Almuth Schult über die Elternzeit im Profifußball, das Pendeln zwischen Spielen und Hochschule sowie die DFB-Trainerausbildung

Almuth Schult äußert: „Ich würde mich darüber freuen, wenn ein Mann sagen würde er geht jetzt in Elternzeit, um einfach ein Zeichen zu setzen. Foto: DFB

Aktuell bist du vereinslos. Wie ist die Situation für Spielerinnen mit Kind bzw. Kindern? Du warst ein paar Monate in den USA. Wenn du dahingehend einen Vergleich ziehst – oder wenn wir uns Chelsea anschauen, sie sind da schon sehr weit mit ihrem „Rundumpaket“: Sie bieten einen Tarifvertrag und viele Zusatzleistungen an, auch für die Büromitarbeitenden. Was sollte sich in der Hinsicht in Deutschland möglichst schnell ändern? Es ist wichtig, dass sich etwas tut. Du hast mehrfach erwähnt, dass man sich als Spielerin durchrechnen muss, was man sich leisten kann. Viele Bundesligaspielerinnen sind noch nebenberuflich tätig. „NEBENbei!“

Das ist so. Als Spielerin hat man in Deutschland, wenn man blauäugig herangeht, erstmal keine Ahnung, was man verdienen kann. Was man verdienen sollte. Welche Hintergründe und Rechte es gibt. Klar hat man in Bezug auf Deutschland die üblichen Arbeitnehmerrechte, wenn man angestellt ist und Mindestlohn verdient. Das heißt es gibt klare Regeln in Richtung Mutterschutz usw. Auf der anderen Seite ist immer noch die Frage: Wie funktioniert die Reintegration?

Und die Kinderbetreuung,…

Ja, es gibt eben keinen Übergang. Man hat nach der Geburt die acht Wochen Mutterschutz und theoretisch müsste man danach wieder voll ins Training einsteigen.

Was nicht geht, von Null auf Hundert…

Genau. Das ist normalerweise nicht möglich. Dafür muss eine Lösung gefunden werden. Natürlich möchte der Arbeitgeber keine volle Kraft bezahlen, wenn sie nicht voll arbeiten kann. Aber wie soll es gehen? Sagt man, man setzt jedes zweite oder dritte Training aus und bekommt nur 50 Prozent des Gehalts?

Es existieren noch viele Fragen. In manchen Ländern ist das tarifvertraglich geregelt. In den USA gibt es sogar noch einen extra Topf, aus dem die Mütter für die Kinderbetreuung Geld erhalten. Also jede Mutter hat Anspruch auf einen monatliche bzw. jährliche Auszahlung. Zusätzlich. Man verdient in dem Sinne mehr Geld. Was richtig ist, weil Kinder einfach viel Geld kosten und ohne Betreuung geht’s nicht. Man kann als Profisportlerin nicht auf eine Kinderbetreuung in der Kita oder im Kindergarten hoffen. Das kann zwar einen Teil abdecken, wenn man vormittags trainiert, aber sagen wir mal: Man hätte um 15:30 Uhr Trainingsstart und die Kita macht um 15:00 Uhr oder 14:00 Uhr dicht…

Oder im Fall von Champions League-Spielen…

Ja, oder am Wochenende: samstags oder sonntags. Das ist die Hauptarbeitszeit, man ist unterwegs, auch zu den Auswärtsspielen. Das sind unregelmäßige Arbeitszeiten. In Deutschland ist es sehr verpönt, privates und berufliches zu vermischen – egal in welchem Beruf. Das ist also im Profisport sehr, sehr schwierig. In den USA ist das gewachsen, dass Kinder überall mithindürfen. Dass sie vor dem Spiel in der Kabine sind, dass sie mit dem Mannschaftsbus zum Stadion fahren. Das ist nach meiner Erfahrung kein Problem. In Deutschland wäre das undenkbar. Das kann sich selbst ein Fan nicht vorstellen, dass das in Deutschland gemacht würde. In den USA ist es normal und sie gucken dich eher an, wenn du sagst: „Ach echt, darf man das hier?“ – „Ja, warum denn nicht?“. Da sind die Kinder ein Teil der Fußballfamilie. Von daher gibt es noch ein bisschen was zu tun, um Kompromisse und Lösungen zu finden. Der Fußball in Deutschland ist sehr männlich geprägt. Er ist über die Männerstruktur gewachsen. Da ist es normal gewesen, dass Kinder kein Teil davon sind. Auch die Sportwissenschaft ist so gewachsen, dass sie sich hauptsächlich auf Männer konzentriert. Das fängt schon damit an – das ist immer das Thema: zyklusbasiertes Training. Aber es geht auch darum: Bis wann kann man trainieren? Wann darf man nach einer Geburt wieder trainieren? Wie trainiert man? Welche Übungen macht man, worauf muss man achten? Da herrscht nicht viel Erfahrung. Diese muss erst aufgebaut werden. Da sind andere Länder schon weiter. Es wird auch immer der Faktor Geld angesprochen: Dass man sagt, dass Mütter einfach mehr Geld kosten. Ja. Auf der anderen Seite wollen wir immer gerne Nachwuchs gewinnen für unsere Sportart.

Man kann prominente Beispiele aufzählen von Profispielern und deren Kindern. Nehmen wir Kasper Schmeichel. Vielleicht wäre er niemals Fußballtorwart geworden, wenn sein Vater das nicht gewesen wäre. Er ist es selbst auf Weltklasseniveau geworden. Man kann noch weitere Spieler benennen, die ihre Kinder in Akademien haben. Die prominentesten sind vielleicht Messi und Ronaldo, aber auch welche aus Deutschland. Beispielsweise die Söhne von Klinsmann oder Kirsten. Auch die Jungs haben es irgendwie geschafft, in den Profisport reinzukommen. Vielleicht sollte man dies als Investition in die Zukunft betrachten.

Ich bemerke es an meinen Kindern: Dass sie vermutlich im Alter von drei Jahren an Fußball so interessiert sind wie wenige Gleichaltrige. Dass sie auch schon gegen den Ball treten und die Spielerinnen kennen, weil sie mit ihnen zusammen Zeit verbracht haben.

Ich glaube, dass da ein Umdenken stattfinden sollte. Dass man sich die Situation ganzheitlich anschaut und guckt, was dabei herauskommt. Aber es ist schon mal ein Schritt gemacht, weil für dieses Thema in den letzten Jahren eine Sensibilisierung stattgefunden hat. Auch von Seiten der FIFA: Sie hat ihre Regularien so geändert, dass beispielsweise der Mutterschutz für alle Ligen gilt. Das ist gut. Es geht voran. Aber es gibt noch sehr, sehr viel zu tun, um auch Müttern – oder sagen wir mal Frauen – die Angst zu nehmen, dass sie sich für Kind oder Karriere entscheiden müssen. Natürlich will man niemanden unter Druck setzen. Jede Frau sollte das handhaben, wie sie das möchte. Es sollte einfach nur die Möglichkeit geben. Und auch die Möglichkeit mit einem vernünftigen Gefühl.

„Ich würde mich darüber freuen, wenn ein Mann sagen würde er geht jetzt in Elternzeit, um einfach ein Zeichen zu setzen.“

Es ist aber auch krass, wenn man den Fußball der Männer anschaut. Wenn ich aus eigener Erfahrung spreche: Ich übe hauptberuflich einen Bürojob aus und natürlich gehen Männer in diesem Umfeld in Elternzeit. Wenn wir uns die Bundesliga der Männer anschauen: Das ist m. E. in Deutschland in den Köpfen undenkbar, dass jetzt ein Spieler mehrere Monate fehlen würde, um auf sein Kind aufzupassen.

