
Einwurf: Das Mutterland des Fußballs…



Rückschläge. Wenn Heiko Herrlich auf seine Karriere als Fußballprofi zurückblickt, erinnert er sich nicht nur an DFB-Pokalsiege und Deutsche Meisterschaften. Neben seinen Erfolgen gab es auch Schattenseiten: Ihn hat unter anderem eine Krebserkrankung geprägt. Im Alter von 28 Jahren wurde beim damaligen BVB-Profi ein Hirntumor festgestellt. Zu dieser Zeit erwartete seine Ex-Frau Herrlichs erstes Kind. Für den jungen Mann kam damals einiges zusammen. Inzwischen ist er 45 Jahre alt, gesund, hat vergangenen Monat den Zweitligaaufstieg mit dem SSV Jahn Regensburg geschafft und kürzlich beim Erstligisten Bayer Leverkusen einen Zweijahresvertrag als Cheftrainer unterzeichnet. Mich hat interessiert, wie er reagiert hat, als er im Herbst 2000 die Diagnose „Krebs“ bekam, inwieweit sich die Wertigkeit des Fußballs dadurch für ihn verschoben hat und wie die Unterstützung durch den Verein für ihn aussah…
Herr Herrlich, wie haben Sie damals von Ihrer Krebserkrankung erfahren, wie hat sie sich bemerkbar gemacht?
Ich hatte ein paar Wochen davor während der Medizinchecks immer wieder eine Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung; Anm. von LS). Die Nebenhöhlen waren zu und dann hat man sich entschlossen, sie zu fenstern. Ich wurde also operiert und bin zwei, drei Wochen ausgefallen. Als ich wieder eingestiegen bin, hatte ich plötzlich Sehprobleme. Im ersten Moment dachte man, dass das mit der OP zusammenhing. Das wurde kontrolliert. Die Sehnerven waren ok, da war nichts angegriffen. Dann wurde ich zum Neurologen geschickt. Dieser hat einen Kernspin veranlasst, weil ich folgendes Symptom hatte: Ich habe alles doppelt gesehen, links und rechts. Wenn ich in Kopfballduelle gegangen bin, ist der Ball vier, fünf Meter hinter mir gelandet. Eine Woche vor der Diagnose haben wir noch gegen Bayern München gespielt und 2:6 im Olympiastadion verloren. Ich hab noch das 1:0 für uns gemacht, aber in der zweiten Halbzeit habe ich keinen Ball mehr erwischt. Das war irgendwie ganz komisch, ganz merkwürdig. Dann wurde ich in den Kernspint geschickt, habe mich einem Sehtest unterzogen und dort hat sich gezeigt, dass da eine kleine Stelle ist, die sich letztendlich als Tumor herausgestellt hat.
Was war der erste Gedanke, den Sie hatten? Wie haben Sie reagiert?
Unser damaliger Vereinsarzt Dr. Preuhs kam zu mir nach Hause. Meine Ex-Frau war im dritten Monat schwanger mit unserer ersten Tochter. Wir hatten uns gerade Babybücher angeschaut und überlegt, wie wir das Kinderzimmer einrichten. Wir saßen zusammen am Esstisch. Der Arzt sagte, dass ich einen Tumor habe und ich meinte: „Ok, müssen wir halt operieren“. Er antwortete darauf: „Nein, das geht nicht an dieser Stelle. Danach wärst du schwerstbehindert“. Daraufhin hab ich gefragt: „Was bedeutet das jetzt, geht es um Leben und Tod?“. Dann hat er genickt. Das war natürlich ein Schock für mich. Aber anschließend bin ich aufgestanden und habe gesagt, dass ich ein gläubiger Mensch sei und dass ich es vielleicht nicht immer habe wertschätzen und wahrnehmen können, wie gesegnet ich sei und was für eine tolle Ehefrau, Brüder, Freunde und Eltern ich habe. Und ich meinte: „Ja, lieber Gott, wenn das jetzt der Weg ist, den du mit mir vorhast, gut, dann ist das hart, aber dann gehe ich den mit und vertraue dir auch da“. Ich hatte natürlich Tränen in den Augen und dachte mir: „Bitte hilf mir, aus der Nummer rauszukommen“. Das war hart für mich: In dem Moment war es wirklich ein Keulenschlag, aber ich bin ein gläubiger Mensch. Irgendwie habe ich durch mein Gottvertrauen gleichzeitig eine wärmende Unterstützung empfunden. Ich habe gesagt: „Ok, das ist jetzt so“.
