Kurzinterview mit den Machern des Team Bananenflanke e.V.

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Stefan Plötz (1. v. li.), Ben Rückerl (1. v. re.) und BFL-Profi Tobias Kessel freuen sich über den Goldenen Stern des Sports. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Fußballwelt. 2012 haben Stefan Plötz und Ben Rückerl den Verein Team Bananenflanke e.V. gegründet. Der Club wurde speziell für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung geschaffen. Inzwischen gibt es sogar eine Bananenflankenliga, die in der internationalen Presse Aufmerksamkeit erlangte. Ich habe die beiden Macher getroffen und mit ihnen über die Entstehung ihrer Idee, ihr Konzept und ein paar Anekdoten gesprochen…

Ben und Stefan, wie habt ihr euch kennen gelernt?

Ben Rückerl: Wir sind beide staatlich anerkannte Heilerziehungspfleger und haben uns durch die Arbeit in einer Regensburger Einrichtung  kennen gelernt. Wir haben uns sofort verstanden, weil Stefan einen Clubschal getragen hat und ich auch Nürnbergfan bin. Da wusste ich gleich: Das ist mein „Bruder im Geiste“.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, das Team Bananenflanke zu gründen?

Stefan Plötz: Ben hatte einen jungen Erwachsenen in der Wohngruppe, Lukas, der Hobby-Journalismus betrieben hat. Er ist immer auf Amateurfußballplätze gefahren, hat sich die Spiele angeschaut, Fotos gemacht und kleinere Berichte geschrieben. Ende des Monats hat er immer eine kleine Zeitung herausgebracht, ein geheftetes DIN-A4-Blatt. Da stand zu jedem Spiel ein Zehnzeiler drin. Er selbst hatte Zerebralparese (Bewegungsstörung) und tat sich deshalb schwer beim Schreiben und Sprechen. Uns hat er auch mal interviewt. Als wir ihn gefragt haben, was er gerne mal werden möchte, hat er uns erzählt, dass er gerne Journalist geworden wäre, aber das nicht ginge. Lukas hat angemerkt, dass er gern mal einen Profi interviewen würde. Bald entstand die Idee, eine Pressekonferenz mit Jahnspielern und Kindern und Jugendlichen mit Behinderung zu organisieren. Der Vereinsname „Team Bananenflanke e.V.“ entstand bei einem Vorbereitungstreffen mit den Kindern. Die Pressekonferenz ist super gelaufen. Sowohl die Jugendlichen als auch die Spieler hatten vorher bedenken. Die Heranwachsenden wussten nicht, was auf sie zukommt, weil es ihre erste PK war. Die Spieler konnten vorher nicht einschätzen, wie die Kinder reagieren, wenn sie sie auf ihre Behinderungen ansprechen. Doch die Berührungsängste waren schnell verflogen und Begegnungen auf Augenhöhe sind entstanden. Das ist auch das, was das Team Bananenflanke auszeichnet.

Ben: Wir haben die Pressekonferenz von außen beobachtet. Es war ein ganz toller Moment, als wir gesehen haben, wie sich die Grenzen vermischen und zugleich war es der Kick-Off bzw. die Geburtsstunde des Team Bananenflanke (21.3.2011). Uns war und ist es wichtig, langsam und gesund zu wachsen.

Stefan: Nach der Aktion haben wir erstmal einige Monate gar nichts gemacht. Im Herbst 2011 sind wir mit den Kindern mit Behinderung zu einem U21-Spiel nach Ingolstadt gefahren – mit Presseausweisen. Zur PK am 21.3.11 und zum Ausflug nach Ingolstadt gab es Zeitungsartikel von Claus Wotruba. Diese waren und sind unser wertvollstes Gut.

Stefan: Von März 2011 bis August 2012, als wir dann ein Verein geworden sind, gab es drei Eckpfeiler. Die erste Aktion war die Pressekonferenz, die zweite die Fahrt nach Ingolstadt und als drittes gab es eine Charity-Aktion, bei der ein Trikot von Tobias und Bastian Schweinsteiger der Haupterlös war. Nach letzterer Aktion haben wir gemerkt, dass wir das eigenständig schaffen können. Wir wollten uns dort verwirklichen.

 

Vereinsmotto: „Fußball kennt keine Grenzen“

Wie haben die Eltern zu Beginn auf eure Idee reagiert?

Stefan: Anfangs waren die Eltern skeptisch, ob die Kinder das können. Das Problem ist folgendes: Ein Kind mit einer geistigen Behinderung kommt meist nicht richtig aus einer Einrichtung heraus. Es hat dort seinen Physiotherapeuten, seinen Arzt, seine Lehrer und Psychologen und ist immer an diese eine Einrichtung gebunden. Sogar die Freizeitangebote werden zum Teil von der Einrichtung organisiert. Das ist ja alles toll, aber dadurch ist das Kind immer in den selben Mauern und wird nach außen in gewisser Weise abgekapselt.

Wie habt ihr die Eltern von eurem Konzept überzeugt?

Stefan: Wir haben unsere Idee auf einem Elternabend beim Jahnwirt am Kaulbachweg vorgestellt und haben sie durch unseren Enthusiasmus eingefangen. Unser Konzept mussten wir dann zunächst ein bisschen zurückschrauben, weil wir uns für das erste Jahr zu viel vorgenommen hatten. Inzwischen konnten wir alles umsetzen, was wir damals geplant hatten.