Ich kann’s ja auf der anderen Seite auch verstehen. Sie haben gar keinen Bedarf daran. Sie verdienen so viel Geld, dass sie sich Tagesmütter leisten können. Man muss sehen, von welchen Gehaltseinbußen sie leben würden. Wenn man jetzt ein „normales Gehalt“ von – sagen wir mal 3.000 Euro netto hätte – und man würde in der Elternzeit auf diese 1.500 Euro fallen, dann sag‘ ich: „Hey, ich kann das vielleicht verkraften“. Aber wenn ich netto ein Monatsgehalt von 40.000 Euro hätte und würde auf 1.500 Euro fallen, dann überlegt sich jeder normale Mensch, ob er das macht oder nicht..

Meiner Meinung nach sammeln die männlichen Profis über die Jahre schon sehr viel Geld an, also im Vergleich zu einer hohen Anzahl anderer Berufe. Sie sind dann einen gewissen Lebensstandard gewohnt, dass sie wohl auch anders leben.

Es ist ja auch für die Zukunft: Es geht dann nicht nur um einen Prozent der kompletten Arbeitszeit bis zum Alter von 67 Jahren, sondern es kann jeden Monat vorbei sein. Man kann sich jederzeit verletzen und es läuft vielleicht auf ein Karriereende hinaus. Man weiß, dass es eine natürliche Altersgrenze gibt. Klar gibt es einen japanischen Profi, der mit 56 Jahren immer noch spielt. Normalerweise ist zwischen 30 und 36 Jahren Schluss. Das kann man sich dann ausrechnen. Jeder normal denkende Mensch würde sagen: „Puh, wenn ich bis zu dem Zeitpunkt noch 500.000 Euro mehr scheffeln kann, die ich mir als Privatier auf die Seite lege“ – also, wenn sie es überhaupt machen – würde sich jeder dafür entscheiden. Deswegen ist es nachvollziehbar. Aber natürlich würde ich mich darüber freuen, wenn ein Mann sagen würde er geht jetzt in Elternzeit, um einfach ein Zeichen zu setzen. Weil er es sich leisten kann für zwei, drei Monate.

Wir hatten über die USA [1. Teil des Interviews siehe hier; Anm. von LS] gesprochen. Wie ist das: Ein Teil der Einnahmen des Angel City FC wird an soziale Zwecke gespendet?

Almuth Schult (3. von links) während ihrer Zeit in den USA. [unbezahlte Werbung wegen Markenerkennung] Foto: Angel City FC

Beim Angel City FC ist es so, dass zehn Prozent aller Sponsoreneinnahmen in soziale Projekte fließen müssen. Die Sponsoren können sich aussuchen, wohin. Es muss aber regional sein, also z. B. nicht in New York, sondern wirklich direkt in Los Angeles. Dadurch haben sie einen Mehrwert für die Region.

Wenn man sich vorstellen würde: Real Madrid, Manchester United und Bayern würden zehn Prozent ihrer Sponsoreneinnahmen nehmen und diese in soziale Projekte stecken, dann kämen Millionenbeträge zusammen. Das ist eine Eigenschaft von Angel City, die ich sehr bewundert habe.

War das ausschließlich in LA oder kennst du ähnliche Beispiele anderer Clubs in den USA?

Ich habe das das erste Mal bei Angel City gehört. Mir ist nicht bekannt, ob es schon Nachahmer gab. Aber dadurch, dass sie sich neu gegründet hatten, konnten sie Konzepte erstellen. Wenn du von Anfang an nur mit 90 Prozent planst, fehlt dir nichts im Haushalt. Aber du kannst dich noch einmal anders mit der Region identifizieren und wirst vermutlich auch nochmal eine andere Unterstützung aus der Region bekommen, weil die Menschen wissen: Mit jedem einzelnen Sponsor tun wir etwas für die Region. Und du willst ja immer eine Identifikation mit dem Verein haben.

Das kommt sehr sympathisch rüber. Hast du vor Ort etwas vom Kansas City FC erfahren – dass sie ein Stadion bauen? Sie wollen dort Stillräume integrieren und alles sehr modern gestalten.

Hab‘ ich mitbekommen. Sie haben noch nicht angefangen zu bauen, aber das Stadion ist in Planung. Dahinter steckt ein großer Investor. Sie haben bereits das Trainingsgelände gebaut. Das habe ich gesehen. In den USA ist es so, dass man bei Auswärtsfahrten immer beim Heimteam trainieren darf. Das wäre in Deutschland nicht möglich – dass plötzlich Dortmund kommt und sagt: „Ja, wir würden gerne an der Säbener Straße [Trainingsgelände des FC Bayern München; Anm. von LS] trainieren“. In den USA ist es im Tarifvertrag inkludiert, dass man den Heimtrainingsplatz für die Auswärtsteams zur Verfügung stellen muss, damit gleiche Bedingungen herrschen. Man muss dazu sagen: Es ist schön, dass das passiert. Aber es sollte auch mit Sinn und Verstand sein. Auf dem Trainingsgelände des Kansas City FC sind manche Dinge nicht funktional für den Fußball gewesen, weil es jemand geplant hat, der da nicht so dringesteckt hat. Ich bin gespannt, wie das Stadion letztendlich aussehen wird und hoffe, dass sie Fehlplanungen vermeiden.

Wie meinst du das im Detail?

Dass Räume nicht so groß waren, dass man sie für den Zweck nutzen konnte, der angedacht war. Was passieren kann, wenn das jemand außerhalb einer Mannschaft plant. Ich kenne Stadien, in denen der Physiobereich für die Mannschaft vergessen wurde und dies erst hinterher aufgefallen ist. Das gibt’s überall. Auch bei anderen Bauunternehmungen. Fehlplanungen wie vielleicht bei Stuttgart 21.

Aber so ein Physiobereich ist ja eigentlich ein Standard…

Es wird immer mal was vergessen, wenn ein Architekt damit keine Berührungspunkte hat. Es ist gut, wenn man das vorher abfragt. Deswegen, ja, Kansas City – aber sie sind ja nicht die einzigen. Man merkt, dass die neuen Lizenzen verkauft sind, dass die Liga auf 14 Mannschaften aufgestockt wird, und da stehen wieder Großinvestoren dahinter: Dort, wo in der Liga in den USA etwas neu gebaut wird, ist ein richtiger Boom. Es ist allerdings noch unterschiedlich, wenn man die Ost- und Westküste betrachtet. Gerade an der Westküste hat man das Gefühl, dass die Sportart richtig angekommen ist. Dort sind die Stadien nahezu immer ausverkauft.

In Orlando sind hingegen nicht viele Zuschauer. In North Carolina kommt es immer darauf an, welches Auswärtsteam zu Gast ist. Aber wenn man das mit Portland vergleicht, mit San Diego, mit Los Angeles, ist das ein ganz anderes Level.

Als Nächstes eine ganz allgemeine Frage: Was bedeutet Fußball für dich, wenn du es in drei Worten ausdrücken müsstest?