„Es war ein Zeichen, dass ich einige Dinge ausräumen muss“
Dann habe ich gebetet und das einfach mal für mich sacken lassen und gespürt, dass ich aufräumen muss in meinem Leben. Der Gedanke war: „Ok, das ist jetzt ein Zeichen, dass ich einige Dinge ausräumen muss. Zwischen mir und meinen Eltern, meinen Brüdern, Freunden und meiner Ex-Frau. Dass ich einfach Dinge klarstellen muss“. Das habe ich für mich als Chance begriffen: „Ja, vielleicht habe ich jetzt noch zwei Monate zu leben. Vielleicht sehe ich mein Kind nie. Aber dann habe ich die Chance, zwei Monate alles positiv zu gestalten und in der Zeit das Beste zu geben. Anstatt dass ich jetzt noch fünfzig Jahre lebe und Dinge nicht bereinigt sind. Als ich das dann getan habe, ging es mir besser. Obwohl ich auch Phasen hatte, in denen ich richtige Angst hatte vor dem Tod. Weil ich ja nicht wusste, was auf mich zugekommen wäre an Schmerzen.
Aber dann wurde ich von Professor Sturm in der Uniklinik Köln behandelt. Er war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gehirntumore und auch ein ganz toller Mensch. Ich habe ihm meine Gefühle mitgeteilt und er hat gesagt, dass er an Gott glaube und dass sich in der Medizin manche Dinge so entwickeln würden, wie man da eben Gott erfährt. Die Medizin habe auch ihre Grenzen. Ich habe meine Situation also in Gottes Hand gelegt und bald kamen die ersten positiven Nachrichten: Die Biopsie, in welcher sich herausgestellt hat, dass es ein böser, schnell wachsender Tumor sei, ergab, dass dieser aber unter Bestrahlung wie Butter schmelze. Das bedeutete, dass mein Tumor nicht operiert, aber durch Bestrahlung bekämpft werden konnte. Ich war dazu in Heidelberg und nach fünf Wochen war der Tumor nicht mehr sichtbar.
Inwieweit wurden Sie in dieser Zeit von Ihrem Verein, dem BVB, unterstützt?
Für mich war eigentlich nach der Diagnose das Fußballthema beendet. Ich wusste: „Jetzt geht’s nur noch um Leben und Tod.
Wenn ich wirklich nochmal auf dem Platz stehen würde, dann wäre das irgendwie alles nur noch ein Bonusprogramm“.
Wie sah die psychologische Unterstützung aus?
Dr. Preuhs hat da menschlich Unglaubliches geleistet. Er ist eigentlich Orthopäde und war während der schwierigen Zeit an meiner Seite. Er hätte ja auch sagen können: „Das wird nix mehr, das geht schief“. Aber er war wirklich an meiner Seite: als Begleiter, Unterstützer, Zuhörer. Im Verein wurde ich natürlich abgeschottet. Mir wurde jegliche Unterstützung zugesagt, aber ich war alleine mit meiner Familie und meinen Freunden und das wollte ich auch so. Für mich waren Herr Dr. Preuhs, Professor Sturm und meine engste Familie da. Es gab sicherlich immer wieder Menschen, die zu mir gekommen sind: ob Stefan Reuter oder Christian Nerlinger, welcher mir damals ein Buch von Lance Armstrong gebracht hat. Aber ansonsten habe ich mich abgeschottet. Du, ich wollte da auch alleine sein. Da kann dir ja niemand helfen. Ich hatte auf jeden Fall die Unterstützung der Fans in den Stadien. Aber ich wollte alleine sein.
War es so, dass Sie – nicht nur alles, was negativ war – bereinigen wollten, sondern auch, dass Sie sich einen Traum erfüllen wollten, zum Beispiel eine Reise? Oder war es eher der Fall, dass Sie die Zeit mit Ihrer Familie und mit Ihren Freunden nochmal richtig genießen wollten, soweit es ging?