 

„30 Stunden Ehrenamt pro Woche – MINIMUM“

Wie viele Stunden pro Woche arbeitet ihr ehrenamtlich?

Ben: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Wochen, da arbeiten wir 70:30, Banane zu normaler Arbeit. Man muss im Hinterkopf behalten: Wir müssen ja auch leben.

Stefan: Wenn man von einem normalen Arbeitnehmer ausgeht, dann arbeitet der 40 Wochenstunden. Vor kurzem hab ich zum Beispiel um 23 Uhr gesagt, ich höre jetzt auf, weil es nix mehr bringt. Das wäre ins Uferlose hineingegangen.

Ben: Man switcht ständig hin- und her, mindestens fünfmal am Tag. An den Wochenenden haben wir so gut wie nie frei.

Stefan: Insgesamt sind es mindestens dreißig Stunden, die wir beide jeweils pro Woche für das Team Bananenflanke ehrenamtlich arbeiten.

 

Normalität schaffen. Durch Normalität.

Ben: Was uns von anderen unterscheidet, ist eben unser Konzept. Das zielt eben nicht auf Inklusion, beim Team Bananenflanke sollen eben nicht Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen Fußball spielen. Unser Grundgedanke ist, die Kinder, mit der Beeinträchtigung oder Behinderung, die sie haben, in die Gesellschaft zu bringen. Und dann findet Inklusion statt. Da hat es schon einige Kritiker gegeben. Aber wir kommen aus dem Bereich. Wir haben das extra deswegen so gemacht, weil wir das wussten. Als wir in einer Einrichtung Fußballturniere organisiert haben, gab es fünf Teams und bei der Siegerehrung dann fünf Sieger. Wenn der eine 100 Tore geschossen hat und der andere minus 80, dann ist das schon ein riesen Unterschied. Dennoch werden beide Sieger genannt. Wir wollen einen ehrlichen Wettkampf: Man muss lernen, mit Niederlagen umzugehen. Auch die behinderten Kinder müssen damit umgehen. Irgendwann sind die Eltern, ist die Oma weg, die sie jetzt noch in einen Wattebausch packen. Irgendwann werden sie mit Niederlagen konfrontiert, genauso wie du und ich, und auf einmal sind sie dann völlig vor den Kopf gestoßen, damit umzugehen. In dem Umfeld, das wir aufgebaut haben, lernen sie durch den Trainer und das pädagogische Betreuungspersonal, mit Niederlagen umzugehen. Natürlich weinen sie manchmal, aber solche Emotionen sind im Sport ja völlig normal.

Stefan: Im Prinzip schafft man Normalität durch Normalität.

Ben: Im schulischen Bereich ist das was anderes, wenn Kinder mit und Kinder ohne Behinderung zusammen sind. Aber im sportlichen Bereich wollen die Kinder mit Behinderung einen Wettkampf und zwar mit ihresgleichen. Wir sagen nicht, dass es falsch ist, was andere machen. Aber wir gehen eben den Weg, den wir für richtig halten. Jeder, der etwas im Inklusionsbereich macht, ist super.

Was sind die Ziele des Team Bananenflanke für die Kinder?

Stefan: An oberster Stelle steht das positive Selbstwertgefühl und der Spaß der Kinder. Das war eine unserer ersten Beobachtungen, dass dieser Effekt – wir nennen ihn Bananenflankeneffekt – erzielt werden konnte. Zudem ist uns die Persönlichkeitsentwicklung wichtig. Hinzu kommt Sozialkompetenz. Der soziale Kontakt kann durch den Fußball vereinfacht vermittelt werden. Kinder mit Behinderung kommen durch den Fußball viel einfacher ins Gespräch mit anderen. Ein weiteres Ziel ist die Förderung des Teamgedankens.

Was kann man sich unter der Bananenflankenliga vorstellen?

Ben: Im Prinzip läuft das nicht anders als bei einem „normalen“ Verein ab. Wir haben Trainingseinheiten und Spieltage. Die Liga in Regensburg besteht aus sechs Teams, die drei Spieltage austragen. „Spieltag“ bedeutet, dass es drei Veranstaltungen gibt, bei denen Punktspiele ausgetragen werden. Dadurch, dass wir im Street-Soccer-Court spielen und das meist ca. 2×8 Minuten, können pro Tag mehrere Punktspiele stattfinden. Am letzten Tag wird dann abgerechnet. Wer Erster ist, ist Bananenflankenligameister und bekommt den BFL-Teampokal überreicht.

Was hat es mit dem Round Table auf sich?

Stefan: Ein Round Table ist ein Club für Männer unter 40. Wer eintritt, hilft bei Sozialprojekten mit. Der Club besteht aus zwanzig, dreißig Leuten vor Ort. Diese suchen sich dann je ein soziales Projekt aus, das sie unterstützen. In Regensburg wurde unser Verein, Team Bananenflanke e.V., vor drei Jahren ausgewählt und unterstützt. Das läuft folgendermaßen ab: Der Club erwirtschaftet durch verschiedene Aktionen Gelder und spendet diese dann an unseren Verein. Darüber hinaus packen die Mitglieder auch bei der einen oder anderen unserer Aktionen mit an.

Wie ist es dazu gekommen, dass nun quer durch Deutschland Bananenflankenligen eingeführt werden?

