Teil I: Interview mit Ben Rückerl und Stefan Plötz

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Ben Rückerl (1. v. li.) und Stefan Plötz (1. v. re.) sind die Macher des Team Bananenflanke e.V. und haben schon so manches Unmögliche möglich gemacht. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Fußballwelt. 2012 haben Stefan Plötz und Ben Rückerl den Verein Team Bananenflanke e.V. gegründet. Der Club wurde speziell für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung geschaffen. Inzwischen gibt es sogar eine Bananenflankenliga, die in der internationalen Presse Aufmerksamkeit erlangte. Ich habe die beiden Macher getroffen und mit ihnen über die Entstehung ihrer Idee, ihr Konzept und ein paar Anekdoten gesprochen…

Ben und Stefan, wie habt ihr euch kennen gelernt?

Ben Rückerl: Wir sind beide staatlich anerkannte Heilerziehungspfleger und haben uns durch die Arbeit in einer Regensburger Einrichtung  kennen gelernt. Wir haben uns sofort verstanden, weil Stefan einen Clubschal getragen hat und ich auch Nürnbergfan bin. Da wusste ich gleich: Das ist mein „Bruder im Geiste“. Weil wir beide fußballverrückt sind, haben wir die Turniere dort organisiert. Im Internat haben wir zudem schon lose Bande mit dem SSV Jahn, vor allem mit Harry Gfreiter (ehem. Spieler und heutiger Co-Trainer des SSV Jahn; Anm. von Lisa Schatz) geknüpft. Ohne ihn wären wir nie so weit gekommen. Durch ihn haben wir mehrere Kontakte beim SSV geknüpft und schließlich Kinder mit Behinderung zu den Spielen begleitet. Bevor wir gekommen sind, hatte der SSV Jahn überhaupt keine Behindertenarbeit. Im Jahnstadion an der Prüfeninger Straße gab es keinen festgelegten Bereich für Rollstuhlfahrer. Diese sind bei den Spielen irgendwo gestanden und das ist ja nicht normal. Da sieht man, dass – nicht nur damals bei Jahn, sondern auch oft in der Gesellschaft – das „Thema Menschen mit Behinderung“ immer ganz am Ende kommt. Da schaut man einfach nicht hin. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber für Stefan und mich ist das unser Hauptaugenmerk und deshalb sehen wir, dass andere Menschen da wegschauen. Es hat bei einigen Vereinen eine Zeitlang gedauert, bis sie verstanden haben, dass das Menschen sind, die die gleichen Bedürfnisse haben und Fußball schauen wollen. Nur, weil sie im Rollstuhl sitzen oder eine Behinderung haben, darf keine Grenze gezogen werden.

Wie ist die Idee entstanden, das Team Bananenflanke zu gründen?

