Christian Heidel über seine Schlaganfälle, Reha-Erfahrungen und einen Fußballkurztrip mit Übernachtung am Flughafen

Christian Heidel geht offen mit seinen Schlaganfällen um – auch, um anderen Menschen dadurch zu helfen. Foto: Bernd Legien

Nun ein ziemlich krasser Schnitt, ein totaler Themensprung. Zu dir selbst. Zu deinem Schlaganfall 2019. Du gehst ja sehr offen damit um. Inwiefern lebst du seitdem anders oder bewusster?

Ich gehe da sehr, sehr offen mit um. Auch, weil ich den Leuten da gerne helfen würde. Dass ihnen das, was ich da erlebt habe, möglichst erspart bleibt. Und das kann ich auch gerne sagen: Ich habe die Ratschläge der Ärzte nicht so ganz ernst genommen, weil wir es mir eigentlich recht gut ging. Das Einzige, was ich hatte, war ab und zu ein Vorhofflimmern oder Herzrhythmusstörungen. So, und dann wirfst du ein Tablettchen ein und glaubst dann ist alles gut. Es ist auch meistens wieder gut nach einer halben Stunde. Wie ich das das erste Mal hatte, hab ich gedacht ich sterbe und habe schon überlegt. Ich war gerade in Wiesbaden und mein größtes Problem war: „Wie komme ich ganz schnell mit dem Krankenwagen nach Mainz? Weil: Ich will in Mainz sterben und nicht in Wiesbaden sterben.“ (lacht)

Das war damals wirklich so, also das war völlig verrückt. Meine Frau ist bald durchgedreht damals. Und dann kamen drei Krankenwagen angefahren und unseren Mannschaftsarzt hab ich auch angerufen. „Mein Puls – ach du lieber Gott!“ Da war für mich klar: „Ich sterbe jetzt. Aber ich will nach Mainz!“ Dann hat sich der Krankenwagen noch verfahren, weil die eigentlich nicht nach Mainz fahren dürfen. So und dort hat sich herausgestellt, dass ich so ein bisschen Herzrasen hatte, also Vorhofflimmern, und das haben sie schnell in den Griff bekommen. Das Problem war, dass das immer wieder kam. Auf einmal. Von heute auf morgen kam das. Ich habe dann Tablettchen eingeworfen und habe zweimal versucht, es mit einer kleinen Operation wegzubekommen.

Wie hast du das eigentlich gemerkt?

Das ist ganz schwer zu beschreiben. Es ist nicht so, dass du Herzrasen bekommst, sondern das Herz schlägt nicht mehr im üblichen Rhythmus. Das macht mal: Dapp-dapp, dapp-dapp-dapp-dupp, dapp-dapp. Einfach ein bisschen verrückt. Das ist sehr unangenehm. Du merkst, dass du nicht mehr so diese Kraft hast. Also diese Power fehlt dir auf einmal. Zum Beispiel, wenn du das hast und gehst Treppen hoch, da läufst du wie ein alter Mann, weil das Herz das in diesem Rhythmus irgendwie nicht hinbekommt. Aber das Hauptproblem ist: Nach einer Zeit ist das normal. Also, wenn ich jetzt mal irgendwo eine Rede gehalten habe, und das hat angefangen… Es war sau unangenehm. Du stehst da vor den Leuten und merkst „Orrrrhhh“. (verzieht das Gesicht) Mit einer Tablette hat es meist eine halbe Stunde gedauert, bis das wieder weg war. Aber ich Idiot hab mich halt irgendwie dran gewöhnt. Die Ärzte hatten schließlich zweimal eine sogenannte Appladierung [Dies ist der Fachbegriff für das Veröden von krankhaften oder überzähligen Leitungsbahnen / Erregungsherden am Herzen mit Hilfe eines Katheters. Ziel ist die Beseitigung von Herzrhythmusstörungen; Anm. von LS] gemacht. Das hat nicht funktioniert. Es kam immer wieder. Also habe ich gedacht: „Okay, dann lebe ich halt damit“. Was mir nicht so bewusst war: Wenn du das auf Dauer hast, ist das Risiko eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts viel, viel größer. So. Hätte mir das vorher mal jemand deutlich gesagt! Ich bin ja eh der größte Hypochonder, also ich habe immer alle Krankheiten. Ich kann im Fernsehen keine Krankenhausserie gucken, da muss ich sofort umschalten, sonst hab ich das gleich alles.

Hätte mir das jemand deutlich gesagt, hätte ich mich wohl mehr drum gekümmert. Das habe ich nicht gemacht. Und dann: Aus dem Nichts, ohne jegliche Vorwarnung, in der Türkei im Urlaub, gehe ich völlig ausgeruht mit meiner Tochter am Strand spazieren und auf einmal hab ich gedacht, mir fährt grad ein Laster durch die Birne! Keine Schmerzen, gar nix. Aber so „rrrrrrrrrrrrrrratz“ hat’s gemacht und anschließend habe ich nur gemerkt: Ich muss umgefallen sein. Mir war schwindelig, irgendwas stimmte nicht. Aber ich konnt‘s gar nicht beschreiben. Dann bin ich zu unserer Liege und habe zu meiner Frau gesagt: „Ich glaube, ich hatte einen Schlaganfall eben“. Panik. Ich wusste ja gar nicht, wie sich sowas anfühlt, ein Schlaganfall. Es war irgendwie so ein Gefühl. Die Ärzte kamen und ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort haben sie es leider bestätigt. Ich hatte leider sogar zwei Schlaganfälle. Und ja, dann liegst du da in der Türkei im Krankenhaus. Wenn du das von außen gesehen hättest: „Ach du lieber Gott!“ Aber ich hatte einen überragenden Arzt. Der kam zu mir: „Mein Name ist Emerly Türkeliy“. Da hab ich erstmal gedacht: „Oje“. Aber das war ein Schweizer, der von der Schweiz in die Türkei ausgewandert war. Er war super, super! Ich war in den allerbesten Händen und bin zwei Tage später mit Hilfe von Clemens Tönnies mit dem Flieger nach Mainz gebracht worden und war dann hier zehn Tage in der Uniklinik. Nach elf Tagen war ich wieder auf Mallorca. Also das ging ratzfatz.


