Wir schreiben den 15. Juli 2017. Vor drei Jahren traf die deutsche Männer-Nationalmannschaft auf der Fanmeile in Berlin ein und feierte. Den Weltmeistertitel. Ich hatte das Glück, auf der Fanmeile dabei sein zu dürfen.
BERLIN. 15.7.2014. Nun war ich da. Am Hauptbahnhof. In BERLIN. So schnell ging’s. Vor rund 38 Stunden saß ich noch in meiner Wohnung, den Laptop vor mir und den Fernseher eineinhalb Meter neben mir, der das Feuerwerk zeigte, und einen freudestrahlenden deutschen Nationalspieler (und Fan!) nach dem anderen. Die deutsche Männer-Nationalmannschaft war frischgebackener Weltmeister. Und für mich hieß das: So schnell wie möglich günstige und gute Zugtickets nach Berlin buchen! Denn nun stand fest, wann die Weltmeister dort auf der Fanmeile empfangen werden würden.
Jetzt zurück zum Bahnhof. Schon im Zug saßen überall Fans. Wo ich hinblickte: Deutschlandtrikots, Schals, Fahnen, Flaggen. Ein Fan ließ es sich trotz Gipsfuß, Krücken und der brütenden Hitze draußen (das juckt sehr mit Gips – ich spreche aus Erfahrung…) nicht nehmen, nach Berlin zu reisen. Die Stimmung im Zug war fantastisch. Immer wieder kamen Menschen miteinander ins Gespräch, die sich während der Fahrt kennen lernten und über die Mannschaft um Jogi Löw diskutierten.
Vor dem Hauptbahnhof. Da stand ich nun, mit umgehängter Deutschlandflagge, Freudestrahlen im Gesicht und ausnahmsweise nahezu null Plan, wo ich genau hinmusste. Lediglich die Skizze von der Fanmeile hatte ich mir im Internet angesehen, aber mehr auch nicht. Mein Plan war diesmal, keinen Plan zu haben. Einfach überraschen lassen. Und das ging auf. Es wimmelte nur so von Fans. Wie von einem Magneten angezogen, strömte ich mit der Menschenmenge an der Spree entlang. Ich hatte Gänsehaut vor Freude. Und ganz ohne Plan war mir klar, dass das der richtige Weg war.
Angekommen. Soeben noch durch den Park gelaufen, stand ich jetzt auf der Straße des 17. Juni. FANMEILE. Hier war vielleicht was los – obwohl es noch echt früh war! And now: A moment like magic. Plötzlich blickte ein Mensch nach dem anderen gen Himmel. Wir fotografierten, winkten und jubelten, denn sie war da: Die Fanhansa. Diesen Moment kann man nicht beschreiben, er IST nicht in Worte zu fassen, man kann ihn nur nachvollziehen, wenn man ihn selbst erlebt hat. Ist einfach so.
Eindrücke von der Fanmeile am 15.7.2014. Fotos: Lisa Schatz
Auf der Fanmeile. Die darauf folgenden Stunden bedeuteten friedliche Fußballparty, Gemeinschaft, Zusammenhalt, Fantreffen und neue Freundschaften knüpfen. Ich lernte zwei Mädels kennen. Sie hatten entschlossen, dem juristischen Unialltag für ein paar Stunden zu entfliehen – vom Hörsaal auf die Fußballparty und dann wieder von der Fanmeile back to normal life. Zu einer der beiden hab ich noch bis heute Kontakt. Dank Fußball.
Der komplette Nachmittag war ein schlichtweg unvergessliches Erlebnis. Zusammen mit 999.999 Menschen auf der Fanmeile zu stehen – das war unglaublich! Meine Begeisterung brachte ich damals auch in einem Fernsehinterview zum Ausdruck. Da ich das Ganze mit Diktiergerät aufgezeichnet habe, möchte ich es euch nicht vorenthalten. Ladies and Gentlemen! Es folgt… Die Audiodatei-PREMIERE auf meinem Fußballblog (die Aufzeichnung ist zwar nur fünf Sekunden lang, aber immerhin;-))…
Alles, was ich an diesem Nachmittag erlebt habe, dürfte wirklich mit diesen vier Sätzen zusammengefasst und ausgedrückt sein. Wir haben friedlich gefeiert, die Fans lachten, sangen und tanzten zusammen auf der Straße des 17. Juni. Der wohl passendste Song, der mich bis heute immer wieder an diesen einen, unvergesslichen Tag erinnert, ist der von Andreas Bourani. „Ein Hoch auf uns“ tönte es damals aus den Boxen. WIR alle feierten an diesem Tag wirklich eine MANNSCHAFT, die während des gesamten Turniers als Mannschaft auftgetreten war. Fußball ist einfach mehr als nur ein 1:0. Das deutsche Team stand während der WM 2014 für Fairness, Zusammenhalt und Respekt. So sollte Fußball immer sein.
Heiko Herrlich schaffte mit dem SSV Jahn den Aufstieg in die zweite Liga und ist nun Erstligacoach bei Bayer 04 Leverkusen. Foto: Lisa Schatz
Rückschläge. Wenn Heiko Herrlich auf seine Karriere als Fußballprofi zurückblickt, erinnert er sich nicht nur an DFB-Pokalsiege und Deutsche Meisterschaften. Neben seinen Erfolgen gab es auch Schattenseiten: Ihn hat unter anderem eine Krebserkrankung geprägt. Im Alter von 28 Jahren wurde beim damaligen BVB-Profi ein Hirntumor festgestellt. Zu dieser Zeit erwartete seine Ex-Frau Herrlichs erstes Kind. Für den jungen Mann kam damals einiges zusammen. Inzwischen ist er 45 Jahre alt, gesund, hat vergangenen Monat den Zweitligaaufstieg mit dem SSV Jahn Regensburg geschafft und kürzlich beim Erstligisten Bayer Leverkusen einen Zweijahresvertrag als Cheftrainer unterzeichnet. Mich hat interessiert, wie er reagiert hat, als er im Herbst 2000 die Diagnose „Krebs“ bekam, inwieweit sich die Wertigkeit des Fußballs dadurch für ihn verschoben hat und wie die Unterstützung durch den Verein für ihn aussah…
Herr Herrlich, wie haben Sie damals von Ihrer Krebserkrankung erfahren, wie hat sie sich bemerkbar gemacht?
Ich hatte ein paar Wochen davor während der Medizinchecks immer wieder eine Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung; Anm. von LS). Die Nebenhöhlen waren zu und dann hat man sich entschlossen, sie zu fenstern. Ich wurde also operiert und bin zwei, drei Wochen ausgefallen. Als ich wieder eingestiegen bin, hatte ich plötzlich Sehprobleme. Im ersten Moment dachte man, dass das mit der OP zusammenhing. Das wurde kontrolliert. Die Sehnerven waren ok, da war nichts angegriffen. Dann wurde ich zum Neurologen geschickt. Dieser hat einen Kernspin veranlasst, weil ich folgendes Symptom hatte: Ich habe alles doppelt gesehen, links und rechts. Wenn ich in Kopfballduelle gegangen bin, ist der Ball vier, fünf Meter hinter mir gelandet. Eine Woche vor der Diagnose haben wir noch gegen Bayern München gespielt und 2:6 im Olympiastadion verloren. Ich hab noch das 1:0 für uns gemacht, aber in der zweiten Halbzeit habe ich keinen Ball mehr erwischt. Das war irgendwie ganz komisch, ganz merkwürdig. Dann wurde ich in den Kernspint geschickt, habe mich einem Sehtest unterzogen und dort hat sich gezeigt, dass da eine kleine Stelle ist, die sich letztendlich als Tumor herausgestellt hat.
Was war der erste Gedanke, den Sie hatten? Wie haben Sie reagiert?
Unser damaliger Vereinsarzt Dr. Preuhs kam zu mir nach Hause. Meine Ex-Frau war im dritten Monat schwanger mit unserer ersten Tochter. Wir hatten uns gerade Babybücher angeschaut und überlegt, wie wir das Kinderzimmer einrichten. Wir saßen zusammen am Esstisch. Der Arzt sagte, dass ich einen Tumor habe und ich meinte: „Ok, müssen wir halt operieren“. Er antwortete darauf: „Nein, das geht nicht an dieser Stelle. Danach wärst du schwerstbehindert“. Daraufhin hab ich gefragt: „Was bedeutet das jetzt, geht es um Leben und Tod?“. Dann hat er genickt. Das war natürlich ein Schock für mich. Aber anschließend bin ich aufgestanden und habe gesagt, dass ich ein gläubiger Mensch sei und dass ich es vielleicht nicht immer habe wertschätzen und wahrnehmen können, wie gesegnet ich sei und was für eine tolle Ehefrau, Brüder, Freunde und Eltern ich habe. Und ich meinte: „Ja, lieber Gott, wenn das jetzt der Weg ist, den du mit mir vorhast, gut, dann ist das hart, aber dann gehe ich den mit und vertraue dir auch da“. Ich hatte natürlich Tränen in den Augen und dachte mir: „Bitte hilf mir, aus der Nummer rauszukommen“. Das war hart für mich: In dem Moment war es wirklich ein Keulenschlag, aber ich bin ein gläubiger Mensch. Irgendwie habe ich durch mein Gottvertrauen gleichzeitig eine wärmende Unterstützung empfunden. Ich habe gesagt: „Ok, das ist jetzt so“.