Stefan Plötz: Ben hatte einen jungen Erwachsenen in der Wohngruppe, Lukas, der Hobby-Journalismus betrieben hat. Er ist immer auf Amateurfußballplätze gefahren, hat sich die Spiele angeschaut, Fotos gemacht und kleinere Berichte geschrieben. Ende des Monats hat er immer eine kleine Zeitung herausgebracht, ein geheftetes DIN-A4-Blatt. Da stand zu jedem Spiel ein Zehnzeiler drin. Er selbst hatte Zerebralparese (Bewegungsstörung) und tat sich deshalb schwer beim Schreiben und Sprechen. Uns hat er auch mal interviewt. Als wir ihn gefragt haben, was er gerne mal werden möchte, hat er uns erzählt, dass er gerne Journalist geworden wäre, aber das nicht ginge. Lukas hat angemerkt, dass er gern mal einen Profi interviewen würde. Wir haben ihm gesagt, dass wir einen Jahnspieler recht gut kennen und wir diesen für ein Interview mit ihm gewinnen könnten. Von da an kam Lukas jeden Tag bei uns vorbei und wollte wissen, ob es diesbezüglich Neuigkeiten gebe. Ich hab den Jahnspieler, Jürgen Schmid, angerufen und wir haben einen Termin vereinbart. Er hat sich wenige Tage später nochmal gemeldet und gemeint, er würde den Michi Hofmann mitbringen. Das haben andere Kinder mitbekommen und so entstand die Idee, eine größere Gruppe und eine Pressekonferenz daraus zu machen. Wir haben eine Projektgruppe gegründet und uns jede Woche getroffen. Die Kinder haben Hausaufgaben bekommen. Sie sollten Daten zu den Spielern recherchieren und herausfinden, wie eine Pressekonferenz abläuft. Sie kannten das ja nur aus dem Fernsehen. Wir haben ihr Wohnzimmer in einen Presseraum umgebaut, um sie bestmöglich vorzubereiten. Während der Projekttage haben wir einen Namen gesucht. Alles Mögliche wurde in den Raum geworfen: Schwalbe, Ecke und eben Bananenflanke. Letzterer war für uns gleich der beste. Wir hatten ein sympathisches Symbol: eine Banane mit Gesicht. Dass sie krumm ist, passt auch, weil auch im Leben nicht immer alles geradlinig läuft. Den Namen find ich unbezahlbar geil. Die Pressekonferenz ist super gelaufen. Die Jugendlichen hatten einige Bedenken, weil es ihre erste PK war. Die Spieler wussten vorher nicht, wie die Kinder reagieren, wenn sie sie auf ihre Behinderungen ansprechen. Doch die Berührungsängste waren schnell verflogen und Begegnungen auf Augenhöhe sind entstanden. Das ist auch das, was das Team Bananenflanke auszeichnet.

Ben: Wir haben die Pressekonferenz von außen beobachtet. Es war ein ganz toller Moment, als wir gesehen haben, wie sich die Grenzen vermischen und zugleich war es der Kick-Off bzw. die Geburtsstunde des Team Bananenflanke (21.3.2011). Uns war und ist es wichtig, langsam und gesund zu wachsen.

Stefan: Nach der Aktion haben wir erstmal einige Monate gar nichts gemacht. Im Herbst 2011 sind wir mit den Kindern mit Behinderung zu einem U21-Spiel nach Ingolstadt gefahren – mit Presseausweisen. Zur PK am 21.3.11 und zum Ausflug nach Ingolstadt gab es Zeitungsartikel von Claus Wotruba. Diese waren und sind unser wertvollstes Gut.

Ben: Parallel dazu ist immer etwas mit dem SSV Jahn gelaufen. Als der Verein in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist, wurden wir beide gefragt, ob wir dort als Behindertenbeauftragte mitwirken wollen. Das war für uns eine tolle Geschichte, weil wir immer unsere Bananenflanke dabei hatten. Wir haben dem Jahn geholfen und der Jahn hat uns geholfen, das ist bis heute eine Win-Win-Situation für beide Vereine, weil am Ende immer die Kinder glücklich sind. Wenn man sieht, wie der SSV Jahn sozial inzwischen aufgestellt ist, ist das sensationell. Der Verein einige Ideen von uns übernommen: Zum Beispiel werden von zweien unserer Leute Stadionführungen für Menschen mit Behinderung angeboten.

Stefan: Von März 2011 bis August 2012, als wir dann ein Verein geworden sind, gab es drei Eckpfeiler. Die erste Aktion war die Pressekonferenz, die zweite die Fahrt nach Ingolstadt und als drittes gab es eine Charity-Aktion, bei der ein Trikot von Tobias und Bastian Schweinsteiger der Haupterlös war. Nach letzterer Aktion haben wir gemerkt, wie begeistert die Menschen vom Team Bananenflanke waren und dass wir das eigenständig schaffen können. Wir wollten uns dort verwirklichen.

Ben: Inzwischen arbeiten wir freiberuflich beim Jugendamt. Das ist natürlich ein Ritt auf der Rasierklinge. Das verstehen die meisten Leute nicht. Die, die unser Projekt nicht kennen, denken, dass wir alles rund ums Team Bananenflanke hauptberuflich machen. Sie sehen uns in der Zeitung, im Fernsehen und merken, dass wir professionell arbeiten. Aber alles, was wir rund um das Team Bananenflanke machen, ist ehrenamtlich.