In Deutschland gibt es insgesamt 220 Tische und ein sogenanntes NSP, nationales Serviceprojekt. Das bedeutet, dass ein soziales Projekt ausgewählt wird, mit dem Ziel, es großflächig in Deutschland zu verbreiten. Hierfür haben wir uns beworben und wurden ausgewählt. Seit Sommer 2015 läuft das ganze nun. Wir haben gemeinsam einen Leitfaden entworfen, der an alle Tische herangetragen wurde. Jede Stadt konnte das Projekt dann selbst durchführen oder etwas dafür spenden. Viele Städte haben inzwischen eine Bananenflankenliga eingeführt. Wir beide fahren jetzt quer durch Deutschland und sind dort bei den Elternabenden und Kick-Off-Veranstaltungen dabei. Jede Stadt hat einen eigenen e.V. gegründet. Konzeptionelle Inhalte werden zu etwa neunzig Prozent von uns aus Regensburg übernommen, der Rest hängt vom jeweiligen Ort ab. In Berlin sind die Entfernungen zum Beispiel viel größer als in Regensburg. Insgesamt wurde in rund fünfzehn Städten ein Verein gegründet.

Was war euer schönster Moment mit dem Team Bananenflanke?

Beide: Der goldene Stern. Nicht nur der Sieg an sich, sondern der ganze Wettbewerb. Die Fahrt mit den Kindern nach Berlin.

Stefan: Wir haben im April 2014 einen Elternabend wegen des Wettbewerbs gemacht und hatten zu dem Zeitpunkt noch kein einziges Kind dafür begeistern können. Ein halbes Jahr später waren wir schon innerhalb Bayerns Erster. Das ist schon irre, wie nahe alles zusammenliegt.

Ben: Unsere Herzenswunscherfüllungen waren auch superschön. Als wir Lukas Schmid seinen Traum erfüllt haben, Per Mertesacker zu treffen. Lukas kannte ich schon sehr lange und das war wirklich ein wunderbares Erlebnis für uns alle.

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Tobias Schweinsteiger (li.) und BFL-Profi Florian Sperlich (re.) jubeln. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Wer unterstützt euren Verein?

Ben: Tobias Schweinsteiger ist als Botschafter der Bananenflankenliga goldwert für uns. Eine riesen Unterstützung von Anfang an hatten wir durch den SSV Jahn. Aus dem aktuellen Regionalligakader helfen uns vor allem Markus Ziereis, Thomas Kurz und Sebastian Nachreiner. Sie haben Patenschaften für die Mannschaften übernommen. Ansonsten unterstützen uns Mario Neunaber, Ronny Philp, Philipp Ziereis und Jim-Patrick Müller sehr aktiv.

Vielen Dank für das Interview.

Beide: Bitte, sehr gern.

 

Ihr wollt noch mehr über das Team Bananenflanke erfahren?

Dann lest am besten das ausführliche Interview (zunächst Teil I) oder schaut auf den Seiten des Vereins Team Bananenflanke e.V. vorbei:

Thorsten Röwekamp ist ehrenamtlicher Sehbehindertenkommentator

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Thorsten „Totti“ Röwekamp (re.) und Alexander Friebel (li.) arbeiten als ehrenamtliche Sehbehindertenkommentatoren auf der Alm (=SchücoArena). Foto: Röwekamp

Bielefeld. Thorsten Röwekamp, vielen Arminen als „Totti“ bekannt, ist seit elf Jahren als Sehbehindertenkommentator auf der Alm (SchücoArena; Anm. von Lisa Schatz) im Einsatz. Arminiafan ist er schon seit seiner Kindheit. Er war zudem der erste große Trommler dort und gründete zusammen mit Carsten Vogt den Fanclub „Blue bandits“.

Totti, wie ist es dazu gekommen, dass du Sehbehindertenkommentator geworden bist?

Als die Rollstuhlplätze auf die andere Seite der Alm verlegt und ausgebaut wurden, wurde mehr Personal benötigt. Alexander Friebel (s. Foto; Anm. von Lisa Schatz) hat mich gefragt, ob ich dort als Behindertenbetreuer mitarbeiten möchte und das habe ich gemacht. Einige Zeit später wurde ein Blindenkommentator gesucht. Das habe ich dann einfach mal ausprobiert. Anfangs haben wir mit einem Blinden getestet, ob es überhaupt klappt und so bin ich dabei geblieben.

Hast du in dieser Richtung eine spezielle Ausbildung oder ein Training absolviert oder war das alles Learning by Doing?

Es war wirklich Learning by Doing und auch das Netzwerken hat mir sehr geholfen. Aber im Grunde genommen kam das alles mit der Zeit. Man wird ja nie als Reporter oder Kommentator geboren. Das ist eine Sache, die sich entwickelt.

Verdienst du etwas bei dieser Arbeit oder kommentierst du ehrenamtlich?

Das ist alles ehrenamtlich und Geld würde ich dafür auch nicht haben wollen. Behindertenarbeit ist für mich immer ehrenamtlich und eine Herzensangelegenheit gewesen.

Mit wem arbeitest du zusammen?

Inzwischen sind wir ein großes Team. Begonnen mit dem Kommentieren habe ich damals alleine. Als das von der DFL professionalisiert wurde, wurde gesagt, wir sollten das immer zu zweit machen. Jetzt sind wir ein Team aus sechs, sieben Leuten und haben einen Plan, in welchen wir uns dann immer eintragen. Fast professionell (lacht).