„Es war ein Zeichen, dass ich einige Dinge ausräumen muss“
Dann habe ich gebetet und das einfach mal für mich sacken lassen und gespürt, dass ich aufräumen muss in meinem Leben. Der Gedanke war: „Ok, das ist jetzt ein Zeichen, dass ich einige Dinge ausräumen muss. Zwischen mir und meinen Eltern, meinen Brüdern, Freunden und meiner Ex-Frau. Dass ich einfach Dinge klarstellen muss“. Das habe ich für mich als Chance begriffen: „Ja, vielleicht habe ich jetzt noch zwei Monate zu leben. Vielleicht sehe ich mein Kind nie. Aber dann habe ich die Chance, zwei Monate alles positiv zu gestalten und in der Zeit das Beste zu geben. Anstatt dass ich jetzt noch fünfzig Jahre lebe und Dinge nicht bereinigt sind. Als ich das dann getan habe, ging es mir besser. Obwohl ich auch Phasen hatte, in denen ich richtige Angst hatte vor dem Tod. Weil ich ja nicht wusste, was auf mich zugekommen wäre an Schmerzen.
Aber dann wurde ich von Professor Sturm in der Uniklinik Köln behandelt. Er war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gehirntumore und auch ein ganz toller Mensch. Ich habe ihm meine Gefühle mitgeteilt und er hat gesagt, dass er an Gott glaube und dass sich in der Medizin manche Dinge so entwickeln würden, wie man da eben Gott erfährt. Die Medizin habe auch ihre Grenzen. Ich habe meine Situation also in Gottes Hand gelegt und bald kamen die ersten positiven Nachrichten: Die Biopsie, in welcher sich herausgestellt hat, dass es ein böser, schnell wachsender Tumor sei, ergab, dass dieser aber unter Bestrahlung wie Butter schmelze. Das bedeutete, dass mein Tumor nicht operiert, aber durch Bestrahlung bekämpft werden konnte. Ich war dazu in Heidelberg und nach fünf Wochen war der Tumor nicht mehr sichtbar.
Inwieweit wurden Sie in dieser Zeit von Ihrem Verein, dem BVB, unterstützt?
Für mich war eigentlich nach der Diagnose das Fußballthema beendet. Ich wusste: „Jetzt geht’s nur noch um Leben und Tod.
Wenn ich wirklich nochmal auf dem Platz stehen würde, dann wäre das irgendwie alles nur noch ein Bonusprogramm“.
Wie sah die psychologische Unterstützung aus?
Dr. Preuhs hat da menschlich Unglaubliches geleistet. Er ist eigentlich Orthopäde und war während der schwierigen Zeit an meiner Seite. Er hätte ja auch sagen können: „Das wird nix mehr, das geht schief“. Aber er war wirklich an meiner Seite: als Begleiter, Unterstützer, Zuhörer. Im Verein wurde ich natürlich abgeschottet. Mir wurde jegliche Unterstützung zugesagt, aber ich war alleine mit meiner Familie und meinen Freunden und das wollte ich auch so. Für mich waren Herr Dr. Preuhs, Professor Sturm und meine engste Familie da. Es gab sicherlich immer wieder Menschen, die zu mir gekommen sind: ob Stefan Reuter oder Christian Nerlinger, welcher mir damals ein Buch von Lance Armstrong gebracht hat. Aber ansonsten habe ich mich abgeschottet. Du, ich wollte da auch alleine sein. Da kann dir ja niemand helfen. Ich hatte auf jeden Fall die Unterstützung der Fans in den Stadien. Aber ich wollte alleine sein.
War es so, dass Sie – nicht nur alles, was negativ war – bereinigen wollten, sondern auch, dass Sie sich einen Traum erfüllen wollten, zum Beispiel eine Reise? Oder war es eher der Fall, dass Sie die Zeit mit Ihrer Familie und mit Ihren Freunden nochmal richtig genießen wollten, soweit es ging?
Nein, ich wollte den Alltag beibehalten. Meine Ex-Frau hat damals studiert. Ich wollte eben nicht weg, sondern alles normal weiterlaufen lassen und nichts Besonderes machen. Die Bestrahlung war schon eine Belastung. Das war enorm, was da passierte: Ich hatte keinen Appetit mehr, ich konnte nichts mehr essen. Das war schon eine schwierige Phase. Da wollte ich einfach Zuhause bleiben und nicht ins Büro hinein. Als die Symptome und Nebenwirkungen nach einem halben Jahr nachgelassen haben, sind wir eine Woche in den Urlaub gefahren. Danach habe ich aber schon wieder angefangen zu laufen, zu trainieren. Dann kam unsere Tochter und von da an ging’s aufwärts.
„Wenn du gesund bist, dann sind das eigentlich schon 99,9 % von deinem Leben“
Wie hat sich – gerade in der Zeit der Diagnose – die Wertigkeit des Fußballs für Sie verschoben?
Ich war vorher schon geerdet und wusste dieses Geschäft einzuschätzen. Es wurde dann einfach nochmal intensiver. Ich wusste, dass ich ein Verfallsdatum auf der Stirn habe. Durch den Hirntumor ist mir das klarer geworden, als mir meine Grundlage entzogen wurde. Letztendlich haben sich die Werte für mich nach dem Hirntumor im Prinzip nochmal verändert. Wenn du gesund bist, dann sind das eigentlich schon 99,9 % von deinem Leben. Wenn du das Glück hast, dann noch eine Arbeit zu haben und abends satt bist und ein Dach über dem Kopf hast, dann geht es dir eigentlich gut.
In dem Moment, in dem du diese Diagnose hast, ist alles andere unwichtig.
Dann interessiert dich nicht, ob du eine schöne Wohnung hast oder ein schönes Haus oder ein schönes Auto. Das wird völlig uninteressant. Das brauchst du dann alles nicht.
Wie war die Zeit der Strahlentherapie? Hat sie Sie ausschließlich geschwächt, sodass Sie nur noch Zuhause gelegen sind, oder gab es eine Phase, in der Sie sich dachten: „Ja, ich habe das Gefühl, es schlägt an“ – auch, wenn man die Schmerzen hat – oder kamen Ihnen Negativgedanken wie: „Was mache ich gerade für eine Hölle durch?“.
Die Kernspintbilder, die MRT-Bilder haben gezeigt, dass die Therapie anschlägt, aber trotzdem war ich gleichzeitig in einem Loch. Diese Therapie war kräftezehrend und sie hat geschlaucht. In der Phase hatte ich Höhen und Tiefen.
Wie schnell sind Sie im Anschluss wieder in den Alltag zurückgekommen? Wie lange wirkte das Ganze nach, wie lange haben Sie sich noch mit der Thematik beschäftigt, oder haben Sie sich wieder komplett von der Familie und dem Fußball mitreißen lassen, als Sie wieder den geregelten Alltag mit den Spieltagen und dem Training hatten?
Das hat sicherlich so zwei, drei Jahre gedauert, weil ich auch Phasen hatte, in welchen ich wirklich kein Vertrauen zu meinem Körper hatte, weil ich immer Angst hatte, dass ich etwas Neues habe. Da ist mir das Gottvertrauen ein bisschen verloren gegangen. Da hatte ich sicherlich auch Phasen, in denen ich Hänger hatte. Letztendlich ging das solange, bis ich angenommen habe, dass ich diese Krankheit eben hatte. Letztendlich, ganz salopp gesagt, habe ich formuliert: „Keiner wird’s schaffen, hier zu bleiben. Das gehört irgendwo auch dazu: diese Schicksalsschläge. Das habe ich nun überwunden“. Heute habe ich einfach so ein Gottvertrauen, sodass alles seine Richtigkeit hat.
Wie hat sich die damalige Erkrankung auf Ihre heutige Einstellung ausgewirkt? Vielleicht sehen Sie das Spiel auch etwas „lockerer“ als früher?
Nein, lockerer nehme ich es nicht. Das ist meine Arbeit. Unser Auftrag ist es, Spiele zu gewinnen und nach Möglichkeit schön zu spielen. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben und das sage ich auch den Jungs: „Ihr müsst immer versuchen, euer Bestes zu geben. Wenn die anderen besser sind, dann können wir nichts ändern. Dann muss man das akzeptieren. Ich als Trainer und ihr als Spieler. Dann müssen wir einfach noch weiterfighten und versuchen, das nächste Mal besser zu sein“. Aber wenn das getan ist und wir unser Bestes gegeben haben, dann geht nicht mehr. Man kann es ja nicht kaufen oder erzwingen. Einfach das Beste geben und das dann akzeptieren. Das versuche ich meiner Mannschaft immer wieder zu sagen. Danach verfahren wir. Wir wollen ja Menschen begeistern und Spiele gewinnen. Aber ich bin sehr mit mir im Reinen, wenn ich weiß, ich habe alles gegeben, alles für den Sieg getan. Und wenn es nicht gereicht hat und die anderen besser waren oder ich einen Fehler gemacht habe und den aus bestem Wissen und Gewissen, akzeptiere ich das und gehe mit mir nicht so hart ins Gericht. Ich akzeptiere, dass ich auch Fehler mache. Zum Beispiel hinsichtlich der Aufstellung oder in der Vorbereitung. Ich akzeptiere, dass ich nicht perfekt bin, wie auch die Spieler.
