Handicap-Fußball: Interview mit Experte Nico Kempf

Nico Kempf
Nico Kempf arbeitete als Inklusionsbeauftragter für den Bayerischen Fußball-Verband. Foto: Boran & Parot UG

Handicap-Fußball. Während seines Studiums der Sportökonomie an der Universität Bayreuth (Masterabschluss) war Nico Kempf zusätzlich als Inklusionsbeauftragter des Bayerischen Fußball-Verbandes tätig. Im Gespräch erzählt er, welche Formen von Handicap-Fußball bestehen und welche Chancen der Sport für Vereine bietet…

Herr Kempf, wie sind Sie zum Handicap-Fußball gekommen?

Während meines Studiums hat in Bayreuth die Deutsche Meisterschaft für intellektuell beeinträchtigte Menschen stattgefunden. Damals hat mich ein Freund gefragt, ob ich dort bei der Organisation mithelfen möchte. Er hat zu dieser Zeit in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet. Wir meinten, dass das eine klasse Sache für mich wäre – auch, um Praxiserfahrungen zu sammeln. Ich konnte das im Rahmen eines Praktikums beim Deutschen Behinderten-Sportverband machen. Damals habe ich sofort gesagt, „ok, das mach ich“ und wurde gleich von den Emotionen gefesselt. Dieser ehrliche Sport, diese Freude – das fand ich toll. So bin ich erstmals zum Behindertenfußball gekommen. 2012 habe ich ein Praktikum (in einem anderen Bereich) beim Bayerischen Fußball-Verband gemacht. Im Nachgang wurde im Rahmen der Inklusionsinitiative der DFB-Stiftung Sepp Herberger eine Stelle des Inklusionsbeauftragten geschaffen, die auf mich einen ganz besonderen Reiz ausübte.

Welche Aufgaben hatten Sie als Inklusionsbeauftragter?

Letztendlich war ich der Ansprechpartner für verschiedene Anspruchsgruppen des Landesverbandes für alle Fragen zum Thema Behindertenfußball, vor allem natürlich für die bayerischen Fußballvereine. Beispielsweise ist es oft so, dass Eltern wissen wollen, wo und ob ihr Kind mitspielen kann. Hierbei tauchten viele Fragen auf. Da galt es die Angst zu nehmen und passgenaue Angebote für die Fußballer mit Handicap zu finden. Zudem hatte ich die Aufgabe, eigene Projekte zu schaffen, um die Beteiligten für die Thematik zu sensibilisieren. Als Best-Practice-Beispiel dient die Durchführung der bayernweiten Informationstage im Handicap-Fußball. Unser Ziel war es, aktiv auf die Vereine zuzugehen bzw. sie an den runden Tisch zu holen, zu begeistern, zu informieren, aufzuklären. Wir haben zudem einen Inklusions-Cup durchgeführt. Die Arbeit war sehr, sehr facettenreich. Auch die Öffentlichkeitsarbeit war wichtig. Das Thema war bzw ist noch sehr jung und deshalb gab es äußerst viele verschiedene Aufgaben.

 Was waren die Highlights in Ihrer Zeit als Handicap-Beauftragter?

Am tollsten fand ich die Turniere, welche ich mitorganisiert habe. Das alles hautnah mitzuerleben. Ich erinnere mich gerne an ein Inklusionsturnier zurück, als ein Kind mit Down-Syndrom ein Tor geschossen hat und in einen riesen Jubel ausgebrochen ist. Es hat seinen Lieblingsspieler beim Jubeln nachgemacht. Da habe ich echt Gänsehaut bekommen. Das sind einfach Erlebnisse, die fesseln. Das ist das allerschönste.

Wie haben sich die Angebote im Behindertenfußball in den vergangenen Jahren entwickelt?