Zum einen ist Fußball für mich eine Gemeinschaft, was ich toll finde. Es wird nie langweilig, weil jedes Spiel anders ist und damit ist es immer etwas Neues. Und er ist auch immer Emotion. Das kann man nicht ausklammern. Ob man jetzt hier im Garten mit den Kindern spielt oder mit den Nachbarn auf dem Dorfplatz. Man wird immer Emotionen finden, das Spiel ist nie gleich und es ist immer ein Zusammenschluss von Menschen in kurzer Zeit. Wir haben im Urlaub erlebt, dass sich plötzlich innerhalb von ein paar Minuten ein Fünf gegen Fünf aufgetan hat, und wir dachten: „Hey, wir haben die Leute vorher nicht mal gekannt, wir können noch nicht mal ihre Sprache sprechen, aber wir können mit ihnen Fußball spielen.“ Das geht auch mit anderen Sportarten, aber der Fußball ist sehr leicht zu organisieren, weil man an sich keine Tore bräuchte. Man kann Schuhe oder Dosen oder Flaschen hinstellen und braucht nur einen Ball. Selbst in der Schule hat man mit einem Stein oder mit einer Dose gespielt. Es gibt an sich immer Möglichkeiten, Fußball zu spielen. Deswegen verbinde ich diese drei Begriffe damit.

Almuths Botschaft an fußballbegeisterte Mädchen: „Habt Spaß!“

Was würdest du jungen Mädels, die professionell Fußball spielen wollen – oder, ich will mich nicht darauf beschränken – Mädchen, die im Fußballbereich arbeiten wollen, mit auf den Weg geben wollen?

Das Wichtigste und was ich jedem auf den Weg gebe, ist immer, dass man Spaß haben muss. Man muss immer glücklich sein mit der Aufgabe, die man hat und mit dem, was man macht. Wenn man morgens aufsteht und sich schon quält – klar, gibt es auch solche Tage – aber wenn sich an 90 Prozent der Tage fragt: „Was mach‘ ich hier eigentlich?“, dann müsste man etwas verändern. Genauso sollte es im Fußball auch sein. Ob man dort arbeitet oder spielt: dass man seine Leidenschaft und seine Emotionen entwickelt und dann ist der Fußball als Familie normalerweise sehr dankbar.

Direkt nach den Punktspielen in Richtung Hochschule

Ist es richtig, dass du an der SpoHo [Deutsche Sporthochschule Köln; Anm. von LS] studiert hast? Wie konntest du das Studium und den Profifußball verbinden, weil du ja nicht durchgehend in Köln gelebt hast?

Almuth Schult stand beim VfL Wolfsburg im Tor. Nach ihren Spielen pendelte sie zur Deutschen Sporthochschule. [unbezahlte Werbung wegen Markenerkennung]
Foto: VfL Wolfsburg

Das stimmt. Ich habe während des Studiums zwei Jahre in Köln gewohnt. Danach bin ich gependelt. Zu der Zeit damals bin ich auch gependelt, weil ich nicht in Köln spielen konnte. In Köln gab’s da noch keinen Verein, der ein Frauenteam in der ersten Liga  hatte. Ich habe Sport und Leistung, also Trainingswissenschaft und Diagnostik, studiert bzw. ich muss noch meine Bachelorarbeit schreiben. Ich bin seit Jahren scheinfrei, aber ich habe mich noch nicht in die Bibliothek gesetzt. Es ist mein größtes Hindernis, mir mein Quellenverzeichnis herauszusuchen. Ich hasse das. Bis jetzt war es glücklicherweise noch nicht so, dass ich damit anfangen musste und es kamen viele andere Projekte rein, die spannend sind. Aber es ist noch nicht abgehakt, ich bin noch als Langzeitstudentin eingeschrieben. Das Studium an sich hatte ich relativ schnell fertig. In der Regelstudienzeit habe ich es dennoch nicht geschafft. Das hätte geklappt, wenn ich weiterhin in Köln gewohnt hätte. Aber mit meinem damaligen Verein Bad Neuenahr ging’s nicht weiter und somit bin ich von Wolfsburg aus gependelt. Ich habe auch vorher schon zwei Semester in Magdeburg studiert, konnte leider meine Credit Points nicht anrechnen lassen. Obwohl Bachelor und Master extra geschaffen worden sind: Kein Kurs wurde angerechnet, ich musste komplett von Neuem starten, weil die Sporthochschule sagte, dass bei ihnen die Prüfungen bestimmt schwerer seien.

Von Wolfsburg aus war es eine verrückte Pendelei für zwei bis drei Jahre. Da habe ich versucht, die Kurse abzudecken. Man hat an der Sporthochschule sehr viel Präsenzzeit, das heißt, man kann nicht sagen, dass man sich die Vorlesungen online anschaut oder nur durch die Papers durchgeht. Das funktioniert nicht. Ich bin zweimal pro Woche von Wolfsburg nach Köln zur Uni gependelt. Montags und donnerstags hatte ich Unitag. Das bedeutet: Ich bin immer im Anschluss an die Spiele, also jeweils am Sonntagabend von Wolfsburg oder Freiburg, oder wo auch immer das Auswärtsspiel war, direkt nach Köln gefahren. Dort war ich meist von 07:00 Uhr bis 19:30 Uhr. In die Mittagspause habe ich oft meine Regeneration oder mein Krafttraining reingelegt. Das durfte ich unabhängig von der Mannschaft am Olympiastützpunkt machen. Montagabends bin ich nach Hause gefahren, damit ich dienstags beim Training war. Mittwochs bin ich nach Champions League-Spielen auch nach Köln gefahren, um donnerstags einen halben, dreiviertelten Tag – meist bis 14:00 Uhr – in Köln zu verbringen und bin anschließend losgefahren, damit ich um 17:00 Uhr, 18:00 Uhr in Wolfsburg trainieren konnte. Freitags war ich wieder regulär im Training.

Wow. Richtig starke Sache.

Anders ging’s nicht. Bei einem Uniwechsel hätte ich vermutlich wieder von vorne beginnen müssen.

Das war noch nicht diese Fernstudienzeit, gell…

Überhaupt nicht. Es war so: Wolfsburg hat keine Uni, das nächste wäre Braunschweig, Magdeburg oder Hannover gewesen.

Welche Ziele hast du – wenn du auf die Zeit nach dem Profifußball blickst? Hast du schon etwas konkretes im Kopf? Vielleicht im Sportmedienbereich, weil du bereits einiges für das Fernsehen machst? Oder – da du aktuell die Kleinen im lokalen Verein trainierst – möchtest du eher eine Karriere als Trainerin einschlagen? Oder willst du dich noch nicht festlegen?

Ich bin da komplett offen, ich habe mich auf gar nichts festgelegt. Das würde ich nie machen. Ich habe einen Trainerschein und könnte jetzt in einem Nachwuchsleistungszentrum einsteigen. Zudem arbeite ich im Medienbereich, war oder bin ehrenamtlich tätig. Ich habe schon immer versucht, etwas neben dem Fußball zu machen. Auch als junges Mädchen. Im Alter von 14 Jahren habe ich meinen Schirischein gemacht und auch meinen ersten Trainerlehrgang.

Es gibt so viele andere Projekte, für die ich angefragt bin: Ob das jetzt „Fußball kann mehr“ ist oder eine Spielervereinigung, viele internationale Projekte. Mir wird nicht langweilig und ich bin froh, dass ich das jetzt in meiner vermeintlich fußballfreien Zeit Freiraum dafür habe. Aber wohin es geht, keine Ahnung. Vielleicht wird es ja noch etwas komplett anderes. Schauen wir mal.