Wenn Sie sich die Entwicklung im psychologischen Bereich im Profifußball im Laufe der Jahre und Jahrzehnte anschauen: Welche Unterstützung erhalten die Profis heute und hat sich das im Gegensatz zu damals geändert?
Sportpsychologie hat nichts mit normaler Psychologie zu tun. Die Topvereine in der ersten Liga haben heute ein Netzwerk von Ärzten in allen Bereichen. Wenn dahingehend etwas wäre, können die Spieler umfangreich unterstützt werden.
Wie war das bei Ihrem Drittligateam in der zurück liegenden Saison? Suchen sich die Spieler, wenn Sie Probleme haben, selbst einen (Sport-)Psychologen?
Nein, mir wäre kein Fall bekannt, in dem einer der Spieler das in Anspruch genommen hat. Wenn die Spieler uns etwas erzählen oder anvertrauen, bieten wir als Trainer ihnen auch Unterstützung in allen Bereichen. Wichtig ist natürlich, dass der Spieler auf uns zukommt und uns sagt, welche Probleme er hat. Das gilt im Übrigen jetzt in der ersten Liga noch ganz genauso. Die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen – sei es über den Verein oder privat – wäre dann eben nochmal eine zusätzliche Option.
Vielen Dank für dieses offene Interview, Herr Herrlich.
Urs Meier nahm sich in Hamburg viel Zeit für unser Interview. Foto: Lisa Schatz
Die meisten Fußballbegeisterten, die seinen Namen hören, denken wohl sofort an das ZDF-WM-Studio 2006 oder seine gelbe Karte im WM-Halbfinale 2002 gegen Michael Ballack. Die Rede ist von Urs Meier. Der ehemalige Spitzenschiedsrichter war im Profifußball tätig, stand mit Fußballprofis auf dem Platz und pfiff internationale Spiele, darunter WM- und EM-Spiele. Dennoch war er kein „Profi-Schiedsrichter“. Neben seinem Job mit der Pfeife ging er der Arbeit im eigenen Küchen- und Haushaltsgerätegeschäft nach. Sein Training gestaltete er selbst. Vom Verband verpflichtende Termine mit seinen Assistenten zum Trainieren: Fehlanzeige. In seinem Buch „Urs Meier – Mein Leben auf Ballhöhe“ plädiert er für eine Professionalisierung der Schiedsrichter, gibt spannende Einblicke in seine Karriere und die große Bühne des Weltfußballs. „Anpfiff“ – im wahrsten Sinne des Wortes – zum ersten Teil des Interviews mit Urs Meier über seine Anfänge als Referee, die hohe Bedeutung von Schiedsrichter-Assistenten, erhaltene Morddrohungen und seinem Ritual, vor den Spielen ins Gras zu beißen…
Herr Meier, wie ist es dazu gekommen, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?
Nach meinem ersten Buch hatte ich nicht vor, noch eines zu verfassen. Aber dann kam jemand vom Verlag und hat gefragt, ob ich die Professionalisierung der Schiedsrichter in einem Buch thematisieren möchte. Darauf habe ich geantwortet: „Wenn ich dieses Kapitel drin habe, dann mach ich es“. Jetzt ist es das Kapitel Nr. 1, das lag mir sehr am Herzen. Vor allem, wenn man so lange als Schiedsrichter im internationalen Fußball tätig war, kann man so viele Geschichten erzählen.
Spitzenschiedsrichter ist nicht gleich PROFI-Schiedsrichter
Ein Zitat eines TV-Kommentators lautet: „Der Lampenverkäufer aus Würenlos hat schon wieder keinen Elfmeter gepfiffen“. Wie genau sind Sie mit solchen Aussagen umgegangen und inwieweit haben Sie darauf reagiert?
Reagieren kann man da drauf eigentlich nicht, das ist natürlich eine Tatsache. Eben, weil man noch einen Beruf hat und kein Profi-Schiedsrichter ist. Die Fußballer, die Spitzenfußballer, das Umfeld nimmt uns, die Schiedsrichter, nicht als vollwertig wahr. Sie haben immer das Gefühl: „Ja, der beschäftigt sich am Samstag noch nebenbei mit dem Spiel und weiß eigentlich gar nicht so genau, worum es geht“. Das ist oft so diese Sichtweise der Trainer, Präsidenten, Spieler. Die ist auch heute noch da. Wenn dann ein Spiel schlecht läuft, wird genau das aus der Schublade genommen und geschaut, was man beruflich macht. Wenn man gut pfeift, interessiert das niemanden, aber wenn man einen schlechten Tag hat, heißt es sofort: „Er ist Zahnarzt, Lehrer etc. Wie kann der eine Ahnung von Fußball haben?“. Aber im Prinzip haben sie Recht. Es ist tatsächlich so, dass sich manche Schiedsrichter auf hohem Level zu wenig mit Fußball befassen. Es liegt an den Verbänden. Sie haben die Strukturen im Spitzenfußball zu verändern. Da müssen sie in die Verantwortung gehen.
Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass Sie der FIFA vor einigen Jahren ein Konzept mit Möglichkeiten/Beispielen zur Professionalisierung des Schiedsrichterwesens vorgelegt haben. Wie genau kam es zu dem Konzept?
Das habe ich einfach gemacht, weil es meine Sichtweise, die Sichtweise als Schiedsrichter, dargelegt hat. Ich habe darin beschrieben, was das Optimale wäre, was wir brauchen, was ich brauche. Es gibt auch verschiedene Dinge, die wir verändert haben und die heute noch verwendet werden. Zum Beispiel ist das Kommunikationssystem (Funksystem; Anm. von Lisa Schatz) der Schiedsrichter auf meine Initiative hin entstanden. Das sind einfach Sachen, wovon ich gesagt habe: „Die brauchen wir“. Vor allem brauchen wir professionelle Strukturen im Schiedsrichtertum. Diese haben wir zum Teil heute noch nicht: Die Schiedsrichter gehen zu ihrem Hausarzt, wenn sie Verletzungen haben, eine psychologische Unterstützung nach schwierigen Fällen gibt es nicht. Wir hatten jetzt den Fall mit Deniz Aytekin beim Spiel Paris St. Germain gegen Barcelona. Ohne, dass ich es jetzt zu 100 Prozent weiß, aber ich bin mir fast sicher, dass da im Nachhinein keine professionelle Aufarbeitung des Spiels gemacht wurde und das wäre wichtig gewesen. Dass man so einen Schiedsrichter, der zur Spitze Deutschlands, ja sogar zur Weltspitze gehört, auffängt und alles aufarbeitet. Dass man aus einem schlechten Tag, aus schlechten Entscheidungen im Prinzip Stärke transformiert und nicht Schwäche, Resignation. Dazu gehören einfach professionelle Strukturen.
Meiers Anfänge als Schiedsrichter
Sie wussten schon – bevor Sie 18 Jahre alt waren – dass Sie Schiedsrichter werden wollen. Haben Sie sich zur Vorbereitung Bücher gekauft oder anders darauf vorbereitet oder das Wissen aus Ihren eigenen Spielen in den Juniorenteams mitgenommen?
Eigentlich hätte ich die Spielregeln kennen müssen, da ich in meinem damaligen Verein lange in der Jugend und dann auch in der 1. Mannschaft gespielt habe. Das war aber nicht so. Das ist das Problem: Selbst in den Profiligen kennen sehr viele die Spielregeln nicht. Mit den Spielregeln setzt man sich eigentlich nur richtig auseinander, wenn man Schiedsrichter ist. Dann liest man sich das Regelbuch durch. Der eine intensiver, der andere nicht so intensiv. Ich habe es sehr intensiv durchgelesen, weil ich der Meinung war, das es die Basis ist als Schiedsrichter. Wenn du die Spielregeln nicht hundertprozentig kennst, dann kannst du keine Sicherheit ausstrahlen. Dann bist du blockiert. Die Spieler merken dann bei Entscheidungen: „Oh, jetzt ist er unsicher, jetzt überlegt er, jetzt ist er blockiert“. Das merkt man vor allem auch selbst. Deshalb ist das wichtig.
Sie haben geschrieben, dass Ihre Fehler am Anfang ganz wichtig waren. Welche Fehler waren das hauptsächlich?