Bist du bei Heim- und Auswärtsspielen dabei?

Zunächst war es so, dass ich als Sehbehindertenkommentator auf der Alm gearbeitet habe. Dann haben wir uns überlegt, dass wir die Hardware haben, um auch zu Auswärtsspiele zu kommentieren. Also haben wir mit dem ASC-Fanradio (ASC steht für Arminia Supporters Club; Anm. von Lisa Schatz) begonnen. Beim ersten Punktspiel mit Stefan Krämer als Cheftrainer auswärts (Spiel gegen die Offenbacher Kickers am 15.10.11; Anm. von Lisa Schatz) hatten wir unsere Premiere mit unserem Auswärts-Livestream. Das hat damals super geklappt und seitdem sind wir für den ASC in wechselnder Besetzung bei jedem Auswärtsspiel dabei.

 

Die Schwarz-Weiß-Blauen spielen „von links nach rechts“

Was ist das wichtigste, worauf du bei deinem Job achten musst? Man kommentiert für Sehbehinderte sicherlich anders als für Sehende.

Was beispielsweise ein Sky-Reporter macht, ist mit unserer Arbeit gar nicht zu vergleichen. Ein solcher kann das Spiel auch mal zwei Minuten laufen lassen, weil der Zuschauer ja sieht, was auf dem Feld passiert. Der Kommentator muss also nicht jeden Ballkontakt zu kommentieren. Einen Blinden hingegen kannst du nicht eben mal zwei Minuten des Spiels alleine lassen. Es fängt ja schon bei der Kleidung der Spieler an. Der Nutzer im Internet weiß, was ich meine, wenn ich sage: „Zur Südtribüne hin“. Wenn ich für Sehbehinderte kommentiere, muss ich sagen: „Von links nach rechts“ oder „von rechts nach links“. Außerdem beschreibe ich, wie die Kleidung der Spieler aussieht. Zudem nenne ich den Namen des Schiedsrichters und erzähle, woher dieser kommt. Wichtig ist vor allem die Verortung: Wo ist der Ball? Was passiert gerade? Wer ist am Ball? Warum? Wieso? Also, immer detailliert zu beschreiben. Es ist auch wichtig, die Spieler körperlich zu beschreiben. Klos ist zum Beispiel 1,94 m groß und wiegt um die neunzig Kilo. Ein Mensch ohne Sehbehinderung sieht das, der denkt dann auch: „Was reden die denn da?“. Es ist schon ein riesengroßer Unterschied zwischen dem Heim- und dem Auswärtsspiele-Kommentieren. Unsere Hörerinnen und Hörer möchten auf jeden Fall möglichst genaue Informationen.

Worüber sprichst du als Erstes?

Wir starten immer fünf Minuten vor dem Spiel und versuchen möglichst viel in diese Zeit hineinzupacken – ohne, dass es zu viel wird. Zuerst sprechen wir die Aufstellung ein. Bei der Hymne sind wir immer ganz ruhig – einfach, weil uns währenddessen überhaupt keiner zuhören würde. Unsere Hörerinnen und Hörer sitzen dann unten, singen und feiern mit und heben die Schals hoch. Sie sind eben wirklich Fans.

Wie bereitet ihr euch genau auf die Partien vor?

Vor dem Spiel lesen wir den kicker. Außerdem werden wir von der DFL mit einer Informationsmappe ausgestattet. Da steht wirklich drin, wer wann welche Socken getragen hat. Am wichtigsten sind für uns die ersten fünf der vierzig Seiten. Der Rest ist sehr viel Statistik. Man darf die Zuhörerinnen und Zuhörer auch nicht überfordern. Wir versuchen die ersten fünf Minuten Randerscheinungen reinzupacken: Infos über den Schiedsrichter, zur Aufstellung. Alles andere versuchen wir ins Spiel einfließen zu lassen. Das hat mitunter Längen, in die wir viel einbauen können. Jetzt, da das 111-jährige Jubiläum von Arminia ansteht, machen wir auch mal Werbung dafür.

Wie viele Plätze gibt es in Bielefeld für Sehbehinderte?

Es gibt zehn Plätze plus zehn Plätze für Begleitpersonen. Die Begleitpersonen zahlen keinen Eintritt. Auf Dauer wird die Anzahl der Plätze aufgestockt. Wenn sich Arminia in der zweiten Liga hält, wird es mehr Plätze geben, weil dann auch mehr sehbehinderte Fans der Gästevereine kommen. Gerade hier aus der Nähe, vor allem aus Paderborn oder Köln. Zum Vergleich: In Paderborn müssen die Begleitpersonen Eintritt bezahlen. Das ist in Deutschland einzigartig, da ist der SCP ganz hinten. Jedes Jahr wird neu darüber diskutiert, aber der SCP braucht das Geld.

Kommentierst du neutral, wenn Gästefans zuhören?

Nein, das nicht. Wenn ich weiß, dass Gästefans mithören, werden diese begrüßt. Ich probiere dann auch möglichst neutral zu sein. Aber ich bin im Herzen DSC-Fan und wenn Arminia ein Tor schießt, dann freue ich mich natürlich immer mehr.

Welche Anekdoten hast du in Zusammenhang mit Arminia erlebt?