DFB-Trainerausbildung: Als gemeinnützige Einrichtung muss man den Profi- und Amateurfußball abbilden

Zurück zum DFB. Wie siehst du die Entwicklung: Entfernt sich der DFB generell viel zu sehr von der Basis, vor allem mit diesem „Zurück an die Weltspitze“ – was m. E. eher aus dem Männerbereich kommt – oder findest du, dass er jetzt doch auch viel macht, mit der DFB-Akademie etc.? Ich sehe ehrlich gesagt die zwei Seiten der Medaille.

Jeder wird da seine subjektive Meinung haben, was vollkommen in Ordnung ist. Was man nicht abstellen kann in einer bunten Gesellschaft. Es gibt Menschen, die garantiert davon profitieren, dass sich der DFB umstrukturiert und dass er auch eine Akademie gegründet hat. Genauso wird es Menschen geben, die das total bescheuert finden.

Ich sehe manche Sachen, die ich echt gut finde, und es gibt Dinge, über die ich mich aufrege. Jetzt gerade gab es eine neue Diskussion in Richtung der Trainerausbildung: ein neu geschaffenes Punktesystem, was es für ehemalige Profispieler erleichtert in Trainerlehrgänge zu kommen. Allerdings ist es zweifelhaft für Menschen, die nicht so hoch gespielt haben, ob ihnen tatsächlich eine Chance gegeben wird. Wir haben für solche Menschen genug Beispiele in der Bundesliga. Der bekannteste ist wahrscheinlich Julian Nagelsmann. Er wäre mit dem Punktesystem vermutlich nicht derart eingestiegen in die Trainerlizenz. Das ist in gewisser Weise schade, weil der DFB sich irgendwie einen zweiten Zweig offenhalten muss, um die komplette Gesellschaft abzubilden.

Wie würdest du das regeln? Ich finde es brutal schwierig. Der DFB hat da ein Monopol inne, du musst die Lizenzen beim DFB absolvieren. Dann werden so wenige Leute in die Lehrgänge aufgenommen. Einen aktuellen Fall gibt es in Unterhaching: Der Verein ist in die Dritte Liga aufgestiegen. Marc Unterberger ist seit 2010 als Trainer bei der SpVgg Unterhaching tätig, hat von der U11 bis zur U19-Bundesliga bzw. U21 alles durchlebt. Er hat die A-Lizenz und identifiziert sich zu 100 Prozent mit dem Verein. Das erinnert ein bisschen an Julian Nagelsmann, der lange im Jugendbereich tätig war. Jetzt wird diskutiert, dass Marc Unterberger noch nicht einmal in den Fußballlehrer-Lehrgang aufgenommen ist. Der Verein ist seit Herbst 2022 in engem Austausch mit den Gremien des DFB und geht stark davon aus, eine gemeinschaftliche Lösung zu finden.

Das ist das Problem. Ich glaube, der DFB will gerne den Profifußball und den Amateurfußball abbilden. Von daher muss er auch zwei Zweige schaffen. Warum denn nicht? Du kannst ja zu einem Lehrgang eine gewisse Anzahl an ehemaligen Profis zulassen und dann hast du noch ein anderes Zulassungsverfahren für die „Amateure“ in dem Sinne. Dass man guckt: Wie lange arbeitet man schon im Verein, wie viele verschiedene Jugenden hat man trainiert? Was ist vielleicht auch als Rückmeldung von dem Verein als eine Art Zeugnis herausgekommen?

Man hat nicht umsonst in den vorherigen Lizenzlehrgängen Empfehlungen bekommen für eine vermeintliche höhere Lizenz oder nicht. Welche Punkte hat man erreicht? Das System war nicht komplett falsch. Sonst wären deutsche Trainer im Ausland nicht derart angesehen. Auf der anderen Seite muss man auch zu Gute halten: Natürlich ist es für einen Sportwissenschaftler leichter, Dinge in der Trainerlizenz zu adaptieren als für jemanden, der vielleicht eine BWL-Ausbildung hat. Aber wo ist da das Kriterium, wenn jemand etwas mit Leidenschaft macht? Und Fußballtalent in dem Sinne, dass du selbst spielst, das muss dir in die Wiege gelegt sein, weil es etwas Körperliches ist. Aber du kannst trotzdem einen Fußballverstand entwickeln und den sollte man nicht zu niedrigschwellig ansetzen.

Ich bin da auch sehr zwiegespalten und würde mir wünschen, dass der DFB es schafft, Amateure und Profis abzubilden. Das ist auch der Wunsch von vielen Vereinen: dass man auch als Amateur gehört wird, dass die Landesverbände gehört werden. Das darf der DFB definitiv nicht verlieren. Aber natürlich ist eine qualitative Auswahl immer mit mehr Aufwand und Ressourcen verbunden und dadurch schwieriger breit gefächert und gerecht zu gestalten.

Es sind viel zu wenige Plätze vorhanden, das ist definitiv ein Problem. Klar wird man nie alle reinbringen, weil einfach viel zu viele den Lehrgang machen wollen. Aber es sind extrem wenige Plätze… (nachdenklich)

Ja, und es ist mittlerweile wirklich teuer. Wenn du für die A-Lizenz 10.000 Euro bezahlen sollst – wer kriegt’s hin? Es gibt immer Verbesserungspotenzial und eigentlich ist es gut, wenn nicht die breite Masse meckert, sondern nur vereinzelte Leute. Man allerdings zur Zeit das Gefühl, dass  die breite Masse meckert. Hoffen wir mal, dass die Stimmung wieder besser wird, und der DFB seinen Auftrag als gemeinnützige Einrichtung erfüllt.

Vielen Dank für deine Zeit, Almuth!

Teil II: Anson Dorrance über Sportpsychologie und die Revolution im Fußball der Frauen

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die mentale Gesundheit oder die Sportpsychologie für Ihre Arbeit? Denn in meinen Augen sind die USA in der Hinsicht viel besser als Deutschland aufgestellt. Es war so, als ob Jürgen Klinsmann die Themen 2004 erstmal überhaupt aus den USA nach Deutschland gebracht hätte, und alle in Deutschland dachten: Oh, was macht der denn da?. Er installierte einen Sportpsychologen, mehrere Fitnesstrainer und so weiter. In meinen Augen war das so: „Oh, lass es ihn einfach machen“, und dann erreichte Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2006 den dritten Platz – was eine großartige Leistung war. Wie wichtig ist das für Ihre Arbeit und wie hat sich das von der Zeit, als Sie als Trainer begonnen haben, bis heute entwickelt?

Nun, ich denke, alle großen Trainer sind Sportpsychologen. Auch wenn sie das nicht studiert haben und auch wenn sie sich nicht dazu bekennen, es zu zeigen. Denn eines der wichtigsten Elemente auf höchstem Niveau ist natürlich das Management von Männern und Frauen, die Art und Weise, wie man seine Spielerinnen unterrichtet.

