kommt man am nächsten Tag mit der gleichen Leidenschaft zurück, um das Spiel wieder zu spielen, mit dem Sprint und so weiter und so fort. Und natürlich hat mein Training damals zwei oder zweieinhalb Stunden gedauert, und ich dachte, das ist verrückt, als ich Tina über diesen deutschen Feldhockeytrainer zuhörte, der nicht nur das deutsche Feldhockey revolutioniert hat. Das hat dann auch der Deutsche Fußball-Bund als Trainerprinzip übernommen. Ich habe diese Idee von Tina geklaut, bin zurück in die Vereinigten Staaten zu meiner College-Mannschaft gekommen und plötzlich ging ich sehr nervös von diesen zweieinhalb Trainingsstunden zu eineinhalb Stunden über, weil ich dachte, ich würde meine Spieler ruinieren. Aber ich hatte Vertrauen in das, was Tina mir sagte, und völlig überraschend hatte sie absolut Recht.

Wir kamen mit mehr Energie zum Training, wir waren aggressiver im Training, und all diese Dinge sind, wie jeder Trainer sagen wird, entscheidend für die Entwicklung der Spielerinnen. Ich habe also eine Menge von ihr gelernt. Und ich bin froh, dass ich das in dieser Form mitteilen kann, denn ich bewundere sie sehr für das, was sie mir gesagt hat. Aber auch, wie gnädig sie bei der Weltmeisterschaft 1991 war, als sie mir diese Lektionen beibrachte. Sie hat es mir nicht nach ’91 beigebracht. Sie hat es mir vor ’91 beigebracht, also vielleicht in den Jahren ’87, ’88, ’89, und so schulde ich ihr einfach eine wunderbare Tat für ihre Bereitschaft zu teilen, wie viel sie vom Feldhockey gelernt haben.

Der Wettbewerbskessel und die kritischen Säulen

Das ist eine tolle Geschichte. Sie hatten also z. B. Einflüsse aus Deutschland. Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die unser Interview lesen und Trainer*in werden wollen? Was können sie tun, um ein guter Coach zu werden?

Nun, wenn du dir mein Programm ansiehst… Ich spreche von drei Säulen, die in meinem Programm, aber auch in den Vereinigten Staaten den Unterschied ausmachen. Die erste Säule, die wir sehr früh etablieren, heißt „Competitive Cauldron“. Und das hat viel mit Druck zu tun. Es handelt sich um ein sehr kampfbetontes Training, bei dem alles aufgezeichnet wird. Bei jedem einzelnen Aspekt der Trainingsumgebung gibt es einen Gewinner oder einen Verlierer. Wenn wir, sagen wir, ein Trainingsraster mit 30 Spielerinnen haben und vier davon sind Torhüterinnen, dann haben wir einen Wettbewerb zwischen den 26 Feldspielerinnen, um in 28 verschiedenen Wettbewerbskategorien die Beste zu sein. Und einige dieser Wettbewerbskategorien sind Kategorien, die jeder verstehen würde. Zum Beispiel Schnelligkeit. Mit Laser-Zeitmessern stellen wir die Mannschaft auf und sie sprintet, damit wir wissen, wer unsere schnellste und wer unsere langsamste Spielerin ist. Wir haben auch Laser-Zeitmesser in 10 und 30 Metern Entfernung vom Start. Beim Sprint über 30 Meter werden also zwei Aspekte gemessen. Der eine ist die Beschleunigung, also die Zeit, die man braucht, um die 10-Meter-Laser zu treffen. Wir messen also deine Beschleunigung, wir messen deine Geschwindigkeit. Wir messen deine Sprunghöhe, wir messen deine Beweglichkeit. Alle Feldspielerinnen werden auf einer Skala von 1 bis 26 eingestuft. Die Torhüterinnen machen dasselbe, aber ihr Programm ist natürlich anders als das der Feldspielerinnen. Die Torwartinnen wetteifern also auf einer Skala von 1 bis 4: Vielleicht nach der Entfernung des Dropkicks, des Abstoßes, der des Torschusses oder der Entfernung, wie weit sie den Ball werfen können. Sie wetteifern also in ähnlichen Dingen. Und bei den Feldspielerinnen werden auch technische Aspekte gefordert: Wie weit sie den Ball schlagen können, wie weit sie einen Ball köpfen können. Wir haben also all diese verschiedenen technischen Aufgaben. Da Baseball in den Vereinigten Staaten ein so beliebtes Spiel ist, kennt jeder von uns Radarpistolen. Bei einer Radarpistole steht ein Trainer hinter dem Fänger beim Baseball. Und der Pitcher versucht, den Ball so schnell wie möglich zum Fänger zu werfen. Das Radargerät misst, wie schnell sich der Ball bewegt. Die besten Pitcher in Amerika werfen den Ball mit 95 bis 100 Meilen pro Stunde. Die meisten Pitcher verdienen Millionen von Dollar in der Major League Baseball, und die Pitcher, die nur 70 bis 80 Meilen pro Stunde werfen, enden natürlich als Jugend-Baseballtrainer. Sie haben es nie geschafft.