Schön sind natürlich die Aufstiegsspiele gewesen, als wir über den Äther die Stühle fliegen hörten. Wenn man einfach aufspringt, weil man sich so freut, und die Stühle, die auf der Pressetribüne sind, erstmal wieder aufkramen muss. Oder wenn sich während dem Kommentieren der komplette Kaffee über das Equipment ergießt (lacht). Alles schon passiert. Wenn wir nach den Spielen mit unseren Zuhörerinnen und Zuhörern reden, werden wir natürlich auf derartige Vorkommnisse angesprochen. Wir versuchen sowieso, alles nicht so stocksteif zu kommentieren. Ich glaube, wir haben da eine ganz gesunde Mischung. Im Laufe der Jahre haben sich Teams herauskristallisiert. Alex Friebel und ich, wir verstehen uns blind. Uns kannst du nachts um zwei wecken und wir bringen dir immer noch eine 100%-Reportage auf den Tisch. Das ist einfach schön und ein gutes Gefühl, wenn man sich auch privat super versteht.

Was war das Lustigste, das du bisher erlebt hast?

Witzige Erlebnisse hatten wir oft auf Grund unserer Presseplätze in verschiedenen Städten. So zum Beispiel in Münster, worüber jeder sagt: „Da kannst du nicht sitzen!“. Da sitzt man und macht sich neunzig Minuten lang Gedanken, wie man dort jemals wieder herauskommt. Und da fragt man sich eben schon, wer so etwas baut. Alle regen sich darüber auf. Ich erinnere mich an ein Auswärtsspiel gegen Preußen Münster. Zwei Kollegen wollten nach dem Spiel in die Mixed Zone und hatten wirklich keine Wahl, als über uns hinüberzuklettern. Sie waren kurz davor, zu stolpern und zu fallen. Eine andere Geschichte sind die Auswärtsfahrten in den Süden: Wenn wir lange Fahrten haben und an Kirchheim vorbeikommen, dann gibt es dort immer Eifrühstück. Das sind Riten, die wir uns über Jahre angeeignet haben. Auf der Rückfahrt gibt es dort immer Schnitzel. Lustig, witzig und auch informativ sind die zweitägigen Treffen, die von der DFL organisiert werden. Diese finden meist in Kamen-Kaiserau statt. Das ist immer eine richtig tolle Sache. Die Atmosphäre ist hochproduktiv und man kennt die Kollegen schon über Jahre hinweg. Natürlich ist es auch toll, von der DFL ein bisschen gebauchpinselt zu werden. Das wird auch von Arminia übernommen. Die Behindertenarbeit wird in Bielefeld sehr groß geschrieben. Im Sehbehindertenbereich haben wir mit den Stadtwerken auch einen Partner, der sich sehr generös zeigt.

 

„Bei Arminia ist niemand abgespaced“

Was fasziniert dich am meisten an Arminia und am Umfeld?

Arminia ist halt Arminia und da gibt’s auch keine Alternative. Ich kann das nicht beschreiben. Wenn du einmal auf der Alm warst, dann ist das so eine Art Magie. Es ist wirklich so. Wenn du vierzig Jahre da warst, dann hast du alles mitgemacht. Arminia ist eine ganz große Familie. Da ist ja nie jemand, der in einer anderen Ära spielt. Fabian Klos triffst du morgens beim Brötchen holen. Bei Arminia ist niemand abgespaced oder in einer anderen Welt. Das hat in Bielefeld keiner nötig und das würde auch nicht gut ankommen.

Welches war dein persönlich schönstes Arminia-Erlebnis?

Der erste Aufstieg zurück in den bezahlten Fußball. Das war schon eine riesen Nummer. Der Verein kratzt ja immer zwischen den Welten. Aber damals, das waren ja elf Jahre, in denen man nicht im bezahlten Fußball gespielt hat. Klar, wurde da viel Geld investiert und auch verbrannt. Der Aufstieg war schon der wichtigste.

Wie würdest du Arminia mit drei Worten beschreiben?

„Ich liebe dich.“

Vielen Dank für das Interview.

Sehr gerne.

 

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

-> Einen Reisebegleiter für barrierefreie Stadionbesuche hat die Bundesliga-Stiftung online gestellt (-> hier klicken).

-> Weitere Informationen zum Almbesuch für Menschen mit Behinderungen findet ihr hier.

Integration durch Fußball beim ESV Neuaubing

ESV Neuaubing und Centro Argentino
Das Integrationsteam des ESV Neuaubing (li.) traf in seinem ersten Pflichtspiel auf Centro Argentino (re.). Foto: Christian Brey

„Mehr leben, mehr genießen, mehr Verantwortung übernehmen. Vielleicht bei der Aktion Sternstunden und darüber regelmäßig mit Kindern Fußball spielen“, diese Zeilen schrieb der Journalist Olaf Butterbrod am Ende seines zehnwöchigen Afrika- Aufenthaltes im Jahre 2011. Im vergangenen Mai traf er auf Christian Brey, der auf der Suche nach Spielern für den ESV Neuaubing war. Die beiden gründeten das erste Flüchtlingsteam Bayerns, wodurch sich Butterbrod zugleich seinen Traum verwirklichen konnte. Im Herbst ging das deutschlandweit durch die Presse, nachdem sich herausstellte, dass sie „neben Babelsberg die ersten in Deutschland waren, die eine Flüchtlingsmannschaft auf die Beine gestellt haben“, so Brey. Ich wollte von den beiden wissen, wie es zur Gründung der Mannschaft gekommen ist, welche Hürden sie anfangs zu überwinden hatten, wie sich das ganze entwickelt hat und vor allem auch, wie es weitergeht. Außerdem hat mich interessiert, welche Eindrücke Ismat Maidin und Till Eichstaedt, beide Spieler, in dieser Mannschaft gesammelt haben.