Die Entwicklung war enorm, zum Beispiel bei den Inklusionsteams. Da waren es im Jahr 2012 sechs Mannschaften und jetzt sind es knapp zwanzig. Die Anzahl der Teams nimmt stark zu, auch weil das Thema Inklusion durch Bewegungen in der Gesellschaft großen Rückenwind bekommt – beispielsweise durch die UN-Behindertenrechtskonvention. Zudem erkennen die Vereine vermehrt, welche Chancen dahinterstecken und öffnen zunehmend ihre Strukturen für Menschen mit Handicap. Dennoch gibt es noch sehr viel Luft nach oben. Die Zukunft sieht aber sehr gut aus.

Wo lagen die größten Schwierigkeiten bei Ihrer Arbeit?

Zum einen war es eine stetige Herausforderung, die Vereine dafür zu begeistern, zu sensibilisieren. Wir haben versucht, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen und die Menschen zu emotionalisieren und mitzunehmen. Ein Trainer braucht beispielsweise auch ein gewisses pädagogisches Geschick, wenn er eine Mannschaft leiten oder führen will. Ich meine aber, letztendlich ist es auch nur Fußball.

 

Zum Verhalten der Eltern und Trainer

Wie reagieren die Eltern, wenn ihre Kinder mit Handicap im Verein spielen wollen?

Vereinzelte Eltern trauen ihrem Kind das Fußballspielen unter dem Dach eines Fußballvereins nicht zu. Diesen Personenkreis galt es zu motivieren und ihnen die Angst zu nehmen, die sich aber häufig auch schnell von alleine auflöste sobald sie sahen, mit welcher Freude und mit welchem Eifer ihr Kind bei der Sache ist. Der Großteil der Eltern ist sehr offen und dankbar, wenn sich die Vereine mit ihren Strukturen für Menschen mit Handicap öffnen. Wenn ich jetzt weiterdenke, ist das auch eine große Chance für die Vereine, weil die Eltern begeistert sind, wenn ihr Kind in einem Club spielen kann. Dann engagieren sie sich meist stark, weil es für sie wirklich „ihr“ Verein ist, der dem Kind geholfen hat. Wir haben ihnen oft gesagt: „Traut das euren Kindern zu, die können das!“. Und wie gesagt – wenn sie ihren Kindern beim Kicken zusehen, ist die Skepsis komplett vergessen und sie freuen sich unheimlich.

War es schwer, die Trainer vom Wettkampfprinzip wegzubringen?

Sie verstehen sehr schnell, dass der Leistungsgedanke da gar nicht so essenziell ist, sondern, dass es wirklich um den Spaß am Sport geht. Das heißt: Die Trainer, die Inklusionsmannschaften betreuen, wissen zum Großteil schon, worum es da geht. Man muss sie ab und an bremsen, ja. Natürlich gibt es auch Trainer, für welche das Siegen auch wichtig ist – das ist es für viele Kinder übrigens auch. Aber bei Turnieren gibt es zumeist einen sogenannten Ethikkodex. Das ist ein Kodex, an dem sich die Trainer orientieren. Darin ist zum Beispiel festgelegt, dass das Miteinander im Vordergrund steht. Das bedeutet: Wenn eine Mannschaft stark dominiert, soll der Trainer die sehr starken Spieler auswechseln. Denn wenn Kinder mit und ohne Handicap zusammen spielen, sind oftmals große Leistungsunterschiede vorhanden. Darauf muss man natürlich eingehen. Das klappt allerdings immer ganz gut. Ich finde es auch besonders schön, weil beide Seiten über den Sport hinaus voneinander lernen können: Durch das Akzeptieren der Stärken und Schwächen ihrer Mitspieler erlangen Kinder mit und ohne Handicap beispielsweise bestimmte Sozialkompetenzen, die auch einen positiven Einfluss auf ihre Persönlichkeitsentwicklung haben.

Wie schnell finden Menschen mit Behinderung in den Sport hinein, wenn Sie jetzt den Blindenfußball als Beispiel nehmen?