Wir messen also die Stärke eines Strikes. Unser Trainer sitzt also hinter dem Tor, und die Spielerinnen haben vier Mal die Gelegenheit, den Ball so hart wie möglich zu schlagen. Sie erhalten ein Maßzahl, wie hart sie den Ball getroffen haben. Wir erhalten eine Maßzahl für ihren durchschnittlichen Treffer. Eine Sache, die ich im Frauenfußball gelernt habe: Ohne überhaupt zu wissen, wer die Anführerin des Frauenteams ist, könnte ich das Team aufstellen und den Ball ins Tor schießen lassen, während ich mit der Radarpistole dahinter stehe. Und ich werde dir fast der Reihe nach sagen, wer die führenden Torschützinnen sind. Denn im Frauenfußball entscheidet die Kraft und natürlich die Genauigkeit, mit der man den Ball treffen kann, darüber, ob man Torschützenkönigin wird oder nicht. Bei den Männern spielt die Kraft sicherlich eine Rolle. Bei den Männern ist die Treffsicherheit sogar noch wichtiger. Aber bei den Frauen übertrifft die Kraft die Genauigkeit. Mit der Radarpistole kann man also feststellen, wer die besten Torschützinnen sind.

Wir haben auch Turniere. Der Prozentsatz an gewonnenen und verlorenen Turnieren ist ein Faktor, und all diese verschiedenen Elemente fließen in den „Competitive Cauldron“ ein. Wir schaffen also ein unglaubliches Trainingsumfeld. Wir haben auch fünf verschiedene Eins-gegen-Eins-Ranglisten, in denen man gegen jede Spielerin des Teams antritt, um zu sehen, wer – wie wir es nennen – das „Alpha“ ist. Wer ist die beste Eins-gegen-Eins-Spielerin?

Und jetzt sehen wir alle Spielerinnen. Die Verteidigerinnen zusammen mit den Angreiferinnen. Denn eine Verteidigerin kann oft gewinnen, weil sie die Angreiferin zwar nicht so gut vom Dribbling abhalten kann wie die Angreiferin, dafür aber sehr konsequent ist. Manchmal verliert eine gute Angreiferin gegen eine gute Verteidigerin. Denn die großen Angreifer – und es gibt kein besseres Beispiel als „The Man Watching“ – der deutsche Trainer, der versuchte, Cristiano Ronaldo bei Manchester United zum Verteidigen zu erziehen. Denn das Letzte, was Cristiano Ronaldo jemals tun will, ist, zu verteidigen. Er will seine ganze Energie für den Angriff aufsparen, und jetzt kam dieser deutsche Trainer und verlangte von Cristiano, dass er verteidigt, was natürlich lächerlich ist. Denn dieser Mann hat Millionen mit seiner Fähigkeit verdient, Tore zu schießen und Spieler aus dem Dribbling heraus zu schlagen. Da das Pressing jetzt ein so wichtiger Faktor für den Erfolg auf höherem Niveau ist, wurde der arme Cristiano gebeten, zu verteidigen. Es reichte also nicht mehr aus, dass er mit perfektem Haar und perfektem Körperbau gut aussieht, jetzt musste er auch noch verteidigen.