Nein, ich wollte den Alltag beibehalten. Meine Ex-Frau hat damals studiert. Ich wollte eben nicht weg, sondern alles normal weiterlaufen lassen und nichts Besonderes machen. Die Bestrahlung war schon eine Belastung. Das war enorm, was da passierte: Ich hatte keinen Appetit mehr, ich konnte nichts mehr essen. Das war schon eine schwierige Phase. Da wollte ich einfach Zuhause bleiben und nicht ins Büro hinein. Als die Symptome und Nebenwirkungen nach einem halben Jahr nachgelassen haben, sind wir eine Woche in den Urlaub gefahren. Danach habe ich aber schon wieder angefangen zu laufen, zu trainieren. Dann kam unsere Tochter und von da an ging’s aufwärts.
„Wenn du gesund bist, dann sind das eigentlich schon 99,9 % von deinem Leben“
Wie hat sich – gerade in der Zeit der Diagnose – die Wertigkeit des Fußballs für Sie verschoben?
Ich war vorher schon geerdet und wusste dieses Geschäft einzuschätzen. Es wurde dann einfach nochmal intensiver. Ich wusste, dass ich ein Verfallsdatum auf der Stirn habe. Durch den Hirntumor ist mir das klarer geworden, als mir meine Grundlage entzogen wurde. Letztendlich haben sich die Werte für mich nach dem Hirntumor im Prinzip nochmal verändert. Wenn du gesund bist, dann sind das eigentlich schon 99,9 % von deinem Leben. Wenn du das Glück hast, dann noch eine Arbeit zu haben und abends satt bist und ein Dach über dem Kopf hast, dann geht es dir eigentlich gut.
In dem Moment, in dem du diese Diagnose hast, ist alles andere unwichtig.
Dann interessiert dich nicht, ob du eine schöne Wohnung hast oder ein schönes Haus oder ein schönes Auto. Das wird völlig uninteressant. Das brauchst du dann alles nicht.
Wie war die Zeit der Strahlentherapie? Hat sie Sie ausschließlich geschwächt, sodass Sie nur noch Zuhause gelegen sind, oder gab es eine Phase, in der Sie sich dachten: „Ja, ich habe das Gefühl, es schlägt an“ – auch, wenn man die Schmerzen hat – oder kamen Ihnen Negativgedanken wie: „Was mache ich gerade für eine Hölle durch?“.
Die Kernspintbilder, die MRT-Bilder haben gezeigt, dass die Therapie anschlägt, aber trotzdem war ich gleichzeitig in einem Loch. Diese Therapie war kräftezehrend und sie hat geschlaucht. In der Phase hatte ich Höhen und Tiefen.
Wie schnell sind Sie im Anschluss wieder in den Alltag zurückgekommen? Wie lange wirkte das Ganze nach, wie lange haben Sie sich noch mit der Thematik beschäftigt, oder haben Sie sich wieder komplett von der Familie und dem Fußball mitreißen lassen, als Sie wieder den geregelten Alltag mit den Spieltagen und dem Training hatten?
Das hat sicherlich so zwei, drei Jahre gedauert, weil ich auch Phasen hatte, in welchen ich wirklich kein Vertrauen zu meinem Körper hatte, weil ich immer Angst hatte, dass ich etwas Neues habe. Da ist mir das Gottvertrauen ein bisschen verloren gegangen. Da hatte ich sicherlich auch Phasen, in denen ich Hänger hatte. Letztendlich ging das solange, bis ich angenommen habe, dass ich diese Krankheit eben hatte. Letztendlich, ganz salopp gesagt, habe ich formuliert: „Keiner wird’s schaffen, hier zu bleiben. Das gehört irgendwo auch dazu: diese Schicksalsschläge. Das habe ich nun überwunden“. Heute habe ich einfach so ein Gottvertrauen, sodass alles seine Richtigkeit hat.
Wie hat sich die damalige Erkrankung auf Ihre heutige Einstellung ausgewirkt? Vielleicht sehen Sie das Spiel auch etwas „lockerer“ als früher?