Blindenfußball ist eine unheimlich harte Sportart, die eine gewisse Robustheit von den Spielern erfordert. Man muss ganz klar sagen, dass nicht jeder blinde oder sehbehinderte Mensch direkt Blindenfußball spielen kann und will. Es ist nur ein kleinerer Teil, der sich zutraut, diese faszinierende Sportart auszuüben. Das Spiel ist sehr körperbetont, da rumpelt es schon mal auf dem Platz. Dementsprechend muss man viele verschiedene technische, physische und psychische Fertigkeiten mitbringen, um dem rasselnden Ball hinterherjagen zu können. Im Alltag sind viele Menschen auf ihren Blindenstock angewiesen, beim Blindenfußball bewegen sie sich frei auf dem Feld. Das ist natürlich eine riesen Chance und für manche auch ein gewisser Kick. Ich erinnere mich an einen Spieler, der zu mir sagte, dass der Sport genau das richtige für ihn sei, weil er dabei diese Freiheit auf dem Platz spüren könne.

Woran können Nichtbehinderte teilnehmen, wenn sie mit Menschen mit Handicap zusammen Fußball spielen wollen?

An allen Facetten des Handicap-Fußballs können grundsätzlich auch Nichtbehinderte teilnehmen, dies ist sogar ausdrücklich gewünscht. Durch verschiedene Anpassungsmöglichkeiten kann fast jede Handicap-Fußballform inklusiv gestaltet werden. Auch der Blindenfußball ist übrigens ein Vorbild in Sachen Inklusion. Neben dem sehenden Torwart sind auch die sehenden Guides am Spielfeldrand wesentliche Säulen der Mannschaft.

Wenn ein Kind mit Behinderung mit Nichtbehinderten Fußball spielen möchte, jedoch Defizite in der Schnelligkeit etc. aufweist, wie kann ein Verein dann eine „gerechte Teilnahmemöglichkeit“ für das Kind schaffen?

Ein Schlüssel liegt in der Steuerung des Trainings. Der Trainer ist dafür verantwortlich, dass jeder Spieler unabhängig seiner Fähigkeiten gefordert, aber nicht überfordert wird. Hierfür kann sich der Trainer diverse methodische Stellschrauben zu Nutze machen. Darüber hinaus gibt es auch die Option, dass man von der Rückstellungsmöglichkeit der Landesverbände Gebrauch macht, wenn das Kind am herkömmlichen Spielbetrieb teilnehmen will und sich aufgrund seiner Behinderung in einer jüngeren Altersklasse besser aufgehoben fühlt. Man muss hierbei jedoch auch ganz klar betonen, dass ein Kind nicht automatisch schlechter spielt, weil es eine Behinderung hat – ganz im Gegenteil – auch im Behindertenfußball gibt es Leistungssport. Es gibt viele Sportler, die beispielsweise intellektuell beeinträchtigt und zugleich sehr gute Fußballer sind. Das sieht man insbesondere, wenn man sich die Auswahlteams der Bundesländer anguckt. Soviel zunächst zur Integration in herkömmliche Teams. Wenn diese nicht möglich ist und die Kinder und Jugendlichen trotzdem innerhalb eines Vereins Fußball spielen wollen, dann wäre die Gründung einer Inklusionsmannschaft die passende Alternative. Von diesen Inklusionsteams, das sind Teams bestehend aus Kindern und Jugendlichen mit und ohne Handicap, existieren in Bayern knapp zwanzig. Sie nehmen zumeist nicht am herkömmlichen Spielbetrieb teil, sondern spielen häufig unter sich Turniere aus. Sie nehmen am BFV-Inklusions-Cup (der nächste findet am 9.7. in Bayreuth statt; Anm. von Lisa Schatz) teil und trainieren häufig einmal pro Woche bzw. alle zwei Wochen. Das ist ganz unterschiedlich. Beim Training steht der Spaß am gemeinsamen Sport treiben im Vordergrund und weniger der Leistungsgedanke. Wer sich dafür interessiert, der kann sich unter der Rubrik handicap-fussball auf dfb.de oder bei den Inklusionsbeauftragten der Landesverbände darüber informieren, welche Vereine diese Form des Fußballs anbieten.