Wir haben also all diese verschiedenen Elemente, die erforderlich sind, um im Grunde genommen konkurrenzfähig zu sein. Du weißt also, wo du stehst. Wir haben 28 verschiedene Kategorien. Wir haben einen Algorithmus, denn wir haben x Faktoren, die mit den 28 Wettbewerbselementen des Kessels verbunden sind. Es gibt einen Algorithmus, der am Ende der Saison die beste Spielerin im Training ermittelt. Und natürlich spiegelt diese beste Spielerin fast perfekt die beste Spielerin des Teams wider. Denn die Mädels, die im Training am härtesten arbeiten, sind auch die besten Spielerinnen. Und diejenigen, die am meisten gewinnen, spielen am härtesten und so weiter und so fort. Das ist also eine sehr wichtige Säule.

Eine weitere wichtige Säule, über die jetzt viele Trainer sprechen und die auf professioneller Ebene immer mehr zum Bestandteil des Dialogs wird, ist der Charakter der Spielerinnen. Wenn sie über den Charakter einer Spielerin sprechen, geht es natürlich oft darum, dass er die Mannschaft und ihre Ziele ohne Beanstandung unterstützt. Es gibt nichts Schlimmeres, und übrigens ist das Fernsehen von diesem Drama so begeistert – einer der Lieblingsmomente des Fernsehens bei der Übertragung eines Fußballspiels ist sicherlich, wenn ein Tor fällt oder eine rote Karte gezeigt wird. Oder wenn es ein schweres Foul gibt oder wenn es eine Gelegenheit gibt, zu sehen, ob dieses Tor ein Abseitstor ist oder nicht, oder ob es ein Elfmeter ist oder nicht. Ein weiterer beliebter Moment für das Fernsehen ist, wenn eine Spielerin ausgewechselt wird. Und warum ist dies ein beliebter Moment für das Fernsehen? Weil die Kamera der Spielerin vom Spielfeld folgt, wenn sie ausgewechselt wurde. Warum macht die Fernsehkamera das? Weil alle Welt neugierig darauf ist, zu sehen, wie wütend die Spielerin auf den Trainer ist, weil er sie aus dem Spiel genommen hat.

Wenn Trainer über den Charakter und die Belastbarkeit einer Spielerin sprechen, verlässt diese das Feld anmutig für eine Ersatzspielerin. Und ich schaue mir das an, wie alle anderen auch, weil es menschlich und dramatisch ist. Aber der Trainer geht natürlich auf die Spielerin zu, um ihm für die gespielten Minuten zu danken. Und man kann die Spielerinnen sehen, die absolut sauer sind. Sie meiden den Trainer, meiden die Hand des Trainers, meiden die Berührung des Trainers. Und dann folgt die Kamera der Spielerin weiter bis zur Bank. Die Spielerin spricht mit ihren Teamkameradinnen: „Ich kann nicht glauben, dass ich ausgewechselt wurde. Wir sehen das menschliche Drama der unglaublich egoistischen Spielerin, die keinen persönlichen Charakter hat, der die Mannschaft in der Mission egal ist, der es nur um sich selbst geht und darum, dass sie vom Trainer nicht respektiert und schlecht behandelt wurde und blablablablabla… Das ist eine ekelhafte und kindische Art zu reagieren.

Die zweite wichtige Säule ist also für uns: Wirst du von Grund auf geschätzt? Das sind Grundsätze, die wir erwarten, dass sie gelebt werden. Und das sind nicht nur Verhaltensweisen auf dem Fußballplatz. Es geht darum, wer du bist. Aber wer du bist, bestimmt auch die Art und Weise, wie du auf Widrigkeiten reagierst. Die Art und Weise, wie du den Trainer, dessen einzige Aufgabe es ist, zu gewinnen, höflich umarmen oder zurückweisen kannst. Und Ihre einzige Aufgabe als Mensch ist es, ehrlich gesagt, mit all diesen schwierigen Umständen und Situationen umzugehen. Das Wichtigste ist also meiner Meinung nach diese Charaktereigenschaft. Alle unsere Mädchen lernen jedes Zitat der dreizehn Grundwerte auswendig. Sie müssen in der Lage sein, sie öffentlich zu rezitieren. Jedes Mal, wenn ich mich mit ihnen treffe – und ich treffe mich dreimal im Jahr offiziell mit ihnen – müssen sie sie mir vortragen, weil sie sich auf die Rezitation ihrer Grundwerte geeinigt haben. Aber die Spielerinnen bewerten sich auch alle gegenseitig auf einer Fünf-Punkte-Skala, wie gut sie diese Grundwerte leben.