Der Anspruch ist generell natürlich, dass man fehlerfrei ist. Aber zu Beginn macht man Fehler. Jeder Fehler schmerzt, jeder Fehler tut weh. Aber jeder Fehler bringt einen auch irgendwo weiter, jeder Fehler ist eigentlich da, um einen anderen Fehler wieder zu verhindern. Wenn ich an mein erstes Spiel als Schiedsrichter denke: Darin bin ich hinter dem Tor vorbeigelaufen und hinter den Zuschauern vorbei, ich stand wohl mehr neben dem Spielfeld als darauf. Ich musste damals erstmal lernen, dass ein Schiedsrichter auf den Platz gehört, in die Mitte hinein, als zentraler Punkt. Natürlich bin ich auch falsch gelaufen, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste möglichst schnell und möglichst nah beim Spielgeschehen sein. Man braucht aber vor allem eine seitliche Einsicht. Auf Kosten der Nähe ist es oft besser, eine seitliche Einsicht zu erlaufen. Man ist zwar weiter weg, aber sieht dann, was passiert. Auch den Umgang mit den Trainern und Spielern muss man erst lernen: Da kann man oft zu leicht oder zu heftig reagieren. Ich durfte in den ersten Jahren in den unteren Ligen viele Fehler machen, man hat mir Zeit gelassen. Im Nachhinein war das für mich sehr hilfreich, als ich in den oberen Ligen Fuß gefasst habe. Dann habe ich dort weniger Fehler gemacht als einige Kollegen. Vor allem sind mir die groben Fehler erspart geblieben – wohl auch dank dieser guten Basis, die gelegt wurde.
War der Umgang mit den Trainern in den unteren Ligen schwieriger als in den Profiligen?
In meinen ersten zwei Jahren als Schiedsrichter ging mir alles ans Herz, das tat verdammt weh. Ich brauchte zwei Jahre – vielleicht gibt es Schiedsrichter, bei denen das länger oder nicht so lange dauert. Danach ging das Gesagte von draußen nicht mehr ans Herz. Aber dann ist es eben auch so – wenn man mit 40, 50 Menschen auf einem Dorfplatz ist – hört man jedes Wort. Das wissen natürlich auch die Spieler. Ich sage immer: „Ein guter Schiedsrichter sieht mehr als er hört“. Manchmal ist es auch besser, mal nichts zu hören oder etwas zu überhören. Manchmal wurde das auch als Schwäche angesehen, wenn sich die Spieler gefragt haben, warum man jetzt etwas nicht hört. Wenn man dann aber gepfiffen hat, musste man manchmal etwas machen, was man nicht tun wollte und z.B. den Trainer vom Platz weisen, den man gar nicht vom Platz weisen wollte. Vom Gesagten her musste man das machen.
Wie waren die Spiele in der Zeit Ihrer Ausbildung mit der Arbeit vereinbar?
Das war genau das Problem. Ich weiß nicht, was der Aufbieter wollte. Ich war ein junger, wilder Hund und wohl auch der frechste. Das konnte er nicht leiden. Ich musste das mit meinem Arbeitgeber regeln. Im Prinzip war es eine Zumutung. Der Aufbieter mochte mich nicht und schickte mich zu weit entfernten, teils abgelegenen Spielorten, die für mich mit dem Zug äußerst schlecht zu erreichen waren. Es war immer ein logistischer Aufwand und manchmal eine Meisterleistung, das hinzukriegen. Ich konnte schon fast alle Zugfahrpläne auswendig.
Ein gutes Team ist „goldwert“
Wie haben Sie Ihre Assistenten Luigi Ponte und Antonio Vecchio ausgewählt?
Luigi Ponte kannte ich schon lange und ich wusste, dass er ein positiv Verrückter war. Er ist ein Fußballverrückter und heute noch Präsident, also dem Schiedsrichterwesen verbunden, und mit Leib und Seele dabei. Das Problem war, dass er in dieser Zeit auch noch Fußballer und Trainer war. Es war keine sichere Nummer. Er ist immer wieder von der Schiedsrichterei weggegangen. Er war wieder ein Jahr Trainer, dann kam er wieder zurück. Aber ich wusste: Wenn ich den an der Linie habe, dann habe ich so einen richtig fußballverrückten Typen, einen, der Fußball versteht, einen, der Fußball liebt. Bei Antonino Vecchio war es so, dass er eben auch ein Italiener war. Ich habe ganz viele Deutsch-Schweizer an der Linie ausprobiert. Aber mit ihnen war es meistens langweilig. Da war kein Witz dabei, da war keine Leidenschaft dabei, da war keine Fußballbegeisterung dabei. Da hab ich gesagt nee, also nee. Ich wollte ein Team, mit dem ich auch mal lachen kann und in dem es locker zugeht, bei welchem ich mich freue, es schon vor dem Spiel zu sehen. Mit dem man nach dem Spiel, auch wenn es nicht so gut gelaufen ist, etwas essen und trinken gehen kann und sich so wieder auf die gute Spur bringen kann. Ich wollte solche Typen und auch eine gewisse Leichtigkeit haben. Die beiden hatten das: Sie waren genial und super an der Linie. Ich konnte mit ihnen top zusammenarbeiten. Sie haben ihre Rollen gut angenommen, was sehr wichtig war. Das Problem ist ja oft: Es gibt Assistenten, die das Gefühl haben, sie sind die Nummer 1, sie seien der Schiedsrichter und das geht in einem solchen Team, in diesem Gefüge nicht. Der Chef steht in der Mitte und nicht an der Linie.
Wie wichtig sind die Assistenten für einen Schiedsrichter?
Sehr. Es gibt drei Dinge, die bei einem Schiedsrichter stimmen müssen. Das ist die Regelkenntnis, die Kondition und das sind die Assistenten. Wenn du in ein Spiel gehst, musst du wissen: Der macht seinen Job auf der Linie mit den Abseitsentscheidungen. Da ist er hundertprozentig, da verlasse ich mich auf ihn. Da muss ich auch nicht überlegen, ob er dazu fähig ist. Wenn mich das schon belastet, dann überträgt es sich auf mich als Schiedsrichter, dann überträgt es sich auf das Spiel, auf die Spieler. Es ist einfach unglaublich wichtig, dass das Umfeld stimmt. Dass sie sich dementsprechend verhalten. Dass ich keine Angst haben muss, wie sie sich aufführen, was sie zu den Medien und zum Umfeld sagen.
Ein Schiedsrichter kann unheimlich viel verlieren, auch nach dem Spiel. Ich sage immer: 30% passieren vor dem Spiel, 40% im Spiel und 30% nach dem Spiel. Nach dem Spiel kann man so viel verlieren: Weil man sich selbst dumm verhält, etwas Dummes sagt, die Assistenten etwas Dummes sagen. Das wollte ich nicht haben. Mir war es wichtig, mich da auf meine Assistenten verlassen zu können. In einem gut funktionierenden Team sind die Assistenten goldwert, die musst du pflegen und hegen. Es ist wichtig, dass man ein Team ist.
Sie haben eine einheitliche Teamkleidung für Ihr Schiedsrichterteam entworfen. Wie ist das angekommen?
Bei den Spielern und beim Umfeld ist es hervorragend angekommen, weil sie gesehen haben: Da kommt Klasse. Der Verband und die anderen Schiedsrichter haben das anders gesehen. Die größten Kritiker hast du ja oft im eigenen Lager und das ist ja auch im Schiedsrichterwesen so. Wenn du mit neuen Ideen kommst, wenn du mit Dingen kommst, die die Menschen nicht kennen, sind sie erstmal immer unglaublich skeptisch. Nach dem Motto: „Sind die nicht ganz gescheit? Was wollen die? Die wollen nur angeben, die wollen nur Aufmerksamkeit erheischen“. Nein, das war überhaupt nicht der Fall. Wenn du Bilder angeschaut hast, wie die Schiedsrichterkollegen teilweise zu den Spielen gekommen sind: teils in Jogginghose, also das war unglaublich. Und dann hatten sie das Gefühl, dass sie von den Spielern akzeptiert werden. Das geht einfach nicht. Als ich die italienischen Spieler gesehen habe, war für mich klar: Das muss Klasse haben. Denn auch beim Einlaufen hatten die Schiedsrichterteams damals keine einheitlichen Anzüge. Wir haben immer wieder versucht, das zu verändern und da auch neue Muster hineinzubringen. Das hat nach und nach geklappt. Auch mit den Anzügen. Aber das war dann eben das billigste Modell, das der Fußball-Verband gefunden hat. Das war ja scheußlich…Naja gut.
Zum Geruch des Rasens
Ihr Ritual war es, vor den Spielen ins Gras zu beißen. Wie sind Sie darauf gekommen?
Ich wollte ein Ritual haben, dass mir nochmal Kraft gibt und mich auf das Spiel einstimmt. Luigi Ponte hatte immer ein rotes Badetuch dabei. Aber für mich war klar: Es durfte nichts sein, das man vergessen konnte. Den Geruch des Rasens mochte ich schon immer. Das ist einer der schönsten Gerüche, die es überhaupt gibt: Also, frisch geschnittener Rasen bei Flutlicht und dann noch Regen, frischer, warmer Regen. Wenn du das riechst, hast du Energie wie fünfzig. Am Rasen zu riechen war mir wichtig, und dann draufzubeißen. Das Problem war, dass er auf dem Land meist besser war als in den Stadien. In den Stadien hast du unglaublich viel Dünger und Pestizide. Wenn ich das meiner Frau erzählen würde, würde sie sagen: „Ja, bist du denn nicht ganz gescheit? Die ganzen Gifte, die du da aufnimmst…“. Das waren wohl einige. Es war wahrscheinlich nicht so gesund in diesen Rasen zu beißen. Aber wie gesagt, es war mein Ritual und hat mir wirklich Kraft gegeben: Ich bringe eine gute Leistung, sodass ich wieder in dieses Stadion kann. Dass ich stark bin, dass ich ehrlich bin, dass ich neutral bin, war für mich immer ganz wichtig. Dieses „Hier zu sein, jetzt, hier und heute, jetzt, in diesem Moment stark zu sein“. Im Stadion selbst bin ich immer kurz allein gewesen. Da waren meine Assistenten selbst beim Warm machen. Es war ein Moment für mich, so eine Minute, die ich einfach nur für mich hatte. In der Kabine waren wir zusammen. Aber diese eine Minute draußen für mich, die habe ich gebraucht.
