Fußballbuch-Update Nr. 16: Von Mario Bast zu Jason von Juterczenka

Es war Herbst als ich mit einem Kumpel im Kino saß. Das Fußballbuch lag bei mir daheim. Wir schauten den Film „Wochenendrebellen“ an und dieser hat mich sehr geflashed! Die Geschichte ist wahr, echt und handelt von einem Autisten, der mit seinem Vater auf die Suche nach seinem Lieblingsverein ist. „Bähm!“ machte es in meinem Hirn. Diesen Jungen hätte ich gerne bei uns im Projektteam. Und ja: Es hat geklappt! Lest nun im Folgenden mein Interview mit ihm und lasst euch gerne auch so positiv beeindrucken wie ich mich begeistern habe lassen. Viel Spaß auf euren gedanklichen Reisen.!

Servus und herzlich Willkommen liebe Fußballfans!

Ich sitze hier mit Jason von Juterczenka in München und er ist Teil unseres Fußballbuchprojektteams. Vielen Dank, dass du mitmachst, Jason. Du darfst bitte gleich mit deiner Geschichte loslegen .

Ich bin Jason und ich bin seit 2012, also jetzt seit 13 Jahren eigentlich, mit meinem Papa unterwegs, in den Stadien in Deutschland und Europa und es geht darum, meinen Lieblingsverein zu finden. Ich denke, viele müssen ihren Lieblingsverein gar nicht wirklich finden, aber als ich zum ersten Mal ein Fußballspiel gesehen habe und mich gefragt habe, was hat es mit diesen Fans auf sich? Wie funktioniert das? Wieso fiebern dort Menschen für eine Sache mit, wo sie doch eigentlich gar nicht mitspielen? Was hat das damit zu tun?

Ich bekam die Möglichkeit, Fußballbuchprojekt-Teammitglied Jason von Juterczenka in München zu interviewen.
Bildrecht: Lisa Schatz.

„Ich möchte auch wissen, wie es ist, Fan von einem Verein zu sein“

Dann haben mein Papa und mein Opa mir erklärt, was Fans eigentlich sind. Dass die meisten Menschen diese Entscheidung gar nicht bewusst treffen, sondern dass sie Fan von dem Verein werden in der Stadt, in der man geboren ist oder Fan des Lieblingsvereins der Eltern. Und gleichzeitig haben sie auch gesagt, das ist total wichtig und das bleibt fürs Leben. „Passt das zusammen?, habe ich mich gefragt. Auf der einen Seite ist es eine wichtige Entscheidung für immer, auf der anderen Seite überlässt man sie dem Zufall. Das erschien mir nicht logisch. Ok, ich möchte das auch. Ich möchte auch wissen, wie es ist, Fan von einem Verein zu sein. Aber diese Entscheidung muss auf Fakten basiert getroffen werden. Deswegen haben wir uns auf die Suche gemacht.

Wie seid ihr an das ganze rangegangen? Hattet ihr da eine Struktur, habt ihr gelost?

Das Losen aus dem Film wurde aus der Realität, unserem Podcast entnommen, weil da losen wir die Themen. In der Realität – tatsächlich – sind wir die Stadien der ersten Ligen so durchgegangen. Irgendwann war es dann so, dass wenn mein Papa irgendwo vom Stadion bei der Arbeit war, haben wir geguckt, was sind die nächsten Spiele? Deshalb wurden es oft die Spiele der vierten, fünften oder der unteren Ligen. Gar nicht nur der ersten drei.

Einmal im Jahr geht’s mindestens ins Ausland, weil die ersten drei Ligen sind dann irgendwann voll in Deutschland und dann muss man halt woanders gucken.

Wenn Herthino zum Umarmen kommt

Du hast vorhin von Kriterien gesprochen. Was waren deine Kriterien, was ist dir wichtig?

Die Kriterien sind – ich würde sagen – sechs. Könnte man so zusammenfassen. Wichtig ist, dass es kein Maskottchen gibt. Diese Regel ist dann später bei Hertha BSC entstanden als Herthino mich umarmen musste und ich wegrennen musste. Dann darf der Verein keinen Spielerkreis machen, indem sich die Spieler anfassen. Wegen des Körperkontakts hauptsächlich. Der Verein muss ökologisch und auch sozial engagiert sein. Ein häufiges Ausschlusskriterium sind zum Beispiel Einweg-Plastikbecher, weil die halt auch überall rumliegen. Das ist ein Kriterium. Das Stadion muss in irgendeiner Form eine interessante Skurrilität haben. Es muss irgendetwas geben, was das Stadion auszeichnet.

Hast du da ein Beispiel?

Eine coole Skurrilität ist in Babelsberg, die Flutlichtmasten, die man so einknicken kann. Das hat mir sehr gut gefallen. Oder die Anzeigetafel bei Union Berlin, wo die Schilder dranhängen. Die durfte ich auch mal bedienen, neulich, tatsächlich. Das waren definitiv Skurrilitäten, die gezählt hätten, so. Und dann gibt’s noch einen Kreis.

Das Ganze muss mit dem Zug erreichbar sein, die Fanszene muss politisch stabil sein. Das sind – würde ich sagen – so die Kriterien.

Was hat dich auf deinen bisherigen Reisen am meisten beeindruckt? Kannst du da ein bisschen was herausgreifen? Hm, was ich am Spannendsten finde… Oder was macht dir am meisten Freude? Auch die Zeit mit deinem Dad zu verbringen?

