Thorsten Röwekamp ist ehrenamtlicher Sehbehindertenkommentator

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Thorsten „Totti“ Röwekamp (re.) und Alexander Friebel (li.) arbeiten als ehrenamtliche Sehbehindertenkommentatoren auf der Alm (=SchücoArena). Foto: Röwekamp

Bielefeld. Thorsten Röwekamp, vielen Arminen als „Totti“ bekannt, ist seit elf Jahren als Sehbehindertenkommentator auf der Alm (SchücoArena; Anm. von Lisa Schatz) im Einsatz. Arminiafan ist er schon seit seiner Kindheit. Er war zudem der erste große Trommler dort und gründete zusammen mit Carsten Vogt den Fanclub „Blue bandits“.

Totti, wie ist es dazu gekommen, dass du Sehbehindertenkommentator geworden bist?

Als die Rollstuhlplätze auf die andere Seite der Alm verlegt und ausgebaut wurden, wurde mehr Personal benötigt. Alexander Friebel (s. Foto; Anm. von Lisa Schatz) hat mich gefragt, ob ich dort als Behindertenbetreuer mitarbeiten möchte und das habe ich gemacht. Einige Zeit später wurde ein Blindenkommentator gesucht. Das habe ich dann einfach mal ausprobiert. Anfangs haben wir mit einem Blinden getestet, ob es überhaupt klappt und so bin ich dabei geblieben.

Hast du in dieser Richtung eine spezielle Ausbildung oder ein Training absolviert oder war das alles Learning by Doing?

Es war wirklich Learning by Doing und auch das Netzwerken hat mir sehr geholfen. Aber im Grunde genommen kam das alles mit der Zeit. Man wird ja nie als Reporter oder Kommentator geboren. Das ist eine Sache, die sich entwickelt.

Verdienst du etwas bei dieser Arbeit oder kommentierst du ehrenamtlich?

Das ist alles ehrenamtlich und Geld würde ich dafür auch nicht haben wollen. Behindertenarbeit ist für mich immer ehrenamtlich und eine Herzensangelegenheit gewesen.

Mit wem arbeitest du zusammen?

Inzwischen sind wir ein großes Team. Begonnen mit dem Kommentieren habe ich damals alleine. Als das von der DFL professionalisiert wurde, wurde gesagt, wir sollten das immer zu zweit machen. Jetzt sind wir ein Team aus sechs, sieben Leuten und haben einen Plan, in welchen wir uns dann immer eintragen. Fast professionell (lacht).

Bist du bei Heim- und Auswärtsspielen dabei?

Zunächst war es so, dass ich als Sehbehindertenkommentator auf der Alm gearbeitet habe. Dann haben wir uns überlegt, dass wir die Hardware haben, um auch zu Auswärtsspiele zu kommentieren. Also haben wir mit dem ASC-Fanradio (ASC steht für Arminia Supporters Club; Anm. von Lisa Schatz) begonnen. Beim ersten Punktspiel mit Stefan Krämer als Cheftrainer auswärts (Spiel gegen die Offenbacher Kickers am 15.10.11; Anm. von Lisa Schatz) hatten wir unsere Premiere mit unserem Auswärts-Livestream. Das hat damals super geklappt und seitdem sind wir für den ASC in wechselnder Besetzung bei jedem Auswärtsspiel dabei.

 

Die Schwarz-Weiß-Blauen spielen „von links nach rechts“

Was ist das wichtigste, worauf du bei deinem Job achten musst? Man kommentiert für Sehbehinderte sicherlich anders als für Sehende.