Über die Wichtigkeit von Torkameras
Jetzt kommt ein anderes Thema: Torkamera. Natürlich ist sie von Vorteil, um ganz genau sagen zu können, ob der Ball nun wirklich drin war oder nicht. Inwiefern hat sie vielleicht auch einen leicht negativen Touch, da immer mehr Berechnung im Spiel ist?
Die Torkamera habe ich schon lange gefordert. Und zwar aus folgendem Grund: Ich habe immer gesagt, dass ich eigentlich alles entscheiden kann auf dem Fußballplatz, wenn ich das Spiel lesen kann. Mit meinen Assistenten im Team, da können wir fast alle Entscheidungen treffen. Einen Entscheid können wir nicht treffen: Ob der Ball hinter der Linie war oder nicht – vor allem, wenn er in der Luft war. Wenn der Ball in der Luft herausgespielt worden ist, siehst du es von vorne nicht. Der Assistent sieht es auch nicht, weil er normalerweise auf der Abseitslinie steht. Wenn du einmal in dieser Situation bist, wenn du einmal als Schiedsrichter da unten stehst, dann merkst du, wie hilflos du bist. Du hast keine Chance. Keine Anhaltspunkte. Du hast nichts, niemanden. Niemand kann es in dem Moment richtig entscheiden.
Ich habe immer gesagt, dass ich da von der Technik Hilfe benötigen würde. Von keinem Torrichter, sondern von der Technik, weil ich mich da hundertprozentig verlassen können möchte. Es waren lange Gespräche, die ich zum Teil mit Sepp Blatter, mit der FIFA geführt habe. Ich habe ihm immer gesagt: „Das ist ein Grundsatzentscheid, den ihr da fällen müsst. Will man das? Will man das verändern? Oder lässt man es so?“. Ich habe auch gefordert: „Wenn ihr es so lasst, dürft ihr den Schiedsrichter nicht im Regen stehen lassen, dann müsst ihr ihn schützen“. Und sie haben ihn zum Beispiel bei der WM 2010 nicht geschützt. Das war meiner Meinung nach ein Skandal von den Verbänden. Da musst du den Schiedsrichter schützen. Da musst du dahinter stehen. Da musst du sagen: „Der konnte das nicht sehen“. Und jetzt haben wir die Torkamera etc. und diese Probleme gibt es nicht mehr. Das entlastet die Schiedsrichter unglaublich. Sie haben ein Problem, eine Angst weniger. Weil du immer mit diesem Scheißgefühl ins Spiel gegangen bist: „Hoffentlich passiert mir das nicht“. Je höher die Spiele waren: Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Champions League – Finalspiele, Halbfinals. Da gehst du rein und denkst: „Hoffentlich nicht heute, hoffentlich nicht heute“. Das sind keine guten Gefühle.
Natürlich haben wir gewusst – und das wusste auch die FIFA, das wussten die Verbände – dass die Stimmen laut würden und die Technik auch in anderen Fällen genutzt werden wollen würde. Im Moment sind wir da dran: Wo macht es Sinn, das einzuführen? Wo macht es Sinn, auf Technik zurückzugreifen? Wo macht es keinen Sinn? Wo wird der Fußball verbessert, wo wird er – auch für die Zuschauer – attraktiver, und wo passiert genau das Gegenteil? Wenn wir natürlich das Salz aus der Suppe nehmen, wenn wir die Diskussionen aus dem Fußball nehmen, wenn wir den Fußball langweilig machen, dann werden wir die Zuschauer nicht mehr haben. Und das ist die Gefahr. Da muss die FIFA ganz genau hinschauen: Wohin entwickelt sich das Ganze? Deshalb machen wir jetzt erstmal Tests. Das finde ich gut. Ich finde es auch gut, dass die Bundesliga entschieden hat, dass sie bei diesen ersten Tests mitmacht. Und danach schauen wir mal, wie sich der Fußball weiterentwickelt und was passiert. Je nachdem muss man entscheiden: Zurück auf Anfang und wir machen das nicht, oder wir intensivieren das Ganze. Ich denke, dass es eher auf letzteres herausläuft: Dass der Oberschiedsrichter kommen wird, dass der Fernsehschiedsrichter kommen wird, der den Mann auf dem Platz unterstützt. Ich bin fast überzeugt, dass das passieren wird.
Fänden Sie das gut?
Im Prinzip auch wieder nur unter dem Aspekt der Professionalisierung. Dass der Mann auf dem Platz Profischiedsrichter ist. Derjenige, der dem Schiedsrichter dann hilft, muss eben auch ein Fachmann sein. Ein Schiedsrichter, der das auf dem Feld nicht richtig gesehen hat, wie soll er das auf dem Bildschirm richtig erkennen? Das ist nicht so einfach, vor allem, wenn mehrere Situationen ineinandergreifen.
Urs Meier mit seinen Arbeitsutensilien. Foto: Lisa Schatz
Erhaltene Morddrohungen und Polizeischutz
An die Schwierigkeit des Erkennens bestimmter Situationen möchte ich nun anknüpfen. Sie haben beim EM-Viertelfinale 2004 korrekterweise ein Tor von England im Spiel gegen Portugal nicht gegeben. Viele Menschen glaubten, es sei ein reguläres Tor gewesen. Am Morgen nach dem Spiel waren 16.000 E-Mails, Morddrohungen eingeschlossen, in Ihrem E-Mail-Fach. Wie sind Sie damit umgegangen, haben Sie psychologische Unterstützung erhalten und wie haben Sie dies verarbeitet?
Da ich ein paar Monate vorher einen ähnlichen Fall mit den rumänischen Vertretern hatte, wusste ich, wie so eine Kampagne abläuft. Diesbezüglich war ich einigen Leuten – auch von der UEFA – voraus. Aber das war eine andere Größenordnung. Ich wusste, dass da eine riesige Lawine losgetreten worden ist. Das wurde von der UEFA zum Teil gar nicht realisiert, vor allem nicht in der Medienabteilung. Die dortigen Mitarbeiter waren der Auffassung, dass das ein kleines Schneebrett sei. Ich meinte: „Nein, das ist eine riesige Lawine und die wird immer größer. Sie holt uns jetzt gleich ein. Die holt mich ein, die holt euch ein, tut etwas dagegen“. Das haben sie nicht gemacht.
Am Anfang stand ich über der Sache, weil ich wusste, dass ich richtig entschieden hatte. Ich war der Meinung, dass nun Ruhe einkehren müsste und die Menschen bald merken müssten, dass meine Entscheidung korrekt war. Aber mein Umfeld wurde nervöser, die Polizei wurde immer nervöser, die Drohungen wurden intensiver und größer. Dann kam wie gesagt diese Lawine. In dieser Zeit bin ich untergetaucht. Die Polizei wollte, dass ich zehn Tage weg bleibe. Ich bin nach sieben Tagen zurückgekommen. In diesen Tagen hatte ich absolute Ruhe. Meine damalige Partnerin und ich sind weggefahren und haben abgeschaltet. Wir haben alle Medien ignoriert. Als ich in mein Umfeld zurückkam, hat mich das Ganze wieder eingeholt. Am Schlimmsten waren die ersten Spiele. Da habe ich eine unglaubliche Aggressivität von Seiten gewisser Menschen wahrgenommen. Ich habe gemerkt, dass diejenigen, die mir schon immer etwas Böses wollten, die mich gerne vom Sockel gestoßen hätten, hochgekommen sind. Auf einmal waren all diejenigen da, die sich zuvor nicht getraut hatten, weil man zu stark und erfolgreich war. Sie hatten das Gefühl, nun sei ich schwach und angreifbar. Auch einige Medien haben noch einen drauf gesetzt. Meine E-Mail-Adresse wurde von einem Radiosender und einer Fluggesellschaft bekannt gegeben. Wenn ich sie nicht vom Netz genommen hätte, wären es wohl über eine halbe Million E-Mails geworden, die ich erhalten hätte.
Sie hatten Sicherheitsleute und Polizeischutz vor Ihrem Haus. Wer hat sich darum gekümmert?
Da ich in Würenlos gewohnt habe und dort mein Geschäft hatte, war der Dorfpolizist dafür zuständig. Dieser hatte sich mit der Kantonpolizei in Verbindung gesetzt, welche die Situation auch als Bedrohung eingestuft hat.
Wie hat der Verband gehandelt?