Schlaganfall oder Tumor – „Ich glaub, noch nie hat sich jemand so über einen Schlaganfall gefreut.“

Und jetzt zu der eigentlichen Frage: „Was hat sich geändert?“. Als ich im Krankenhaus gelegen habe… Da kommst du ins MRT, wirst in diese Röhre reingefahren, und dann kommen die Ärzte raus und sagen dir: „Ja, Sie haben da zwei dunkle Stellen im Gehirn“. Ich hab gesagt: „Ja, prima, und was heißt das jetzt?“. Sie müssten das genauer untersuchen, aber: „Schlaganfall oder Tumor“. Also ich hab mich noch nie so über einen Schlaganfall gefreut, als die Diagnose kam. Das erste, was ich gemacht habe: Ich habe noch in der Nacht meinen Notar in Mainz angerufen und erstmal mein Testament gemacht. Weil für mich wieder klar war: Ja, das war’s jetzt. Habe also für mich völlig, ganz merkwürdige Entscheidungen getroffen. Und dann redet man mit sich selber: „Also, wenn das alles gut geht, das machst du alles nimmer, und das machst du jetzt“. Und ich habe gesagt, „ich gehe jetzt in den Dom anschließend und ich spende“ und „Du veränderst dein Leben. Nimmer so hektisch alles.“ Also ich hab mir alles selbst versprochen und am Anfang fast alles eingehalten. Da war ich sehr geläutert, weil ich froh war, dass ich noch lebe und dass das ich das gut überstanden habe.

Und dann geht es leider los: Je länger dieses Ereignis zeitlich nach hinten rückt, ertappst du dich dabei, dass du vieles wieder über Bord wirfst. Aber ich glaube, wie ich mich verändert habe, ist, dass ich nicht mehr alles so dramatisch nehme. Das ist so, weil ich jetzt einfach mitbekommen habe, was wirklich dramatisch ist. Ich habe inzwischen starke Probleme mit dem Begriff „Schicksalsspiele“. Wir reden immer noch über Fußball, über Sport. Also Schicksal ist etwas anderes. Es gibt Menschen, die es viel härter getroffen hat als mich. Aber ich habe das auf einmal so ein bisschen gespürt, also wie schnell etwas aus dem Nichts beendet sein kann, und ich hatte das große Glück, dass es bei mir ja überhaupt keine Folgeerscheinungen gab. Ich habe ein ganz kleines Problem mit einem Auge, weil das eine Ding in die Sehrinde reingeknallt ist, aber das merke ich im normalen Leben nahezu gar nicht. Ich hatte null Sprachprobleme, Mobilitätsprobleme. Im Vergleich zu anderen hatte ich sehr viel Glück. (wirkt nachdenklich und dankbar)

Und, das ist auch eine ganz nette Geschichte: Ich habe in Mallorca eine Reha gemacht. Eigentlich hat die Krankenkasse gesagt, dass ich gar nicht in eine Reha müsste, weil ich fit sei. Ich meinte aber, dass ich eine Reha machen möchte, dass ich ein bisschen was für mich selbst tun möchte. In Mallorca habe ich dann gesucht und ein Krankenhaus gefunden. Durch eine riesige Glasscheibe konntest du von dort aus direkt aufs Meer schauen. Was ich nicht gewusst hab: Da war kein einziger Deutscher drin, sondern nur Spanier. Und mein Spanisch umfasst maximal die Speisekarte. (lacht) Dort waren alle Schlaganfallpatienten, die wieder aufgebaut wurden. Jetzt muss ich dazu sagen, dass ich derjenige war, der am wenigsten hatte. Ich hab auch ein solches Programm gemacht mit einem Trainer, also Fahrrad fahren usw. Ich hatte am Anfang große Probleme mit den Augen. Mit der rechten Seite habe ich nicht richtig gesehen. Das wurde so ein bisschen bearbeitet. Irgendwann war das auch wieder weg. Sonst war ich viel auf dem Laufband, auf dem Ergometer, immer unter ärztlicher Aufsicht.

Dann waren da schon viele Leute mit Mobilitätsproblemen, mit Sprachproblemen, einige waren halbseitig gelähmt. Da habe ich gemerkt, wie gut es mir wieder ging. Aber das lustige war: Sie haben immer geglaubt, ich sei ein Arzt, weil ich als einziger herumgelaufen bin als ob ich nichts hätte. Ich war vier Wochen dort und mit der Zeit habe ich sie alle kennengelernt. Ich wusste ihre Namen und ich habe immer viel Spaß mit ihnen gemacht, obwohl wir gar viel nicht miteinander reden konnten. Irgendwie bekam ich den Spitznamen „Doctore“. Ich habe ihnen zum Teil geholfen. Zum Beispiel gab es dort Manolo. Der hat den ganzen Tag nichts anderes gemacht als die Wasserflaschen von dem einen Wasserkasten in den anderen Wasserkasten umzusortieren. Wenn der zweite Kasten voll war, ging das wieder andersherum. Er musste das trainieren. Ich hab also einen Spaß gemacht und gefragt, weshalb er denn keinen Bierkasten nehme. Und dann sagte er immer „Cerveza, cerveza“ [=“Bier“ auf Spanisch] und wir haben uns wieder totgelacht. Da habe ich so ein richtiges Verhältnis zu allen aufgebaut und bin dann auf einmal jeden Morgen da hin. Ich musste eigentlich nur alle zwei Tage kommen. Jeden Morgen bin ich also da hingefahren und habe meist zwei, drei Stunden mit den anderen gearbeitet.