Durch die ganzen Fankurven, in denen ich halt war, und die ich gesehen habe. Ja, ich würde definitiv sagen, dass das ein Punkt ist. Außerhalb der Wochenenden haben wir gar nicht so viel Zeit zusammen. Ich bin in der Schule oder habe mit einem Projekt im Forschungszentrum zu tun. Mein Papa muss in der Regel arbeiten. Daher waren die Wochenenden die einzigen Zeitpunkte eigentlich aber die dafür sehr intensiv. Über die gesamten zwei Tage, wo dann auch so viel passiert. So viele Ereignisse treten auf, die meinen Papa dann zum Beispiel in eine Situation bringen, in der er sich dann mit beschäftigen muss oder mit mir eine Lösung suchen muss. Dadurch waren das besonders intensive Zeiten. Am Fußball, würde ich sagen, ich mein, das ganze ging ja mehr oder weniger los, weil ich nicht verstanden hatte, was es mit den Fans auf sich hat bei meinem ersten Stadionbesuch. Ich würde auch bis heute nicht sagen, dass ich es nicht zu 100 % nachempfinden kann. Ich hab ja noch keinen Verein gefunden. Aber ich würde definitiv sagen, durch die ganzen Fankurven, in denen ich halt war und die ich gesehen habe, habe ich – ich konnte schon irgendwie besser verstehen, was die Faszination daran ist.

Ich kann dann besser einschätzen, was die Bedeutung dieses Vereins für die Menschen ist. Weil ich auch Menschen gesehen habe – wirklich, man hat es denen so angesehen im Gesicht. Wenn die jetzt verlieren, dann ist der Monat gelaufen. Die Bedeutung, dass sich das ganze Leben praktisch darum dreht . Das ist schon beeindruckend. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich das möchte. Aber das ist beeindruckend.

Wenn du deinen Lieblingsverein finden solltest, was passiert dann? Ja. Warum hast du so viele Regeln? Was zeichnet dich aus?

„Regeln sind sehr wichtig“

Regen sind sehr hilfreich zur Bewältigung des Alltags, denn ohne Regeln wird ja alles kompliziert. Regeln vereinfachen sehr viel. Regeln sind praktisch anwendbare Kataloge, wo man nach einem vorgefertigten Muster das ganze abklären kann. Wenn es keine Regeln gibt, dann ist es wie eine Sprache zu lernen, wo es keine Regeln gibt. Wo man jedes Wort einzeln lernen muss. Wie wird das jetzt gebildet? Das wäre furchtbar. Niemand könnte diese Sprache sprechen. Ich glaube so ist es dann auch im Alltag. Wenn es bei der Person keine Regeln gibt. Wenn es in einer Menschengruppe keine Regeln gibt, wie soll man sich dort zurechtfinden? Wie soll man interagieren? Wonach richtet man sich in seinem Handeln? Es ist ja nicht so, dass dann alles ok ist. Es sind dann trotzdem Dinge nicht in Ordnung. Das ist nicht festgelegt. Man muss das alleine wissen. Das erscheint mir sehr unlogisch und Regeln sind deswegen richtig und ja, auch bei einer Suche nach einem Lieblingsverein. Damit das beste Ergebnis rauskommt. Ohne Regeln würde das nicht funktionieren. Und eine der Regeln ist zum Beispiel, dass Projekte nicht enden dürfen. Das ist einfach so. Aus dieser Regel wurde abgeleitet, dass wenn ich meinen Lieblingsverein gefunden hab, dann darf die Reise nicht vorbei sein. Das heißt, dann muss es weitergehen. Das bedeutet, dass zum Beispiel eine 34er-Saison. Dass mir mein Papa versprochen hat, dass wir zu allen Spielen in einer Saison fahren.

Jason hat auf einer seiner Reisen das Weserstadion besucht.
Foto: Jason von Juterczenka

Was natürlich sehr spannend ist, wenn du deinen Lieblingsverein im Ausland findest…

Ja. Mit dem Zug dann auch. Oder ins Trainingslager mit dem Verein zum Beispiel. Da gibt’s diverse andere Projekte, die danach dann folgen können. Mein Papa hat sich in die miese Bredouille ein bisschen dadurch gebracht, dass es mal eine Zeit gab, wo er versucht hat, mich von seinem Lieblingsverein zu überzeugen, von Fortuna Düsseldorf. Wo ich mir gedacht hab, wenn er mir das verspricht, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich auch bereit bin einen Verein zu finden. Wenn ich Angst davor hab, dass das Projekt dann endet, dann würd ich mich ja nie entscheiden. Aber jetzt hat der Papa das Versprechen gegeben und ich hab mich trotzdem nicht entschieden. Das ist ein bisschen daneben gegangen vermutlich.

Magst du vielleicht so ein bisschen von deinem Hintergrund erzählen? Damit die Leserinnen und Leser verstehen können – du bist Autist. Was es für dich, also aus deiner Perspektive, vielleicht auch so ein bisschen schwierig macht auf diesen Reisen?

Autismus ist letztendlich eine Neurodivergenz. Das ist eine andere Verschaltung des Gehirns, die mit einer anderen Wahrnehmung der Welt einhergeht, und diese Wahrnehmung ist häufig intensiver in Bezug auf Reize. Das bedeutet zum Beispiel, also Stadien sind eine sehr reizintensive Umgebung bezüglich der Lautstärke, bezüglich der Menschenmengen, die einen eventuell auch berühren könnten, die Lautstärke. Von daher ist es eigentlich, naja, kontraintuitives Denken, dass es mir in Stadien besonders gut gehen könnte. Als es losging haben wir gesagt das ist eine furchtbare Idee.