Und das ist eine Form der Sportpsychologie. Denn wir müssen verstehen, dass jeder Mensch anders ist und jeder anders behandelt werden muss, weshalb das Klischee sehr zutreffend ist. Ja, die meisten Spielerinnen, die durchschnittlich sind, wollen in Ruhe gelassen werden. Und es gibt gute Spielerinnen, die trainiert werden wollen. Aber man muss vorsichtig sein, WIE man sie coacht. Deine Fähigkeit, einzuschätzen, wie du mit jeder Spielerin umgehen wirst, weil jede Spielerin anders ist, ist also ein entscheidender Maßstab für deine Fähigkeit, die Lebenslage jeder Spielerin zu verstehen. Das ist Sportpsychologie.

Wir haben hier bei der UNC eine wunderbare Sportpsychologin. Als ich 1976 als Trainer der Männer angestellt wurde, hatten wir hier keinen Sportpsychologen. Wir haben nicht viel darüber gesprochen. Wer war also der Sportpsychologe? Nun, ich denke, ich war es. Ohne eine Ausbildung zu haben. Ich hatte einen Abschluss in Englisch und Philosophie.

Aber mit einigen der Jungs aus dem Männerteam hatte ich sogar selbst zusammen gespielt. Weil ich so jung eingestellt wurde. Ich habe Jungs trainiert, mit denen ich schon zwei oder drei Jahre zuvor gespielt hatte. Ich denke also, dass wir alle in unserem Beruf als eine Art Sportpsychologe anfangen.

Aber es gibt natürlich einige, die sehr gut sind. Weil sie es studiert haben. Und diese Leute haben wir jetzt. Wir haben eine wunderbare Sportpsychologin namens Jeni Shannon, die sich alle paar Wochen mit meinem Team trifft, und das ganze Team liebt sie. Sie ist in allem sehr gut. Sie kann gut mit den Elementen umgehen, die wir in unserem Spiel verwenden. Aber sie kann auch sehr gut mit anderen Problemen umgehen, die unsere Kinder während dieser Pandemie haben. Das ist eine ganz andere Stärke, mit der die Kinder auf das College kommen. Denn früher bedeutete das College zum ersten Mal Freiheit. Sie können ihre Heimat verlassen, ihre Eltern sind nicht da, um sie zu wecken und zum Unterricht zu schicken. Oder ihnen zu sagen, was sie essen oder wann sie ins Bett gehen sollen. Jetzt sind sie zum ersten Mal in ihrem Leben der Kapitän ihres eigenen Schiffes. Und wenn man jung ist, macht man natürlich die Hälfte der Zeit etwas mit dem Schiff, und am Ende lässt man es auf Grund laufen, weil man ein Idiot ist.

Anson Dorrance findet, dass die Sportpsychologinnen der University of North Carolina einen super Job machen.
Foto: Athletic Department, University of North Carolina

Was man tut, ist zu lernen, sich oft selbst langsam aber sicher durch Trial and Error zu organisieren. Aber auch, wenn man ein gutes Wertesystem hat und richtig erzogen wurde, kann man sich selbst langsam anpassen. Doch genau hier kommen die Sportpsychologen mit dieser Pandemie ins Spiel. Die Sache mit der psychischen Gesundheit ist ein ernstes Problem. Diese Fachleute können so viel besser damit umgehen als ich. Ich möchte Jenni Shannon und den Sportpsychologen hier an der UNC ein Lob aussprechen, und ich gehe davon aus, dass sie im ganzen Land, und auch in deinem Land, fantastische Arbeit leisten, um diese jungen Frauen und Männer ins gelobte Land zu bringen. Und das ist nicht nur das gelobte Land der Leistung der Spielerinnen, sondern auch das gelobte Land der Anpassung an die reale Welt, des Erwachsenwerdens und all dieser verschiedenen Dinge, die offensichtlich für uns alle eine Herausforderung beim Heranwachsen darstellen.

Nimmt Jenni Shannon an den Trainingseinheiten teil oder hat sie ein Büro, in das jede junge Frau oder jeder junge Mann mit Schwierigkeiten oder Problemen kommen und mit ihr sprechen kann? Wie funktioniert das?

Ja, das ist eine Möglichkeit, wie es abläuft. Sie können Termine mit ihr vereinbaren, und sie kann sich mit ihnen unter vier Augen treffen. Bei uns ist es aber auch so, dass wir uns alle paar Wochen am Ende des Trainings treffen. Wir haben einen Pavillon, der ein offener Unterstand ist, und dort trifft sie sich mit ihnen. Wenn es also regnet, kann sie trotzdem mit der ganzen Mannschaft sprechen. Wir haben kein Training auf dem Campus. Sie müssen sich nicht ins Auto setzen, irgendwohin fahren und sich mit ihr treffen, denn sie ist bereit, direkt zu ihnen zu kommen. Sie kommt also zum Team.

Offensichtlich geht es dann um allgemeine Themen. Aber jede weiß – und das sagt sie ihnen auch: „Wenn du ein persönliches Problem hast, das du in dieser Sitzung nicht zur Sprache bringen kannst, und das du mit mir persönlich und unter vier Augen besprechen möchtest, dann steht meine Tür immer offen. Schicke mir bitte eine E-Mail, und wir werden eine Zeit finden, die für uns beide passt, und dann können wir uns in meinem Büro treffen“. Für uns ist es also beides. Sie trifft sich mit dem Team und sie trifft sich mit den Jugendlichen, die sich privat mit ihr treffen wollen.

Wow, das ist großartig. Ich habe nämlich den Eindruck, dass es in Deutschland sehr langsam vorangeht, dass sich wirklich alle diesem Thema annehmen. Vor allem beim Fußball der Männer oder im Juniorenbereich – in den besten Ligen wird teilweise gesagt: „Ach, die spinnen doch. Sportpsychologen – ich bin nicht verrückt“. In meinen Augen verstehen viele den wirklichen Sinn dahinter nicht.

„An meiner Hochschule hier, der University of North Carolina, werden Männer und Frauen im Grunde genommen gleich behandelt.“

Lassen Sie uns über ein anderes Thema sprechen. Wie hat sich der Fußball der Frauen in den letzten Jahrzehnten, seitdem Sie angefangen haben, bis heute entwickelt? Glauben Sie, dass Sie die besten Trainingseinrichtungen haben? Ich habe mich im Internet informiert. Sie haben ein großartiges Trainingsgelände, ein großartiges Stadion… Fehlt da noch etwas oder ist es so, dass Sie perfekt arbeiten können und alles haben, was Sie für die Trainingseinheiten und für die Ausstattung brauchen?

An meiner Hochschule hier, der University of North Carolina, werden Männer und Frauen im Grunde genommen gleich behandelt. Wir bekommen also alles, was die Männer bekommen, und umgekehrt spielen wir im selben Stadion, das wir uns übrigens auch mit den Lacrosse-Teams teilen. Wir haben hier also eine Lacrosse-Mannschaft für Männer und Frauen. Sie spielen im Winter und im Frühjahr. Wir spielen im Herbst.

Für uns Deutsche wäre das ein Traum. Bei uns läuft das nicht so. Vielleicht wissen Sie, dass in Deutschland immer mehr Frauenteams zu den Bundesligavereinen der Männer kommen. Sie gründen Frauenteams. Aber sehr, sehr langsam… Wir schreiben das Jahr 2022.

Offensichtlich haben wir eine andere wirtschaftliche Plattform. Diese wird vollständig von zwei Teams unterstützt. Sie wird von der American-Football-Mannschaft und dem Männer-Basketball unterstützt. Diese beiden Teams erwirtschaften das Geld für uns alle. Es gibt also keinen Grund für eine Diskriminierung, wenn das Footballteam oder die Fußballmannschaft der Herren mehr Geld bekommt als wir. Nein. Wir alle teilen uns die Einnahmen aus dem Fußball und dem Basketball der Männer zu gleichen Teilen auf.