Nein, lockerer nehme ich es nicht. Das ist meine Arbeit. Unser Auftrag ist es, Spiele zu gewinnen und nach Möglichkeit schön zu spielen. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben und das sage ich auch den Jungs: „Ihr müsst immer versuchen, euer Bestes zu geben. Wenn die anderen besser sind, dann können wir nichts ändern. Dann muss man das akzeptieren. Ich als Trainer und ihr als Spieler. Dann müssen wir einfach noch weiterfighten und versuchen, das nächste Mal besser zu sein“. Aber wenn das getan ist und wir unser Bestes gegeben haben, dann geht nicht mehr. Man kann es ja nicht kaufen oder erzwingen. Einfach das Beste geben und das dann akzeptieren. Das versuche ich meiner Mannschaft immer wieder zu sagen. Danach verfahren wir. Wir wollen ja Menschen begeistern und Spiele gewinnen. Aber ich bin sehr mit mir im Reinen, wenn ich weiß, ich habe alles gegeben, alles für den Sieg getan. Und wenn es nicht gereicht hat und die anderen besser waren oder ich einen Fehler gemacht habe und den aus bestem Wissen und Gewissen, akzeptiere ich das und gehe mit mir nicht so hart ins Gericht. Ich akzeptiere, dass ich auch Fehler mache. Zum Beispiel hinsichtlich der Aufstellung oder in der Vorbereitung. Ich akzeptiere, dass ich nicht perfekt bin, wie auch die Spieler.
Wenn Sie sich die Entwicklung im psychologischen Bereich im Profifußball im Laufe der Jahre und Jahrzehnte anschauen: Welche Unterstützung erhalten die Profis heute und hat sich das im Gegensatz zu damals geändert?
Sportpsychologie hat nichts mit normaler Psychologie zu tun. Die Topvereine in der ersten Liga haben heute ein Netzwerk von Ärzten in allen Bereichen. Wenn dahingehend etwas wäre, können die Spieler umfangreich unterstützt werden.
Wie war das bei Ihrem Drittligateam in der zurück liegenden Saison? Suchen sich die Spieler, wenn Sie Probleme haben, selbst einen (Sport-)Psychologen?
Nein, mir wäre kein Fall bekannt, in dem einer der Spieler das in Anspruch genommen hat. Wenn die Spieler uns etwas erzählen oder anvertrauen, bieten wir als Trainer ihnen auch Unterstützung in allen Bereichen. Wichtig ist natürlich, dass der Spieler auf uns zukommt und uns sagt, welche Probleme er hat. Das gilt im Übrigen jetzt in der ersten Liga noch ganz genauso. Die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen – sei es über den Verein oder privat – wäre dann eben nochmal eine zusätzliche Option.
Vielen Dank für dieses offene Interview, Herr Herrlich.
Sehr gerne.

„Meiers Engagement für die Kindernothilfe“
Herr Meier, Sie sind seit einigen Jahren als Botschafter für die Kindernothilfe aktiv. Wie ist der Kontakt entstanden, weshalb engagieren Sie sich dort und was genau machen Sie in dem Rahmen?
Ich habe lange überlegt, zu welcher Organisation ich passe: „Was passt zu mir, wo passe ich hin?“. Ich wollte mich aktiv im sozialen Bereich einbringen. Jeder hat ja so seine Fähigkeiten und Möglichkeiten. Gerade, wenn man etwas bekannter in der Öffentlichkeit ist und für Ehrlichkeit, Fairness und Aufrichtigkeit steht, sollte man sich für einen guten Zweck engagieren. Ich habe mir zahlreiche Organisationen angeschaut und gesagt „Nein. Nein“. Da war es vielleicht die Nachhaltigkeit, da war es vielleicht die „Ehrlichkeit“: Wie geht man mit demjenigen um, wie geht man mit Spendengeldern um? Es hat nie gepasst. Irgendwann kam jemand, der meinte, dass ich von den Werten her zur Kindernothilfe passen würde. Ich habe mir das ganz genau angeschaut und mit den entsprechenden Menschen gesprochen, vor allem mit dem Geschäftsführer in Deutschland. Da wusste ich: Es passt, und noch mehr: Das ist nachhaltig! Die Organisation legt viel Wert auf seriöse und ehrliche Zusammenarbeit. Die Kindernothilfe wurde zur transparentesten Organisation in Deutschland gewählt. Ich hatte den Eindruck: „Wow, das ist es. Das passt“. Und ich habe es nie bereut. Was ich jetzt mache? Einfach Projekte unterstützen, vor Ort sein. Es ist wichtig, dass ich in die Städte und Regionen fahre, in denen die Kindernothilfe tätig ist und dass ich die Glaubwürdigkeit dieser Projekte unterstreiche. Das ist auch das, was für mich von Bedeutung ist. Viele der Menschen, die einen Flyer bekommen und zur Spende aufgerufen werden, können oft nicht abschätzen: Ist das jetzt wirklich nachhaltig, wird das Geld richtig eingesetzt? Ich sage dann: „Ja, es kommt an und wird gut eingesetzt“. Viele von ihnen meinen daraufhin: „Ok, wenn Urs Meier dahintersteht und das sagt, unterstützen wir dieses Projekt“.