Aber du bist dran gewachsen letztendlich, oder?

Sie haben ja auch recht. Diese reizintensiven Umgebungen sind schwierig. Die werden auch nicht einfacher mit der Zeit. Es ist nicht so, dass man sich daran gewöhnen kann. Das ist es nicht.

Einfacher damit umzugehen, oder?

Es ist eine Abwägung dann, genau. Es ist einfach eine Abwägung, weil ja, es war schwierig. Es war auch beim ersten Mal sehr schwierig, aber es war halt auch sehr cool. Es hat mir gleichzeitig sehr gut gefallen. Was überwiegt jetzt? Der positive oder der negative Aspekt?

Wenn die positiven Aspekte überwiegen und ja, wenn ich diesen Ausflug hatte. Ja, es war schwierig, aber es hat mir gefallen und es hat mir eben mehr gefallen als dass es eine Herausforderung oder eine Belastung war, dann fällt die Nutzungsbilanz ja positiv aus und dann wiederholt man das.

Ja, sehr cool. Lass uns vielleicht so ein bisschen wieder eine Brücke zum Fußballbuch schlagen. Was hat dich dazu bewogen, mitmachen zu wollen? Du hast dich ja ziemlich schnell entschieden.

Grundsätzlich bin ich ein Fan von solchen Projekten oder von solchen Ideen. Fast ne Idee, die hätte ich auch haben können, hab ich mir gedacht. Und mir war recht klar, dass die Geschichte ziemlich gut passt. Du hast mir erzählt, wofür das so gedacht, was die Idee darin ist und das hat da sehr gut reingepasst. Ich fand die Idee irgendwie cool, wo geht das Buch danach hin? Ich weiß nicht, wie das dann bei den Leuten ist, aber als ich das Buch bekommen habe, habe ich mir alles davor durchgelesen. Vielleicht lesen dann auch andere, die das Buch bekommen, meine Geschichte. Von daher wollte ich da auch mitmachen.

Du stehst ja auch für Internationalität, indem du viel reist, wie das Buch auch. Wo willst du denn als nächstes hin? Wenn du dir ein Land aussuchen könntest, was würdest du als nächstes machen wollen? Vielleicht auch ein Ziel, dass ein bisschen weit ist?

Ein Versprechen, das schon sehr sehr alt ist, von meinem Papa – ich glaub das ist das allererste Versprechen, das er mir gegeben hat, ist, dass wir mal Shinkansen fahren, weil ich total zugbegeistert bin. Irgendetwas im ostasiatischen Raum könnte ich mir vorstellen, weil dort auch die Stadien sehr, sehr skurril sind, weil man viele Vereine erleben könnte. In Singapur gibt es zum Beispiel ein Stadion, das liegt praktisch auf dem Wasser. Diese Skurrilität hatte etwas, das dieses Kriterium wieder voll erfüllen würde. Auch so, wenn man dort recherchiert, gibt es sicherlich auch viele kleinere Vereine, die man sich dort auch anschauen könnte. Von daher: Da müssen wir ja eh nochmal hin, das ist ja ein Versprechen. Und auf dem Weg dahin, gibt es sicherlich auch vieles, was man sich anschauen kann. Ansonsten im europäischen Ausland liegt sicherlich die Slowakei, Tatran Čierny Balog, wo zwischen Spielfeld und Tribüne eine Zugstrecke verläuft. Das liegt auf jeden Fall noch an.

Wie schaut’s mit Luton Town aus?

Jason und sein Vater sind hier im Estadio de San Mamés in Bilbao zu sehen. In England waren sie noch nicht auf Grund des Fußballs, doch dies steht natürlich noch auf dem Plan.
Bildrecht: Jason von Juterczenka

England fehlt uns noch komplett als Land. Das steht definitiv auch bald an. Was dann in England wird – ja, da könnte man natürlich kombinieren. Es gibt die Forest Green Rovers, wie mir alle erzählen, weil die sehr ökologisch sind, womit das Kriterium zumindest abgehakt wäre. Es gibt Luton, worüber wir gesprochen haben. Dass man durch ein Wohnhaus muss, um in ein Stadion zu kommen, das ist perfekt. Das erfüllt dieses Skurrilitätskriterium genau. Klar, es gibt in England noch so viele andere Vereine, wo man eigentlich unbedingt mal hin muss. Von daher, ja, auch das ist definitiv fest geplant.

Gibt es ein paar Anekdoten oder besondere Reisen – klar, du erlebst immer wahnsinnig viel, es sind wahnsinnig viele Einflüsse? Du lernst wahrscheinlich auch viele Menschen kennen auf den Reisen, in den Zügen, kommst ein bisschen in Gespräche, aber gibt es irgendwas, das dir mal besonders aufgefallen ist, was dir besonders in Erinnerung geblieben ist oder ist das schwierig, weil das jetzt schon so viele? Wie viele Kilometer habt ihr ungefähr zurückgelegt? Oder wie viele seid ihr ungefähr im Schnitt unterwegs?