Dann habe ich diese Reha freiwillig auf eigene Kosten verlängert. Ich hätte gar nicht mehr hingehen müssen, aber mir hat das richtig Spaß gemacht. Ich habe es selbst bezahlt, die Krankenkasse wollte das nicht mehr. Insgesamt war ich drei Monate dort. Es waren viele ältere Menschen, aber auch junge Menschen, die das Schicksal da erlitten haben… Irgendwann kam der letzte Tag und sie haben das alle gewusst: Also, der „Doctore“ kommt jetzt. Und das war so süß! Ich wusste schon: Die hecken irgendetwas aus, da war so eine komische Stimmung. Man hat dort schon ein bisschen gearbeitet. Ich bin also duschen gegangen. Als ich rauskam, standen sie alle Spalier. Jeder hat mir ein kleines Geschenk gegeben. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Da gehst du da durch und alle klatschen. Also du hast da echt so ein Gefühl mit denen dort aufgebaut. Ab und zu bin ich dann noch hingefahren, aber mit der Zeit waren sie dann zum Glück auch alle entlassen.

Hast du dort auch Freunde gefunden, wenn sie auch aus der Gegend waren?

Ja, mit zwei, drei Leuten treffe ich mich ab und zu…

Manolo?

Nein, Manolo kam aus Ibiza. Der musste wieder dorthin zurück. Mit ein paar Leuten treffe ich mich im Lokal auf ein Glas Wein. Den meisten geht’s jetzt besser, aber bei vielen wurde es nicht mehr hundertprozentig so wie vorher. Es war eine sehr, sehr nette Zeit, angenehme Zeit, aber auch eine bewegende Zeit, die mir persönlich viel gebracht hat. Du gehst dann raus und denkst nicht darüber nach: „Wieso das Auge? Wieso fehlen dir da zehn Prozent?“ Das interessiert dich überhaupt gar nicht, wenn du siehst, was wirklich Schicksale sind. Es war eine sehr, sehr gute Entscheidung, dort hinzugehen. Heute geht es mir gut, ich habe gar nichts mehr. Also ich hatte da riesiges Glück und da bin ich auch wirklich sehr, sehr dankbar, dass ich das so gut überstanden habe.


 Über die Bedeutung seiner Familie, Fußballreisen und eine spontane Nacht- und Nebelaktion

Hast du eine Art Bucket List, wovon heutzutage immer wieder gesprochen wird? Also, was du unbedingt nochmal im Leben machen willst – vielleicht gibt es noch einen Ort, an den du reisen willst?

Hm, das hört sich blöd an, aber ich bin eigentlich sehr, sehr glücklich und zufrieden, so wie es ist. Ich hab mir meinen Traum, Teile meines Lebens im Warmen zu verbringen, also auf Mallorca, erfüllt. Das war schon immer etwas Besonderes für mich. Das hat auch gut geklappt. Wir haben jetzt zwei Lebensmittelpunkte. Das Problem ist, dass wir die meiste Zeit leider nicht zusammenleben. Meine kleine Tochter, sie ist acht Jahre alt, und meine Frau, leben jetzt in Mallorca. Vier Wochen bevor ich nach Mainz zurück bin, sind wir gerade innerhalb von Mallorca umgezogen. In ein neues Haus und das ist jetzt noch nicht mal komplett eingerichtet. Daran erkennt man, dass das alles ganz anders geplant war. Wir haben dort wirklich einen schönen Lebensmittelpunkt mit tollen Freunden gefunden und fühlen uns da total wohl. Für mich ist schon längst beschlossen: Wenn das Kapitel Mainz 05 irgendwann beendet ist, dann werde ich wieder fest nach Mallorca gehen, weil das Leben dort schon einfach viel lockerer ist. Du hast schönes Wetter, du sitzt im Freien. Das ist einfach etwas ganz Besonderes. Und was die meisten Leute überhaupt nicht verstehen, ist: Da redest du über Mallorca und dann fangen sie alle mit dem Ballermann an. Also ich war noch nie auf dem Ballermann – ok, als junger Kerl war ich jedes Jahr am Ballermann. Aber nicht heute.

Mallorca ist viel mehr als Ballermann. Also wir haben mit dem Ballermann überhaupt nichts zu tun, sondern wir leben da! Man lebt, wenn man dort wohnt, anders, als wenn man dort in den Urlaub fährt. Die Leute glauben jetzt: Du bist in Mallorca und morgens holst du das Handtuch raus und legst dich dort auf eine Liege. Ich hab in zwei Jahren vielleicht zehn Mal auf einer Liege gelegen. Das machst du gar nicht, weil du da ganz normal deinen Tagesablauf hast. Das Einzige ist: Du gehst am Abend öfter als wenn du hier in Mainz bist, schön essen, gehst ans Meer, isst Fisch. Das ist einfach ein anderes Leben. Aber ansonsten machst du das gleiche, als ob du in Deutschland leben würdest. Nur in einem wesentlich angenehmeren Ambiente. Auch wenn Mainz sehr schön ist – ich liebe diese Stadt – also das will ich nicht schlecht machen. Deswegen habe ich mir diesen Wunschtraum erfüllt und wenn es irgendwann in Richtung Lebensabend – ich hoffe das dauert noch ein bisschen – gehen sollte, würde ich das gerne mit der Familie auf Mallorca machen.