Jede Mannschaftskameradin lebt diese Grundwerte. Die wichtigste Auszeichnung ist nicht der MVP [Most Valuable Player Award; Anm. von LS]. Es ist der Kelly-Muldoon-Preis für Charakter.

Für mich ist das also sehr, sehr wichtig. Und wenn ein Mädchen das Grundwertsystem nicht unterstützt und es nicht lebt, versuchen wir, sie zu einem Wechsel zu bewegen, wenn sie ein Stipendium hat. Wenn sie kein Stipendium haben, versuchen wir, sie zum Austritt zu bewegen. Denn sie gehören eindeutig nicht in unser Team. Denn das ist der richtige Weg. Das ist also die zweite wichtige Säule.

Der dritte Punkt ist eine meiner Hauptaufgaben: die persönliche Erzählung einer jeden auf die Wahrheit zu bringen. Wenn eine Spielerin in einem Profispiel das Feld verlässt, ist das eine Respektlosigkeit gegenüber dem Trainer. Die persönliche Erzählung dieser Spielerin entspricht nicht der Wahrheit. Es gibt nämlich einen Grund, warum sie vom Platz gestellt wurde.

Entweder verliert sie Energie – ist also nicht fit genug – oder sie schüttelt die Verantwortung ab. Oder es gibt eine taktische Änderung, weil die Mannschaft in Rückstand geraten ist, und deshalb wurde eine Verteidigerin aus-, und eine Offensivspielerin eingewechselt, und diese Spielerin hat eine persönliche Geschichte, welche besagt: „Nein, es geht nicht um die Mannschaft. Es geht um mich.“ Die dritte wichtige Säule ist also, dass ich die persönliche Geschichte jeder Spielerin so schnell wie möglich der Wahrheit näher bringe. Denn jede Spielerin kommt mit ihrer persönlichen Geschichte in unser Umfeld. Und nur sehr wenige Spielerinnen haben eine Erzählung, die der Wahrheit entspricht.

Und jetzt kommt ein Klischee, das ich von Nick Saban geklaut habe, der ein berühmter American-Football-Trainer an der Universität von Alabama ist. Und kein Fußballtrainer. Das ist die Version aus dem American Football. Seine Aussage lautet: Durchschnittliche Spieler wollen in Ruhe gelassen werden. Gute Spieler wollen gecoacht werden. Großartige Spieler wollen die Wahrheit wissen. Meine Aufgabe ist es also, zunächst einmal davon auszugehen, dass jede eine großartige Spielerin ist oder zumindest sein möchte. Und dann versuche ich, ihnen die Wahrheit zu vermitteln. Und während du versuchst, diesen Spielerinnen die Wahrheit zu vermitteln, kannst du selbst an ihrem Verhalten erkennen, ob sie durchschnittliche oder gute Spielerinnen sind oder nicht. Denn die durchschnittliche Spielerinnen wollen keine Kritik hören. Sie wollen einfach in Ruhe gelassen werden. Die guten Spielerinnen, ja, die wollen trainiert werden, aber sie wollen nicht wirklich die Wahrheit hören. Sie wollen, dass man sie sozusagen mit der alten Psychologie umgibt, mit der Methodik von guten Kommentaren, Kritik, guten Kommentaren. Im Grunde ist die Kritik also von Positivem umgeben. So kann dieser arme, zerbrechliche Mensch die Trainer-Spielerinnen-Konferenz mit intaktem Selbstwertgefühl verlassen. Aber die wirklich großen Spielerinnen kümmern sich nicht um all das. Sie wollen mutig werden. Sie wollen wissen, woran sie sofort arbeiten müssen. Eine der besten Spielerinnen, die ich je trainiert habe, ist eine Frau namens Michelle Akers, die eine außergewöhnliche Spielerin der Vereinigten Staaten war. Die meisten Leute sind der Meinung, dass sie weltweit die beste Spielerin aller Zeiten und aller Kulturen ist. Sie war eine Spielerin ohne Schwächen. Sie war eine der besten Kopfballspielerinnen der Welt. Sie konnte mit dem linken Fuß treffen. Sie konnte mit dem rechten Fuß ein Tor erzielen. Sie konnte an dir vorbeilaufen. Sie war stark genug, um sich aufzustellen. Sie war brillant am Ball und konnte auf jeder Position spielen: Man konnte sie die Neun spielen lassen, man konnte die Zehn spielen lassen, man konnte sie die Fünf spielen lassen, man konnte sie überall spielen lassen.