-> COMING SOON… Im zweiten Teil des Interviews (erscheint am 23.5.) erzählt Nico Kempf, welche Erfahrungen er als Nicht-Behinderter beim Handicap-Fußball gemacht hat und welche Chancen Inklusionsteams für die Vereine bieten…

Teil II: Interview mit Ben Rückerl und Stefan Plötz

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Im Verein Team Bananenflanke e.V. spielen Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung zusammen Fußball. Logo: Team Bananenflanke e.V.

Fortsetzung des Interviews mit Ben Rückerl und Stefan Plötz…

Was sind die Ziele des Team Bananenflanke für die Kinder?

Stefan: An oberster Stelle steht das positive Selbstwertgefühl und der Spaß der Kinder. Das war eine unserer ersten Beobachtungen, dass dieser Effekt – wir nennen ihn Bananenflankeneffekt – erzielt werden konnte. Zudem ist uns die Persönlichkeitsentwicklung wichtig.

Ben: Es ist ganz normal, dass ein Kind, das in unseren Verein eintritt, beim ersten Aufeinandertreffen oft den ersten sportlichen Kontakt zu anderen Kindern mit Behinderung hat. Teilweise sind die Kids ja zuhause isoliert, gehen in ihre Schulklasse und wieder heim.

Stefan: Hinzu kommt Sozialkompetenz. Der soziale Kontakt kann durch den Fußball vereinfacht vermittelt werden. Kinder mit Behinderung kommen durch den Fußball viel einfacher ins Gespräch mit anderen. Ein weiteres Ziel ist die Förderung des Teamgedankens. Im Winter hatten wir beispielsweise ein Training in der Soccerhalle. Da waren einige Kinder, die sich untereinander nicht kannten. Zwei, drei, vier Kids sind aufs Feld gelaufen und haben angefangen zu kicken. Ohne, dass sie vorher miteinander geredet oder etwas irgendetwas hinterfragt haben. Auch das ist der Bananenflankeneffekt.

Was kann man sich unter der Bananenflankenliga vorstellen?

Ben: Im Prinzip läuft das nicht anders als bei einem „normalen“ Verein ab. Wir haben Trainingseinheiten und Spieltage. Die Liga in Regensburg besteht aus sechs Teams, die drei Spieltage austragen. „Spieltag“ bedeutet, dass es drei Veranstaltungen gibt, bei denen Punktspiele ausgetragen werden. Dadurch, dass wir im Street-Soccer-Court spielen und das meist ca. 2×8 Minuten, können pro Tag mehrere Punktspiele stattfinden. Am letzten Tag wird dann abgerechnet. Wer Erster ist, ist Bananenflankenligameister und bekommt den BFL-Teampokal überreicht. Was bei unserem Konzept noch speziell dazugehört, ist z. B. ein Medientag. Wir wollen die Bananenflankenbotschaft dadurch nach außen tragen. Die Kinder unterzeichnen ihre Profiverträge im Presseraum der Continental Arena. Am Saisonende gibt’s inzwischen einen Championsday. An diesem Tag fahren die Spieler/-innen im Autokorso durch Regensburg, essen anschließend Burger und feiern in einer Disko. Dazu werden auch alle Sponsoren eingeladen. Der Abend steht unter dem Motto: „Kommt alle her und feiert mit!“.

Was hat es mit dem Round Table auf sich?

Stefan: Ein Round Table ist ein Club für Männer unter 40. Wer eintritt, hilft bei Sozialprojekten mit. Der Club besteht aus zwanzig, dreißig Leuten vor Ort. Diese suchen sich dann je ein soziales Projekt aus, das sie unterstützen. In Regensburg wurde unser Verein, Team Bananenflanke e.V., vor drei Jahren ausgewählt und unterstützt. Das läuft folgendermaßen ab: Der Club erwirtschaftet durch verschiedene Aktionen Gelder und spendet diese dann an unseren Verein. Darüber hinaus packen die Mitglieder auch bei der einen oder anderen unserer Aktionen mit an.

Wie ist es dazu gekommen, dass nun quer durch Deutschland Bananenflankenligen eingeführt werden?