In Deutschland habt ihr ein anderes Modell, das Vereinsmodell. Danach gilt: Je mehr Geld man ausgibt, desto besser muss man sein. Wenn die Spitzenteams in Deutschland also einen Spieler kaufen wollen, wollen sie natürlich so viel Geld wie möglich ausgeben. Und die Vereine, die viel Geld verdienen, wollen es nicht teilen. Das ist verständlich, da ein direkter Zusammenhang zwischen der Höhe der Ausgaben der einzelnen Vereine in Deutschland und ihrem Erfolg besteht. Eine der Gefahren für die Hierarchie in Deutschland besteht also darin, dass die Herrenmannschaften beschließen, in die Frauenmannschaften zu investieren. Denn dann ist das Geld, das sie für die Frauen ausgeben, Geld, das sie nicht für die Männer ausgeben. Und die Frauen bringen kein Geld ein.

Das ist das Problem.

Ja, das ist das Problem. Im Grunde weiß ich es also zu schätzen, dass du dieses Thema ansprichst. Denn was ich meinen Mädels immer wieder sage, ist, dass es hier einen Rechtsstreit gab (Cindy Parlow, die Präsidentin des Fußball-Verbandes der Vereinigten Staaten, hat geholfen, ihn beizulegen), bei dem das Fußballnationalteam der Frauen den Verband US Soccer auf gleichen Lohn verklagte. Und natürlich wollen sie – weil unser Nationalteam der Frauen viel erfolgreicher ist als unser Nationalteam der Männer – wie die Männer bezahlt werden.

Ich habe über Megan Rapinoe gelesen, ich mag sie wirklich sehr! Sie ist großartig.

Ja, sie kämpft für gleiche Bezahlung. Was Rapinoe noch nicht verstanden hat, ist, dass man für die gleiche Bezahlung auch die gleichen Einnahmen haben muss. Und im Moment gibt es auf professioneller Ebene und bei der Weltmeisterschaft keine gleichen Einnahmen. Es wird also unmöglich sein, überall eine gleiche Bezahlung zu erreichen, ohne die Lücke bei den Zuschauerzahlen zu schließen.

Das sage ich meinem Frauenteam auch immer wieder: Wir haben eine Profimannschaft, die nur 25 Minuten von uns entfernt ist. Sie heißt „North Carolina Courage“. Und was wirklich interessant ist, ist der Unterschied zu den Männern: Die männlichen Spieler hier, das sind alles College-Kids, das sind alles Amateure – was sie die ganze Zeit tun, ist nichts anderes als Fußball zu schauen. Sie sehen sich die EPL [Premier League; Anm. von LS] an, sie sehen sich die Bundesliga an, Bayern ist eine großartige Mannschaft, die man beobachten kann. Sie sehen sich die Champions League an, aber auch Borussia Dortmund, weil sie für die amerikanischen Spieler erfolgreich sind. Das sind also die Mannschaften, deren Spiele die Männer die ganze Zeit anschauen.

Schaut mein Frauenteam irgendetwas? Auf keinen Fall. Sie gucken gar nichts. Deshalb sage ich meinen Mädels immer: „Wenn ich dich über gleiche Bezahlung schwadronieren höre, nenne ich dich eine Heuchlerin. Denn solange du hier bei der UNC bist, hast du kein einziges Fußballspiel angeschaut. Und du bist nie rübergegangen und hast Geld bezahlt, um North Carolina Courage spielen zu sehen. Und jetzt, wo du selbst bei den Carolina Courages spielst, willst du nicht heucheln, dass jeder kommen soll, um dich spielen zu sehen, obwohl du nie hingegangen bist, um sie spielen zu sehen?“

Ich versuche also unter anderem, diese Kultur des Fußballs der Frauen zu ändern. Und ich versuche, unsere Kultur des Fußballs der Männer anzunähern. Was hat denn der Fußball der Männer, was wir nicht haben? Der Fußball der Männer hat Menschen, die ihn unterstützen. All die Menschen, die gleichen Lohn für Frauen fordern, müssen sich also überlegen, wie sie die Leute dazu bringen können, deren Spiel zu sehen.

Das ist es also, was man tun muss. Obwohl ich Rapinoe sehr bewundere: Sie hat den geschäftlichen Aspekt dieser Sache nicht erkannt. Sie begreift nicht, dass Bayern München seine Position in der Bundesliga verlieren würde. Sie verstehen also nicht, dass 15 Millionen Dollar pro Jahr für ein Frauenteam 15 Millionen Dollar Verlust für die Männer bedeuten würden. Sie könnten einen weiteren Linksverteidiger von Borussia Dortmund abwerben und so weiter und so fort. Das muss also irgendwie unter einen Hut gebracht werden.

In meinen Augen ist es schade, aber das lässt sich nicht ändern, weil es zu schwierig ist. Der Fußball der Männer ist viel weiter entwickelt.

Nein, nein, nein, ich meine, man kann sich entwickeln. Das Beste ist, nicht darüber zu jammern, sondern etwas dagegen zu tun. Und der Weg, etwas dagegen zu tun, besteht darin, dass die Menschen mehr Spiele ansehen und unsere Zuschauerzahlen steigen, so wie in Barcelona, wo kürzlich bei zwei Spielen in Folge über 91.000 Zuschauende kamen.

Ich schaue sehr gerne dem Frauenteam von Bayern München zu. Es ist so verrückt im Stadion, ich mag es wirklich. Es ist so familiär, man kommt zusammen – auch die verletzten Spielerinnen, die nicht spielen können, sitzen auf der Tribüne, schreiben Autogramme, machen Fotos mit den jungen Fans und so etwas könnte man bei einem Spiel der Männer in der Allianz Arena nie erwarten. Das wäre nicht möglich. Niemals.

Das liegt daran, dass die Männer das nicht machen müssen. Die Frauen müssen es. Und das wird übrigens eine Revolution. Eine Revolution muss die Art und Weise sein, wie wir unsere Gesellschaft einbeziehen, wir werden es hier mit unserem Stadion tun. Und ich habe viel Geld ausgegeben, um den Fußball der Frauen in meinem Stadion [das Stadion der UNC ist nach Anson Dorrance benannt; Anm. von LS] zu fördern. Und wir haben sogar mehr Zuschauende als die Männer. Das hat seinen Grund, denn ich tue alles, um das Stadion voll zu bekommen. Früher habe ich einen großen Teil meines persönlichen Einkommens für das Marketing unserer Mannschaft verwendet. Ich verstehe, dass ein weiterer Schritt getan werden muss. Und was ist das für ein Schritt? Wir müssen gleiche Zuschauerzahlen haben.