Der Verband hat nichts gemacht. Absolut gar nichts. Die UEFA hat zum Beispiel nach einer Woche auch nicht mehr nachgefragt, wie es mir geht. Im Gegenteil. Als ich angefragt habe und sagte, ich hätte nun zehn Tage Arbeitsausfall und ich würde gegen einen Teil der englischen Presse klagen wollen und fragte, ob da etwas zu machen sei, hieß es, dass ich das schon selbst machen müsse. Als ich gefragt habe, ob die UEFA mich dabei unterstützen würde, lautete die Antwort: „Machen Sie das mal, wir schauen mal…“. Auf jeden Fall habe ich damals 3.500 Pfund für einen Juristen in England ausgegeben, der mir schließlich den Ratschlag gab: „Lass es sein, vor allem, wenn die UEFA dich nicht dabei unterstützt“. Diese 3.500 Pfund habe ich nie zurückerhalten.
Zu den Höhen und Tiefen eines Schiedsrichters
Als die FIFA 1992 die Schiedsrichter nominierte, waren Sie auf Grund einer Mitteilung, die nicht ankam, nicht dabei. Hätten Sie sich damals vorstellen können, weiterhin in der Nationalliga A, B und in der 1. Liga (Schweiz; Anm. von LS) zu pfeifen, oder hätten Sie eher hingeschmissen und ausschließlich in Ihrem Haushaltsgeräte- und Küchengeschäft gearbeitet?
Mein Ziel war immer, bei der WM 1998 zu pfeifen. Als die Nominierung nicht angekommen ist, habe ich gemerkt, dass es mit der WM 1998 verdammt knapp werden würde. Denn damals brauchte man eigentlich schon einen Vorlauf von mindestens fünf Jahren. Ich wusste: Wenn ich diese Erfahrung im internationalem Bereich zeitlich nicht habe, dann reicht mir das nicht. Von den Strukturen her war mir klar, dass ich erst 1995 wieder eine Chance hätte. Das hätte zeitlich nie gereicht. Ich hätte ja dann immer noch eine Weltmeisterschaft gehabt – 2002 – von dem her hätte ich weiterhin dafür gekämpft, dieses FIFA-Zeichen zu bekommen und hätte mir als Nächstes die WM 2002 als Ziel ins Auge gefasst. Gott sei Dank kam es anders. Aber die Aussage, „Deine Nominierung ist bei der FIFA untergegangen“, war schon speziell.
Für Sie unerwartet, wurde dann doch noch ein Platz frei. Wie haben Sie im ersten Moment auf diese Meldung reagiert?
Ich hatte 1992 noch einige Gespräche und wusste daher, dass ich vom Schweizer Fußball-Verband nachnominiert werden würde. Wir hatten da einen guten Chef: Willi Jaus. Dieser hatte gemerkt, dass das Ganze bei der ersten Nominierung politisch beeinflusst war. Im Gespräch habe ich ihm natürlich auch klar zu verstehen gegeben, dass ich mit der Entscheidung überhaupt nicht zufrieden sei. Er hat angeführt, worin der andere und worin ich besser sei. Es gab einen Aspekt, in welchem er ganz knapp vorne vor mir sei. Ich meinte: „Wunderbar, er ist wirklich knapp vor mir in diesen Punkten, die du mir aufgezeigt hast. Aber wenn man einen Zehnkilometerlauf betrachtet, gibt es folgendes Problem: Er läuft zwar vor mir über die Ziellinie, aber er ist eine Runde hinter mir. Sie haben diese Runde vergessen“. Ich war vor ihm. Ich hatte einfach die besseren Spiele, viel mehr Erfahrung, ich hatte die großen Spiele. Das alles fehlte ihm. Ein Kriterium war zum Beispiel, dass er besser Englisch könne als ich. Ist das ein Kriterium, um FIFA-Schiedsrichter zu werden? Da war ja alles klar. Der andere wurde schließlich Generalsekretär der FIFA. Alles gut.
Sie haben im Januar 1998 das Eröffnungsspiel des Stade de France gepfiffen. Wie ging es Ihnen dabei, waren Sie aufgeregt?
Es war schon etwas Besonderes. Ich hatte das Eröffnungsspiel. Das lief über die FIFA. Du weißt, die Weltmeisterschaft findet in Frankreich statt. Die Menschen schauen schon auf dieses Spiel. Der Druck ist aber auch da. Ich wurde knapp vorher für die Weltmeisterschaft 1998 nominiert und dann war dieses Eröffnungsspiel. Natürlich bist du etwas nervös: Wie läuft das? Du musst hier eine Visitenkarte abgeben. Wenn es gut läuft, steigert das deine Chancen für die Weltmeisterschaft. Wenn es schlecht läuft, hast du die schlechten Karten für die Weltmeisterschaft. Aber eigentlich war ich relativ locker drauf. Es war bitterkalt. Alles war kalt. Das war die kälteste oder zweitkälteste Nacht in meiner Zeit als Schiedsrichter. Es war richtig kalt.
Über die Vorbereitung auf die Spiele und den Druck auf Schiedsrichter
Inwieweit arbeiten Schiedsrichter mit Sicherheitsbeauftragten zusammen?
Bei internationalen Spielen gibt es am Vormittag der Spieltage immer ein Sicherheitsmeeting. Dort sind normalerweise der Polizeichef und der Sicherheitschef des Stadions anwesend. Als Schiedsrichter kann man da auf eventuelle Mängel hinweisen oder auf Dinge, die problematisch sein könnten. Die Sicherheitsleute geben natürlich auch ihre Einschätzung ab und besprechen, wo es Probleme geben könnte. Sehr professionell waren diese Besprechungen vor allem in England. Vor dem Spiel kam der Polizeichef immer nochmals in die Garderobe. Er hat zum Beispiel nochmal erklärt, dass man alles im Griff habe oder was im Stadion passiert sei, was er erwarten würde. Wir waren immer integriert und wussten, wenn das und das passiert, machen wir das und das.
Als Sie noch Schiedsrichter waren, woher kam der größte Druck? Wie war das 1998 beim – auf Grund der Politik – als brisant eingestuften Spiel der USA gegen den Iran?
Bei dem Spiel handelte es sich ja um ein WM-Spiel und alle waren nervös. Es ist schwierig, wenn alles um einen herum nervös wird und man immer mit diesen Menschen zusammen ist: Das überträgt sich. Irgendwann denkst du dann auch: Ja, verdammt noch mal. Das ist dasselbe wie wenn deine Frau sagt, dass im Haus etwas knackst. Und du denkst: „Was soll das? Da ist nichts“. Und auf einmal hörst du es auch irgendwo knacksen. Oder alle erzählen von Einbrüchen in der Umgebung und davon, wie gefährlich es in dieser Gegend ist. Irgendwann erfasst dich das. Mit dem Druck ist es dasselbe. Du musst aufpassen, dass du ihn nicht annimmst. Den größten Druck machst du dir selbst. Indem du unbedingt etwas schaffen willst: „Du willst jetzt da hin“. Das heißt, du baust ihn dir selbst auf: „Ich möchte das und das erreichen. Ich will dann und dann da sein“. Dann merkst du, dass es vielleicht nicht so gut klappt und was machst du? Du setzt dich noch mehr unter Druck. Du begibst dich auf den Weg zu diesem Ziel und merkst, dass es manchmal auch eng wird und Abzweigungen gibt. Zudem gibt es Menschen, die da sind und dich beurteilen. Entweder geben sie dir die Leiter, um nach oben zu kommen, oder sie geben sie dir nicht. Du weißt ganz genau: „Wenn ich die Leiter nicht habe, komme ich nicht hoch. Wenn sie mich nicht da haben wollen, geht’s nicht. Aber wenn ich nach oben will, muss ich hier und hier und hier weiterkommen“. Du bist von den Verbänden abhängig und diese machen dir den Druck. Ja, der größte Druck kam eigentlich immer von den Verbänden. Von den Menschen, die eigentlich für dich da sind, um dich hochzubringen. Anstatt dass sie dir den Druck nehmen, bringen sie ihn. Das ist das Schlimmste. Du musst dich frei machen von dem. Ich habe mich davon frei gemacht, indem ich mir gedacht habe: „Ich bringe auf dem Platz eine so gute Leistung, sodass sie nicht an mir vorbei können. Und wenn sie mich nicht wollen oder wenn ich nicht so gut bin, wie ich mir das vorstelle, dann werde ich aufhören. Dann ist es halt vorbei“. Auch das habe ich nicht als lebensbedrohlich empfunden. Dann ist es eben so.
Aber Sie haben gleich gemerkt, dass die Leistungen passen…
Ja, das war meine Taktik. Sie konnten nicht an mir vorbei, weil ich so gute Leistung gezeigt habe. Aber das ist dasselbe wie mit dem Druck: Dass du den selbst eben nicht annehmen darfst. Einfach nicht zu viel nachdenken. Mein Beobachter sagte einmal: „Deine Stärke ist, dass du nicht überlegst“. Er hatte Recht. Das nächste Spiel war für mich immer das wichtigste. Tack. Tack. Nicht schon weiterdenken. Ich war der Meinung: Wenn ich das mache, dann erreiche ich mein Ziel. Das lief. Der Druck war einfach nicht da.
Inwieweit machen die Medien Druck auf Schiedsrichter?