Stefan: In Deutschland gibt es insgesamt 220 Tische und ein sogenanntes NSP, nationales Serviceprojekt. Das bedeutet, dass ein soziales Projekt ausgewählt wird, mit dem Ziel, es großflächig in Deutschland zu verbreiten. Hierfür haben wir uns beworben und wurden ausgewählt. Seit Sommer 2015 läuft das ganze nun. Wir haben gemeinsam einen Leitfaden entworfen, der an alle Tische herangetragen wurde. Jede Stadt konnte das Projekt dann selbst durchführen oder etwas dafür spenden. Viele Städte haben inzwischen eine Bananenflankenliga eingeführt. Wir beide fahren jetzt quer durch Deutschland und sind dort bei den Elternabenden und Kick-Off-Veranstaltungen dabei. Jede Stadt hat einen eigenen e.V. gegründet. Konzeptionelle Inhalte werden zu etwa neunzig Prozent von uns aus Regensburg übernommen, der Rest hängt vom jeweiligen Ort ab. In Berlin sind die Entfernungen zum Beispiel viel größer als in Regensburg. Insgesamt wurde in rund fünfzehn Städten ein Verein gegründet.

Ben: Wir waren bei jedem Tisch dabei.

Welche Schwierigkeiten gab es bisher?

Stefan: Wir hatten den ersten Spieltag am Neupfarrplatz geplant und noch nie zuvor einen mobilen Soccer-Court aufgestellt. Das war eine der Anfangsschwierigkeiten. Mittlerweile haben wir ein sehr starkes Netzwerk aufgebaut, wo wir in verschiedenen Bereichen Hilfe bekommen.

Ben: Wir haben anfangs alles gemacht: den Court aufgebaut, als Schiedsrichter fungiert, Kinder betreut. Die vergangenen Jahre waren ultrakrass und auch hart, aber die Geschichte treibt uns an. Wir haben eine Vision und dafür tun wir alles. Im Endeffekt brauchen wir auch noch eine Bananenflanken Senior League, schließlich werden die Kids auch älter.

Inwiefern haben sich eure Aufgaben inzwischen verändert?

Ben: Zunächst haben zwanzig Kinder mitgespielt. Vor allem unter den Eltern spricht sich unser Projekt rasend schnell herum. Inzwischen ist die Nachfrage ultrakrass. Wir mussten leider auch schon Abstriche machen. Vor allem, was die Eltern betrifft, die von Anfang an dabei waren. Aus dem sportlichen Bereich haben wir uns inzwischen zurückgezogen. Hier gibt es lizenzierte Trainer und Betreuungspersonal für die Mannschaften. Das Team Bananenflanke ist nicht nur Stefan Plötz und Ben Rückerl. Wir können nicht bei allen Trainingseinheiten dabei sein, das ist zeitlich nicht möglich. Aber natürlich schauen wir immer wieder vorbei. Man muss aber auch verstehen, warum wir oft nicht da sind. In dem Moment, in dem hier trainiert wird, sind wir beispielsweise in Dortmund, Hamburg, Berlin oder bei einem Sponsor.

Wenn Träume wahr werden…

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Rückerl und Plötz erfüllten Lukas Schmids Lebenstraum: Fußballprofi Per Mertesacker zu treffen. Das Team Bananenflanke ermöglichte die Reise nach London. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Was war euer schönster Moment mit dem Team Bananenflanke?

Beide: Der goldene Stern. Nicht nur der Sieg an sich, sondern der ganze Wettbewerb. Die Fahrt mit den Kindern nach Berlin.

Stefan: Wir haben im April 2014 einen Elternabend wegen des Wettbewerbs gemacht und hatten zu dem Zeitpunkt noch kein einziges Kind dafür begeistern können. Ein halbes Jahr später waren wir schon innerhalb Bayerns Erster. Das ist schon irre, wie nahe alles zusammenliegt.

Ben: Unsere Herzenswunscherfüllungen waren auch superschön. Als wir Lukas Schmid seinen Traum erfüllt haben, Per Mertesacker zu treffen. Lukas kannte ich schon sehr lange und das war wirklich ein wunderbares Erlebnis für uns alle.