 

Vereinsmotto: „Fußball kennt keine Grenzen“

Wie haben die Eltern zu Beginn auf eure Idee reagiert?

Ben: Wir haben mit zwanzig Kindern angefangen. Das ganze Projekt war Neuland.

Stefan: Zu Beginn waren die Eltern skeptisch, ob die Kinder das können. Das Problem ist folgendes: Ein Kind mit einer geistigen Behinderung kommt meist nicht richtig aus einer Einrichtung heraus. Es hat dort seinen Physiotherapeuten, seinen Arzt, seine Lehrer und Psychologen und ist immer an diese eine Einrichtung gebunden. Sogar die Freizeitangebote werden zum Teil von der Einrichtung organisiert. Das ist ja alles toll, aber dadurch ist das Kind immer in den selben Mauern und wird nach außen in gewisser Weise abgekapselt.

Ben: Im Endeffekt ist eine solche Einrichtung ein Wirtschaftsunternehmen. Dem Träger geht es darum, dass die Kinder vom Kindergartenalter bis ins hohe Alter bei ihm bleiben.

Stefan: Andererseits kann man auch sagen, dass die Einrichtungen das auffangen, was die Gesellschaft nicht bietet. So einen Verein wie wir es sind, könnte es auch in anderen Bereichen geben und davon viel mehr. Aber das gibt es eben nicht und dadurch ist das ganze sehr festgefahren. Das wollten wir ändern.

Wie habt ihr die Eltern von eurem Konzept überzeugt?

Stefan: Wir haben unsere Idee auf einem Elternabend beim Jahnwirt am Kaulbachweg vorgestellt und haben sie durch unseren Enthusiasmus eingefangen. Unser Konzept mussten wir dann zunächst ein bisschen zurückschrauben, weil wir uns für das erste Jahr zu viel vorgenommen hatten. Inzwischen konnten wir alles umsetzen, was wir damals geplant hatten.

 

„30 Stunden Ehrenamt pro Woche – MINIMUM“

Wie viele Stunden pro Woche arbeitet ihr ehrenamtlich?

Ben: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Wochen, da arbeiten wir 70:30, Banane zu normaler Arbeit. Man muss im Hinterkopf behalten: Wir müssen ja auch leben.

Stefan: Wenn man von einem normalen Arbeitnehmer ausgeht, dann arbeitet der 40 Wochenstunden. Vor kurzem hab ich zum Beispiel um 23 Uhr gesagt, ich höre jetzt auf, weil es nix mehr bringt. Das wäre ins Uferlose hineingegangen.

Ben: Man switcht ständig hin- und her, mindestens fünfmal am Tag. An den Wochenenden haben wir so gut wie nie frei.

Stefan: Insgesamt sind es mindestens dreißig Stunden, die wir beide jeweils pro Woche für das Team Bananenflanke ehrenamtlich arbeiten.

Ben: Das kann aber nur der Fußball. Er ist einfach die Sportart Nummer 1. Im Fußball hat man ganz viele verschiedene Schichten von Menschen: Du hast Politiker, Millionäre, ganz normale Arbeiter, normale Leute. Das ist für uns perfekt. Wir wollen in der Zukunft hauptamtlich für das Team Bananenflanke arbeiten. Die Menschen, die uns kennen, wissen, dass wir uns überhaupt nicht verändert haben. Nach dem, welche Ausmaße das ganze angenommen hat, ist es nur logisch, dass wir diesen Schritt gehen wollen.

Stefan: Wir arbeiten im Hauptjob nicht weniger, aber das Ehrenamt hat in den vergangenen Wochen und Monaten immer mehr Zeit in Anspruch genommen.

Was motiviert euch? Habt ihr Kritiker?