Man muss sich mit Kritik auseinandersetzen. Nicht jede Kritik ist schlecht. Es gibt oft kritische Stimmen von Seiten der Medien, wozu man sagen muss: „Verdammt noch mal, sie haben Recht“. Das muss man annehmen. Wenn vier Medien schreiben würden, dass man arrogant wirke, muss man darüber nachdenken, warum das so ist: „Warum wirke ich arrogant? Was mache ich falsch, sodass ich arrogant wirke? Ist meine Nase vielleicht etwas zu hoch?“. Es sind ja oft Details: Wie schaue ich beispielsweise einen Spieler an, wie spreche ich mit ihm? Wie gehe ich mit dem Publikum um? Wie gehe ich mit den Trainern um? Wie ist meine Körperhaltung? Diese sollte ich wohl genauer analysieren. Wenn ich einen Psychologen habe, muss ich ihn schon fragen: „Wie ist meine Außenwirkung? Warum sagen die das, warum wirke ich so?“ Und dann rät er vielleicht: „Schau mal deine Gestik an, schau mal deine Körperhaltung an. Betrachte mal den Abstand, den du zu diesem Spieler hast. Es ist besser, wenn du einen Schritt zurückgehst. Mache weichere Bewegungen, offenere Bewegungen, nicht schneidende oder stechende Bewegungen“. Es muss so weit gehen, dass alles automatisch geschieht. Dann wirkt es auch natürlich.
Wurden solche Themen auch in Ihren Schiedsrichter-Lehrgängen angesprochen?
Selten. Das meine ich eben. Das sind Aspekte, an denen man mit den Schiedsrichtern arbeiten müsste. In Deutschland gibt es mehrere Schiedsrichter – wenn ich mit diesen in dem Bereich arbeiten könnte, und ich bin kein Psychologe, hätten sie relativ schnell eine bessere Außenwirkung, eine bessere Akzeptanz bei den Spielern und beim Umfeld. Sie hätten auch weniger Druck. Wenn du Angriffsfläche bietest, kommt der Druck. Einige Schiedsrichter haben sich früher gefragt: „Wieso hat der Herr Meier mit den Spielern nie Probleme und ich schon?“. Das lag daran, dass ich mit den Spielern anders kommuniziert habe.
Haben Sie Kurse mit den Inhalten „Rhetorik und Körperhaltung“ besucht und war Ihre Arbeit als Verkäufer diesbezüglich für Sie eine gute Ausbildung?
Ein guter Verkäufer weiß, wie er auftreten muss. Er verkauft sich und seine Entscheidung eben auch gut. Dahingehend hat mir meine Ausbildung und meine Arbeit im Küchen- und Haushaltsgerätegeschäft schon geholfen. Das Problem ist, dass die Beobachter der Schiedsrichter deren Fehler im Auftreten oft selbst nicht sehen und die Beobachter eventuell auch dieselben Fehler auf dem Platz gemacht haben. Wie sollen sie den anderen Schiedsrichtern etwas beibringen, das sie selbst nicht beherrschen, weil sie es nicht gelernt haben?
Haben Sie sich und ihre Assistenten bezüglich der Körpersprache auf dem Platz analysiert?
Immer. Wir haben anhand der Körpersprache innerhalb des Teams sofort gemerkt, wie der jeweils andere drauf war. Zu locker oder zu angespannt war nicht gut. Wenn einer zu locker oder zu aufgeregt war, haben wir uns gegenseitig darauf hingewiesen.
Wie genau haben Sie sich auf besondere Spiele vorbereitet? Woher haben Sie die Informationen über die Länder bezogen?
Vieles habe ich nachgelesen. Es hat sicherlich nicht geschadet, dass ich schon mein ganzes Leben politisch interessiert bin. Dass ich die Geschichte der Länder kannte. Nicht nur beim Spiel der USA gegen den Iran. Wie die Menschen reagieren, wie man Menschen führen muss, wie man mit Menschen umgehen muss. Auch im eigenen Land. Wenn du ein Derby hast, auch. Vieles läuft vor allem auf der persönlichen Ebene: Wie gehst du mit diesen Menschen um? Das, was ich vorher gesagt habe: 30% passieren vor dem Spiel und 30% nach dem Spiel. Wie gehst du mit den Situationen um, wie sprichst du mit den Leuten? Umso mehr Infos man hat, umso besser ist es. Oft ist es so, dass die eigenen Erfahrungen, die man mit verschiedenen Kulturen hat, das allerwichtigste sind. Es ist auch das Spüren im Vorfeld. Es nützt dir alles nichts, wenn dir alle sagen, wie schlecht und gefährlich alles sei und wie die Menschen miteinander umgehen würden und du eigentlich etwas ganz anderes spürst, wenn du ins Stadion kommst. Du spürst: Nee, nee. Ich muss jetzt da nicht mit Angst reingehen. Und man denkt sich: „Was haben sie mir eigentlich erzählt? Ich spüre etwas ganz anderes“. Ich glaube es ist immer wichtig, dass du spürst, wie die Lage ist: Wie gehen sie miteinander um, wie sprechen sie miteinander? Wie sprechen sie übereinander? Was passiert da? Das spürst du und dann musst du in dem Moment dementsprechend agieren. Wenn du jetzt einen fixen Plan hast, wird dieser eher unbrauchbar sein. Man sollte erstmal selbst eigene Erfahrungen sammeln und sich informieren.
Das Problem ist zudem die Presse. Die ist ja auch gefärbt. Zum Beispiel: „Wie ist die Stimmung im Iran?“. Ja, ist die wirklich so, wie es in der westlichen Welt widergegeben wird? Es ist vielleicht eine andere. Und wenn man dann die Gelegenheit hat mit iranischen Taxifahrern zu sprechen, sind diese total positiv gestimmt. Ich hatte durch mein Haushaltsgerätegeschäft mit zwei Architekten aus dem Iran zu tun und habe mit ihnen geredet. Ich habe mit Amerikanern gesprochen. So habe ich diese Menschen erlebt. Einen Abend vor dem Spiel haben wir uns zusammengesetzt und ich habe gemerkt: „Aha, da ist von all dieser Hetze, die da gemacht wird, von dieser Angstmacherei, da ist gar nichts da“. Im Gegenteil: Sie möchten eigentlich eher einander die Hand reichen, sie sind positiv auf das Spiel eingestellt. Ja ok, dann mach ich da mit. Dann versuche ich das aufzunehmen – diese Herzlichkeit, diese Fairness. Und ich versuche einen Beitrag dazu zu leisten und das Ganze nicht noch zusätzlich mit kleinlich vergebenen Karten oder mit einer kleinlichen Spielleitung anzuheizen, sondern laufen zu lassen.
Das angesprochene Spiel fand am FIFA-Fairplay-Tag statt. Sie haben vorgeschlagen, dass sich beide Mannschaften und ihr Schiedsrichterteam vor dem Anpfiff für ein Foto zusammenstellen (laut Urs Meier war die FIFA nicht dafür; Anm. von LS). Wie waren die Reaktionen auf das Bild im Nachhinein?
Alle hatten das Gefühl, dass das von der FIFA organisiert wurde. Das sind einfach solche Dinge, die musst du machen. Das musst du spüren. In tausend Spielen hast du es so gemacht und diesmal musst du es eben anders machen. Das musst du eben spüren, dass es genau dieses tausendste Spiel ist. Das ist im Leben so, das ist mit den Kindern so, das ist mit der Frau so, das ist mit dem Umfeld und mit den Freunden so. Das ist immer so richtig gewesen und heute ist es eben anders richtig. Wenn es eine Ausnahme ist und es einmal ist, dann ist es eben auch richtig. Verstehst du?
Was die Verbände verbessern könnten…
Ja, wenn eine solche Botschaft dabei transportiert wird, auf jeden Fall. Jetzt ein anderes Thema. Sie haben über den Schiedsrichter John Toro Rendon geschrieben, der in einem Spiel drei rote und sieben gelbe Karten gegeben hat. Er habe eine zu dem Zeitpunkt neue WM-Regel (‘tackling from behind‘; Anm. von LS) zu hart aufgefasst, sei sehr stark kritisiert worden und erstmal nicht mehr aus dem Hotelzimmer herausgekommen und habe dann auch nicht mehr gepfiffen. Hier komme ich nochmal auf die Psychologie zu sprechen. Es heißt ja, dass die psychologische Betreuung inzwischen gestellt wird, aber inwieweit hat sie sich tatsächlich entwickelt?
Das Problem ist, dass bei der WM 2014 kein Psychologe dabei war. Man hat ihn wieder gestrichen. Ich vermute, dass man das Gefühl hatte, alles selbst machen zu können. Aber das hat für mich schon etwas mit einer gewissen Überheblichkeit und Arroganz zu tun. Ich kann doch nicht als Schiedsrichterverantwortlicher oder als Schiedsrichterkommission auch noch den Psychologen spielen. Ich kann das als Freund. Natürlich kann ich das. Aber ich bin nicht psychologisch ausgebildet. Wenn es dann wirklich so weit käme, dass jemand am Abgrund steht und springen will, bin ich nicht der richtige Mann, demjenigen die richtigen Worte zu sagen. In der Situation brauche ich jemanden, der das gelernt hat, der denjenigen abholen kann und verhindern kann, dass er hinunterspringt. Wenn ich komme, ist es vielleicht noch wahrscheinlicher, dass er eher springt, weil ich es nicht gelernt habe, in dem Moment passend zu handeln. Das müssten die Verantwortlichen wissen. Gerade bei einer Weltmeisterschaft stehen Schiedsrichter bei gewissen Spielen wirklich oft an einem ganz, ganz schmalen Grad. Der eigene Druck ist riesig. Du willst es hier beweisen, jetzt erst Recht. Und dann kann es sein, dass es vielleicht auch mal schief geht. Dass es ein Spiel gibt, das vielleicht nicht so läuft. Genau dann brauchen sie jemanden, der ihnen helfen kann.