Wir hatten 150 Spiele, müssten es ungefähr gewesen sein. Es gab Spiele in Sarajevo, wo das 1.500 oder 2.000 Kilometer waren. Bei anderen waren es vielleicht nur 100 Kilometer. Ich weiß nicht, mit welchem Durchschnitt man da rechnen könnte. Aber das sind alles Statistiken, die wir erstellen wollen, wenn wir mal die Zeit dafür haben. Ich würde sagen, was bis jetzt, was immer ein bisschen ironisch ist – wo mein Papa und ich auch sehr gegensätzliche Ansichten darüber haben, das war ein Versuch beim VfR Aalen. Wenn mein Papa hier sitzen würde, würde er ganz anders darüber sprechen. Er würde mir widersprechen. Für ihn war das der Tiefpunkt. Es war mitten im Winter und ich hatte an einem Spieltag freie Auswahl, wo es hingehen sollte. Ich hab dann entschieden, wir fahren zu VfR Aalen gegen SV Sandhausen. Das hatte uns noch gefehlt. Das war damals zweite Liga. Deswegen sind wir da hingefahren. Es sind sieben Stunden Regionalbahnanreise. Das gefällt mir natürlich auch. Mit Schnee. Normalerweise ist die Überkommerzialisierung des Fußballs ein Ausschlusskriterium, aber beim VfR Aalen wurde das so auf die Spitze getrieben, dass es schon wieder skurril war. Die Eckbälle wurden von der Jimbo Autowäsche präsentiert. Die Autowaschanlage wirbt mit einem Elefanten, der mit seinem Rüssel Autos sauberspritzt.

Was natürlich in der Realität nicht stattfindet…

Bei jedem Eckball wurde ein extrem lautes Elefantengeräusch abgespielt. So richtig alte kratzige Lautsprecher. Es waren echt viele Eckbälle.

Das ist natürlich schwierig mit der Lautstärke.

Ich fand das vergleichsweise unfassbar lustig. Das war echt die skurrilere Marketingaktion. Noch skurriler: Die Apotheke sponsort die Ansage der verletzten Spieler oder, was wir einmal bei Karlsruhe hatten, war: Die Aufstellung der Gästemannschaft wurde von der Trauerhilfe gesponsert. Das ist extremst makaber, aber auch möglichst skurril. Sowas bleibt natürlich in Erinnerung. Der ganze Ausflug war einfach ein Fiebertraum. Ich sehe selber, dass die Überkommerzialisierung problematisch ist. Aber wenn ich nicht den Verein betrachte, sondern nur diesen Tag, dann hat es mir unglaublich gut gefallen, weil es einfach lustig war. Für meinen Papa war es die Hölle. Das bleibt sehr gut in Erinnerung.

Gibt es etwas, dass du zum Abschluss sagen willst – zum Projekt vielleicht?

Ich denke es wird noch eine Weile so weitergehen. Und noch ein bisschen dauern. Ja, ich weiß noch nicht genau, ob ich meinen Verein jemals finden werde, und das wäre sogar ok. Normalerweise wäre ich sehr nervös, wenn ich nach zwölf Jahren, nach Beginn eines Projektes das Ziel immer noch nicht erreicht habe. Aber das ist hier irgendwie anders, weil ich so ein bisschen vielleicht auch Fan davon geworden bin einfach, einen Verein zu suchen.

Der Weg ist das Ziel.

Ja, so könnte man es sagen. Deswegen: Ich wäre nicht traurig, wenn wir gar keinen Verein finden und wenn wir doch einen finden, dann wäre es auch lustig. Und mich würde es nicht wundern, wenn ich in 30, 40 Jahren meinen Papa im Rollstuhl ins Stadion schiebe, in der vierten lettischen Liga. Das wäre auch eine Aussicht, mit der ich sehr gut leben könnte. Von daher wird es noch viele, viele Erlebnisse geben, von denen wir berichten können im Podcast und im Blog, in weiteren Büchern vielleicht. Das ist glaube ich eine unendliche Geschichte.

Das ist ein super schönes Schlusswort. Ich wünsche euch weiterhin gute Reisen und vielen Dank nochmal, dass du Teil unseres internationalen Fußballbuch-Projektteams bist!

Funfact in der Nachspielzeit

Nach unserem Interview gingen wir in Richtung Münchener Hauptbahnhof und sahen den Mannschaftsbus des BVB. Das passte thematisch natürlich super, um ein Bild zu machen. Da wollte Borussia Dortmund wohl einen Beitrag zum internationalen Fußballbuchprojekt leisten…?! 😉

Nicht nur das Fußballbuch reist, sondern auch die Fußballspielerinnen und Fußballspieler gemeinsam mit ihrem Staff. International. Auf dem Bild, das Jason nach unserem Gespräch von mir gemacht hat, seht ihr mich mit dem Buch vor dem Teambus von Borussia Dortmund. Das Bild, das das Cover darstellt, hat Felix Schneider gemalt, und das, das auf der Rückseite zu sehen ist, stammt von Johanna Busch. Beide haben diese Kunstwerke zu ihrer Schulzeit gemalt! 😊
Foto: Jason von Juterczenka

Fußballbuch – Update Nr. 6: Von Ryan Smith zu Michael Lahoud

Liebe Fußballbegeisterte auf der ganzen Welt,

wie gestern angekündigt ist das Fußballbuch inzwischen von London nach Texas gereist. Michael Lahoud, ehemaliger MLS-Spieler und Nationalspieler von Sierra Leone, hat sich darin verewigt, und sich meinen Fragen zum Buch, doch vor allem auch zu seiner Lebensgeschichte, gestellt… Lest selbst, welch wunderbare Erfahrungen er durch Fußball machen konnte…

Viel Spaß beim Lesen, passt auf euch auf und bleibt zu Hause!