Sie waren schon einige Wochen vor der WM 2010 für die Kindernothilfe in Südafrika. Wie waren Ihre Eindrücke? Vor allem, als Sie die Armut gesehen haben und im Hinterkopf hatten, dass dort bald eine WM ausgetragen wird?
Vor allem diese Diskrepanz zwischen der Glitzerwelt Fußball-Weltmeisterschaft und dieser Armut hat mich nachdenklich gemacht. Diese Schnittstellen verlaufen in der Stadt, zum Teil in den Straßen, in den Zufahrtswegen. Wenn man miterlebt hat, was mit den Armen passiert ist: Sie wurden umgesiedelt. Straßenkinder wurden deportiert. Sie wurden aus Städten wie Durban und Johannesburg an die äußersten Landesgrenzen verfrachtet, damit man sich sicher war: Bis sie zurück sind, ist die Weltmeisterschaft vorbei. Solche Dinge liefen da ab. Meine Einstellung war: „Ich bin jetzt für eine Hilfsorganisation hier, die eigentlich genau diesen Menschen eine Perspektive geben will“. Da bist du hin- und hergerissen und denkst dir: Das kann ja nicht sein! Du stehst in der Öffentlichkeit, du bist im Fernsehen, du bist ein Teil dieses Systems, das hier abläuft. Und hier musst du eigentlich genau das Gegenteil vertreten. Dieser Spagat war extrem. Ich wollte im Vorfeld der Weltmeisterschaft, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass man diese Probleme auch sieht. Nach dem Motto: „Wir haben eine Verpflichtung. Wir gehen in dieses Land und sollten diesem eigentlich etwas bringen. Aber stattdessen nehmen wir ihm etwas“. Wenn man heute die Stadien in Südafrika sieht und weiß, dass sie nicht zu bezahlen sind und nicht genutzt werden…(schüttelt den Kopf). Man hat immer wieder dieselben Fehler gemacht und nicht daraus gelernt. Meine Aufgabe als Botschafter ist es eben auch, auf solche Begebenheiten aufmerksam zu machen.
„Die FIFA muss sich Gedanken machen“
Was sagen Sie zu den kommenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar, gerade auch unter dem politischen Aspekt?
Genau das ist wieder das Problem. Man hat da auch wieder Entscheidungen getroffen, die unter dem Aspekt von Menschenrechten und sozialem Engagement schwer zu verstehen sind. Auch da sind wir natürlich mit Projekten vor Ort. Aber es ist schwierig. Hierbei denke ich an die neue Führung des Fußball-Weltverbands. Die FIFA muss sich Gedanken dazu machen: „Wie könnten wir in diesen Ländern, in die wir hineinkommen, etwas Positives hinterlassen?“. Oder das, was eben die Kindernothilfe macht: Die Nachhaltigkeit ins Auge zu fassen, das ist wichtig.
Eine Schwierigkeit ist häufig das „Helikopterhelfen“ einiger Organisationen, also alles aufzuwirbeln und wieder Retour zu gehen. Hierbei hat man zwar Publicity, die Aufmerksamkeit der Medien. Aber im Anschluss ist man weg. Wenn man das Ganze ein Jahr später betrachtet, sieht man: Zuvor ist es den Menschen dort besser gegangen. Denn nur mit Geld macht man einfach auch sehr viel kaputt. Weil man Strukturen zerstört, Strukturen innerhalb von Familien, innerhalb von Gemeinschaften und Ortschaften. Es braucht sehr viel Feingefühl bei der Arbeit vor Ort. Gute Organisationen haben das und sie arbeiten langfristig. Darum sage ich immer, dass die Kindernothilfe so gut zu mir und zu meinen Vorstellungen passt: weil man mittel- und langfristig arbeitet.
