


Sportmentoring. „Was um alles in der Welt ist das?“ werden sich jetzt wohl viele von euch denken. So ging’s mir auch, als ich auf den Begriff gestoßen bin. Martin Kordic, einer der beiden Geschäftsführer von KOMPASS Mentoring konnte mir im Interview dieses in Deutschland noch relativ unbekannten Berufsfeldes weiterhelfen. Zusammen mit Sharon Paschke arbeitet er als Sportmentor und betreut u. a. die Fußballprofis Marcel Risse und Lewis Holtby. Martin Kordic weiß, was den Leistungssportlern wichtig ist und inwiefern ihnen das Sportmentoring beim Erreichen ihrer Ziele helfen kann.
KOMPASS Mentoring begleitet Menschen, die eine Orientierungshilfe möchten. Hierbei liegt der Hauptfokus auf der Identifizierung von verdeckten Potenzialen und Stärken ihrer Kunden. Dies betrifft eine Vielzahl von Bereichen und hat die jeweilige Persönlichkeitsentwicklung zum Ziel. Das Team von KOMPASS Mentoring begleitet Profisportler, Einzelpersonen und Unternehmer, Mitarbeiter sowie Interessengruppen verschiedener Art.
Eine kurze Information an alle Leser(-innen): Der Begriff „Mentor“ steht für einen Betreuer, als „Mentee“ wird die zu betreuende Person bezeichnet.
KICK OFF FÜR EIN NEUES BERUFSFELD
Herr Kordic, wie ist Ihre Idee entstanden, als Sportmentor zu arbeiten? Wann sind Sie diesbezüglich mit Ihrem Kollegen Sharon Paschke ins Gespräch gekommen?
Für unseren Start als Sportmentoren gab es zwei Impulsgeber. Zum einen haben wir einen Förderer und Freund, der in diesem Bereich schon – eher rudimentär – tätig war. Dieser hatte begonnen, ein Netzwerk mit einigen Profisportlern aufzubauen. Seine Idee ging eher in den sozialpädagogischen Bereich hinein. Er war einer der beiden Initiatoren, die uns auf die Idee gebracht haben. Der zweite war mein Cousin, der schon in jungen Jahren professionell Basketball in der NBA spielte. Seinen Weg habe ich damals begleitet. Ich habe ihn nicht als Mentor unterstützt. Als Familienmitglied habe ich seine Laufbahn im Profisport mitverfolgt und gesehen, was das Leben als Profisportler bedeutet. Die Idee entwickelte sich somit über einen längeren Zeitraum.
Was ist der ursprüngliche Gedanke eines Mentors?
Der Sportmentor ist ein Wegbegleiter, der bei seiner Unterstützung den Fokus auf die Stärken, die Ressourcen, die Persönlichkeit und die Menschlichkeit legt. Ich habe eine klare Abgrenzung vom Mentor zum Coach. Das heißt, ich kann einem Profifußballer nicht sagen, wie er besser Fußball spielen kann. Ich kann es nicht besser als er. Ich als Mentor kann als Vorbild und Ansprechpartner fungieren. Mit einem Sportmentor an der Seite erhöht sich die Chance, dass sich emotionale Störfaktoren reduzieren und sich Konzentration und Produktivität steigern und auch völlig neue Leistungsebenen zu erreichen. Höchstleistung auf Abruf bereitstellen, Wettkampfblockaden abbauen, Entspannung und Regeneration beschleunigen.
Was hat Sie daran glauben lassen, dass Sie im Feld des Sportmentorings erfolgreich sein können? Vor allem in einer Sportwelt, in der das Leistungsprinzip an vorderster Stelle steht?