Lisa Blue

 

Interview mit Michael Lahoud

Lisa Schatz: Hallo Michael, vielen Dank für deine Zeit. Ich habe mich sehr gefreut als ich hörte, dass das Buch nach Texas gereist ist, und jetzt sprechen wir mit einer Zeitverschiebung von sieben Stunden. Fußball verbindet die Menschen wirklich…

Warum wolltest du an diesem Projekt teilnehmen und was hat Ryan dir erzählt, sodass du daran teilgenommen hast?

Michael Lahoud: Ich glaube fest daran, dass Dinge aus einem bestimmten Grund geschehen und dass sie zum passenden Zeitpunkt im Leben passieren. Ryan und ich haben uns unterhalten. Als er mir von dem Buch erzählt hat, kam der Zeitpunkt genau richtig, denn ich begann, über meine Karriere und über die Saison nachzudenken. Und ich musste wirklich zurückerinnert werden, warum ich dieses Spiel spiele. Es war also genau der richtige Zeitpunkt, um ein leeres Blatt Papier zu erhalten, um etwas zu schreiben, Teil von etwas zu sein und dem Fußballspiel, das mir so viel gegeben hat, etwas zurückzugeben. Ich möchte etwas zurückgeben, so dass diese Geschichte wie eine perfekte Gelegenheit erscheint.

Was gefällt dir am besten an diesem Spiel? Geht es um die Verbindung der Menschen, die von überall her kommen oder ist es das Teamfeeling?

Es ist multifaszinierend, ich spiele sehr gerne. Fußball ist ein Ort, an dem man träumen kann, oder ein Ort, an dem es keine Rolle spielt, woher man kommt. Dein Hintergrund spielt keine Rolle. Für mich persönlich war der Fußball der Ort, an dem mein Hintergrund, meine Geschichte, mein sozioökonomischer Status keine Rolle spielt. Im Fußball spielen das Alter, die Rassenzugehörigkeit und die Nationalität keine Rolle. Wir sind alle durch den Fußball verbunden. Und ich denke, dass der Fußball das ist, was mich wirklich inspiriert hat. Alles, das mir durch Fußball gegeben wurde, alles, das mir beigebracht wurde, hat mich inspiriert, dieses Wissen weiterzugeben. Ich glaube an junge Menschen, an junge Fußballer. Ich war selbst einmal ein junger Fußballspieler, und jemand hat an mich geglaubt. Wenn ich mich mit jungen Spielern treffe und ein wenig von mir selbst in ihnen sehe, dann macht mich das umso leidenschaftlicher, Fußball zu spielen.

Wie schwer war das? Du kamst als Geflüchteter in die Vereinigten Staaten. Bist du alleine oder mit deiner Familie dorthin gekommen?

Ich kam im Alter von sechs Jahren als Geflüchteter in die USA und reiste allein. Mir wurde die Einreise gewährt, man ordnete mich als Notfall ein. Ich hatte keine Ahnung, was um mich herum passierte. Aber zu dieser Zeit herrschte in Sierra Leone ein tragischer Bürgerkrieg, und dieses Visum in die Vereinigte Staaten hat mir das Leben gerettet, und wirklich, der Fußball hat mir das Leben gerettet. Als ich hierher kam, wusste ich nicht, was vor sich ging. Ich wusste, dass ich hierher kommen würde, um wieder mit meiner Familie, meiner unmittelbaren Familie, in Kontakt zu kommen. Aber es war wohl das Beste, was mir passieren konnte: Dass ich zu jung war, um irgendetwas zu begreifen. Aber ich bin sehr, sehr dankbar für dieses Visum. Das ist etwas, das ich nie vergessen werde.

Ich kann mir vorstellen, dass es äußerst schwer gewesen sein muss, denn du warst damals sechs Jahre alt, ein kleines Kind…

Ja, es war schwierig. Es ist schwer genug, wenn man an einen neuen Ort geht. Die Sprache ist sehr schwer. Englisch wird auf der ganzen Welt gesprochen, aber es ist anders als jede andere Sprache. Ich hatte in Afrika in der Schule Englisch gelernt. Aber was es wirklich schwierig für mich machte, war: Als Kinder, aus Sierra Leone, sind wir einfach als Sierra Leonier aufgewachsen. Wir haben nie darüber gesprochen, welcher Rasse man angehört, woran man glaubt,… Es war wirklich so, dass wir einfach alle gleich waren. Und als ich nach Amerika kam… Es war das erste Mal, dass ich mich anders fühlte. Und es war das erste Mal, dass es mir schwer fiel, wie anders ich war. Ich war so durcheinander, weil ich – verdammt noch mal – so etwas noch nie zuvor erlebt hatte. Ich fing an, all die Unterschiede zu bemerken. Das war sehr schwierig für mich.

Hast du Erfahrungen mit Rassismus gemacht oder wie hast du dich gefühlt?

Nein, ich hatte Glück. Am ersten Tag als ich in Amerika zur Schule kam, traf ich meinen besten Freund. Ob du es glaubst oder nicht: Es war der Fußball, der uns verbunden hat.