Ben: Man darf nicht vergessen: Nach unserer ursprünglichen Idee soll es für Kinder mit Behinderungen normal sein können, dass sie in einem Fußballverein spielen. Das hat noch keiner zuvor geschafft. Das hat auch der DFB nicht geschafft. Wenn es einmal so sein sollte, dass wir der Anschub sind, dass die Kinder ganz normal in ihren eigenen Verein gehen können. Das ist doch das Ziel, das ist unsere Vision und die treibt uns an. Und dann finde ich es ganz normal, wenn die Leute, die das auf die Beine stellen, partizipieren.

Stefan: Unabhängig vom finanziellen, das bei uns im Moment überhaupt nicht stattfindet, gibt es auch Kritiker. Diese sagen, dass das nicht zeitgemäß ist, dass Behinderte nicht mit Behinderten zusammen in einem eigenen Verein Fußball spielen sollten. Dass wir Inklusion betreiben sollten.

 

Normalität schaffen. Durch Normalität.

Ben: Was uns von anderen unterscheidet, ist eben unser Konzept. Das zielt eben nicht auf Inklusion, beim Team Bananenflanke sollen eben nicht Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen Fußball spielen. Unser Grundgedanke ist, die Kinder, mit der Beeinträchtigung oder Behinderung, die sie haben, in die Gesellschaft zu bringen. Und dann findet Inklusion statt. Da hat es schon einige Kritiker gegeben. Aber wir kommen aus dem Bereich. Wir haben das extra deswegen so gemacht, weil wir das wussten. Als wir in einer Einrichtung Fußballturniere organisiert haben, gab es fünf Teams und bei der Siegerehrung dann fünf Sieger. Wenn der eine 100 Tore geschossen hat und der andere minus 80, dann ist das schon ein riesen Unterschied. Dennoch werden beide Sieger genannt. Wir wollen einen ehrlichen Wettkampf: Man muss lernen, mit Niederlagen umzugehen. Auch die behinderten Kinder müssen damit umgehen. Irgendwann sind die Eltern, ist die Oma weg, die sie jetzt noch in einen Wattebausch packen. Irgendwann werden sie mit Niederlagen konfrontiert, genauso wie du und ich, und auf einmal sind sie dann völlig vor den Kopf gestoßen, damit umzugehen. In dem Umfeld, das wir aufgebaut haben, lernen sie durch den Trainer und das pädagogische Betreuungspersonal, mit Niederlagen umzugehen. Natürlich weinen sie manchmal, aber solche Emotionen sind im Sport ja völlig normal.

Stefan: Im Prinzip schafft man Normalität durch Normalität.

Ben: Im schulischen Bereich ist das was anderes, wenn Kinder mit und Kinder ohne Behinderung zusammen sind. Aber im sportlichen Bereich wollen die Kinder mit Behinderung einen Wettkampf und zwar mit ihresgleichen. Wir sagen nicht, dass es falsch ist, was andere machen. Aber wir gehen eben den Weg, den wir für richtig halten. Jeder, der etwas im Inklusionsbereich macht, ist super.

Stefan: Der Weg, Kinder mit und Kinder ohne Behinderung im Trainingsbetrieb zusammenzubringen, ist auch nicht schlecht. Wir haben uns an den Bedürfnissen der Kinder orientiert und das ist das wichtigste.

-> Coming soon… Im zweiten Teil des Interviews (erscheint am 27.4.) sprechen Ben und Stefan über die Ziele ihres Vereins, über ihre schönsten Momente mit dem Team Bananenflanke e.V. und über die Hintergründe der Bananenflankenliga.

Thorsten Röwekamp ist ehrenamtlicher Sehbehindertenkommentator

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Thorsten „Totti“ Röwekamp (re.) und Alexander Friebel (li.) arbeiten als ehrenamtliche Sehbehindertenkommentatoren auf der Alm (=SchücoArena). Foto: Röwekamp

Bielefeld. Thorsten Röwekamp, vielen Arminen als „Totti“ bekannt, ist seit elf Jahren als Sehbehindertenkommentator auf der Alm (SchücoArena; Anm. von Lisa Schatz) im Einsatz. Arminiafan ist er schon seit seiner Kindheit. Er war zudem der erste große Trommler dort und gründete zusammen mit Carsten Vogt den Fanclub „Blue bandits“.

Totti, wie ist es dazu gekommen, dass du Sehbehindertenkommentator geworden bist?

Als die Rollstuhlplätze auf die andere Seite der Alm verlegt und ausgebaut wurden, wurde mehr Personal benötigt. Alexander Friebel (s. Foto; Anm. von Lisa Schatz) hat mich gefragt, ob ich dort als Behindertenbetreuer mitarbeiten möchte und das habe ich gemacht. Einige Zeit später wurde ein Blindenkommentator gesucht. Das habe ich dann einfach mal ausprobiert. Anfangs haben wir mit einem Blinden getestet, ob es überhaupt klappt und so bin ich dabei geblieben.

Hast du in dieser Richtung eine spezielle Ausbildung oder ein Training absolviert oder war das alles Learning by Doing?

Es war wirklich Learning by Doing und auch das Netzwerken hat mir sehr geholfen. Aber im Grunde genommen kam das alles mit der Zeit. Man wird ja nie als Reporter oder Kommentator geboren. Das ist eine Sache, die sich entwickelt.

Verdienst du etwas bei dieser Arbeit oder kommentierst du ehrenamtlich?

Das ist alles ehrenamtlich und Geld würde ich dafür auch nicht haben wollen. Behindertenarbeit ist für mich immer ehrenamtlich und eine Herzensangelegenheit gewesen.

Mit wem arbeitest du zusammen?

Inzwischen sind wir ein großes Team. Begonnen mit dem Kommentieren habe ich damals alleine. Als das von der DFL professionalisiert wurde, wurde gesagt, wir sollten das immer zu zweit machen. Jetzt sind wir ein Team aus sechs, sieben Leuten und haben einen Plan, in welchen wir uns dann immer eintragen. Fast professionell (lacht).

Bist du bei Heim- und Auswärtsspielen dabei?

Zunächst war es so, dass ich als Sehbehindertenkommentator auf der Alm gearbeitet habe. Dann haben wir uns überlegt, dass wir die Hardware haben, um auch zu Auswärtsspiele zu kommentieren. Also haben wir mit dem ASC-Fanradio (ASC steht für Arminia Supporters Club; Anm. von Lisa Schatz) begonnen. Beim ersten Punktspiel mit Stefan Krämer als Cheftrainer auswärts (Spiel gegen die Offenbacher Kickers am 15.10.11; Anm. von Lisa Schatz) hatten wir unsere Premiere mit unserem Auswärts-Livestream. Das hat damals super geklappt und seitdem sind wir für den ASC in wechselnder Besetzung bei jedem Auswärtsspiel dabei.

 

Die Schwarz-Weiß-Blauen spielen „von links nach rechts“

Was ist das wichtigste, worauf du bei deinem Job achten musst? Man kommentiert für Sehbehinderte sicherlich anders als für Sehende.

Was beispielsweise ein Sky-Reporter macht, ist mit unserer Arbeit gar nicht zu vergleichen. Ein solcher kann das Spiel auch mal zwei Minuten laufen lassen, weil der Zuschauer ja sieht, was auf dem Feld passiert. Der Kommentator muss also nicht jeden Ballkontakt zu kommentieren. Einen Blinden hingegen kannst du nicht eben mal zwei Minuten des Spiels alleine lassen. Es fängt ja schon bei der Kleidung der Spieler an. Der Nutzer im Internet weiß, was ich meine, wenn ich sage: „Zur Südtribüne hin“. Wenn ich für Sehbehinderte kommentiere, muss ich sagen: „Von links nach rechts“ oder „von rechts nach links“. Außerdem beschreibe ich, wie die Kleidung der Spieler aussieht. Zudem nenne ich den Namen des Schiedsrichters und erzähle, woher dieser kommt. Wichtig ist vor allem die Verortung: Wo ist der Ball? Was passiert gerade? Wer ist am Ball? Warum? Wieso? Also, immer detailliert zu beschreiben. Es ist auch wichtig, die Spieler körperlich zu beschreiben. Klos ist zum Beispiel 1,94 m groß und wiegt um die neunzig Kilo. Ein Mensch ohne Sehbehinderung sieht das, der denkt dann auch: „Was reden die denn da?“. Es ist schon ein riesengroßer Unterschied zwischen dem Heim- und dem Auswärtsspiele-Kommentieren. Unsere Hörerinnen und Hörer möchten auf jeden Fall möglichst genaue Informationen.

Worüber sprichst du als Erstes?

Wir starten immer fünf Minuten vor dem Spiel und versuchen möglichst viel in diese Zeit hineinzupacken – ohne, dass es zu viel wird. Zuerst sprechen wir die Aufstellung ein. Bei der Hymne sind wir immer ganz ruhig – einfach, weil uns währenddessen überhaupt keiner zuhören würde. Unsere Hörerinnen und Hörer sitzen dann unten, singen und feiern mit und heben die Schals hoch. Sie sind eben wirklich Fans.

Wie bereitet ihr euch genau auf die Partien vor?

Vor dem Spiel lesen wir den kicker. Außerdem werden wir von der DFL mit einer Informationsmappe ausgestattet. Da steht wirklich drin, wer wann welche Socken getragen hat. Am wichtigsten sind für uns die ersten fünf der vierzig Seiten. Der Rest ist sehr viel Statistik. Man darf die Zuhörerinnen und Zuhörer auch nicht überfordern. Wir versuchen die ersten fünf Minuten Randerscheinungen reinzupacken: Infos über den Schiedsrichter, zur Aufstellung. Alles andere versuchen wir ins Spiel einfließen zu lassen. Das hat mitunter Längen, in die wir viel einbauen können. Jetzt, da das 111-jährige Jubiläum von Arminia ansteht, machen wir auch mal Werbung dafür.

Wie viele Plätze gibt es in Bielefeld für Sehbehinderte?

Es gibt zehn Plätze plus zehn Plätze für Begleitpersonen. Die Begleitpersonen zahlen keinen Eintritt. Auf Dauer wird die Anzahl der Plätze aufgestockt. Wenn sich Arminia in der zweiten Liga hält, wird es mehr Plätze geben, weil dann auch mehr sehbehinderte Fans der Gästevereine kommen. Gerade hier aus der Nähe, vor allem aus Paderborn oder Köln. Zum Vergleich: In Paderborn müssen die Begleitpersonen Eintritt bezahlen. Das ist in Deutschland einzigartig, da ist der SCP ganz hinten. Jedes Jahr wird neu darüber diskutiert, aber der SCP braucht das Geld.

Kommentierst du neutral, wenn Gästefans zuhören?

Nein, das nicht. Wenn ich weiß, dass Gästefans mithören, werden diese begrüßt. Ich probiere dann auch möglichst neutral zu sein. Aber ich bin im Herzen DSC-Fan und wenn Arminia ein Tor schießt, dann freue ich mich natürlich immer mehr.

Welche Anekdoten hast du in Zusammenhang mit Arminia erlebt?

Schön sind natürlich die Aufstiegsspiele gewesen, als wir über den Äther die Stühle fliegen hörten. Wenn man einfach aufspringt, weil man sich so freut, und die Stühle, die auf der Pressetribüne sind, erstmal wieder aufkramen muss. Oder wenn sich während dem Kommentieren der komplette Kaffee über das Equipment ergießt (lacht). Alles schon passiert. Wenn wir nach den Spielen mit unseren Zuhörerinnen und Zuhörern reden, werden wir natürlich auf derartige Vorkommnisse angesprochen. Wir versuchen sowieso, alles nicht so stocksteif zu kommentieren. Ich glaube, wir haben da eine ganz gesunde Mischung. Im Laufe der Jahre haben sich Teams herauskristallisiert. Alex Friebel und ich, wir verstehen uns blind. Uns kannst du nachts um zwei wecken und wir bringen dir immer noch eine 100%-Reportage auf den Tisch. Das ist einfach schön und ein gutes Gefühl, wenn man sich auch privat super versteht.