 

DER BEGINN DER ERFOLGSGESCHICHTE

Wie ging es weiter, nachdem ihr euch kennen gelernt habt?

Christian Brey: Vergangenen Mai haben wir ein Training auf den Neuaubinger Plätzen vereinbart. Danach war uns sofort klar: ‚Das funktioniert, das probieren wir auf jeden Fall – eine Mannschaft muss gehen!‘. Mit rund zwanzig Spielern haben wir schließlich das Team gegründet. Dann ging’s los. Wir haben ein wöchentliches Training angesetzt und uns zunächst stundenlang hingesetzt und die Anträge für den Bayerischen Fußball-Verband ausgefüllt. Am 30. August hatten wir das erste Spiel, am 28. August waren die letzten Pässe da.

Wie genau ist der Medienrummel um eure Mannschaft entstanden?

Christian Brey: Nach der Anmeldung unseres Teams haben wir ein Pressegespräch organisiert. Somit war am 13. August die Süddeutsche Zeitung da und durch einen Artikel der SZ hat sich dann herausgestellt, dass wir neben Babelsberg die ersten in Deutschland waren, die das gemacht haben. Daraufhin ist das Interesse explodiert und wir waren auf allen Medienkanälen vertreten. Olaf wurde zum Beispiel ins aktuelle Sportstudio eingeladen, Blickpunkt Sport haben wir nach unserem ersten Spiel gegen Pasing besucht. Wir sind super in die Saison gestartet. Von den ersten acht Spielen haben wir sechs gewonnen und zwei Unentschieden gespielt. Also besser ging’s für den Anfang gar nicht. Als die Spieler, die den Verein zwischenzeitlich verlassen hatten, von der guten Organisation erfahren haben, sind sie zurückgekommen.

Inwiefern hat sich der ESV vor der Gründung der Flüchtlingsmannschaft mit den Themen Integration und Toleranz beschäftigt?

Christian Brey: Der Verein war seit 1936 schon immer ein internationalisierter Verein, dessen Sportler teils sogar an den Olympischen Spielen teilgenommen haben. Die Ringer zum Beispiel sind schon im Alter von 15 Jahren zum Austausch in die Türkei gefahren und haben die Sportler dort zu uns eingeladen. Insofern hatte sich der Club schon länger mit diesen Themen befasst.

 

WENN FUßBALL ALS GEMEINSAME SPRACHE DIENT

Welche Nationalitäten sind im Integrationsteam vertreten?

Olaf Butterbrod: Die Jungs kommen zum Beispiel aus Afghanistan, Irak, Iran, Syrien und Eritrea.

Christian Brey: Wir sind eine bunt gemischte Gruppe. Ötzi ist türkischer Abstammung, wurde in Deutschland geboren und spricht das wohl beste Deutsch von uns allen. Er ist ein gebildeter Typus. Dann haben wir Ali dabei, der ein schwarzer türkischer Grieche ist. Er wurde in einem nicht griechisch sprachigen Teil Griechenlands geboren. Außerdem haben wir einen Bosnier in der Mannschaft, der als Busfahrer arbeitet. Lauter coole Leute eigentlich, komplett unterschiedlich. Inzwischen haben wir eine zweite Mannschaft angemeldet, weil wir über fünfzig Spieler haben. Einer der Jungs ist Sozialpädagoge, der hilft uns auch sehr. Auch ein aus Brandenburg stammender gelernter Bauer spielt bei uns. Wir haben also eine unglaublich bunte Mischung an Leuten da. Das passt super. Fußball hält zusammen.

Wie sieht es mit der Verständigung aus? Würdest du sagen, dass die Jungs die deutsche Sprache durch den Sport lernen?

Christian Brey: Ja. Die Kabinensprache ist Deutsch. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es ist dann doch so, dass auch viel Farsi, Afghanisch etc. gesprochen wird. Wir sprechen fast nur Deutsch mit ihnen. Allerdings haben wir über die Zeit festgestellt, dass es ohne Deutschkurse nicht geht und deshalb einen Deutschlehrer engagiert. Über Facebook haben wir Lehrer gefunden und auch über eine Schule, an der ich ein Mädchenfußballteam trainiere. Diese geben unseren Jungs jetzt Sprachunterricht. So vernetzen wir das langsam.

 

BESONDERHEITEN DES INTEGRATIONSTEAMS

Inwieweit erkennst du einen Unterschied zwischen eurem gemischten Team und einem „typisch deutschen“ Team?

Christian Brey: Ja, die Jungs, die im Integrationsteam spielen, sind viel dankbarer, freundlicher und motivierter. Ich bin der Meinung, dass ein gemischtes Team sehr viel Potential hat. Wir sind auch in der Fairness-Tabelle ganz vorne.

Worin liegt deiner Ansicht nach – auf die Geflüchteten bezogen – das größte Potenzial in dieser Gruppe?