Was beispielsweise ein Sky-Reporter macht, ist mit unserer Arbeit gar nicht zu vergleichen. Ein solcher kann das Spiel auch mal zwei Minuten laufen lassen, weil der Zuschauer ja sieht, was auf dem Feld passiert. Der Kommentator muss also nicht jeden Ballkontakt zu kommentieren. Einen Blinden hingegen kannst du nicht eben mal zwei Minuten des Spiels alleine lassen. Es fängt ja schon bei der Kleidung der Spieler an. Der Nutzer im Internet weiß, was ich meine, wenn ich sage: „Zur Südtribüne hin“. Wenn ich für Sehbehinderte kommentiere, muss ich sagen: „Von links nach rechts“ oder „von rechts nach links“. Außerdem beschreibe ich, wie die Kleidung der Spieler aussieht. Zudem nenne ich den Namen des Schiedsrichters und erzähle, woher dieser kommt. Wichtig ist vor allem die Verortung: Wo ist der Ball? Was passiert gerade? Wer ist am Ball? Warum? Wieso? Also, immer detailliert zu beschreiben. Es ist auch wichtig, die Spieler körperlich zu beschreiben. Klos ist zum Beispiel 1,94 m groß und wiegt um die neunzig Kilo. Ein Mensch ohne Sehbehinderung sieht das, der denkt dann auch: „Was reden die denn da?“. Es ist schon ein riesengroßer Unterschied zwischen dem Heim- und dem Auswärtsspiele-Kommentieren. Unsere Hörerinnen und Hörer möchten auf jeden Fall möglichst genaue Informationen.

Worüber sprichst du als Erstes?

Wir starten immer fünf Minuten vor dem Spiel und versuchen möglichst viel in diese Zeit hineinzupacken – ohne, dass es zu viel wird. Zuerst sprechen wir die Aufstellung ein. Bei der Hymne sind wir immer ganz ruhig – einfach, weil uns währenddessen überhaupt keiner zuhören würde. Unsere Hörerinnen und Hörer sitzen dann unten, singen und feiern mit und heben die Schals hoch. Sie sind eben wirklich Fans.

Wie bereitet ihr euch genau auf die Partien vor?

Vor dem Spiel lesen wir den kicker. Außerdem werden wir von der DFL mit einer Informationsmappe ausgestattet. Da steht wirklich drin, wer wann welche Socken getragen hat. Am wichtigsten sind für uns die ersten fünf der vierzig Seiten. Der Rest ist sehr viel Statistik. Man darf die Zuhörerinnen und Zuhörer auch nicht überfordern. Wir versuchen die ersten fünf Minuten Randerscheinungen reinzupacken: Infos über den Schiedsrichter, zur Aufstellung. Alles andere versuchen wir ins Spiel einfließen zu lassen. Das hat mitunter Längen, in die wir viel einbauen können. Jetzt, da das 111-jährige Jubiläum von Arminia ansteht, machen wir auch mal Werbung dafür.

Wie viele Plätze gibt es in Bielefeld für Sehbehinderte?

Es gibt zehn Plätze plus zehn Plätze für Begleitpersonen. Die Begleitpersonen zahlen keinen Eintritt. Auf Dauer wird die Anzahl der Plätze aufgestockt. Wenn sich Arminia in der zweiten Liga hält, wird es mehr Plätze geben, weil dann auch mehr sehbehinderte Fans der Gästevereine kommen. Gerade hier aus der Nähe, vor allem aus Paderborn oder Köln. Zum Vergleich: In Paderborn müssen die Begleitpersonen Eintritt bezahlen. Das ist in Deutschland einzigartig, da ist der SCP ganz hinten. Jedes Jahr wird neu darüber diskutiert, aber der SCP braucht das Geld.

Kommentierst du neutral, wenn Gästefans zuhören?

Nein, das nicht. Wenn ich weiß, dass Gästefans mithören, werden diese begrüßt. Ich probiere dann auch möglichst neutral zu sein. Aber ich bin im Herzen DSC-Fan und wenn Arminia ein Tor schießt, dann freue ich mich natürlich immer mehr.

Welche Anekdoten hast du in Zusammenhang mit Arminia erlebt?

Schön sind natürlich die Aufstiegsspiele gewesen, als wir über den Äther die Stühle fliegen hörten. Wenn man einfach aufspringt, weil man sich so freut, und die Stühle, die auf der Pressetribüne sind, erstmal wieder aufkramen muss. Oder wenn sich während dem Kommentieren der komplette Kaffee über das Equipment ergießt (lacht). Alles schon passiert. Wenn wir nach den Spielen mit unseren Zuhörerinnen und Zuhörern reden, werden wir natürlich auf derartige Vorkommnisse angesprochen. Wir versuchen sowieso, alles nicht so stocksteif zu kommentieren. Ich glaube, wir haben da eine ganz gesunde Mischung. Im Laufe der Jahre haben sich Teams herauskristallisiert. Alex Friebel und ich, wir verstehen uns blind. Uns kannst du nachts um zwei wecken und wir bringen dir immer noch eine 100%-Reportage auf den Tisch. Das ist einfach schön und ein gutes Gefühl, wenn man sich auch privat super versteht.