Das ist wirklich die Kraft des Fußballs. Er verbindet wirklich die Welt. Als ich in die Schule kam, hatte ich solche Angst. Eine Gruppe von Kindern spielte Fußball. Wirklich: Ich wollte gesehen werden, und ich wollte nicht gesehen werden, weil ich hoffte, dass mich niemand sieht. Denn: Ich weiß nicht, ich bin das Kind, das anders ist, das neu ist. Das ist anders. Und natürlich, wann immer man nicht gesehen werden will, wird man gesehen. Der Ball rollte zu mir, nachdem er vom Fuß eines Mitschülers abgeprallt war. Und die Schüler sagten: „Hey, wirf den Ball“. Ich hatte noch nie zuvor einen Ball geworfen, weshalb ich sehr nervös war. Ich tat es, aber ich wusste nicht, wie ich es tun sollte. Ich habe den Ball geholt und ihn zu ihnen zurückgespielt. Und das hatten sie so noch nie zuvor gesehen. Ich habe ihn sehr hoch geworfen und ihn über das Dach des Gebäudes gekickt. Sofort hatte ich den Respekt von allen. Ich war das Kind, das neu war, und das niemand bemerkt hatte. Es war nicht schlecht, dass die erste Person, die zu mir kam, ein sehr beliebter Junge in der Schule war, das sagte: „Hey, ich habe das noch nie jemanden machen sehen! Du bist mein neuer bester Freund“. Und er brachte mich zu seiner Familie. Er sagte: „Oh, das ist mein Torwart, er kann beides – Fußbälle, Tennisbälle – auf das Dach schießen“. Ich konnte es nicht glauben.

Hattest du die Möglichkeit, in den USA in einer Familie zu leben, weil du sehr jung warst, oder warst du in einer Unterkunft wie z. B. in einem Flüchtlingsheim?

Ich habe hier eine neue Familie gefunden. Es war wirklich interessant, meine leibliche Familie in Sierra Leone zu haben, und eine zweite Familie hier in den Vereinigten Staaten gefunden zu haben. Ich war so dankbar dafür. Wir haben alle eine Familie, deren Blut durch unsere Adern fließt. Und wir haben die Menschen, die für uns zur Familie werden. Durch diesen Tag war es, als wäre ich adoptiert worden.

Er war wie dein Bruder…

Ja, wirklich. Es war wirklich so, als ob ich ein Teil von ihnen werde, man bot mir diese Adoptivfamilie an. Sie waren so fantastisch zu meiner biologischen Familie und sie waren so liebevoll zu mir. Meine Eltern arbeiteten die ganze Zeit. Vor allem meine Mutter, sie ist Krankenschwester. Daher war es für uns sehr schwierig, das Leben hier zu verstehen, im Gegensatz zu dem, woher wir kamen. Doch meinem besten Freund, Jack Wolf, bin für immer dankbar für das, was sie meiner Familie und mir über die Jahre hinweg bedeutet haben, was sie für mich geschaffen haben.

Michael Lahoud spielte für den Miami FC. Foto: Alenny Orovio
Michael Lahoud spielte für den Miami FC. Foto: Alenny Orovio

In deiner Geschichte, die du im Fußballbuch verewigt hast, hast du über die Sportpsychologin Dr. Cristina Fink geschrieben. Dass sie dein Leben verändert hat…

Sie gehörte während meiner MLS-Zeit (Major League Soccer) zu einem meiner Vereine. Sie war in Los Angeles. Hier in Amerika haben wir im Fußball ein ähnliches System wie beim Basketball: einen Tauschhandel. Ich bin dankbar, dass ein solcher Handel dafür sorgte, dass ich Dr. Cristina Fink begegnete. Von dem Moment an, als ich sie traf, wusste ich, dass ich mit ihr zusammenarbeiten muss. Es war nie das, was sie sagte. Aber sie hat diese Präsenz. Ich kannte ihre Geschichte, ihren Hintergrund nicht: Sie ist eine ehemalige Olympionikin, eine Hochspringerin. Sie kommt aus Mexiko-Stadt. Sie ist eine sehr, sehr, sehr brillante Frau. Ich wusste wirklich, dass ich besser werden wollte. Ich wollte der bestmögliche Fußballer sein, der ich sein kann. Ich wusste, dass ich Talent hatte. Ich wusste, dass meine Karriere weit führen könnte, aber ich wusste, dass Talent nicht genug war. Ich wollte Hilfe. Es gab einen Punkt, an dem ich Hilfe brauchte, um dorthin zu gelangen, und das war eine sehr demütigende Erfahrung. Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich erlebte, nicht der Star zu sein. Ich erlebte, dass ich nicht „der Fußballspieler“ war, und das ist sehr demütigend, wenn man das im Profisport erlebt. Ich glaube, dass widrige Umstände das Beste sind, das Fußballern passieren kann, vor allem jungen Fußballern. Es war also der richtige Zeitpunkt für mich, sie zu treffen, und so war ich die einzige Person im Team, die sie sehen sollte. Damals sagten alle, Sportpsychologen seien hier, vor allem in Amerika, nicht gerade beliebt. Ich wusste nicht wirklich, wer sonst noch mit ihnen zusammenarbeitete, aber einmal sagte sie mir, dass dies auf dem Rest der Welt eine große Sache sei. Und sie fügte hinzu: „In Amerika liegt ihr Jungs im Rückstand“. Und dieser Aspekt bezogen auf den Sport, besonders auf den Fußball… Das hat mir wirklich geholfen zu sehen, dass selbst die größten Fußballstars Hilfe auf dem längeren Weg brauchten, um dorthin zu gelangen, wo sie sind. Das kann man nicht alleine schaffen. Und so hat es einfach perfekt gepasst.

Auf welche Weise hat sie dir am Meisten geholfen?

Zum Teil war es Mentaltraining, aber es fühlte sich nie wie irgendeine Art von Training an. Es fühlte sich für mich einfach so an, als dass jemand an mich glaubte, dass jemand mehr in mir sah, als ich sehen konnte. Mehr als mein Talent. Ich glaube, jeder Trainer, für den ich je gespielt habe, hat es gesehen, konnte es aber nie in Worte fassen. Sie war die erste Person, die es konnte.