Olaf Butterbrod: Die Jungs profitieren erstmal in der Hinsicht, dass sie durch das Training ein Grundgerüst für die Woche haben. Zweitens bekommen sie dort die Erfolgserlebnisse, die sie anderswo nicht haben. Bei uns sind sie absolut gleichwertige Mitglieder des Mannschaft und können ihre Erfolge dadurch feiern, dass sie sie selbst sind. Dass nicht auf ihre Herkunft, ihre Hautfarbe oder ihre Religion geschaut wird, sondern darauf, dass sie nette Menschen und gute Fußballer sind.

Was ist das besondere an eurer Mannschaft? Was zeichnet das Team aus?

Ismat Maidin: Es macht einfach sehr viel Spaß, hier zu spielen und wir verstehen uns alle sehr, sehr gut. Im Fußball braucht man keine Sprache, der Fußball selbst ist eine eigene Sprache.

Till Eichstaedt: Das ist ein tolles Vorzeigeprojekt für unseren Verein. Es ist total egal, welche Nationalität die Spieler haben. Die, die am besten sind, spielen. Egal, ob Deutsche oder Türken oder was auch immer. Jeder darf mitkicken, unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht er ist. In vielen Vereinen spielen nur die guten. In den Vereinen, in denen ich bisher gespielt habe, spielen dann doch eher Deutsche zusammen. Dort ist es nicht so, dass Integration so groß geschrieben wird wie bei uns jetzt. Ansonsten geht es hauptsächlich um den Spaß. Man hilft sich auch gegenseitig, das ist in anderen Clubs nicht unbedingt der Fall. Hilfe meint jetzt wirklich auch essentielles. Ich bin beispielsweise mit einem Iraker wegen seiner Duldung zum Amt gegangen. Oder wir helfen ihnen bei den Formalitäten. Die Amtssprache ist manchmal schon für uns Deutsche schwer verständlich, wie soll das dann jemand verstehen, der noch nicht richtig Deutsch kann? Vor allem Christian Brey und Olaf Butterbrod unterstützen die von Abschiebung bedrohten Spieler mit allem möglichen, das ist wirklich super.

Olaf Butterbrod: Die Leidenschaft, das Brennen für den Fußball. Aber ansonsten sind wir auch ein ganz normales Team. Es gibt Eitelkeiten, es gibt gute und schlechte Spieler. Auf dem Platz ist es egal, was der Sportler erlebt hat. Ich sehe da jetzt keinen Flüchtling vor mir, ich sehe da keinen bedauernswerten Menschen vor mir, ich sehe da kein Opfer vor mir. Ich sehe da einen Menschen. Da behandle ich alle gleich. Wir wollen Normalität, wir wollen sie nicht in eine „Flüchtlings-Schublade“ stecken. Das wissen die Spieler und das schätzen sie auch. Die Trainingsbeteiligung, woran man auch einiges ablesen kann, ist unfassbar. Es stehen oft dreißig Leute auf dem Platz, das ist Wahnsinn.

Was unternehmt ihr außerhalb der Trainingseinheiten und Spiele mit den Geflüchteten?

Olaf Butterbrod: Wir gehen zusammen ins Stadion, wir gucken zusammen Champions League, wir gehen zusammen Burger essen, gehen ins Theater oder ins Kino. Ich nehme sie auch oft mit, wenn ich etwas mit Freunden unternehme, damit auch ein Austausch stattfindet. Vergangene Woche haben wir bei einem großen Verband in Bayern für 120 Leute afghanisch gekocht. Das war wirklich eine tolle Sache. Bei solchen Aktionen können die Geflüchteten den Einheimischen auf Augenhöhe begegnen.

 

POSITIVE UND NEGATIVE ERLEBNISSE

Was macht dir bei deiner Arbeit den größten Spaß?

Olaf Butterbrod: Zu spüren, was es für die Jungs bedeutet, Fußball zu spielen, sich über den Sport zu identifizieren, auf andere Gedanken zu kommen. Natürlich ist es auch toll zu sehen, wenn über den Sport, über diese Mannschaft, ein Netzwerk entsteht und wir z. B. bei jemandem kochen dürfen. Wenn jemand bei dem Frisör, bei dessen Weihnachtsfeier unsere Spieler afghanisch gekocht haben, ein Praktikum machen kann. Zudem hat ein Spieler mit gelähmter Hand einen Praktikumsplatz als KFZ-Mechaniker bekommen. Das muss man sich mal vorstellen. Wenn Abschiebungen verhindert werden können und wenn ich sehe, wie glücklich die Menschen dann sind, ist das toll. Wenn Freundschaften entstehen und beispielsweise ein Eritreer mit einem Afghanen Arm in Arm geht und ich da eine totale Herzlichkeit erkennen kann, dann freut mich das sehr. Oder auch bei Facebook sehe ich, wie die Jungs miteinander agieren, das ist schon cool. Das Klischee des südländischen Temperaments konnte ich nicht erkennen. Null. Meine Spieler sagen inzwischen, dass sie sich als zu fair empfinden. Ich sage ihnen vor jedem Spiel, dass sie hier auch Botschafter sind. Wenn sie gefoult werden, entschuldigen sie sich inzwischen quasi schon beim Gegner. Aber lieber so, als wenn sozusagen das „Klischee des hitzköpfigen und unfairen Ausländers“ erfüllt wird. Für mich ist es ein Erfolgserlebnis. Es erfüllt, wenn man das Glück und die Zufriedenheit und auch Dankbarkeit spürt.

Was hast du durch deine Arbeit mit dem Integrationsteam gelernt?