Wer unterstützt euren Verein?

Ben: Tobias Schweinsteiger ist als Botschafter der Bananenflankenliga goldwert für uns. Eine riesen Unterstützung von Anfang an hatten wir durch den SSV Jahn. Aus dem aktuellen Regionalligakader helfen uns vor allem Markus Ziereis, Thomas Kurz und Sebastian Nachreiner. Sie haben Patenschaften für die Mannschaften übernommen. Ansonsten unterstützen uns Mario Neunaber, Ronny Philp, Philipp Ziereis und Jim-Patrick Müller sehr aktiv.

Gibt es eine Anekdote, die euch in besonderer Erinnerung geblieben ist?

Stefan: Ich hab mal im Soccer-Court den Spielleiter gemacht. Es gab während des Spiels natürlich immer wieder Unterbrechungen. Ein Kind ist in jeder Unterbrechung zu mir gekommen und hat gefragt: „Freistoß, Freistoß, Elfmeter, Elfmeter?“. Ich meinte darauf: „Ja, wenn ich pfeife“. Dann habe ich auf Grund einer Aktion gepfiffen, die kein Elfmeter war. Das Kind kam und meinte: „Elfmeter, Elfmeter“. Dann hab ich halt Elfmeter gegeben. So etwas gäb’s beim „normalen“ Fußball nicht.

Stefan: Mario Neunaber (Ex-Jahnspieler; Anm. von Lisa Schatz) hat mehrere Jahre hintereinander einen Fußballtenniscup organisiert. Als er schon in Essen gespielt hat, haben wir das Turnier durchgeführt. Einen Tag nach dem Cup rief mich der Hausmeister an und meinte, dass wir unsere Markierungen nicht weggemacht hätten. Wir sind also zur Halle gefahren und haben festgestellt, dass die Markierungen (braune Signalbänder) sich richtig festgefressen hatten. Letztendlich saßen wir dann sechs Stunden lang bis 1 Uhr in der Früh in der Halle und haben das Zeug weggeschrubbt…

Welche Aufgaben habt ihr im Rahmen des Vereins?

Ben: Wir schreiben Berichte, betreiben die sozialen Medien, fahren durchs ganze Land, nehmen Sponsorentermine wahr. Zudem organisieren wir ein Benefizspiel und sind im Bananenkistl (vereinseigene Kreativwerkstatt) aktiv. Außerdem haben wir eine GmbH gegründet. Das schöne dabei ist, dass es eine soziale GmbH ist. Das bedeutet, dass von jedem verkauften Produkt (z. B. das Buch „Manni Ballnane und das Team Bananenflanke“; Anm. von Lisa Schatz) ein Teil des Erlöses in den e.V. geht

Gibt es noch etwas, das ihr loswerden wollt?

Ben: Wir beiden kennen uns jetzt seit acht Jahren. Es ist nicht normal, dass so eine krasse Geschichte die Freundschaft übersteht. Manchmal denke ich, ich werde bekloppt durch so viel Arbeit. Aber wir kennen uns in und auswendig, auch privat. Das Team Bananenflanke ist einfach unser Baby, unsere Geschichte. Ich muss schon nochmal hervorheben, dass das alles unglaublich ist.

Vielen Dank für das Interview.

Beide: Bitte, sehr gern.

 

-> Weitere Informationen zum Team Bananenflanke e.V. findet ihr hier:

Fußball grenzenlos: Das Team Bananenflanke

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Ben Rückerl (li.) und Stefan Plötz (re.) sind die Macher des Vereins Team Bananenflanke e.V.. Alles, was sie in diesem Rahmen aufgebaut haben und machen, ist ehrenamtlich. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Regensburg. Stefan Plötz und Ben Rückerl haben ein einzigartiges Projekt auf die Beine gestellt, mit dem sie 2014 den Goldenen Stern des Sports gewonnen haben. Eine Geschichte über die Verbindung zwischen den beiden fußballbegeisterten Heilerziehungspflegern, einer Banane und Kindern und Jugendlichen mit Behinderung…

 

Die Entstehung des Vereins Team Bananenflanke e.V.