Für meine Tochter ist das ihr Zuhause, sie hat alle ihre Freunde auf Mallorca. Sie spricht inzwischen fließend Deutsch, Spanisch und Englisch und das nach drei Jahren Schule. Sie ist dort auf einer überragenden internationalen Schule. Sie spielt Klarinette, spricht mehrere Sprachen, lernt jetzt in einem Sonderfach noch Chinesisch, entwickelt sich einfach überragend und deswegen bleibt die Familie auch auf Mallorca. Wir haben lange darüber diskutiert: „a) Mache ich das überhaupt mit Mainz?“, und „b) Wenn ich es mache, wie machen wir das?“ Aber ich hätte ein ganz, ganz schlechtes Gewissen gehabt, hätten wir jetzt entschieden, wir gehen wieder komplett nach Mainz und die Kleine muss die Schule verlassen. Sie ist dort glücklich und deshalb kann ich das nicht machen. Deswegen jetzt diese räumliche Trennung. Ja, ich habe auch gesagt, dass ich jede Woche komme. Da war aber der Wunsch Vater des Gedanken. Ich versuche zweimal im Monat für drei Tage hinzufliegen, aber das klappt nicht immer. Das Problem ist, dass sie nie nach Mainz kommen können, weil meine Tochter Schule hat. Sie haben im Sommer drei Monate Schulferien und dann haben sie gar keine Ferien mehr bis zum Winter. Da gibt es also keine Möglichkeiten und die Schule steht jetzt im Vordergrund. Deswegen ist das das Einzige, was mir im Moment am Leben nicht ganz so gut gefällt, aber das haben wir natürlich gewusst. Da müssen wir durch.

So, jetzt zu den Reisen. Ich war fast auf der ganzen Welt und zwar, muss ich sagen, nicht als Funktionär von Mainz 05, sondern als ganz normaler Fußballfan, weil ich hier einen sehr netten und guten Freundeskreis habe. Wir fliegen und fahren seit Mitte der 80er Jahre eigentlich zu jeder Fußball-EM und Fußball-WM. Wir waren in Spanien, Mexiko, Italien, in den USA, in Frankreich, Japan und in Deutschland sowieso. Wir waren überall unterwegs und haben bis auf wenige Teile der Welt alles kennengelernt. Ich war auch öfters in Asien, in China, Singapur, also ich bin überall rum, in Afrika, Südafrika. Auch bei der WM in Südafrika waren wir. Ich habe sehr viel erlebt. Ich war nicht in Australien, aber ich muss jetzt nicht unbedingt nach Australien. Ich will irgendwann nochmal einen USA-Ausflug machen. Aber da hab ich jetzt nichts, worüber ich sage: Also das muss ich jetzt noch erleben. Ich habe zum Glück die Möglichkeit gehabt sehr, sehr viel zu sehen und jetzt geht’s mir einfach darum, irgendwann mal wirklich ein schönes Leben zu haben, die Dinge zu machen, die mir Freude bereiten. Wenn ich irgendwann auf die Idee komme, dass ich mal nach Australien muss, hoffe ich, dass ich dann in der Lage bin, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Ansonsten: Ich habe zwei erwachsene Kinder, die ich sehr, sehr vernachlässigt habe. Als sie klein waren, war ich nie mit ihnen im Urlaub.

Nie? (überrascht)

Sie sind immer mit ihrer Mutter allein in den Urlaub gefahren. Ein oder zwei Mal war ich im Urlaub mit dabei. Bei dem einen Mal war ich mit ihnen auf Mallorca. Wir hatten an diesem Wochenende aber ein Spiel in Lübeck, das weiß ich heute noch, mit Mainz 05, Trainer Wolfang Frank – ich hatte meiner Familie versprochen, dass wir in den Urlaub fahren und ich mal ich nicht zum Spiel gehe. Doch es kam wirklich zu einer Nacht- und Nebelaktion. In der Nacht zum Samstag konnte ich nicht schlafen und habe beschlossen, dass ich doch abhaue. Dann habe ich meiner Frau wirklich erzählt, dass ich joggen gehe, habe aber in der Nacht schon mein Täschchen gepackt, und bin wirklich gejoggt, aber nur bis zum Taxistand, und bin zum Flughafen gefahren. Meine Frau, die hat schon gewusst: Der geht joggen, dann trifft er jemanden, geht in die Kneipe… Ich habe dann wirklich drei Stunden später aus Hamburg angerufen. Denn ich wollte nicht mit ihr diskutieren in der Zeit, als ich noch auf Mallorca war, weil es einen Aufstand gegeben hätte. Also hab ich mich erst wieder aus Hamburg gemeldet. Als ich ihr gesagt habe, ich sei in Hamburg, naja, da hat das Telefonat nicht so lange gedauert…

Und dann habe ich noch den Rückflug verpasst. Deshalb musste ich noch einen Tag in Hamburg am Flughafen verbringen. Ich war von Hamburg nach Lübeck und dann wieder nach Hamburg gereist und habe eben dort den Flieger verpasst. Als ich zurück kam, war der Urlaub nicht mehr ganz so schön… Ich habe da vieles falsch gemacht, als ich noch sehr jung war, und habe gedacht ich müsse überall dabei sein, und habe die Kinder schon sehr vernachlässigt. Wir haben heute ein überragendes Verhältnis, aber ich habe heute ab und zu ein schlechtes Gewissen. Wenn ich jetzt mit meiner kleinen Tochter zusammen bin, dann überlege ich: „Wie habe ich das eigentlich mit den großen gemacht?“ Das will ich jetzt nicht noch mal falsch machen, ja und was mache ich? Ich hau ab und bin in Mainz und sie sind auf Mallorca. Das will ich aber wieder gut machen, ja, das ist mir extrem wichtig, da steht Familie schon sehr im Vordergrund. Wenn das hier mal erledigt ist, dann wird sich glaub vieles um meine Familie drehen.

Vielen Dank für deine Zeit, Christian.

Gerne, hat Spaß gemacht.

Vorgestellt: Die Uwe-Seeler-Stiftung

UWE Seeler
Stiftungsgründer Uwe Seeler. Foto: Werner Treimetten

Guter Zweck. Uwe Seeler galt als einer der besten Mittelstürmer der Welt. Der gebürtige Hamburger war schon damals nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz sehr engagiert. Ihm war es wichtig, „denen zu helfen, die infolge ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Zustandes auf die Hilfe anderer angewiesen“ sind. Er legte vor allem Wert darauf, Kinder und Menschen mit Behinderung, „die in unserer Leistungsgesellschaft einen besonders schweren Stand haben und oftmals nur wenig Anerkennung und Akzeptanz finden“, zu unterstützen. So gründete er 1996 die Uwe-Seeler-Stiftung.

 

Zu den Tätigkeitsbereichen der Stiftung

Die Uwe-Seeler-Stiftung unterstützt Menschen in Not in den unterschiedlichsten Bereichen. Sie bietet ihnen u.a. Hilfe zum Lebensunterhalt. Im Jahr 2015 beispielsweise konnte sie mit mehr als 180.000 Euro u.a. finanziell in Not geratenen Familien helfen und Reparaturkosten übernehmen. Darüber hinaus beteiligte sie sich an den Kosten, die für Therapien für Kinder mit infantiler Cerebralparese entstanden sind. Auch wurden in Kooperation mit anderen Stiftungen Operationen schwerstkranker Menschen aus Kriegsgebieten ermöglicht. Daneben förderte die Uwe-Seeler-Stiftung behinderten gerechte Umbaumaßnahmen und spendete 25.000 Euro an mehrere Hospize in Hamburg und auch deutschlandweit. Zudem beteiligte sie sich an der Finanzierung von Spezialrollstühlen und neuen behinderten gerechten Fahrzeugen. Damit die Kinder in besonders bedürftigen Familien ein schönes Weihnachtsfest feiern konnten, erhielten diese mitunter Lebensmittelgutscheine im Wert von insgesamt 2.850 Euro.

Im Gründungsjahr der Stiftung kamen rund 37.000 Euro für den guten Zweck zusammen, seit 2001 bewegt sich die Summe, die jährlich gespendet wurde, kontinuierlich im sechsstelligen Bereich. 2015 wurde bereits mehr als eine halbe Million Euro an Bedürftige ausgeschüttet. Insgesamt hat die Uwe-Seeler-Stiftung seit ihrer Gründung beachtliche 4.243.765,72 Euro an Menschen in Not ausgezahlt.

 

Das Team der Uwe-Seeler-Stiftung

Der Vorstand der Stiftung setzt sich aus Uwe Seeler, Udo Bandow, Berthold Brinkmann, Gerhard Delling, Sven Lorenz, Frank Rost und Kerstin McGovern zusammen. Als Namensgeber und Gründer ist „Uns Uwe“ der Vorsitzende, Udo Bandow fungiert als sein Stellvertreter. Kerstin McGovern bildet das Herz der Geschäftsstelle: Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Auf Grund der Vielzahl an Anfragen erhält sie meist Unterstützung durch eine weitere Bürokraft. McGovern nimmt die Anträge entgegen, hört den Bedürftigen zu, und ist genauso Ansprechpartnerin für Presseanfragen. So ermöglichte sie mir ein Interview mit Vorstandsmitglied Gerhard Delling…

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Herr Delling sich extra nach dem Länderspiel in Dortmund (22.3.) einen Mietwagen genommen hat und direkt nach Hamburg gefahren ist, um mir am Donnerstagmorgen dieses Interview zu geben. Dies zeigt meines Erachtens, wie stark sich diese Menschen für die Stiftung engagieren.

 

Gerhard Delling über die Hintergründe der Stiftung

Herr Delling, wie ist die Idee von Herrn Seeler entstanden, eine Stiftung zu gründen?

Wer Uwe Seeler kennt, der weiß, dass er ein sehr empathischer Mensch ist, der wirklich am Leben anderer teilnimmt und das berührt ihn auch. So ist 1996 der Gedanke entstanden: „Was kann man tun, um denen zu helfen, die unschuldig in Not geraten sind?“. Dann kam die beste Idee mit der Stiftung.

Welche Ziele verfolgt die Uwe-Seeler-Stiftung hauptsächlich?

In erster Linie ist sie für Menschen da, die unverschuldet in Not geraten sind. Das ist bewusst so ausgedrückt, weil das Spektrum der Menschen, die Hilfe benötigen, sehr groß ist. Das merkt man an den Anfragen. Gerade in der heutigen Zeit, in welcher viele Menschen an der Armutsgrenze – oder sogar darunter – leben, gibt es unglaublich viele Notsituationen. In diesen Fällen kann man wirklich auch mit kleineren Taten und Zuwendungen sehr viel bewirken.

Wo wird geholfen?

Es gibt natürlich größere Geschichten, wie beispielsweise bei der ersten integrativen Schule in Hamburg. Dort ist die Uwe-Seeler-Stiftung engagiert. Es gibt – was auch unfassbar ist, dass es nötig ist – tatsächlich Essensgutscheine, für Menschen, die wirklich überlegen müssen, ob sie am nächsten Tag etwas zu essen haben. Es sind ganz viele Geschichten, bei denen die Krankenkasse nur bis zu einem gewissen Punkt greift und danach nicht mehr. Wo man vielleicht noch eine Behandlung braucht, die nicht abgedeckt wird. Das geht bis hin zu Heizkostenzuschüssen. Das Spektrum ist unfassbar groß. Es gibt so viele Details, aber das meiste geht in diese Richtung. Immer steht dahinter ein Mensch, der sich wirklich überlegen muss, wie er diese Aufgabe finanziell hinbekommt. Und der wendet sich dann in letzter Verzweiflung an die Uwe-Seeler-Stiftung. Ich glaube, auch wenn ich mich umhöre und umschaue, dass es nicht viele gibt, die sich genau um diese verzweifelten Menschen kümmern.

Woher kommen die meisten Anfragen?

Am häufigsten erhalten wir Anträge aus Hamburg und der Region. Aber auch bundesweit haben wir Fälle.

Wodurch werden die Menschen auf die Stiftung aufmerksam, gerade auch in den verschiedenen „Schichten“?

Das war wirklich ein Prozess über Jahre. Uwe leistet dahingehend grandiose Arbeit. Ich finde es toll, dass er sich so persönlich einsetzt und das wirklich lebt. Er macht das mit so einer Begeisterung, aus voller Überzeugung und mit Herzblut. Das ist er, das ist nicht gespielt. Das hat er alles alleine aufgebaut und unser Anteil ist wirklich entsprechend gering. Man kann sich gar nicht vorstellen, auf wie vielen Veranstaltungen Uwe pro Jahr unterwegs ist und bis heute – obwohl er ja auch nicht jünger wird – derart engagiert ist. Das ist wirklich er. Es sind ganz viele persönliche Kontakte, die er aufgebaut hat, oder eben Menschen, denen es gefällt, wie er so ist. Er ist ja eine Art „Ronaldo von früher“. Man könnte sich gar nicht vorstellen, dass Ronaldo hier durch die Gegend läuft, zu einem Golfturnier fährt und wie Uwe – der im Augenblick nicht mehr spielen kann – den ganzen Tag von Flight zu Flight (Gruppe von Spielern; Anm. von Lisa Schatz) fährt und fragt, ob alles in Ordnung sei. Bei so einem Turnier bringt er Getränke vorbei und ist den ganzen Tag auf Achse, um danach freudestrahlend einen Scheck für den guten Zweck entgegen nehmen zu können.

 

Ohne die Unterstützung Ehrenamtlicher läuft nichts

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Gerhard Delling sprach mit mir über die Hintergründe der Uwe-Seeler-Stiftung. Foto: Lennart Westphal

Wie wird die Uwe-Seeler-Stiftung „gestemmt“?

Wir sind alle, Frau McGovern und eine weitere Arbeitskraft ausgenommen, ehrenamtlich aktiv. Das Ziel ist ja, möglichst geringe Ausgaben zu haben und möglichst viel für den guten Zweck zusammenzubekommen. Die Veranstaltungen werden meist von Menschen organisiert, die Uwe Seeler kennen oder von der Stiftung gehört haben und dann die Einnahmen spenden. Axel Lange aus Berlin beispielsweise, der zusammen mit Uwe bei den Schneeforschern ist, veranstaltet jährlich ein Turnier in Fleesensee. Dabei kamen an einem Wochenende immer Summen im sechsstelligen Bereich heraus. Dort waren Uwe oder ich oder wir beide in den vergangenen Jahren stets anwesend. Menschen wie Axel Lange sind der Stiftung sehr nahe gewachsen, sie haben sie über Jahre hinweg begleitet und massiv unterstützt. Es gibt viele weitere Unterstützer.

Das ist ja klasse, wenn man schon vieles planen kann auf Grund der regelmäßigen Turniere…

Ja, genau. Zum einen ist eine große Verlässlichkeit vorhanden und zum anderen entstehen zahlreiche Freundschaften und es wird viel für den guten Zweck getan. Das finde ich auch wichtig bei der Uwe-Seeler-Stiftung. Die Stiftung ist keine, die mit großen Werbeplakaten oder Werbung nach außen geht und sagt: „Schickt mir mal euer Geld“. Sondern meist war es bisher so, dass wirklich jemand persönlich vor Ort war und erklärt hat, worum es genau geht und welche Ziele man hat, und versucht, die Menschen zu überzeugen, einen Beitrag zu leisten.

Welche Menschen helfen ehrenamtlich mit?

Derjenige, der ein Turnier veranstaltet – wie zum Beispiel Axel Lange (s.u.; Anm. von Lisa Schatz) – stellt das zusammen mit seinen Mitarbeitern auf die Beine und organisiert das nebenbei. Dort wirken ganz viele Helfer und Helfershelfer mit, die sich der Sache verschrieben haben und dahinter stehen und das mitleben. Viele Dinge kann man gar nicht bewerten. Das würde gar nicht funktionieren, wenn nicht jeder seinen kleinen Teil dazu beitragen würde. Das große Ganze ist eben für den Erfolg verantwortlich. Dies ist hier so. Es geht nicht, wenn nicht ganz viele Menschen das auch wollen und sich damit identifizieren und sagen, dass sie das gut finden.

Inwiefern wird mit anderen Organisationen kooperiert?

Wir arbeiten viel mit der Franz-Beckenbauer-Stiftung zusammen. Diese ist schon größer, funktioniert aber ähnlich. Wir tauschen uns aus und wenn es einen Fall gibt, der nicht ganz klar ist, kann man sich noch einmal absichern, ob der jeweils andere schon einen solchen hatte. Da gibt es eine enge Verdrahtung.

 

Woher die Spenden kommen und wohin sie gehen

Seit Beginn der Uwe-Seeler-Stiftung wurden mehr als vier Millionen Euro Spenden gesammelt. Im Jahr 2015 kamen rund 450.000 Euro zusammen. Haben Sie damit gerechnet, dass die Stiftung eine solche Größenordnung an Spendensummen erreicht?

Am Anfang nicht. Im ersten Jahr waren es rund 38.000 Euro, die ausgeschüttet wurden. Das hat sich stetig weiterentwickelt und verfestigt. Es wird natürlich nicht einfacher, Spenden zu akquirieren, aber dieses Niveau kann man meines Erachtens halten und eventuell können wir noch mehr erreichen. Nicht nur im Fußball werden die Summen immer größer. Zugleich ist es so, dass Geld dort, wo es ist – zumindest gefühlt – immer inflationärer wird. Ich glaube, dass die Entwicklung weitergeht. Aber zu Beginn war wirklich nicht damit zu rechnen.

Woher kommen die meisten Spenden?

Das meiste kommt von den Veranstaltungen. Neben denjenigen, die die Events organisieren und Geld spenden, gibt es dort auch viele andere Menschen, die einen gewissen Betrag spenden oder etwas ersteigern oder einfach nur vorbeikommen kommen und eine Teilnahmegebühr zahlen, welche auch für den guten Zweck ist. In den vergangenen Jahren hat sich zudem der HSV sehr erkenntlich gezeigt. Und natürlich der Deutsche Fußball Bund, der auch immer wieder großzügige Spenden beisteuert. Man muss ein bisschen kreativ sein, wenn es darum geht, an bestimmte Institutionen und Menschen heranzukommen und die Kontakte dann eben auch herstellen. Das ist in erster Linie unsere Aufgabe.

Wie wird entschieden, wer wie viel Geld erhält?

Von dieser Detailarbeit sind wir befreit. Das sind so extrem viele Anträge. Das ganze Jahr hat Kerstin McGovern da unglaublich viel mit zu tun. Das sind so viele kleine Anfragen – und das ist meines Erachtens auch das Besondere an dieser Stiftung: Es gibt hier und da auch immer wieder größere Projekte. Aber hier geht’s meist wirklich um Kleinstsummen. Diese sind so elementar wichtig für diese Menschen, weil dort, wo sie wirklich gar nicht mehr vorhanden sind, wo sie absolut fehlen, ist die Not dermaßen groß – das ist wohl mit der „Welt, in der wir leben“, gar nicht zu vergleichen. Es ist natürlich eine riesen Aufgabe zu prüfen, dass alles seine Richtigkeit hat und dass das Geld wirklich dort ankommt, wo es gebraucht wird. Allein im vergangenen Jahr wurden über 1.100 verschiedene Anträge bewilligt. Bei 365 Tagen im Jahr kann man sich vorstellen, dass sie alle sehr schnell und genau gecheckt werden mussten.

 

„Die Anzahl Bedürftiger ist frappierend“

Inwiefern bekommen Sie etwas von den Einzelfällen mit? Gab es bei den Sitzungen zum Beispiel einen Fall, den Sie besprochen haben und der Sie besonders schockiert hat?

In erster Linie fand ich diese Anzahl an Menschen, denen es wirklich schlecht geht, im traurigen Sinne überwältigend. Es ist frappierend: Wir in einem so wahnsinnigen Überfluss. Dass es wirklich so viele Menschen gibt, die Unterstützung in dieser Form nötig haben und brauchen, ist unserem Stand der Entwicklung nicht würdig, wenn man ehrlich ist. Somit empfinde ich den Einsatz der Stiftung als sehr positiv. Natürlich kann man das Leid jeden Tag beklagen, aber das bringt einen nicht weiter. Dennoch gibt es so viele Bedürftige. Das ist für die Gesellschaft eigentlich nicht tragbar, da müsste dringend etwas geändert werden. Und hier wird schon vieles getan.

Wir hatten zum Beispiel vor einigen Jahren den Fall, dass jemand dringend einen Blindenhund brauchte, weil seiner verstorben war. Der Mann war völlig verzweifelt, weil Blindenhunde generell sehr teuer sind. Wenn ein solcher Hund gut ausgebildet ist, bewegen sich die Kosten für ihn schon im fünfstelligen Bereich. Von derartigen Fällen bekommt man schon etwas mit. Als ich gelesen habe, dass wir das finanzieren konnten, fand ich das toll.

Gab es noch andere Fälle neben dem Blindenhund, die Sie erwähnen möchten?

Ich finde es erschreckend, dass jemand eine Krankschreibung hat und eigentlich zum Arzt muss, es aber gewisse Leistungen gibt, die nicht übernommen werden. Und derjenige weiß nicht, wie er dort hinkommt. Die einzige Chance für ihn ist es, sich ein Taxi zu nehmen und wir reden hier über dreißig oder vierzig Euro. Das Volumen ist wohl etwas größer, weil er mehrmals fahren muss. Aber dass so etwas einen Verwaltungsprozess auslöst, ist schon heftig. Viele würden sagen: „Ich fahr dich schnell hin“. Aber das gibt’s: Dass Menschen allein sind, ganz auf sich gestellt, und kein Geld haben. Also, diese Menge an kleinen Zuwendungen, die dabei sind, finde ich extrem.

 

Zum Alleinstellungsmerkmal der Uwe-Seeler-Stiftung

Was macht die Stiftung besonders, was grenzt sie von anderen Stiftungen ab?

Sie ist schon relativ groß, und trotzdem vom Umfang und von den handelnden Personen her sehr klein. Wir sitzen stets in einer kleinen Runde zusammen, in der sich jeder kennt. Zudem gibt es keinen festangestellten Geschäftsführer oder dergleichen. Die Ausgaben sind sehr gering. Natürlich gibt es ein, zwei Kräfte, die diese ganze Flut an Anfragen bearbeiten. Zudem ist es so, dass – vor allem Frau McGovern – nicht nur die Fälle bearbeitet, sondern auch als eine Art Sorgentelefon dient. Viele Menschen rufen bei ihr an, die nicht nur in finanzieller Hinsicht eine Zuwendung brauchen, sondern zugleich nach Aufmerksamkeit suchen. Das sind Dinge, die dort miterfüllt und abgefedert werden. Aber der administrative Part ist doch sehr bescheiden und klein gehalten, damit dort relativ wenig Geld verpufft.

Haben Sie auch jemanden in der Stiftung, der als psychologischer Ansprechpartner für die Anfragenden dient?

Nein, dafür ist die Stiftung von der personellen Besetzung her zu klein. Das würde neue Kosten auslösen. Aber umso bemerkenswerter ist es, dass Frau McGovern dies alles übernimmt.

Hat sich Frau McGovern selbst komplett in die Materie eingearbeitet oder hat sie auch eine psychologische Ausbildung absolviert? Ich kann mir vorstellen, dass manche Fälle schon echt hart sein können – gerade die psychologische Betreuung, die die Menschen brauchen.

Das stimmt. Ich weiß nicht, ob sie da eine Ausbildung hat. Aber als Persönlichkeit ist sie sehr empathisch. Trotzdem ist es so, dass es nicht mehr händelbar wäre, wenn man das zu seinem eigenen Schicksal machen würde. Sie hat natürlich mittlerweile eine riesen Erfahrung in dem Bereich. Sie engagiert sich hier seit rund zwanzig Jahren. Ich denke, sie bräuchte nicht mal ein Diplom in der Richtung.

 

Delling über seinen Einsatz für die Stiftung

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Gerhard Delling neben der von Brigitte Schmitges umgesetzten Fuß-Skulptur von Uwe Seeler. Foto: Lisa Schatz

Was hat Sie dazu bewogen, sich für diese Stiftung zu engagieren?

Ich kenne Uwe schon lange. Ich muss dazu sagen, dass ich auch in der Bürgerstiftung in Hamburg bin und auch dem Eagles Charity Golf Club sowie der Alexander Otto Sportstiftung angehöre. Wenn es zeitlich möglich ist, ist man meiner Meinung nach dazu verpflichtet, sich Gedanken zu machen und ein bisschen zu engagieren. Als die Anfrage von Uwe kam, musste ich gar nicht lange überlegen, weil ich ihn über die vielen Jahre so gut kennen gelernt habe, dass ich wusste, wie integer das Ganze ist. Ehrlich gesagt war es sogar eher andersherum: Ich dachte, dass es eine große Ehre ist, dass er mich fragt. Er und Udo Bandow, der schon immer mit die treibende Kraft in der Stiftung gewesen ist. Zwei, die ich mit gewissem Stolz mittlerweile als Freunde auch an meiner Seite weiß!

Wie bringen Sie sich genau ein und welche Aufgaben haben Sie?

Mein Anteil ist verschwindend gering. Wir haben natürlich unsere Stiftungsratssitzungen. Dort besprechen wir vor allem, was während des Jahres geschehen ist. Zudem geht es darum, wie das Geld, das reinkommt, am besten verwaltet werden kann, sodass es …. nicht weniger wird, sondern am Ende des Tages eher noch ein paar Zinsen abwirft, die man dann ausschütten kann. Das ist im Augenblick mit eine der schwersten Aufgaben. Daneben gibt es Veranstaltungen, zu denen ich gehe. Bei den meisten allerdings ist Uwe vor Ort. Und eines muss ich betonen: Es ist unfassbar, was er da für ein Programm abreißt. Wenn er irgendwie kann, ist er immer am liebsten selbst dabei. Das sind z. B. Golfturniere, bei denen er dann den Scheck übernimmt.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in der Zusammenarbeit mit Herrn Seeler und den anderen Vorstandsmitgliedern?

Wenn wir uns in regelmäßigen Abständen treffen, ist es immer sehr harmonisch und schön. Es gab so viele tolle Turniere, bei denen wir zusammen vor Ort waren. Anfang dieses Jahres beispielsweise waren wir in Spanien bei der Uwe-Seeler-Trophy, einem Benefiz-Golfturnier in Marbella. Dort haben ehemalige Fußballprofis gegen Journalisten gespielt. Das waren drei wunderbare, lustige, unterhaltsame Tage und zugleich wurde wieder ein großer Scheck über 50.000 Euro an die Stiftung übergeben.

Wie laufen die Sitzungen ab?

Wir besprechen zunächst, was seit unserer letzten Begegnung alles passiert ist. Dann geht es an das Zahlenwerk. Das ist sehr wichtig: „Was ist rausgegangen und was kommt herein?“. Zudem diskutieren wir, welche Veranstaltungen neue Einnahmen bringen könnten und welche eventuell wegfallen. Es geht aber tatsächlich ums Geld: Wo legen wir es an? Wie geht es weiter, Aktienmarkt oder Anleihen? Was ist möglich und was nicht? Früher war es einfacher, weil es da Termingelder gab und wenn eine Stiftung konservativ mit möglichst geringer Aktienquote trotzdem Geld generieren wollte, hat man versucht, ein gutes Geschäft mit der Bank zu machen und gesagt: „Komm, wir machen relativ langfristig Termingelder“. Das war sehr sicher. Diese Form der Finanzierung ist mittlerweile komplett ausgefallen. Da muss man schon kreativ sein. In der Hinsicht ist Herr Gollub von Aramea mit dabei, der wirklich jedes Mal en detail sagt: „Die und die Sachen haben wir gemacht und die anderen aus diesem und jenem Grund nicht und wir sind jetzt bei einem Plus in der Höhe von XY Euro“. Man muss ihm hoch anrechnen, dass wir stets in einem Plus waren. Frau McGovern erzählt im Anschluss von ihrer Arbeit und speziellen Fällen, die schwieriger waren oder ihr besonders ans Herz gegangen sind.

Wie würden Sie die Atmosphäre innerhalb der Stiftung beschreiben?

Es ist ein sehr kleiner, familiärer Kreis und dadurch sehr kameradschaftlich. Wir befinden uns alle immer in regem Austausch. Uwe ist ja am glücklichsten, wenn er am Tisch sitzt, seine Freunde oder Menschen, die positiv und wohlgesonnen sind, um sich herum hat und diese gerne über Gott und die Welt reden mögen. Man sitzt auch mal mit Ex-Fußballprofis und aktuellen Profis auf der Jahresabschlussfeier zusammen, dann wird das Schifferklavier herausgeholt und gesungen…(lacht)

Vielen Dank für das Interview, Herr Delling.

Das habe ich gerne gegeben, bitte.

-> Weitere Informationen zur Uwe-Seeler-Stiftung findet ihr unter http://www.uwe-seeler-stiftung.de/.

-> Hiermit möchte ich mich auch für die gute Kooperation beim Hamburger SV bedanken, der mir ermöglicht hat, das Interview mit Herrn Delling im Volksparkstadion zu führen.