Die FIFA müsste bei der Vergabe von Weltmeisterschaften genau auf solche Gesichtspunkte achten: „Geht es den Menschen und Kommunen in den Ländern, in denen wir die Turniere ausrichten, nachher besser, oder haben sie durch unser Engagement und durch das, was dort passiert, eine Belastung?“.
Welche Projekte gefallen Ihnen am besten? Welche Hilfe wird vor Ort geleistet?
Man versucht, die feinen Strukturen innerhalb der Gesellschaft zu erkennen und die Einheimischen einzubinden. Wir Westeuropäer glauben, dass unsere Denkweise dorthin adaptiert werden muss. Aber das geht einfach nicht. Es zerstört sehr vieles. Die Menschen in Südafrika zum Beispiel haben zum Teil viel bessere Geflechte. Sie haben ein Gemeinschaftsgeflecht, das – im Gegensatz zu unseren – trägt. Unsere sind oft finanziell und materiell gesteuert. Wenn wir ihnen diese überstülpen, gehen ihre Geflechte kaputt. Das heißt, es haben zwar wenige Leute eine Hilfe dadurch und es geht ihnen dadurch vielleicht besser, aber dem Großteil geht es nicht besser, gerade in Südafrika. Sie werden dadurch von der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie vielleicht ein neues Haus bekommen haben.
Es geht um das Miteinander. Man kann ihnen ein neues Haus oder einen neuen Boden geben, aber dies muss in der Gemeinschaft entstehen. Es ist von Bedeutung, dass man den Sand oder die Materialen zusammen kauft und die Gemeinschaft gemeinsam diesen Boden umgräbt: Teamwork. Diese Strukturen haben schon jahrzehntelang funktioniert und man darf sie nicht auseinanderreißen.
„Das Verhalten der Straßenkinder muss man erstmal verstehen“
Vieles muss man erst verstehen. Ich musste auch das Verhalten der Straßenkinder erstmal verstehen: Die Kindernothilfe gibt ihnen die Möglichkeit, in ein beheiztes Haus zu gehen, ein eigenes Bett zu haben, duschen zu können, etwas zu Essen zu haben und in die Schule gehen zu können. Sie hätten also „alles“. Man denkt, sie würden sofort dieses geschützte Leben führen wollen. Pustekuchen. Das ist nicht der Fall. Man würde diesen Menschen aus seiner Struktur herausreißen. Die Straßenkinder haben eine Struktur: Sie haben einen Anführer, sie schauen aufeinander, sie haben Hierarchien. Das heißt, dass man zuerst ihr Vertrauen gewinnen muss, um überhaupt in diese Strukturen hineinzukommen. Dies geht nur, wenn man die Strukturen auch kennt. Und das wiederum ist nur durch ehemalige Straßenkinder möglich, die zu Psychologen oder Ähnlichem ausgebildet wurden. Es ist ein langer Weg, bis man die Straßenkinder nur in einen solchen Schutzraum bringt. Wenn ein solches Kind dort ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch dort bleibt. Vielleicht geht es wieder, weil es sich dort nicht wohl fühlt oder weil ihm die Gemeinschaft auf der Straße mehr Sicherheit zu geben scheint. Dort ist sein Anführer und sagt: „Wenn du ein Problem hast, bin ich da. Aber verarsch mich nicht“. Auch da muss man den Kindern Zeit lassen, muss man viel arbeiten. Im Prinzip ist da so viel in der Seele kaputt gemacht worden und es dauert, Vertrauen zu gewinnen. Das ist ein langer Prozess. Das kannst du nur, wenn du das verstehst. Man merkt schon, dass es folgendermaßen ist: Du hast tausend Straßenkinder und vielleicht schaffen es nur zehn davon. Aber für diese zehn lohnt es sich. Für jeden Einzelnen lohnt es sich.

Was wird am Meisten getan?
Grundsätzlich ist jedes Projekt ein ganz anderes. In Indien gibt es andere Projekte als in Südafrika, in Südafrika wieder andere als in Peru oder in Bolivien. Man muss alles einzeln betrachten. Wenn ich an Südafrika denke: Dort besteht vor allem das Problem mit Aids. Die Menschen verlieren ihre Kinder, oft ihre ganzen Habseligkeiten. Oder die Kinder sind alleine, Papa und Mama sind gestorben, und eigentlich würde das Haus ihnen gehören. Die Schwierigkeit ist: Irgendein Onkel oder ein ferner Verwandter reißt sich das Haus unter den Nagel, behandelt die Kinder schlecht, sodass sie irgendwann abhauen und auf der Straße stehen. Das ist unglaublich. Die Kindernothilfe setzt sich in diesem Fall dafür ein, dass das Kind wieder zu seinem Recht kommt. Sie weist darauf hin: „Moment, dieses Haus gehört dem Kind und nicht dir“. Sie versucht, dass das Kind das Haus zurückbekommt und bei einem Verwandten unterkommt, der es gut mit ihm meint oder in einer Familie, die es aufnimmt. Das sind lange Prozesse, die hier ablaufen. Aber das Ziel ist immer dasselbe: Den Kindern ihr Eigentum wieder zurückzugeben, ihnen eine Perspektive zu geben und sie wieder in die Gemeinschaft einzubinden. Wenn man mit den Kindern, die dort wohnen, spricht und sie nach ihrem größten Wunsch fragt, antworten sie, dass sie zuhause bleiben wollen, dass sie dort heiraten möchten und dort ihre Kinder zur Welt bringen wollen. Sie möchten wirklich dort bleiben. Diese Wurzeln, dieses „in der Gemeinschaft getragen zu sein“, ist dort viel, viel, viel tiefer als bei uns. Das spüren die Menschen und darum möchten sie nicht von dort weg. Deshalb muss man versuchen, sie dort wieder zu integrieren.
Meiers Begeisterung am Entdecken neuer Länder
In welche Kontinente reisen Sie am liebsten?
Was mich grundsätzlich immer wieder fasziniert, ist Afrika. Afrika ist so ein Kontinent, dessen Gegenden und Menschen mich sehr beeindrucken: Diese Ursprünglichkeit, dieses Natürliche. Man merkt, dass die Menschen dort einen viel größeren Bezug zur Natur haben. Sie leben viel mehr aus dem Bauch heraus. Sie spüren das, weil sie es noch nicht verlernt haben. Die Natur selbst gefällt mir und zum Teil diese Stille, das „man selbst sein und in sich ruhen“. Auch das Asiatische fasziniert mich. Wenn ich eine Reihenfolge meiner Lieblingskontinente machen müsste, wäre Afrika auf jeden Fall auf Platz 1.
Welche Länder mögen Sie am Meisten?
Das waren eigentlich immer die, die ich noch nicht kannte. Ich möchte immer wieder etwas Neues erleben. Dieses Kennen lernen neuer Länder finde ich super. Das Problem ist ja oft: Du hast eine Vorstellung, eine Meinung, die vertreten wird – ob dies durch die Medien ist oder ob das deine Freunde sagen – aber du hast das nicht selbst erlebt. Das selbst erleben, selbst fühlen, selbst spüren und zu sagen „wow“, das ist das Spannende. Es ging mir damals mit Südafrika, Kenia und Tansania so. Nordafrika ist zum Beispiel etwas, das zwar näher an meinem Wohnort in Spanien liegt. Dennoch würde ich eher nach Zentralafrika, Ost-, West- oder Südafrika fliegen, weil ich mich dort eher aufgehoben fühle. Ich finde einfach: Die Welt ist so spannend, so vielfältig. Dieser Vielfalt möchte ich mich nicht verschließen und sagen, dass ich nur da oder da hingehe. Nach Osteuropa zu reisen fand ich während meiner Zeit als Schiedsrichter sehr spannend. Länder wie Armenien, Georgien oder auch Lettland, Estland und Albanien waren toll. Albanien war unglaublich. Das war damals im Prinzip zu. Du konntest nur als Schiedsrichter, als Sportler einreisen. Als wir das erste Mal in Albanien waren, hatten wir das Gefühl, wir seien fünfzig Jahre zurück. Wenn du nur aufs Land gefahren bist, hattest du das Gefühl, du hättest eine Zeitreise gemacht. Das war schon etwas Besonderes.
Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit für das Interview genommen haben, Herr Meier.
Bitte, sehr gerne.