Für den Erfolg im Sportmentoring sind zwei Dinge fundamental: die Beziehung zwischen dem Mentor und dem Mentee, zudem das Wissens des Mentors, dass seine Methode funktioniert. Ich stelle die Bedürfnisse des Kunden vor meine eigenen. Ich bin davon überzeugt, dass dies ein wichtiger Bestandteil für Erfolg ist. Losgelöst davon, ob es hierbei um ein Unternehmen oder die Begleitung eines Sportlers geht. Das ist sozusagen unser Weltbild, das sich auf den Sport übertragen hat. Profifußballer werden in der Öffentlichkeit oft als eine Art Lichtgestalt wahrgenommen – ein „Messias des Fußballs“. Für unsere Arbeit ist der Blick auf den Menschen als solches wichtig. Seine Persönlichkeit, seine Stärken, seine Potenziale. Was kann ihn fördern, was hemmt seine Persönlichkeitsentwicklung. Wie kann er alles aus sich herausholen, was in ihm angelegt ist. Das ist der grundsätzliche Ansatz unserer Arbeit bei KOMPASS Mentoring. Den übertragen wir 1:1 auf den Sportbereich.
ZU DEN AUFGABEN EINES SPORTMENTORS
Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag beschreiben?
Der Arbeitsalltag als Sportmentor im Fußball richtet sich sehr nach den Spielplänen. Die telefonische Begleitung der Mentees erfolgt vor und nach den jeweiligen Spielen. Der Zeitumfang liegt hier jeweils bei ein bis zwei Stunden. Persönliche Treffen finden in der Regel mindestens einmal im Monat statt. Hier arbeiten wir ein bis zwei Tage sehr intensiv. Zu allen weiteren Themenbereichen, die unsere Begleitung umfasst, sind wir zudem in Kontakt über Telefon und sonstigen digitalen Medien und weiteren persönlichen Treffen.
Welche Themen stehen bei den von Ihnen betreuten Sportlern im Vordergrund?
Das Schwerpunktthema in der Begleitung von Fußballprofis ist die Leistung bzw. Fokussierung auf dem Platz. Es geht um Mentaltraining, um standardisierte Abläufe. Wie kann man emotionale Störfaktoren reduzieren, Konzentration und Produktivität steigern und auch völlig neue Leistungsebenen erreichen. Daneben stehen persönliche Themen im Vordergrund.
EIN (NOCH) UNBEKANNTES FELD MIT GROßEM POTENTIAL
Weshalb ist das Sportmentoring in Deutschland Ihres Erachtens noch so unbekannt? Denken Sie, dass die Vereine in naher Zukunft mehr auf Sportmentoren bauen? Bitte begründen Sie Ihre Antwort.
Grundsätzlich sind wir in Deutschland sehr leistungsorientiert. Es ist zu beobachten, dass man nun vermehrt die Steigerung von Leistung in Verbindung mit Persönlichkeitsentwicklung bringt. Im privaten Bereich wie auch im beruflichen Umfeld. Dies zeigt sich auch im Sportbereich. Hier sind die USA ein Vorreiter. Beispielsweise sind dort Mentaltrainer im Sportbereich schon lange ein Standard und genießen hohes Ansehen. Dies ist hierzulande noch nicht der Fall. Ich bin sicher, dass Vereine diese Komponente vermehrt ausbauen, da hier ein enormes Potenzial zur Leistungssteigerung liegt. Und für den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung gibt es dann die Sportmentoren.
ÜBER DAS QUERDENKEN VON MENTOR UND MENTEE
Wie wichtig ist Querdenken in Ihrem Beruf?
Sehr wichtig. Verschiedene Perspektiven einzunehmen und Dinge zu hinterfragen, das sind zwei Faktoren, die einen Mentor auszeichnen. Mal in den Hubschrauber zu steigen und eine Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, die eigene Erfahrung einfließen zu lassen und zu hinterfragen, wozu gewisse Situationen oder Herausforderungen dienen, die mir das Leben stellt und nicht nur den Problemfokus zu haben, sondern zu überlegen, wie man eine Lösung findet. Grundsätzlich habe ich als Mentor die Aufgabe, dem Mentee andere Perspektiven aufzuzeigen und ihm so zu helfen aus dieser einen Perspektive, die man manchmal nur hat, herauszukommen. Von daher würde ich sagen, dass Querdenken für mich essentiell ist.