Olaf Butterbrod: Ich lerne Demut. Es gibt nichts an Grausamkeiten, was es nicht gibt. Ich weiß nicht, wo ich da anfangen und wo ich aufhören soll. Ein ehemaliger Spieler hat ein Hörgerät, weil er zu nah an einem Bombenanschlag stand. Ein anderer hat seinen Bruder sterben sehen. Er selbst hat einen Bombensplitter in der Brust und kann seine Hand nicht mehr bewegen, weil seine Nerven durch den Bombensplitter durchtrennt wurden. Ein weiterer Spieler kann nicht laut sprechen, ich weiß nicht, was er erlebt hat. Mein Torwart, der Profi werden wollte, hat mir ein Handyfoto von seinem fast abgeschlagenen Arm gezeigt. Er wurde mit einem Schwert angegriffen, auf dem Bild waren seine Knochen zu sehen. Das geht mir schon nahe. Er spielt wirklich gut und vielleicht hätte er das Zeug zum Profispieler gehabt. Vergangene Woche war er zum Bundesliga gucken bei mir und konnte wegen der Verletzung die Pizza nicht schneiden. Das sind Dinge, die demütig machen. Ich bin inzwischen mehr Sozialarbeiter als Fußballtrainer. Das hat sich verlagert. Das mache ich lieber, als „Pseudo-Platzanweiser“ auf dem Fußballplatz zu sein. Das hat zwar bislang niemanden gestört. Es gibt eben Dinge, die sind wichtiger als Fußball. Noch wichtiger für die Jungs ist es, Deutsch zu lernen – auch, wenn einige von ihnen Fußball als das Wichtigste ansehen.

Ausflug in die Allianz Arena
Olaf Butterbrod (rote Jacke) besuchte zusammen mit den Spielern des Neuaubinger Integrationsteams und weiteren Geflüchteten das Spiel des TSV 1860 München gegen Fortuna Düsseldorf. Foto: Christian Brey

 

ZU DEN FOLGEN DER GENIALEN IDEE

Inwieweit hat sich euer Integrationsteam in den vergangenen Monaten verändert?

Olaf Butterbrod: Unsere Idee hat sich herumgesprochen. Die Stadt München und auch Trägerorganisationen wie die Caritas schicken mir Spieler vorbei. Es werden immer mehr und kaum einer geht freiwillig, weil es allen so gut gefällt. Wir hatten vergangene Woche am Samstag um 11.30 Uhr ein Training für die Flüchtlingsheime drumherum und um 15 Uhr ein Spiel. Am Sonntag hatten wir um 12.30 Uhr nochmal ein Training für die Flüchtlingsheime im Umkreis und um 14 Uhr ein Auswärtsspiel. Dann läuft gerade noch der Schnuppermonat. Das ist jetzt also nur eine Frage der fehlenden Man- oder Womenpower. Von mir aus können hier 200 Leute Fußball spielen – wenn wir die entsprechende Anzahl an Trainern und Trainingsmöglichkeiten hätten, gerne.

Wie geht’s jetzt beim ESV Neuaubing weiter?

Olaf Butterbrod: Ich habe mich zum Abteilungsleiter beim ESV wählen lassen unter der Bedingung, dass ein neuer Trainer eingestellt wird und ich sozusagen vom operativen wegkomme. Ich mache jetzt übergangsweise die Aufstellungen für die Spiele, damit der Trainer weiß, wer gut ist. Das muss sich einspielen. Das Training kann ich nicht mehr machen. Ich bin kürzlich am Knie operiert worden, werde im Sommer Vater und arbeite noch hauptberuflich bei einer Bank. Das Flüchtlingsthema hat auch für mich Ausmaße angenommen, mit denen ich vorher nicht gerechnet hatte. Mir ist die Integration über Bildung etc. am wichtigsten. Deshalb setze ich mich nun in dem Bereich mehr ein. Ich habe zum Beispiel einen Schnuppermonat, einen Sportmonat, organisiert. Wir haben derzeit 23 Abteilungen. Die anderen 22 habe ich angeschrieben und wir haben das zusammen auf die Beine gestellt. So können die Geflüchteten, die kein Interesse am Fußball haben, diesen Monat alle Sportarten der anderen Abteilungen ausprobieren.

 

TIPPS FÜR DIE TRAINER(-INNEN)

Wenn jetzt ein(-e) Trainer(-in) zu dir kommt, die bzw. der auch eine Integrationsmannschaft gründen möchte, welche Ratschläge hast du dann für sie bzw. ihn?

Olaf Butterbrod: Man sollte spätestens im April oder Mai starten. Es ist wichtig, dass man mindestens ein oder zwei Leute hat, die die Passbilder einsammeln und die Pass- sowie die Mitgliedsanträge ausfüllen. Der organisatorische Aufwand ist tierisch, aber er lohnt sich. Ein solches Team ist für jeden Verein, allein schon sportlich eine riesen Chance. Man sollte Kontakt zu den Flüchtlingsunterkünften aufnehmen und Testtrainings veranstalten. Dann wäre mein persönlicher Ratschlag, die schlechteren Spieler nicht auszuschließen, sondern miteinzubeziehen. Bei meinem vorherigen Verein waren auch nicht nur Maradonas und dergleichen unterwegs. Mein Hauptratschlag ist: Machen, offen sein und sich darauf freuen, dass es einen selbst unglaublich bereichert, sportlich und vor allen Dingen menschlich.