Wie alt warst du, als du ihr erstmals begegnet bist?

Ich war 26 Jahre alt. Ich wurde wirklich von diesem Gefühl verfolgt, dass es mir nicht genug ist, wenn es mir gut geht. Ich muss es töten, ich muss der Beste der Besten aller Zeiten sein, alle müssen aufstehen und mir mit Standing Ovationen zusehen. Das ist nicht realistisch. Es gibt immer jemanden, der besser ist als du, der in etwas besser ist als du. Cristina hat nicht versucht, das von mir zu nehmen. Sie gab mir nur eine andere Perspektive. Sie sagte: „Verlier‘ das nicht, und nutze eine andere Sichtweise, um dich selbst zu motivieren. Die ist nicht da draußen. Sie war immer in dir drinnen“.

Das Erstaunlichste, das sie zu mir sagte – abgesehen davon, dass ich aus Liebe zum Spiel spielen sollte – war: „Ein guter Spieler muss nicht zeigen, dass er ein guter Spieler ist. Er ist einfach einer“. Das hat mir dieses Gefühl weggenommen: „Ich muss es beweisen, ich muss es beweisen, jeden Tag muss ich es beweisen“, und es anderen Menschen wirklich bestätigen. Andere Leute entscheiden, wie es dir geht. Sie sagte: „Nein. Weißt du, ein guter Fussballer weiß, dass er ein guter Fussballer ist. Er muss es nicht der Welt erzählen, er muss es wissen“. Im Fußball muss man seinen Job machen.

Es war diese Art von Gesprächen, die so aufschlussreich war. Im Fußball würde ich, so sehr ich auch Talent habe, immer meinen Weg durchdenken. An der Universität, aber auch als Profi, bereitete ich mich darauf vor, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der mir half, zu sagen: „Hey, hier sind ein paar Dinge, die du machst und die dir helfen werden“. Und: „Hier sind einige Möglichkeiten, die du tatsächlich nutzen kannst, um dein Wissen auf die nächste Stufe zu bringen“. Es ist wirklich eine unglaubliche Erfahrung.

Hattest du ein Idol wie Zizou oder hast du einfach versucht, an dich selbst zu glauben und zu versuchen, was du konntest?

Zinedine Zidane war nie mein Vorbild. Ich hielt ihn für einen erstaunlichen Fußballer. Es war nicht nur die Klasse, mit der er spielte. Es war vor allem die Eleganz, dass er so gut war. Und er wusste es. Und du wusstest es. Aber es war, dass er es wusste. Und er wollte, dass du es weißt.

Mein Idol war David Beckham. Er war jemand, der mir gezeigt hat, dass man mehr als nur Fußball sein kann. Für ihn war es der kommerzielle Aspekt der Dinge. Aber er war der moderne Fußballer, der das wirklich auf eine andere Ebene gebracht hat: dass man mehr als nur Fußball sein kann. Und das bedeutet für alle anderen etwas anderes. Für ihn ist es der Ruhm. Er ist auch ein Familienmensch. Man kann tatsächlich Fußballer sein, aber man kann immer noch mehr als Fußball sein.

Ich möchte dich auch zu deinem sozialen Engagement befragen. Welche Projekte führst du für soziale Zwecke durch?

Das ist etwas, das zusammen mit dem Fußball zu einer Leidenschaft geworden ist. Im Jahr 2010 traf ich eine Frau, die mir eine Frage stellte, welche mein Leben veränderte. Sie fragte mich: „Wie würden Sie gerne die Welt verändern?“ Und ich war gerade erst am Anfang meiner Karriere, und ich hätte nie mit jemandem gerechnet, der mich das fragen würde, wenn es nicht mit Fußball zu tun hat. Ich antwortete: „Oh, ich verändere die Welt durch Fußball, weil ich ein fantastischer Fußballer bin“. Aber es hat mich wirklich dazu eingeladen zu begreifen, dass die Welt größer ist als ich es bin. Und es gibt etwas Soziales, das tiefer geht als das, was ich sehe. Das ist größer als ich. Es hat mein Herz auf eine Weise erobert, die ich kannte: Dass ich mich ändern würde und nie mehr derselbe sein würde.

Diese Frage, die sie mir stellte, lud mich zu einem Prozess der Selbstentdeckung ein. Sie hat meinen Geist erweitert. Ich wollte den Fußball wirklich nutzen, und nicht nur so, als es das von meinem eigenen Spiel bedeutet. Ich wollte den Fußball als Plattform nutzen, um anderen zu nützen. Wenn man Fußballer ist und jedes Wochenende spielt – ja, man spielt auf Grund seiner eigenen Leidenschaft und seiner eigenen Wünsche – aber man ist nur ein Profi, weil die Fans dafür bezahlen, dass sie einen spielen sehen. Ohne die Fans ist man einfach ein Amateur. Was es bedeutet, ein Teil der Mannschaft zu sein, mit diesem Vereinslogo auf dem Trikot zu spielen: Man spielt für eine Tradition, die größer ist als man selbst. Die Spieler, die den größten Einfluss im Spiel haben, sie verkörpern das, sie nehmen das auf, das bedeutet mehr für sie. Diese Botschaft bedeutet ihnen mehr. Mein Leben, meine Geschichte, meine Karriere… Das bedeutet mehr. Und das möchte ich wirklich nutzen, um auf mein Heimatland, mein Heimatland Sierra Leone, einzuwirken. Ihre Frage lud mich ein, mehr zu erfahren. Nicht nur darüber, wer ich bin, sondern auch, woher ich komme. Sie half mir, einen Teil von mir wiederzufinden, der wegen des Bürgerkriegs und des Umzugs nach Amerika verloren gegangen war. Deshalb möchte ich meine Plattform als Fußballer gerne nutzen, um dafür zu sorgen, dass dieser Krieg in Sierra Leone nie wieder passiert. Ich möchte den Kindern helfen, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

Sie hat meinem Land geholfen, Schulen zu bauen. Sie ist ein ehemaliges Friedensmissionsmitglied. Ich konnte den Zeitpunkt nicht begreifen. Ich hatte noch nie eine Person, deren Timing so beeindruckend war, um in mein Leben einzutreten.