In Sharon Paschkes Buch wird beschrieben, dass Profis auch „normale Alltagssituationen“ kennen lernen sollen. Er führt beispielhaft an, dass ein Mentor mit seinem Mentee acht Stunden lang Schrauben in einer Werkzeugfabrik sortieren könnte. Am Abend könne der Mentee dann den Tageslohn (hier 75 Euro) erhalten und damit für eine vierköpfige Familie für ein Abendessen einkaufen. Wie reagieren Ihre Mentees auf „Aktionen“ dieser Art?
Die Spieler nehmen das sehr ernst. Das sind die Situationen, die uns meines Erachtens auch auszeichnen. Dass man sagt: „Stopp. Anhalten und wahrnehmen“, nach dem Motto: „Was passiert hier gerade?“. Durch solche Aktionen sollen die Spieler die „Basis“ kennen lernen. Es geht hier um Demut, Dankbarkeit und Wertschätzung ihrer Situation. Das sind meiner Meinung nach die Punkte, welche Menschen – Profisportler eventuell extremer – sehr schnell aus dem Fokus verlieren. Dass sie sich beispielsweise alle Probleme der Welt aufladen und keine Dankbarkeit dafür empfinden, dass sie einen gesunden Körper haben. Es ist wichtig, einfach mal zu stoppen, sich zu fragen, was im eigenen Leben gerade los ist und wofür man gerade dankbar sein kann. Ich glaube, dass dieser Perspektivenwechsel im Sport auch sehr wichtig ist. Für Leistungssportler ist es von Bedeutung, dass sie immer wieder von jemandem daran erinnert werden, den Blickwinkel zu ändern. Aber ich glaube auch, dass das grundsätzlich für uns alle sehr, sehr wichtig ist.
GRUNDSÄTZE EINER GUTEN ZUSAMMENARBEIT
Was ist Ihnen bei der Zusammenarbeit mit Ihren Mentees aus dem Leistungssportbereich am wichtigsten? Welche Aspekte bilden das Grundgerüst einer guten und erfolgreichen Zusammenarbeit?
In dieser Beziehung ist das Vertrauen am wichtigsten. Dass die Sportler uns alles anvertrauen können, was anliegt und was sie beschäftigt. Das ist auch die zwingende Voraussetzung, dass die Zusammenarbeit überhaupt funktioniert. Diese hundertprozentige Vertrautheit und Verschwiegenheit ist der Hauptfaktor, das Hauptkriterium für eine erfolgreiche Kooperation. Ich weiß, dass das ein Satz ist, der sehr inflationär benutzt wird, den viele Firmen auf ihre Fahne schreiben. Aber bei uns ist dieser essentiell wichtig.
ZUM BERUFSEINSTIEG
Wenn sich eine(-r) der Leser(-innen) jetzt für Ihren Beruf interessiert, wie kann sie bzw. er sich am besten auf den Beruf als Sportmentor/-in vorbereiten?
Ich denke, dass beispielsweise ein Fernstudium zum Sport- und Mentaltrainer, das gerade einer, der von uns betreuten Spieler absolviert hat, einen guten Einstieg bietet. Allerdings gibt es keinen klassischen Einstieg. Kenntnisse im Bereich Mentaltraining oder auch Sozialpädagogik bzw. Supervision machen den Einstieg auch leichter. Hinzu kommt natürlich die Lebenserfahrung, die man in verschiedenen Feldern gesammelt hat.
Vielen Dank für das Interview, Herr Kordic.
Vielen Dank.
-> Mehr Informationen zum Sportmentoring sind hier zu finden.