Heiko Herrlich über seinen einstigen Hirntumor: „Gottesglaube“ und „Angst vor dem Tod“

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Heiko Herrlich schaffte mit dem SSV Jahn den Aufstieg in die zweite Liga und ist nun Erstligacoach bei Bayer 04 Leverkusen. Foto: Lisa Schatz

Rückschläge. Wenn Heiko Herrlich auf seine Karriere als Fußballprofi zurückblickt, erinnert er sich nicht nur an DFB-Pokalsiege und Deutsche Meisterschaften. Neben seinen Erfolgen gab es auch Schattenseiten: Ihn hat unter anderem eine Krebserkrankung geprägt. Im Alter von 28 Jahren wurde beim damaligen BVB-Profi ein Hirntumor festgestellt. Zu dieser Zeit erwartete seine Ex-Frau Herrlichs erstes Kind. Für den jungen Mann kam damals einiges zusammen. Inzwischen ist er 45 Jahre alt, gesund, hat vergangenen Monat den Zweitligaaufstieg mit dem SSV Jahn Regensburg geschafft und kürzlich beim Erstligisten Bayer Leverkusen einen Zweijahresvertrag als Cheftrainer unterzeichnet. Mich hat interessiert, wie er reagiert hat, als er im Herbst 2000 die Diagnose „Krebs“ bekam, inwieweit sich die Wertigkeit des Fußballs dadurch für ihn verschoben hat und wie die Unterstützung durch den Verein für ihn aussah…

Herr Herrlich, wie haben Sie damals von Ihrer Krebserkrankung erfahren, wie hat sie sich bemerkbar gemacht?

Ich hatte ein paar Wochen davor während der Medizinchecks immer wieder eine Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung; Anm. von LS). Die Nebenhöhlen waren zu und dann hat man sich entschlossen, sie zu fenstern. Ich wurde also operiert und bin zwei, drei Wochen ausgefallen. Als ich wieder eingestiegen bin, hatte ich plötzlich Sehprobleme. Im ersten Moment dachte man, dass das mit der OP zusammenhing. Das wurde kontrolliert. Die Sehnerven waren ok, da war nichts angegriffen. Dann wurde ich zum Neurologen geschickt. Dieser hat einen Kernspin veranlasst, weil ich folgendes Symptom hatte: Ich habe alles doppelt gesehen, links und rechts. Wenn ich in Kopfballduelle gegangen bin, ist der Ball vier, fünf Meter hinter mir gelandet. Eine Woche vor der Diagnose haben wir noch gegen Bayern München gespielt und 2:6 im Olympiastadion verloren. Ich hab noch das 1:0 für uns gemacht, aber in der zweiten Halbzeit habe ich keinen Ball mehr erwischt. Das war irgendwie ganz komisch, ganz merkwürdig. Dann wurde ich in den Kernspint geschickt, habe mich einem Sehtest unterzogen und dort hat sich gezeigt, dass da eine kleine Stelle ist, die sich letztendlich als Tumor herausgestellt hat.

Was war der erste Gedanke, den Sie hatten? Wie haben Sie reagiert?

Unser damaliger Vereinsarzt Dr. Preuhs kam zu mir nach Hause. Meine Ex-Frau war im dritten Monat schwanger mit unserer ersten Tochter. Wir hatten uns gerade Babybücher angeschaut und überlegt, wie wir das Kinderzimmer einrichten. Wir saßen zusammen am Esstisch. Der Arzt sagte, dass ich einen Tumor habe und ich meinte: „Ok, müssen wir halt operieren“. Er antwortete darauf: „Nein, das geht nicht an dieser Stelle. Danach wärst du schwerstbehindert“. Daraufhin hab ich gefragt: „Was bedeutet das jetzt, geht es um Leben und Tod?“. Dann hat er genickt. Das war natürlich ein Schock für mich. Aber anschließend bin ich aufgestanden und habe gesagt, dass ich ein gläubiger Mensch sei und dass ich es vielleicht nicht immer habe wertschätzen und wahrnehmen können, wie gesegnet ich sei und was für eine tolle Ehefrau, Brüder, Freunde und Eltern ich habe. Und ich meinte: „Ja, lieber Gott, wenn das jetzt der Weg ist, den du mit mir vorhast, gut, dann ist das hart, aber dann gehe ich den mit und vertraue dir auch da“. Ich hatte natürlich Tränen in den Augen und dachte mir: „Bitte hilf mir, aus der Nummer rauszukommen“. Das war hart für mich: In dem Moment war es wirklich ein Keulenschlag, aber ich bin ein gläubiger Mensch. Irgendwie habe ich durch mein Gottvertrauen gleichzeitig eine wärmende Unterstützung empfunden. Ich habe gesagt: „Ok, das ist jetzt so“.

 

„Es war ein Zeichen, dass ich einige Dinge ausräumen muss“

Dann habe ich gebetet und das einfach mal für mich sacken lassen und gespürt, dass ich aufräumen muss in meinem Leben. Der Gedanke war: „Ok, das ist jetzt ein Zeichen, dass ich einige Dinge ausräumen muss. Zwischen mir und meinen Eltern, meinen Brüdern, Freunden und meiner Ex-Frau. Dass ich einfach Dinge klarstellen muss“. Das habe ich für mich als Chance begriffen: „Ja, vielleicht habe ich jetzt noch zwei Monate zu leben. Vielleicht sehe ich mein Kind nie. Aber dann habe ich die Chance, zwei Monate alles positiv zu gestalten und in der Zeit das Beste zu geben. Anstatt dass ich jetzt noch fünfzig Jahre lebe und Dinge nicht bereinigt sind. Als ich das dann getan habe, ging es mir besser. Obwohl ich auch Phasen hatte, in denen ich richtige Angst hatte vor dem Tod. Weil ich ja nicht wusste, was auf mich zugekommen wäre an Schmerzen.

Aber dann wurde ich von Professor Sturm in der Uniklinik Köln behandelt. Er war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gehirntumore und auch ein ganz toller Mensch. Ich habe ihm meine Gefühle mitgeteilt und er hat gesagt, dass er an Gott glaube und dass sich in der Medizin manche Dinge so entwickeln würden, wie man da eben Gott erfährt. Die Medizin habe auch ihre Grenzen. Ich habe meine Situation also in Gottes Hand gelegt und bald kamen die ersten positiven Nachrichten: Die Biopsie, in welcher sich herausgestellt hat, dass es ein böser, schnell wachsender Tumor sei, ergab, dass dieser aber unter Bestrahlung wie Butter schmelze. Das bedeutete, dass mein Tumor nicht operiert, aber durch Bestrahlung bekämpft werden konnte. Ich war dazu in Heidelberg und nach fünf Wochen war der Tumor nicht mehr sichtbar.

Inwieweit wurden Sie in dieser Zeit von Ihrem Verein, dem BVB, unterstützt?

Für mich war eigentlich nach der Diagnose das Fußballthema beendet. Ich wusste: „Jetzt geht’s nur noch um Leben und Tod.

Wenn ich wirklich nochmal auf dem Platz stehen würde, dann wäre das irgendwie alles nur noch ein Bonusprogramm“.

Wie sah die psychologische Unterstützung aus?

Dr. Preuhs hat da menschlich Unglaubliches geleistet. Er ist eigentlich Orthopäde und war während der schwierigen Zeit an meiner Seite. Er hätte ja auch sagen können: „Das wird nix mehr, das geht schief“. Aber er war wirklich an meiner Seite: als Begleiter, Unterstützer, Zuhörer. Im Verein wurde ich natürlich abgeschottet. Mir wurde jegliche Unterstützung zugesagt, aber ich war alleine mit meiner Familie und meinen Freunden und das wollte ich auch so. Für mich waren Herr Dr. Preuhs, Professor Sturm und meine engste Familie da. Es gab sicherlich immer wieder Menschen, die zu mir gekommen sind: ob Stefan Reuter oder Christian Nerlinger, welcher mir damals ein Buch von Lance Armstrong gebracht hat. Aber ansonsten habe ich mich abgeschottet. Du, ich wollte da auch alleine sein. Da kann dir ja niemand helfen. Ich hatte auf jeden Fall die Unterstützung der Fans in den Stadien. Aber ich wollte alleine sein.