Plötz und Rückerl lernten sich durch ihre Arbeit in einer Regensburger Einrichtung kennen. Als sie einem Kind mit Behinderung ein Interview mit Ex-Jahnprofi Jürgen Schmid ermöglichen wollten, entstand die Idee, eine Pressekonferenz für Kinder und Jugendliche mit Behinderung zu organisieren. Diese lief sehr gut, weshalb weitere Aktionen dieser Art folgten. Schließlich entstand bei den beiden Engagierten der Gedanke, einen Fußballverein für junge Menschen mit Behinderung zu gründen. Auf der Suche nach einem geeigneten Namen fanden sie den Vorschlag „Bananenflanke“ am passendsten. Schließlich „läuft ja im Leben auch nicht immer alles geradlinig“, so Plötz. Seit August 2012 heißt der Verein nun „Team Bananenflanke e.V.“. Hier stehen das positive Selbstwertgefühl und der Spaß der Kinder im Vordergrund. Unter dem Motto „Fußball kennt keine Grenzen“ kommen die Kids beim Training mit anderen Kindern mit Behinderung ins Gespräch, anstatt in ihren Einrichtungen abgekapselt zu werden.

 

National am Wachsen: Die Bananenflankenliga

Doch eine Mannschaft war den beiden Fußballverrückten nicht genug. Denn bei ihrer Arbeit hatten sie mitbekommen, dass die Kinder und Jugendlichen mit Behinderung einen Wettkampf wollten – und das mit ihresgleichen. Also starteten Plötz und Rückerl in Regensburg die Bananenflankenliga. Hier spielen sechs Teams an drei Spieltagen um die Meisterschaft. Gekickt wird auf einem mobilen SoccerCourt. Da Fußball keine Grenzen kennt, ist jede*r Zuschauer*in Willkommen. Die beiden Macher legen Wert darauf, dass die Spielerinnen und Spieler nicht von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Am Medientag unterzeichnen die Kinder und Jugendlichen deshalb ihre Profiverträge im Presseraum der Continental Arena (der SSV Jahn kooperiert mit dem Team Bananenflanke; siehe unten). Am Ende der Saison findet ein Championsday statt, an welchem die Fußballerinnen und Fußballer im Autocorso durch die Innenstadt fahren und anschließend gemeinsam mit dem Trainer- und Betreuerteam sowie den Sponsoren feiern.

Was in Regensburg auf die Beine gestellt wurde, hat sich schnell herumgesprochen. 2014 hat der Team Bananenflanke e.V. den goldenen Stern des Sports gewonnen – und so auch die mediale Aufmerksamkeit der ganzen Nation. Diese erhält das Projekt nun abermals verstärkt, da es durch den Round Table Deutschland (siehe Interview mit Ben Rückerl und Stefan Plötz) ausgewählt und nun von verschiedenen Städten in ganz Deutschland gefördert bzw. dort in ähnlicher Form aufgebaut wird. Das bedeutet, dass es nun landesweit um die fünfzehn Vereine gibt, die sich „Team Bananenflanke“ nennen – mit dem Zusatz „Berlin“ oder „Lübeck“ etc.. Da Plötz und Rückerl die Ideen nicht ausgehen, besteht auch der (Noch-)Traum einer bundesweiten Bananenflankenliga…

 

Kooperation mit Fußballprofis

Was für die Profis der Bananenflankenliga besonders ist: Jedes Team hat einen Profifußballer als Paten. In diesem Rahmen kooperiert das Team Bananenflanke mit dem SSV Jahn. Jahnprofi Markus Ziereis, Paten-Neuzugang, ist begeistert von dem Projekt: „Für die Kids ist das natürlich eine tolle Sache.“ Er ergänzt: „Die Kinder sollen in der bestmöglichen Umgebung aufwachsen. Sie sind ja auch ganz normale Kinder, so, wie ich es früher war und wie es alle anderen Kinder sind. Das ist auch der Hauptgedanke. Das Team Bananenflanke schafft die Voraussetzungen dafür, dass sich die Kinder auch normal fühlen.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen…