Am Freitag, 26. Februar, fand der 1. Kinder- und Jugendsportkongress in Essen statt. Ex-Nationalspieler Jens Lehmann hat hierfür die Schirmherrschaft übernommen. Weshalb? Einer der ausschlaggebenden Aspekte war, dass Essen seine Heimatstadt ist. Darüber hinaus fungiert er als Botschafter des Projekts „Kicking Girls“ (vorher: „Mädchen mittendrin“) bei der Laureus-Stiftung (mehr dazu hier), das der Kongressleiter, Professor Dr. Gebken, ins Leben gerufen hat. Die Stiftung widmet sich dem Sport und wendet „sich dort vor allem an Kinder, die teilweise einen Migrationshintergrund haben, finanziell benachteiltigt sind oder teils auch Behinderungen haben“, so Jens Lehmann. Nach den Eröffnungsreden und der Podiumsdiskussion nahm sich der frühere Nationaltorhüter Zeit und beantwortete mir einige Fragen.
Herr Lehmann, was ist Ihres Erachtens das Wichtigste, das den Kinder und Jugendlichen im Sport vermittelt werden sollte? Welche Werte sollten im Vordergrund stehen?
Erstmal ist es für sie wichtig, den eigenen Körper kennen zu lernen, mit allen möglichen Bewegungsformen und sich darin wohl zu fühlen, auch nach der Anstrengung. Darüber hinaus ist es von Bedeutung, dass sie dieses Gefühl spüren, dass Sport dem Körper gut tut. Was natürlich ganz wichtig ist, ist Teamgeist und was ich vor allen Dingen in Essen gelernt habe, als ich hier aufgewachsen bin: Toleranz. Wenn man mit Leuten zusammen spielt, die von zu Hause aus eine Menge haben oder aber auch mit Spielern, die von zu Hause aus nichts haben. Gerade bei Laureus ist es natürlich so, dass die Kinder mit migrativem Hintergrund meistens von zu Hause aus nichts haben. Dies sind Werte im Sport, die man auch auf das Leben übertragen kann. Frau Kampmann hat vorher gesagt, dass ihr diese Werte auch in der Politik helfen. Das kann ich auch mal ausprobieren (lacht). Ja, das sind die Dinge, die der Sport bringt. Ich glaube, der Sport steht allgemein für das Gute im Leben.
Wie wichtig ist Querdenken in Ihrem Beruf als Fernsehkommentator und als Redner oder auch im sozialen Engagement?
Was ich als Sportler gelernt habe, ist, dass schnell denken sehr hilft. Der Sport entwickelt Schnelldenker und kombiniert mit Schule kann man da lernen, sehr schnell zu denken. Und was ich glücklicherweise in der Bild-Zeitung gelesen habe, ist, dass meine zweite Leidenschaft, nämlich Schokolade zu essen, schlau macht (lacht). Und da war ich doch sehr glücklich (lacht nochmal).
Welche neuen Eindrücke und Perspektiven auf das Fußballspiel haben Sie als TV-Kommentator gewonnen, wenn Sie diese Arbeit mit Ihrer Karriere als Spieler vergleichen? Gab es nochmal neue Einblicke, konnten Sie Ihr Wissen erweitern oder verstehen Sie die Journalisten dadurch besser?
Ich verstehe die Arbeit der Journalisten besser. Nichtsdestotrotz betrachte ich mich nicht als Journalist, sondern mehr als jemanden, der den Fußball beschreibt und wenn es schnell geht, auch gut beschreiben kann mit dem, was ich erlebt habe. Für mich ist es jetzt keine große Herausforderung, aber eine schöne Beschäftigung.
Was macht Ihnen derzeit am meisten Spaß, die Arbeit als TV-Kommentator oder die im sozialen Bereich?
Das soziale Engagement macht mehr Spaß, weil ich da natürlich – nicht so wie heute – meistens bei Projekten bin, bei denen die Kinder auch vor Ort dabei sind. Es ist toll, wenn sie große Augen machen, wenn sie glücklich sind. Wenn solche Aspekte in den Vordergrund treten.
Sie haben 2011 zusammen mit Oliver Kahn den Trainer-Kompaktkurs absolviert. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Ich sehe ihn noch ab und zu in München, aber ich habe jetzt keinen engen Kontakt zu ihm.
Vielen Dank für das Interview, Herr Lehmann.
Bitte.