War es so, dass Sie – nicht nur alles, was negativ war – bereinigen wollten, sondern auch, dass Sie sich einen Traum erfüllen wollten, zum Beispiel eine Reise? Oder war es eher der Fall, dass Sie die Zeit mit Ihrer Familie und mit Ihren Freunden nochmal richtig genießen wollten, soweit es ging?

Nein, ich wollte den Alltag beibehalten. Meine Ex-Frau hat damals studiert. Ich wollte eben nicht weg, sondern alles normal weiterlaufen lassen und nichts Besonderes machen. Die Bestrahlung war schon eine Belastung. Das war enorm, was da passierte: Ich hatte keinen Appetit mehr, ich konnte nichts mehr essen. Das war schon eine schwierige Phase. Da wollte ich einfach Zuhause bleiben und nicht ins Büro hinein. Als die Symptome und Nebenwirkungen nach einem halben Jahr nachgelassen haben, sind wir eine Woche in den Urlaub gefahren. Danach habe ich aber schon wieder angefangen zu laufen, zu trainieren. Dann kam unsere Tochter und von da an ging’s aufwärts.

 

„Wenn du gesund bist, dann sind das eigentlich schon 99,9 % von deinem Leben“

Wie hat sich – gerade in der Zeit der Diagnose – die Wertigkeit des Fußballs für Sie verschoben?

Ich war vorher schon geerdet und wusste dieses Geschäft einzuschätzen. Es wurde dann einfach nochmal intensiver. Ich wusste, dass ich ein Verfallsdatum auf der Stirn habe. Durch den Hirntumor ist mir das klarer geworden, als mir meine Grundlage entzogen wurde. Letztendlich haben sich die Werte für mich nach dem Hirntumor im Prinzip nochmal verändert. Wenn du gesund bist, dann sind das eigentlich schon 99,9 % von deinem Leben. Wenn du das Glück hast, dann noch eine Arbeit zu haben und abends satt bist und ein Dach über dem Kopf hast, dann geht es dir eigentlich gut.

In dem Moment, in dem du diese Diagnose hast, ist alles andere unwichtig.

Dann interessiert dich nicht, ob du eine schöne Wohnung hast oder ein schönes Haus oder ein schönes Auto. Das wird völlig uninteressant. Das brauchst du dann alles nicht.

Wie war die Zeit der Strahlentherapie? Hat sie Sie ausschließlich geschwächt, sodass Sie nur noch Zuhause gelegen sind, oder gab es eine Phase, in der Sie sich dachten: „Ja, ich habe das Gefühl, es schlägt an“ – auch, wenn man die Schmerzen hat – oder kamen Ihnen Negativgedanken wie: „Was mache ich gerade für eine Hölle durch?“.

Die Kernspintbilder, die MRT-Bilder haben gezeigt, dass die Therapie anschlägt, aber trotzdem war ich gleichzeitig in einem Loch. Diese Therapie war kräftezehrend und sie hat geschlaucht. In der Phase hatte ich Höhen und Tiefen.

Wie schnell sind Sie im Anschluss wieder in den Alltag zurückgekommen? Wie lange wirkte das Ganze nach, wie lange haben Sie sich noch mit der Thematik beschäftigt, oder haben Sie sich wieder komplett von der Familie und dem Fußball mitreißen lassen, als Sie wieder den geregelten Alltag mit den Spieltagen und dem Training hatten?

Das hat sicherlich so zwei, drei Jahre gedauert, weil ich auch Phasen hatte, in welchen ich wirklich kein Vertrauen zu meinem Körper hatte, weil ich immer Angst hatte, dass ich etwas Neues habe. Da ist mir das Gottvertrauen ein bisschen verloren gegangen. Da hatte ich sicherlich auch Phasen, in denen ich Hänger hatte. Letztendlich ging das solange, bis ich angenommen habe, dass ich diese Krankheit eben hatte. Letztendlich, ganz salopp gesagt, habe ich formuliert: „Keiner wird’s schaffen, hier zu bleiben. Das gehört irgendwo auch dazu: diese Schicksalsschläge. Das habe ich nun überwunden“. Heute habe ich einfach so ein Gottvertrauen, sodass alles seine Richtigkeit hat.

Wie hat sich die damalige Erkrankung auf Ihre heutige Einstellung ausgewirkt? Vielleicht sehen Sie das Spiel auch etwas „lockerer“ als früher?

Nein, lockerer nehme ich es nicht. Das ist meine Arbeit. Unser Auftrag ist es, Spiele zu gewinnen und nach Möglichkeit schön zu spielen. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben und das sage ich auch den Jungs: „Ihr müsst immer versuchen, euer Bestes zu geben. Wenn die anderen besser sind, dann können wir nichts ändern. Dann muss man das akzeptieren. Ich als Trainer und ihr als Spieler. Dann müssen wir einfach noch weiterfighten und versuchen, das nächste Mal besser zu sein“. Aber wenn das getan ist und wir unser Bestes gegeben haben, dann geht nicht mehr. Man kann es ja nicht kaufen oder erzwingen. Einfach das Beste geben und das dann akzeptieren. Das versuche ich meiner Mannschaft immer wieder zu sagen. Danach verfahren wir. Wir wollen ja Menschen begeistern und Spiele gewinnen. Aber ich bin sehr mit mir im Reinen, wenn ich weiß, ich habe alles gegeben, alles für den Sieg getan. Und wenn es nicht gereicht hat und die anderen besser waren oder ich einen Fehler gemacht habe und den aus bestem Wissen und Gewissen, akzeptiere ich das und gehe mit mir nicht so hart ins Gericht. Ich akzeptiere, dass ich auch Fehler mache. Zum Beispiel hinsichtlich der Aufstellung oder in der Vorbereitung. Ich akzeptiere, dass ich nicht perfekt bin, wie auch die Spieler.

Wenn Sie sich die Entwicklung im psychologischen Bereich im Profifußball im Laufe der Jahre und Jahrzehnte anschauen: Welche Unterstützung erhalten die Profis heute und hat sich das im Gegensatz zu damals geändert?

Sportpsychologie hat nichts mit normaler Psychologie zu tun. Die Topvereine in der ersten Liga haben heute ein Netzwerk von Ärzten in allen Bereichen. Wenn dahingehend etwas wäre, können die Spieler umfangreich unterstützt werden.

Wie war das bei Ihrem Drittligateam in der zurück liegenden Saison? Suchen sich die Spieler, wenn Sie Probleme haben, selbst einen (Sport-)Psychologen?

Nein, mir wäre kein Fall bekannt, in dem einer der Spieler das in Anspruch genommen hat. Wenn die Spieler uns etwas erzählen oder anvertrauen, bieten wir als Trainer ihnen auch Unterstützung in allen Bereichen. Wichtig ist natürlich, dass der Spieler auf uns zukommt und uns sagt, welche Probleme er hat. Das gilt im Übrigen jetzt in der ersten Liga noch ganz genauso. Die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen – sei es über den Verein oder privat – wäre dann eben nochmal eine zusätzliche Option.

Vielen Dank für dieses offene Interview, Herr Herrlich.

Sehr gerne.

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