Die gesamte Problematik der Psychologie im Spitzensport besteht ja nicht nur bei den Schiedsrichtern, sondern genauso bei den Spielern. Wie viele von ihnen werden nicht psychologisch betreut? In vielen Vereinen herrscht die Einstellung: „Was ist denn? Wir haben doch einen Trainer, wir haben einen Trainerstab“. Jedoch muss der Trainer in seiner Rolle aufpassen. Wenn ein Spieler ein Problem hat, braucht er einen Psychologen als Ansprechpartner. Ich sage schon immer, dass die Strukturen in den Vereinen verbessert werden sollten. Sie kaufen einen Spieler, einen „Ferrari“, ein. Im Anschluss kümmert sich niemand richtig um ihn: Man schüttet kein Benzin mehr hinein und das Öl ist auch nicht das Beste. Er steht im Regen, kriegt keine Liebe, wird nicht gepflegt.
Aber am Samstag muss er glänzen und Tore schießen. Man sollte sich fragen: „Wie lebt er? Was macht dieser Spieler, der zum Beispiel aus Afrika kommt?“. Er sitzt in seiner schönen Wohnung. Natürlich ist die Wohnung schön. Nur sie ist kalt für ihn. Darin steht vielleicht ein Sofa, das man gekauft hat und ein großer Fernseher mit PlayStation. Eventuell hängt man ihm noch ein Bild von Hamburg rein, obwohl er aus Nigeria stammt. Und der arme Typ kommt ins Training, geht nach Hause und die Decke kommt immer weiter herunter. Wenn er Hunger hat, geht er in einen Fastfood-Laden. Niemand hat ein Auge darauf, ob er das richtige isst und wie es ihm psychologisch geht: dass er Heimweh hat, dass ihm die Wärme der Familie fehlt. Anstatt zu sagen, „Moment, was machen wir, damit es dem Spieler bei uns gut geht? Wir haben noch zwei, drei Spieler, die aus Brasilien kommen. Sie könnten eine WG gründen, damit sie sich wohl fühlen. Ihre Frauen könnten sich auch kennen lernen und sie alle könnten miteinander spanisch oder portugiesisch sprechen. Sie könnten tanzen und lachen und sagen: „Wow“. Dadurch, dass sich diese Spieler zuhause fühlen und eine gute Stimmung bei ihnen herrscht, bringen sie am Samstag wieder ihre Leistung und alle sind zufrieden. Aber nein! Wehe er bringt keine Tore, dann wird er auch noch kritisiert. Und niemand schaut, wie es demjenigen geht. Keiner ist da. „Nee, wieso schießt der keine Tore mehr?“.
Sie haben in Ihrem Buch erwähnt, dass ein Schiedsrichter auf dem Wissensstand der Spieler und Trainer sein sollte. Wäre es sinnvoll, Lehrgänge zu veranstalten, an denen Schiedsrichter, Trainer und Spieler teilnehmen und gemeinsam Spiele analysieren? Wie sind dahingehend Ihre Erfahrungen?
Man bräuchte das unbedingt. Die FIFA und vor allem die UEFA sind gerade noch dran. Pierre Luigi Collina bringt das derzeit voran. Die Verbände arbeiten in dem Bereich intensiver miteinander. Aber diese Politik ist wie ein Heftpflaster. Es ist wunderbar, wenn ich einmal im Jahr mit einem Trainer ein Treffen habe, der mir Spielsysteme vorstellt. Nur das Problem ist, dass es nicht nachhaltig ist: Wenn ich nur einmal etwas gehört habe und die Gespräche nicht fortgesetzt werden. Der Austausch müsste kontinuierlich stattfinden. Wenn ich in einem Tageskurs schon die Tiefe hätte, die mir für die Champions League, für die Weltmeisterschaft, für die großen Spiele in der Bundesliga reichen würde, würden die Trainer wahrscheinlich etwas falsch machen. Sie arbeiten fortlaufend an den Systemen und wir Schiedsrichter müssen auch durchgehend dran bleiben. Der Austausch mit den Trainern selbst müsste viel intensiver werden.
„Ich konnte mich gut auf die Zeit nach der Schiedsrichterkarriere vorbereiten“
Wie haben Sie sich auf die Zeit nach dem Pfeifen eingestellt? Sie haben geschrieben, dass Sie dachten, Sie wären nach einem halben Jahr quasi vergessen und würden sich einfach nur noch auf Ihr Geschäft mit den rund zwölf Mitarbeitern konzentrieren.
Es war bei der EM 2000 klar, dass ich mit dem Pfeifen aufhöre. Ich hatte gemerkt, dass das damals mit den Leuten nicht meine Welt war, dass das nicht meine Werte waren. Mit solchen Menschen wollte ich nichts zu tun haben. Ich habe weitergemacht und meinte, dass die WM 2002 ein schöner Schlusspunkt wäre. Damit habe ich mich lange auseinandergesetzt. Bei der WM 2002 habe ich kurz vor der Nominierung für das Halbfinale gemerkt, dass ich noch viel zu viel Freude am Pfeifen habe. Ich hatte noch so viel Lust auf große Aufgaben, auf große Werke und Meisterschaften und habe entschieden: „Komm, mach bis 2004, Europameisterschaft, das ist geil, und nach dem letzten Spiel der EM ist Schluss“. Das wäre für alle – meine damalige Partnerin ausgenommen – eine Überraschung gewesen. Ich hätte meinen Rücktritt selbst bekannt geben können. Zu dem Zeitpunkt war für mich klar: Nach einem halben Jahr weiß kein Mensch mehr, wer Urs Meier ist. Und das war für mich auch ok. Es war nicht so, dass ich gedacht hätte, dass es mir fehlen würde. Dann fand eben diese EM statt. Auf Grund einiger Vorfälle konnte ich nicht den Rücktritt erklären. So wollte ich nicht zurücktreten. Somit habe ich beschlossen, Ende des Jahres aufzuhören. In der Schweizer Meisterschaft hätte ich noch weiterhin pfeifen können. Aber ich wusste, dass ich in der Vorrunde aufhören würde. Das habe ich den Verbänden mitgeteilt. Die FIFA und UEFA wussten auf Grund der Altersbegrenzung, dass Schluss ist. Da ich schon lange wusste, zu welchem Zeitpunkt meine Schiedsrichterkarriere vorbei ist, konnte ich mich gut auf die Zeit danach vorbereiten.
Inwieweit wurden Sie von Ihren Eltern unterstützt, als Sie im Alter von 18 Jahren das Ziel ins Auge gefasst haben, bei der WM 1998 als FIFA-Schiedsrichter zu pfeifen?
Im Alter von zwölf Jahren habe ich mit dem Fußball spielen begonnen. Mein Vater war überhaupt nicht begeistert. Er war schon sauer, als ich aus dem Turnverein ausgetreten bin. Mein Vater hat mich im Fußball nie gefördert. Meine Mutter hat mich immer am meisten unterstützt, indem sie mir die Freiheiten gelassen hat. Das war stets die größte Unterstützung. Die Freiheit und das Vertrauen. Sie hatte immer Vertrauen in mich. Dieses Urvertrauen, dieses positive. Das ist etwas, das ich auch meinen Kindern weitergeben möchte. Da habe ich auch oft mit meiner jetzigen Frau diskutiert. Meine kleine Tochter ist jetzt dreieinhalb Jahre alt. Wenn sie etwas macht, sage ich zu meiner Frau: „Ja, lass sie. Die macht das“. Meine Frau meint dann: „Ja, wie? Wenn sie da hinunter fällt“. Ich erwidere: „Sie fällt nicht runter. Sie kann das“. Ich habe der Kleinen gesagt: „Wichtig ist es, nie loszulassen. Du hältst dich immer irgendwo fest“. Wenn sie das bewerkstelligt, kann es zwar sein, dass sie irgendwo ausrutscht, aber sie hält sich irgendwo. Dann kann man immer noch hinrennen und sie halten. Diese Mütter, die ihre Kinder festhalten – jede Stufe halten, also nein. „Lass sie doch los. Lass sie los. Du merkst, dass sie sich festhält. Sie soll doch selbst versuchen auf die nächste Stufe zu kommen“.
Nachspielzeit. Bitte vollenden Sie folgenden Satz:
Schlussendlich war meine Zeit als Schiedsrichter… eine erfüllte, wunderschöne Zeit, die ich nicht missen möchte und die ich so sofort wiederholen würde.
Infos:
-> Im zweiten Teil des Interviews (hier zu finden) spricht Urs Meier über sein Engagement für die Kindernothilfe, über die „Diskrepanz der Glitzerwelt Fußball und der Armut“ in Südafrika und darüber, welche Länder er am liebsten mag.