 

Stimmen

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Luisa Waltner (li.) engagiert sich ehrenamtlich beim Team Bananenflanke e.V.. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Luisa Waltner (sie selbst ist Volunteer beim Team Bananenflanke, ihr Bruder Niki ist BFL-Profi) über Nikis Entwicklung als Bananenflanker: „Wir sind seit 2014 dabei. Der Nicki hat Trisomie 21. Er hat bei uns im Dorf angefangen Fußball zu spielen, das ging aber gar nicht, weil er nicht so viel Kraft hatte wie die anderen Kinder. Beim Team Bananenflanke spielt er mit Kindern zusammen, die er von der Schule her kennt. Durch den Verein ist er reifer geworden und er hat dadurch gelernt, dass es nur Miteinander geht. Dass man nicht nur aufs Tor ballert und hofft zu treffen, sondern, dass es ums Zuspielen geht.“

 

Evi Glaser (ihr Sohn Florian ist BFL-Profi) über die Kontaktaufnahme zu Ben Rückerl und Stefan Plötz sowie über Florians Start im Team Bananenflanke: „Das war überhaupt kein Problem, nachdem Ben und Stefan so unkompliziert auf die Jungs zugehen und er ja sehr, sehr viele Kinder schon von der Schule her kannte und ich viele Eltern aus der Elternrunde Down-Syndrom. Florian freut sich immer riesig, wenn er seine Freunde trifft.“

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Thomas Kurz (li.) und Philipp Ziereis (re.) unterstützen das Team Bananenflanke. Foto: Team Bananenflanke e.V.

Thomas Kurz (Profi des SSV Jahn Regensburg) über Stefan Plötz und Ben Rückerl: „Ben und Stefan sind mit Herzblut dabei, sie wissen genau was sie machen und das kommt einfach verdammt gut an. Ich find’s super, mit welchem Engagement und Eifer sie das machen und die Leute wirklich immer wieder aufs Neue überraschen. Das ist einfach eine gute Geschichte und ich denke, das sind einfach die zwei richtigen für dieses Projekt.“

Thomas Kurz über das Projekt: „Ben und Stefan kenne ich seit 2011. Ich war von Anfang an begeistert davon, was die beiden auf die Beine stellen. Zum einen sehe ich beim Training, wie viel Spaß die Kids haben und zum anderen auch, wenn wir Aktionen wie zum Beispiel Stadionführungen für sie machen.“

Korbinian
BFL-Spieler Korbinian Körbl freut sich über den Gewinn des BFL-Teampokals. Foto: Herbert Körbl

Herbert Körbl (Vater von BFL-Profi Korbinian) über den Verein: „Ich sage ‚Hut ab‘ zu dem, was Stefan und Ben da aufgebaut haben. Wir sind wie eine Familie. Es ist sensationell, wie sich Korbinian durch das Team Bananenflanke weiterentwickelt hat. Vorher war er sehr schüchtern, das hat sich inzwischen geändert. Einmal durfte er im Jahnstadion auf den Rasen, das war für ihn eine riesen Sache. Neben dem Fußball sind wir auch immer sehr gerne im Bananenkistl (vereinseigene Kreativwerkstatt).“

Markus Ziereis über das Team Bananenflanke: „Das ist natürlich schon beeindruckend. Ben und Stefan hatten die Idee und haben das einfach alles durchgezogen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Zeit die beiden in das Projekt investieren. Es ist klasse, wie sie sich weiterentwickeln, wie gut sie organisiert sind und wie sie das Projekt und den Grundgedanken mittlerweile in ganz Deutschland verbreiten.“

-> Im Interview geben Rückerl und Plötz einen genaueren Einblick über das Projekt…

  • Das Kurzinterview könnt ihr hier lesen.
  • Wer sich genauer für die Hintergründe des Team Bananenflanke e.V. interessiert, findet das ausführliche Interview (Teil I) unter diesem Link.

-> Hier findet ihr genauere Informationen zum Team Bananenflanke e.V.: