Die Stadionschule Bielefeld: Fürs Leben lernen

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Exemplarischer Stundenplan in der Stadionschule Bielefeld. Foto: Schatz

Derzeit geht sie immer wieder durch die Medien: Die Stadionschule Bielefeld. „Was ist das?“ und „Warum wird so viel über sie geschrieben?“ fragen sich nun wohl einige von euch. Die Antworten darauf gibt’s hier…

Lernen im Fußballstadion? Unmöglich? Nicht in der Stadionschule Bielefeld. Diese gilt als ein „etwas anderes“ Bildungsangebot für Schulklassen und Jugendgruppen (bis 20 Jahre). „Stadionschule“, das bedeutet, drei Tage lang im Stadion anstatt in einer Schule oder Jugendeinrichtung zu lernen. Aber nicht für Prüfungen, sondern für das Leben.

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Tobias Mittag ist einer der Hauptverantwortlichen der Stadionschule Bielefeld. Foto: Stadionschule Bielefeld

Die Idee, dass man „das Lernen mit dem positiv besetzten Begriff Sport verknüpft, kommt aus England. Birger Schmidt, der Geschäftsführer von Lernort Stadion (Zusammenschluss mehrerer Lernzentren; Anm. von LS), war damals in England und hat die Idee der „Study Support Centre“ mitgebracht. Meine Fan-Projekt-Kollegen Ole Wolff und Jörg Hansmeier haben sich im Anschluss durch die ersten Lernzentren in Bochum und Dortmund inspirieren lassen und einen Probelauf in Bielefeld gestartet, eine Schulklasse ins Stadion zu holen und dieser verschiedene Berufsfelder vorzustellen“, so Tobias Mittag, Mitarbeiter der Stadionschule Bielefeld.

Inzwischen habe sich das Konzept gewandelt. Wert gelegt wird nun auf folgende Bausteine, die sich in unterschiedlichen Anteilen über die jeweils drei Tage erstrecken: Persönlichkeitsentwicklung, politische Bildung und Berufsorientierung. Dabei stehen statt Mathematik, Deutsch und Englisch Workshops zu den Themen

  • Inklusion
  • Homophobie
  • Rassismus
  • Medienkompetenz
  • Gewaltprävention
  • Zivilcourage

und

  • Teambuilding

auf dem Stundenplan. Das „besondere Lernumfeld, die ,Faszination Stadion‘ und Themen, die mit Fußball zu tun haben“ wirkten sich laut Mittag positiv auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus: „Sie sind super motiviert, sind teils schon früher da, stehen am frühen Morgen vor der Tür und meinen: ,Es war super, wir haben voll Bock!‘“. Dies zeige sich auch durch ihre meist sehr gute Mitarbeit. Zudem führt Mittag an, dass „die Jugendlichen wirklich viel Potential haben – unabhängig von Deutsch oder Mathematik – und dass sie gar nicht so unpolitisch sind, wie viele denken oder wie das immer in den Medien kommuniziert wird. Sie machen sich sehr wohl Gedanken um die Gesellschaft und das so ein bisschen herauszukitzeln, das macht Spaß“.

Er habe die Erfahrung gemacht, dass durch den Lernort Stadion jede und jeder angesprochen wird. Verschiedene Zweifel, dass Heranwachsende, die sich nicht für Fußball interessieren, nicht gerne am Projekt teilnehmen würden, könne er keinesfalls bestätigen: „Auch die Jugendlichen, die sich noch nie mit Fußball beschäftigt haben, sind vom Stadion beeindruckt und erstmal ein Stück weit fasziniert“. Hinzu komme, dass „nicht die Klassen- oder Fachlehrer vor den Jugendlichen stehen, sondern neue Referierende: zum Teil junge Menschen und solche, die eine Geschichte zu erzählen haben“, so Mittag weiter. Darüber hinaus gebe es im Stadion keine klassische Schulsituation, bei der „richtig“ oder „falsch“ geantwortet werden könne.

Hingegen seien die Referent(-in)en wertschätzend, die Workshops seien offen und interaktiv gestaltet. Das Konzept motiviere die Heranwachsenden, sich zu beteiligen. Jede teilnehmende Klasse bzw. Jugendgruppe bekommt einen der Schwerpunkte zugeteilt. Dazu gibt es Übungen sowie interaktive Gruppenarbeiten. Darüber hinaus werden den Jugendlichen verschiedene Berufe näher gebracht. Im Falle der Ernst-Hansen-Schule waren beispielsweise eine Friseurin, ein Koch sowie eine Fachkraft für Schutz und Sicherheit in der Stadionschule zu Gast. Sie haben den Teenagern erklärt, wie ihr Arbeitsalltag abläuft. Im Anschluss konnten sich die Jugendlichen selbst ausprobieren: Während im Besprechungsraum unter der Tribüne Gemüse geschnitten wurde, wurden im Presseraum Frisuren gesteckt und Nägel lackiert. So konnten die Jugendlichen herausfinden, was ihnen eher liegt und was nicht: „Ich interessiere mich für das kreative und künstlerische und will später auf jeden Fall in diesem Bereich arbeiten“, war sich Aliena Boge nach den Kurzworkshops zu den verschiedenen Berufen sicher.

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Sascha Nottebrock gefiel es in der Stadionschule Bielefeld. Foto: Schatz

Neben den Einblicken in die Berufsfelder bekamen die Schülerinnen und Schüler auch eine Stadionführung hinter die Kulissen der SchücoArena. Der 13-jährige Sascha Nottebrock zeigte sich begeistert: „Wir konnten viele Bereiche sehen, waren in der Heim- und der Gästekabine und im Spielertunnel, in welchen an den Spieltagen eigentlich nur die Spieler und die Einlaufkinder hineindürfen. Wir haben viel über das Stadion an sich erfahren und waren sogar auf dem Rasen. Es war sehr interessant, mal so ein Stadion zu sehen – vor allem die Orte, die man sonst nie zu Gesicht bekommt“.

 

Fair Play stand im Mittelpunkt

In den Workshopeinheiten beschäftigte sich die Klasse der Ernst-Hansen-Schule mit dem Thema Fair Play. In Form eines Spiels mussten die Jugendlichen Teamarbeit leisten: „Wir sollten uns vorstellen, dass wir zusammen mit dem Bus zu einem Heimspiel fahren. Die Aufgabe war, die Plätze zu wechseln, ohne, dass wir uns absprechen. Es ging darum, Blickkontakt zu halten, respektvoll mit den anderen umzugehen und die Plätze zu tauschen, ohne zu stolpern oder jemanden zu rempeln“, so Boge. Darüber hinaus erarbeiteten die Jugendlichen zahlreiche Stichpunkte zu einem fairen Miteinander, die sie mit Hilfe eines Flipcharts präsentierten. Von den eigenen Verhaltensweisen über die persönlichen Einstellungen, das Äußere bis hin zu Konfliktfähigkeit waren viele Themenbereiche vertreten. „Ich finde es gut, dass wir über Respekt sprechen“, meinte Nottebrock.

Abgerundet wurde die dreitägige Veranstaltung durch ein Spielerinterview mit DSC-Profi Manuel Prietl. In einer halbstündigen Einheit bereiteten die Schülerinnen und Schüler Fragen an den Fußballprofi vor. Im Anschluss nahm er sich Zeit zu antworten und erfüllte alle Foto- und Autogrammwünsche.

Insgesamt habe die Stadionschule den Schülerinnen und Schülern viel Spaß gemacht. Sie war und ist wohl eine gelungene Abwechslung zum Schulalltag: „Vor allem die Teamarbeit hat mir gefallen und dass man hier so viel lernen kann“, zog Boge ein Fazit, und auch Nottebrock „fand es cool“. Er habe „gelernt, was im Leben und im Beruf wichtig ist: So zum Beispiel die persönliche Einstellung, Konfliktfähigkeit und auch die Bereiche Kommunikation und Sprache“.

 

Die Stadionschule als Erfolgsgarant

Anerkennung erfuhr das Projekt 2012, als es den „365 Orte im Land der Ideen“-Wettbewerb gewann und auch durch die Verleihung des bronzenen „Stern des Sports“ in diesem Jahr. Dass die Stadionschule Bielefeld ein Erfolgsgarant ist, beweisen zudem die Zahlen. „Bislang hatten wir in diesem Jahr in 22 Durchgängen 418 Jugendliche zu Gast. Zudem gab es Zusatzveranstaltungen, sodass wir 2016 auf insgesamt 500 bis 600 Teilnehmer/-innen kommen werden“, fasste Mittag zusammen.

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Seit Beginn der Stadionschule Bielefeld gab es bereits mehr als 2.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Foto: Stadionschule Bielefeld

Die Anzahl der Nachfragen sei „viel größer als die Angebotsmöglichkeiten“. Mittag fügte hinzu: „Wir sind auch zeitlich an Grenzen gestoßen. Auf Grund der Herbst- und der Sommerferien sowie der englischen Wochen mit DFB-Pokalspielen etc. können wir maximal um die 30 Durchgänge machen“.

Ein Kommentar zu „Die Stadionschule Bielefeld: Fürs Leben lernen

  1. Spannendes Konzept, hatte bisher noch nicht davon gehört. Bestätigt, dass Lernen außerhalb des Klassenraumes äußert motivierend sein kann. Auch wenn die Kapazitäten in der Stadionschule begrenzt sind, finde ich es toll, dass Schulen offen für solche Angebote sind…

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