Was war das Lustigste, das du bisher erlebt hast?

Witzige Erlebnisse hatten wir oft auf Grund unserer Presseplätze in verschiedenen Städten. So zum Beispiel in Münster, worüber jeder sagt: „Da kannst du nicht sitzen!“. Da sitzt man und macht sich neunzig Minuten lang Gedanken, wie man dort jemals wieder herauskommt. Und da fragt man sich eben schon, wer so etwas baut. Alle regen sich darüber auf. Ich erinnere mich an ein Auswärtsspiel gegen Preußen Münster. Zwei Kollegen wollten nach dem Spiel in die Mixed Zone und hatten wirklich keine Wahl, als über uns hinüberzuklettern. Sie waren kurz davor, zu stolpern und zu fallen. Eine andere Geschichte sind die Auswärtsfahrten in den Süden: Wenn wir lange Fahrten haben und an Kirchheim vorbeikommen, dann gibt es dort immer Eifrühstück. Das sind Riten, die wir uns über Jahre angeeignet haben. Auf der Rückfahrt gibt es dort immer Schnitzel. Lustig, witzig und auch informativ sind die zweitägigen Treffen, die von der DFL organisiert werden. Diese finden meist in Kamen-Kaiserau statt. Das ist immer eine richtig tolle Sache. Die Atmosphäre ist hochproduktiv und man kennt die Kollegen schon über Jahre hinweg. Natürlich ist es auch toll, von der DFL ein bisschen gebauchpinselt zu werden. Das wird auch von Arminia übernommen. Die Behindertenarbeit wird in Bielefeld sehr groß geschrieben. Im Sehbehindertenbereich haben wir mit den Stadtwerken auch einen Partner, der sich sehr generös zeigt.

 

„Bei Arminia ist niemand abgespaced“

Was fasziniert dich am meisten an Arminia und am Umfeld?

Arminia ist halt Arminia und da gibt’s auch keine Alternative. Ich kann das nicht beschreiben. Wenn du einmal auf der Alm warst, dann ist das so eine Art Magie. Es ist wirklich so. Wenn du vierzig Jahre da warst, dann hast du alles mitgemacht. Arminia ist eine ganz große Familie. Da ist ja nie jemand, der in einer anderen Ära spielt. Fabian Klos triffst du morgens beim Brötchen holen. Bei Arminia ist niemand abgespaced oder in einer anderen Welt. Das hat in Bielefeld keiner nötig und das würde auch nicht gut ankommen.

Welches war dein persönlich schönstes Arminia-Erlebnis?

Der erste Aufstieg zurück in den bezahlten Fußball. Das war schon eine riesen Nummer. Der Verein kratzt ja immer zwischen den Welten. Aber damals, das waren ja elf Jahre, in denen man nicht im bezahlten Fußball gespielt hat. Klar, wurde da viel Geld investiert und auch verbrannt. Der Aufstieg war schon der wichtigste.

Wie würdest du Arminia mit drei Worten beschreiben?

„Ich liebe dich.“

Vielen Dank für das Interview.

Sehr gerne.

 

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

-> Einen Reisebegleiter für barrierefreie Stadionbesuche hat die Bundesliga-Stiftung online gestellt (-> hier klicken).

-> Weitere Informationen zum Almbesuch für Menschen mit Behinderungen findet ihr hier.

DFB-Integrationspreis für großes Engagement

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Die Preisträger des DFB- und Mercedes-Benz-Integrationspreises. Foto: Schatz

Dortmund. Am Montagabend fand im Deutschen Fußballmuseum die Verleihung des DFB- und Mercedes-Benz-Integrationspreises statt. Rund 200 Ehrenamtliche, Prominente und Funktionäre aus dem Fußball erlebten eine feierliche Gala in Dortmund, bei welcher die Ehrenamtlichen im Vordergrund standen.

Neben dem 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Reinhard Rauball, DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel und dem Manager des deutschen Nationalteams, Oliver Bierhoff, waren auch Ex-Nationalspielerin Celia Sasic und BVB-Spieler Ilkay Gündogan gekommen, um das großartige Engagement der vielen Ehrenamtlichen zu würdigen. Die Preise wurden in den Kategorien „Schule“, „Freie und kommunale Träger“ sowie „Verein“ verliehen. Der Gewinner erhielt jeweils einen Kleinbus (Vito) von Mercedes-Benz, die zwei anderen Preisträger bekamen ein Preisgeld in Höhe von 10.000€.

 

Preise für Schulen, Vereine und freie bzw. kommunale Träger

Insgesamt hatten sich 170 Projekte beworben. In der Kategorie Schule konnte die Bachschule aus Offenbach die Jury überzeugen. Die Schülerinnen und Schüler dort kommen aus fast 50 Nationen, die Mitglieder des Lehrerkollegiums aus zwanzig. In drei Arbeitsgemeinschaften spielen die Jungen und Mädchen der Schule zusammen Fußball. Darüber hinaus haben sie selbst ein Turnier organisiert und sich so noch einmal mehr für Integration eingesetzt.

Ebenfalls über einen neuen Kleinbus durfte sich Champions ohne Grenzen e. V. aus Berlin freuen. Der Verein setzt sich vor allem für eine nachhaltige Integration ein und bietet neun Fußballtrainings auf sieben verschiedenen Plätzen an. Darüber hinaus unterstützt er Asylsuchende bei der Berufsorientierung und kümmert sich um deren Bildung.

In der Kernkategorie Verein bekam der FC Vorwärts Drögeheide von Ilkay Gündogan den Busschlüssel überreicht. Der Club setzt sich für Geflüchtete ein – und das nicht nur auf dem Platz. Auch bei der Suche nach Arbeit helfen die Drögeheider Menschen mit Migrationshintergrund. René Samuel, Vorsitzender des Clubs, strahlte bei der Preisverleihung über das ganze Gesicht. Was die Jury am meisten überzeugte? Nachdem er mitbekam, dass die NPD auf ihrer „Asylantentour“ in Drögeheide Halt machen wolle, war dem Fußballbegeisterten klar, dass er und sein Verein das „auf keinen Fall stehen lassen“ konnten. Er stattete der Flüchtlingsunterkunft einen Besuch ab und stellte mit anderen Helfern ein Fußballtraining für die Geflüchteten auf die Beine.

 

Sonderpreis für Willi Lemke

Den Sonderpreis erhielt Willi Lemke, der seit 2008 als Sonderbotschafter von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden tätig ist. Er wies darauf hin, dass Sport die wunderbare Eigenschaft hat, Menschen aller Religionen und Hautfarben zusammen zu bringen. Lemke betonte: „Der Sport baut Brücken, und auf diesen Brücken kann Dialog stattfinden“.

Im Anschluss an die Preisverleihung hatten die Gäste bei feierlichem Dinner noch Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch. Denn die Verbindung von Haupt- und Ehrenamt stand bei dieser gelungen Veranstaltung im Vordergrund. Die Amateure sind auf Grund ihres starken sozialen Einsatzes eben wirklich echte Profis.

 

Die Preisträger im Überblick:

Schule

Freie und kommunale Träger

Verein

Sonderpreis: Willi Lemke

 

Stimmen:

Dr. Reinhard Rauball: „Was ich für wichtig erachte, natürlich, die Bundesligavereine machen etwas und an der Spitze die Bundesliga-Stiftung, aber wir dürfen nicht vergessen: die vielen, vielen Tausende von ehrenamtlichen Helfern, die das also mit umsetzen – denen bin ich sehr dankbar, weil die mit einem Höchstmaß an persönlichem Einsatz helfen.“

Oliver Bierhoff – auf die Frage, wie wichtig das Thema Integration für den DFB ist: „Es ist enorm wichtig und es wird natürlich immer wichtiger oder in vielfachen Facetten. Natürlich haben wir als größter Verband in Deutschland die Aufgabe, dass Integration passiert, dass wir den Menschen helfen können.“

Reinhard Grindel: „Wenn es uns nicht gelingt, erfolgreich bei der Integrationsarbeit zu sein, sind wir nicht erfolgreich bei der Vereinsarbeit. Das gehört zusammen.“

-> Zur Bildergalerie geht’s hier.

Wolfgang Schlosser: Träumer, ausgelacht. Ziel erreicht, das Unmögliche möglich gemacht.

Was schreibe ich nur über einen Menschen, über den man eine ganze Buchreihe verfassen könnte? Über jemanden, den ich inzwischen jahrelang kenne und ins Herz geschlossen habe? Über einen Macher, der zur „alten Garde“ gehört und sein Leben dem Fußball widmet? Über einen Weltbürger, der neugierig ist, interessiert an anderen Kulturen, der begeistert, mitreißt, Respekt und Fairplay als höchste Werte ansieht und der den Fußball verkörpert, so wie er sein sollte? Nun ja, eine – wie ich finde – echt schöne Story, die es nur dank ihm zu erzählen gibt…

Zur Information: Diese Geschichte ist kein Märchen. Sie ist zu 100% wahr. Ja, das IST verrückt.

Es ist nun fast neun Jahre her, dass eine ziemlich verrückte Fußball-Mail-Freundschaft entstanden ist. Ich hab ca. vierzig E-Mails in alle Welt verschickt: auf Englisch, Deutsch und Französisch. Er war einer von denjenigen, die mir geantwortet haben: Wolfgang Schlosser. Anfangs meinte er, dass er bestimmt viel älter sei als ich. Aber er wusste auch, dass „Fußball verbindet, über alle Grenzen hinweg. Da spielt das Alter keine Rolle“. Inzwischen sind wir gute Freunde. Vor wenigen Wochen feierte er seinen 87. Geburtstag und das ist wohl Grund genug, seine coole Geschichte aufzuschreiben. Die Fußballwelt kann derzeit Vorbilder brauchen…

Was ich damals noch nicht ahnte: Dieser Mann hat so viel für den deutschen und internationalen Fußball getan wie kaum ein anderer. Meiner Meinung nach ist Wolfgang Schlosser einer der größten im Fußball überhaupt. Und einer der verrücktesten.

Klamotten und ein Ball – das Tor zum neuen Zuhause

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam Schlosser, nur mit Klamotten am Leib und einem Fußball unterm Arm, nach Breidenbach. Der Fußball war damals noch so einer, den wir heute nur noch aus den Museen kennen: Eine Lederkugel, die sich bei Regen richtig vollsog und irre schwer zu spielen war. Dieser Ball war sein „Türöffner“. Zu neuen Freundschaften, einem neuen Lebensabschnitt. Er ist also sozusagen die Integration durch Fußball in Person. Schlosser hatte Glück: Das hessische Breidenbach war ein Fußballdorf. Ein Dorf, in dem bald eine wunderbare Geschichte beginnen sollte…

Der fußballverrückte Jugendliche schloss sich dem dortigen Fußballverein an: FV 09 Breidenbach. Er fuhr zu vielen Spielen, quer durch Deutschland: mit dem Moped zu den Heim- und Auswärtsspielen des 1. FC Kaiserslautern, dem damaligen Topteam Deutschlands. Wenige Jahre später stand das Vereinsjubiläum vor der Tür. Die Verantwortlichen wollten ein großes Sportfest organisieren. Fußball hatte im Nachkriegsdeutschland – vor allem nach der WM 1954 – einen enormen Stellenwert. Wolfgang Schlosser hatte eine super Idee für das 50-jährige Jubiläum. Er meinte, er würde den 1. FC Kaiserslautern nach Breidenbach holen. Aber er wurde ausgelacht. Der 1. FC Kaiserslautern, das war damals das Team um Kapitän Fritz Walter, eines des Helden von Bern. Und der FV 09 Breidenbach, das war ein kleiner hessischer Verein mit einem Hartplatz am Waldrand.

Doch wenn ein Wolfgang Schlosser sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wollte er das auch machen. Da er so viele Spiele der Lauterer besucht hatte, kannte ihn Fritz Walter bereits vom Sehen. Wieder mal in Kaiserslautern, traf Schlosser den Fußballprofi zufällig in einem Café und erzählte ihm einfach ein bisschen von sich. Wenige Zeit später nahm Schlosser wegen des Vereinsjubiläums Kontakt zu ihm auf. Und machte das Spiel klar. Einfach so.

Wenn das Unmögliche möglich wird

Im Sommer 1959 war es dann soweit. Fritz Walter und seine Mannschaftskollegen vom 1. FC Kaiserslautern kamen ins „Fußballdorf Breidenbach“. Schlossers Augen glänzen, wenn er heute davon spricht. 2008 hat er mich dorthin mitgenommen. Auf den Hausbergsportplatz, wo sich 1959 knapp 8.000 Menschen (konzipiert war das Gelände für 4.000!) ansammelten, um einige der Helden von Bern kicken zu sehen. Ja, kicken schreib ich. Der Fußballplatz: Ein Hartplatz. Die Tribüne: Aus Holz. Die Eintrittskarten: In der Mitte durchgerissen, weil es nicht genug gab.

Der Schiri wollte das Spiel nicht anpfeifen, weil die Zuschauer auf den Außenlinien saßen. Die Menschen standen auf den Bäumen und Zäunen. Unglaublich, aber wahr. Ich hab die Bilder gesehen. Wenn man den Platz betritt und die Hintergrundgeschichte kennt, spürt man jetzt noch diese Magie. Diese Magie von damals. Crazy, aber wahr. Wenn man auf die schwarz-weißen Fotos blickt, kann man sich alles ziemlich gut vorstellen. Keine Smartphones, kein Fußball-Managerspiel. Staub wirbelt durch die Luft, die lederne Kugel rollt über den Boden und unzählige Menschen bestaunen die „Jungens“, wie Schlosser sagt, die wohl der Inbegriff des „neuen Deutschlands“ nach dem Krieg sind.

Die Spieler wurden bei verschiedenen Familien im Dorf untergebracht. Heute kaum vorstellbar. Vorstellbar, das ist das Stichwort. Als Wolfgang Schlosser seinen Vereinskollegen von seiner Idee, Fritz Walter und sein Team zum Vereinsjubiläum des FV 09 Breidenbach nach Hessen holen zu wollen, erzählt hatte, konnten sie sich das auch nicht vorstellen, dass die Weltmeister von 1954 bei ihnen auflaufen würden. Den Rest der Geschichte kennt ihr ja… Drei Tage waren sie dann da. Der kleine FV 09 hatte den großen FCK zu Gast. Verrückt. Fritz Walter freundete sich am Abend nach dem Spiel bei einem Bier mit Wolfgang Schlosser an. Die Verbindung hielt bis zum Tod der Fußballlegende an.

Schlossers Tipp an die Jugend von heute

Schlosser war immer ein Macher und ist dabei stets ein Denker geblieben. „Immer den Kontakt zur Basis halten“, das war und ist ihm wichtig. Und das ist auch das, was er jungen Nachwuchskräften im Fußballbereich, egal in welchem Amt, mit auf den Weg gibt (das schreib ich nicht nur, damit es gelesen wird ;-)).

Mit diesem Text hoffe ich, dem lieben Wolfgang aus Hessen eine kleine Freude zu bereiten und zugleich möchte ich euch alle dazu ermutigen, für eure Träume zu kämpfen! Egal, wie verrückt sie sind. „Man muss sich einfach trauen. Wenn man eine Idee hat, muss man sie verwirklichen“, hat Schlosser mir einmal gesagt. Ich weiß nicht, ob es diesen Blog geben würde, hätte ich diesen faszinierenden fußballaffinen Menschen nicht getroffen. Jedenfalls gäbe es diese Zeilen nicht.

Mich hat Herr Schlosser durch diese Geschichte mit dem 1. FC Kaiserslautern (und einige andere…) auch schon zu manch anderer verrückten Aktion motiviert. Einige davon konnte ich tatsächlich umsetzen, obwohl ich das oft selbst vorher nicht erwartet hatte. Also, los, ab nach draußen! 🙂