Was hast du getan?

Ich habe mich auf eine Reise begeben. Ich wollte in meiner Heimatstadt in Sierra Leone wirklich eine Schule bauen. Über einen Zeitraum von Jahren haben wir dies zusammen mit meinen Nationalmannschaftskameraden aus Sierra Leone getan. Wir bauten gemeinsam eine Schule. Das ist etwas, worauf ich immer stolz sein werde.

Währenddessen geschahen in diesem Land schreckliche Dinge. Im Jahr 2014 brach die Cholera aus. Ein Freund aus Heidelberg und ich haben uns zusammengetan, um Geld für „Ärzte ohne Grenzen“ zu sammeln, und wir haben diese Kampagne mit dem Namen „Kick Ebola in the butt“ (deutsche Übersetzung: „Tritt Ebola in den Hintern“) ins Leben gerufen. Die Menschen mochten sie sehr: Sie unterstützten den Zweck und sie unterstützten die Schule. Es ist erstaunlich, was es bedeutet, für etwas zu spielen und einen Sport zu nutzen, der Menschen zusammenbringt, die sonst nie miteinander verbunden gewesen wären – wenn man das für eine Sache nutzt, die größer ist als man selbst, für eine gemeinsame Sache. Die Kraft des Fußballs ist erstaunlich. Ich denke, das hat die Kraft des Fußballs verkörpert. Jetzt wollen wir diese Schule auf die nächste Stufe bringen, indem wir wirklich Fußball spielen. Für diese Kinder haben wir in einer Schule ein Fußballfeld gebaut. Das gibt ihnen eine unglaubliche Kraft, auch den Menschen in der Nachbarschaft. Es ist ein Moment, den ich nie vergessen werde: Die Kinder zu sehen, die man  beeinflusst, und die Dankbarkeit.

Vielen Dank für diese Geschichten! Nun möchte ich auf das Thema des Fußballbuchs zurückkommen. Warum hast du dich entschieden, dich an unserem Projekt zu beteiligen?

Ich glaube an Geschichten. Das Mächtigste an jedem von uns sind unsere Geschichten. Die Möglichkeit, nach Sierra Leone zurückzukehren und Zeuge der Geschichte zu werden, die dort geschrieben wurde, hat mich so dankbar für die Menschen gemacht, die mich beim Bau dieser Schule unterstützt und mich dazu ermutigt haben. Es gibt Menschen, die auf mich zählen, die ich nicht kannte, die ich noch nie zuvor auf der anderen Seite der Welt gesehen habe. Sie zählen auf mich, dass ich ihren Traum am Leben erhalte, und meinten: „Danke! Wegen deines Traums, wegen deines Traums haben wir eine Chance im Leben“. Diese Kinder zu sehen, das ist es, woran ich denke, was mich wirklich berührt und woran ich mich immer erinnere.

Wir leben in einer Welt von hochwertiger Qualität und Luxus. Ich empfehle anderen Amerikanern, und wenn ich ihnen nur einen Wunsch erfüllen könnte… In Europa reist ihr so viel. Hier in Amerika, weil das Land so groß ist, reisen viele Leute nicht so viel. Jeder sollte versuchen, andere Perspektiven zu bekommen. Wir brauchen einander als Menschen, nicht nur unsere Nachbarn.

Sierra Leone training camp ahead of Swaziland v Sierra Leone on 18 May 2014. Lobamba, Swaziland.
Michael Lahoud beim Länderspiel gegen Swasiland am 18.5.2014. Foto © www.XtraTimeSports.net / Darren McKinstry

Wann wäre das Buch in deinen Augen erfolgreich?

Es ist solch eine Ehre, Teil dieses Buches zu sein, weil wir alle Geschichten haben, wie ich schon sagte, und selbst als Fußballer, denken die Leute, dass alles einfach „perfekt“ ist. Sie sehen dich nur von Außen, und da gibt es viel mehr für Fußballer, die genauso auch Menschen sind. Wir haben Kämpfe, wir haben Momente, die unser Leben verändern. Wenn man andere Menschen zu seinen Geschichten einladen kann, dann ist das wirklich eine intime Erfahrung durch dieses Buch, und ich kann wirklich sehen, wie das Buch einiges Preis gibt. Ich freue mich wirklich darauf, zurückzublättern und Geschichten zu lesen. In ein paar Jahren werde ich zurückblicken und meine eigene Geschichte aus einer anderen Perspektive lesen. Ich denke, es ist ein besonderes Projekt, und es erinnert uns daran, menschlich zu sein. Für mich, für die Menschheit, gibt es einen Sinn für Geschichten: die Kraft der Geschichten. Das ist etwas, das wir nie verlieren. Dass Geschichten uns menschlich machen.

Vielen Dank für all die großartigen Eindrücke, Mike.

Sehr gerne.