Was war das Lustigste, das du bisher erlebt hast?

Witzige Erlebnisse hatten wir oft auf Grund unserer Presseplätze in verschiedenen Städten. So zum Beispiel in Münster, worüber jeder sagt: „Da kannst du nicht sitzen!“. Da sitzt man und macht sich neunzig Minuten lang Gedanken, wie man dort jemals wieder herauskommt. Und da fragt man sich eben schon, wer so etwas baut. Alle regen sich darüber auf. Ich erinnere mich an ein Auswärtsspiel gegen Preußen Münster. Zwei Kollegen wollten nach dem Spiel in die Mixed Zone und hatten wirklich keine Wahl, als über uns hinüberzuklettern. Sie waren kurz davor, zu stolpern und zu fallen. Eine andere Geschichte sind die Auswärtsfahrten in den Süden: Wenn wir lange Fahrten haben und an Kirchheim vorbeikommen, dann gibt es dort immer Eifrühstück. Das sind Riten, die wir uns über Jahre angeeignet haben. Auf der Rückfahrt gibt es dort immer Schnitzel. Lustig, witzig und auch informativ sind die zweitägigen Treffen, die von der DFL organisiert werden. Diese finden meist in Kamen-Kaiserau statt. Das ist immer eine richtig tolle Sache. Die Atmosphäre ist hochproduktiv und man kennt die Kollegen schon über Jahre hinweg. Natürlich ist es auch toll, von der DFL ein bisschen gebauchpinselt zu werden. Das wird auch von Arminia übernommen. Die Behindertenarbeit wird in Bielefeld sehr groß geschrieben. Im Sehbehindertenbereich haben wir mit den Stadtwerken auch einen Partner, der sich sehr generös zeigt.

 

„Bei Arminia ist niemand abgespaced“

Was fasziniert dich am meisten an Arminia und am Umfeld?

Arminia ist halt Arminia und da gibt’s auch keine Alternative. Ich kann das nicht beschreiben. Wenn du einmal auf der Alm warst, dann ist das so eine Art Magie. Es ist wirklich so. Wenn du vierzig Jahre da warst, dann hast du alles mitgemacht. Arminia ist eine ganz große Familie. Da ist ja nie jemand, der in einer anderen Ära spielt. Fabian Klos triffst du morgens beim Brötchen holen. Bei Arminia ist niemand abgespaced oder in einer anderen Welt. Das hat in Bielefeld keiner nötig und das würde auch nicht gut ankommen.

Welches war dein persönlich schönstes Arminia-Erlebnis?

Der erste Aufstieg zurück in den bezahlten Fußball. Das war schon eine riesen Nummer. Der Verein kratzt ja immer zwischen den Welten. Aber damals, das waren ja elf Jahre, in denen man nicht im bezahlten Fußball gespielt hat. Klar, wurde da viel Geld investiert und auch verbrannt. Der Aufstieg war schon der wichtigste.

Wie würdest du Arminia mit drei Worten beschreiben?

„Ich liebe dich.“

Vielen Dank für das Interview.

Sehr gerne.

 

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

-> Einen Reisebegleiter für barrierefreie Stadionbesuche hat die Bundesliga-Stiftung online gestellt (-> hier klicken).

-> Weitere Informationen zum Almbesuch für Menschen mit Behinderungen findet ihr hier.

Coming soon…

Servus zusammen,

bald ist es soweit. Meine kleine Serie zum Thema „Fußball für Menschen mit Behinderung“ geht online. Ich bin dankbar, wirklich tolle, engagierte und kompetente Interviewpartner für diese wichtige Thematik gefunden zu haben. Zudem wird sich das Warten auf diese Texte meines Erachtens für euch echt lohnen bzw. gelohnt haben. Mehr demnächst.

Eure

Lisa Blue=)