Und sie war auf jeder Position genauso gut. Sie wäre die beste der Welt auf dieser Position. Und was interessant war, als ich sie trainierte: Jedes einzelne Mal, wenn ich mich mit ihr traf, wollte sie nur Kritik bekommen. Sie schob meine Komplimente schnell beiseite, um das zu bekommen, wofür sie da war. Sie wollte, dass ich ihr sage, was sie tun muss, um die beste Spielerin der Welt zu werden. Es war also wunderbar, sie zu coachen. Sie und ich stehen uns immer noch sehr, sehr nahe, und das gefällt mir. Ich musste mir keine Gedanken darüber machen, was ich zu ihr sagen würde. So viele Spielerinnen sind so zerbrechlich. Man kann nicht wirklich etwas zu ihnen sagen. Sie sind so zerbrechlich, und wenn man das erwähnt, ist ihr Selbstvertrauen auf einmal erschüttert. Wir hatten Spielerinnen, die ihrer Mutter sagten, dass sie so schlecht spielen würden, weil ich sie kritisiert habe. Und das habe ihr Selbstvertrauen zerstört. Ich bekam dann immer diese SMS von einer Mutter, wie ich ihre Tochter zerstört hätte. Wie habe ich ihre Tochter zerstört? Ich hätte ihre Tochter zerstört, indem ich sie trainiert habe. Was ist also die Aufgabe eines Coaches? Unsere Hauptaufgabe ist es, jede Spielerin zur Verantwortung zu ziehen.

Und doch gibt es einige, die aus einem so zerbrechlichen Umfeld kommen, mit Eltern, die nichts anderes getan haben, als sie mit Lob zu überhäufen. Die Kritik erschüttert sie. Das ist ziemlich schwierig. Sie finden heraus, dass sie nicht Gottes Geschenk für dieses Spiel sind. Und doch werden Sie die Kraft haben, das zu überleben.

Und zu reflektieren und damit umzugehen.

Ja, genau. Die meisten der drei Hauptsäulen – der Wettbewerbskessel, die Grundwerte, der Versuch, die persönliche Geschichte eines jeden zur Wahrheit zu bringen – wahrscheinlich sind das die drei wichtigsten Aspekte dessen, was wir hier an der University of North Carolina tun. Wenn man sich das US-Team anschaut, dann ist es natürlich das, was wir ihnen damals wie heute eingeimpft haben, was die Vereinigten Staaten auszeichnet: unsere Fähigkeit zu konkurrieren. Denn im Moment sind die Deutschen taktisch wahrscheinlich fortschrittlicher als die Niederländerinnen, als die Französinnen und wahrscheinlich auch die Engländerinnen. Die Französinnen und die Japanerinnen sind taktisch besser. Die Französinnen sind sportlich sicherlich genauso gut wie die Vereinigten Staaten. Warum spielen die Vereinigten Staaten also immer noch auf höchstem Niveau?

Nun, es ist unsere Fähigkeit, zu konkurrieren. Das ist der Bereich, der die Vereinigten Staaten noch immer auszeichnet. Denn wir haben keine Fußballkultur wie ihr. Wir schalten nicht den Fernseher ein und alle reden nur über Fußball, nein. Wir reden über Basketball, wir reden über Baseball,…

Eishockey…

Ja, ich meine, es gibt so viele Ablenkungen durch Sport. Und das ist die Qualität, die die Vereinigten Staaten immer noch auszeichnet. Unsere Fähigkeit zu gewinnen, zu konkurrieren. Und als ich acht Jahre lang Nationaltrainer war, haben wir das der US-Nationalmannschaft eingeimpft. Sie lebt es bis heute.

Christian Heidels Botschaft an alle Fußballfans

Liebe Fußballfans!

Euch allen wünsche ich einen guten Rutsch in ein gesundes sowie farbenfrohes und glückliches Jahr 2022! 😊

Bevor sich der Blog im neuen Jahr mit einem Interview mit Christian Heidel zurückmeldet, möchte euch der Vorstand Strategie, Sport und Kommunikation des 1. FSV Mainz 05 etwas mitteilen:

Christian Heidels Botschaft an alle Fußballfans. Video: Lisa Schatz [unbezahlte Werbung wegen Markenerkennung]

In diesem Sinne

sportliche Grüße

Lisa Blue