Almuth Schult: Profi mit klaren Forderungen für den Fußball

In der Saison 2022/2023 spielte Almuth Schult für den Angel City FC. [unbezahlte Werbung wegen Markenerkennung]
Foto: Angel City FC

Mit dem VfL Wolfsburg hat sie die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions League gewonnen. Mit dem Nationalteam wurde sie Europameisterin, U20-Weltmeisterin und Olympiasiegerin: Almuth Schult. Doch vor allem ist sie eine starke Persönlichkeit mit klaren Forderungen und Ansichten, die sich auch abseits des Platzes für die Fortschritte im Fußball einsetzt. Sei es als Teil der Initiative „Fußball kann mehr“ oder als Trainerin der Bambinis in ihrer Heimat. Sie hat viel erlebt und eine Menge zu sagen. Almuth zeigt uns eine Vielzahl an aktuellen Themen auf. Dieses Gespräch kann uns alle zum Nachdenken anregen: Warum wurde das WM-Eröffnungsspiel in ein anderes Stadion verlegt? Welche Potenziale wurden im Fußball noch nicht genutzt? Warum lässt die VDV keine Frauen als aktive Mitglieder zu – und dies im Jahr 2023? Weshalb arbeitet keine Sportdirektorin im Profifußball der Männer?
Doch es gibt noch deutlich mehr Fragen, die wir uns stellen können. Das Interview ist sehr umfangreich geworden, weshalb ihr Almuths Ausführungen in zwei Teilen nachlesen könnt. Denn hier gibt es den Raum für solch relevante Themen. Die zweite Hälfte findet ihr hier. Und jetzt „Anpfiff für die erste Interviewhalbzeit…“

Kommen wir gleich zur Weltmeisterschaft. Wie groß ist deine Freude hinsichtlich der WM – auch, wenn du diesmal auf Grund eines schönen Grunds [Almuth Schult ist schwanger; Anm. von LS] nicht mitspielst? Wie verfolgst du die Spiele? Was ist dein Plan? Der kann sich ja eventuell ein bisschen anders entwickeln (lacht)?!

Ich bin sehr gespannt. Natürlich werde ich versuchen, so viele Spiele wie möglich zu verfolgen. In der Vorbereitung haben die Spiele ein paar überraschende Ergebnisse gebracht. Wenn wir uns Deutschland gegen Sambia angucken. Aber auch Haiti oder Marokko haben ein bisschen aufhorchen lassen. Es war mal die Frage: Können die „Kleinen“ denn auch mithalten? Von den Vorbereitungsspielen her würde man sagen: Ja. Und jetzt ist man gespannt, was bei der WM herauskommt. Von daher: Gucken wir mal. Es ist nur ein bisschen komisch, dass die Spiele am Vormittag laufen, das sind wir Europäer oftmals anders gewohnt Auf jeden Fall ungewöhnlich für die Spielerinnen sind die Temperaturen vor Ort, denn es ist Winter am anderen Ende der Welt.

Zumindest ist die Ausrichtung in Australien und Neuseeland besser als ein Stattfinden in Katar, wenn man auf die WM 2022 zurückblickt…

Das auf jeden Fall. Stattdessen würde man sich mit dem, was dahintersteht, vielleicht eine WM in Frankreich wünschen, bei welcher die Anstoßzeiten zur Primetime wären.

„Die Verlegung eines WM-Eröffnungsspiels hat es zuvor noch nie gegeben“

Was wünscht du dir von dem „Drumherum“, wenn du jetzt auf die EM 2022 zurückblickst, wie du sie erlebt hast? Gerade wie sich der Fußball der Frauen entwickelt. Wie denkst du kommt die Euphorie, die Atmosphäre in Australien und Neuseeland an, und was wird sich unabhängig vom Abschneiden des deutschen Teams bei uns im Land tun?

In Australien und Neuseeland ist das ein riesen Ding. Schon seit Jahren, seitdem die Vergabe dort hingegangen ist. Die Matildas [Bezeichnung für das australische Nationalteam; Anm. von LS] bemerken eine 100-prozentige Steigerung, also es wird wohl letztendlich eine 400-prozentige Steigerung von Zuschauern sein, die da in den letzten Jahren stattgefunden hat. Da ist ein großer Hype, was auch gut so ist. Und das hat man ja schon im Vorfeldgesehen: Die Verlegung des Eröffnungsspiels – das hat es so bei einer WM noch nie gegeben! Das hab‘ ich auch bei den Männern noch nie gehört, dass das passiert ist: Dass man einfach gesagt hat: „Ok, dann gehen wir in ein größeres Stadion und passen uns an die Potenziale an.“ Das finde ich super und es zeigt, dass sie bedarfsgerecht agieren und nicht so festgefahren sind als Organisator, sondern diese ganze Sache leben und sich zudem gesellschaftspolitisch eingemischt haben. Das Organisationskomitee hat Saudi-Arabien als Sponsor abgelehnt. Das ist meines Wissens nach das allererste Mal gewesen, dass das ein Ausrichter eines Großsportereignisses gemacht hat. Von daher sehe ich eine super Grundlage für ein tolles Turnier. Auch von der Stimmung her. Das Einzige, was man sieht: In Neuseeland, gerade auf der Südinsel, ist das Wetter nicht WM-gerecht. Es können 4 Grad herrschen, plus Regen.

Mit einer dicken Jacke im Stadion zu sitzen – da stellt man sich dann doch etwas anderes vor. Die Mädels können  froh sein, dass sie rund um Sydney unterwegs sind, dass dann vielleicht mal ein T-Shirt- und kurze-Hosen-Wetter aufkommt. In Deutschland liegt trotzdem ein Fokus auf diesem Turnier. Das haben auch die Spielerinnen gemerkt: Hinsichtlich des Presseaufkommens und der Sponsoren. Ich hoffe, dass wieder dieser Funke von der Mannschaft überspringt. Der war in den beiden Vorbereitungsspielen leider noch nicht komplett da. Aber letztes Jahr bei der EM konnten sich die Menschen mit der Art und Weise, wie wir auf dem Platz auftreten, wie wir als Mannschaft auftreten, identifizieren. Und diese Identifikation ist das, was vielen in der Bevölkerung irgendwie ein bisschen fehlt. Sowohl mit der Männer-Nationalmannschaft als auch zum Teil mit der Männer-Bundesliga. Obwohl diese Saison durch das Schwächeln der Bayern etwas spannender war – aber diese Identifikation… Es wäre schön, wenn wir die in Deutschland wieder spüren würden. Dann wäre es ein erfolgreiches Turnier. Dann kann das wieder ein Schritt nach vorne sein in der Sportart.

Nach eurer Rückkehr von der EM in England haben einige von euch gesagt, dass sie das von England aus ganz anders wahrgenommen haben, also welche Euphorie ihr in Deutschland entfacht habt. Ihr wart wieder hier und habt diese Begeisterung erlebt. Inwieweit ihr danach zu den Vereinen an der Basis Kontakte und gesehen, was sich dort bewegt hat im Hinblick auf die steigenden Zahlen an Mädels, die in die Vereine eintreten wollten? Als der DFB „ach so überrascht war“ und wohl auch komplett überrollt wirkte, dass so viele Mädels Fußball spielen wollten und m. E. ziemlich überfordert wirkte oder war dies eher so: „Ok, man hat es ein bisschen über die Medien mitbekommen“. Wie hast du das wahrgenommen?

Ganz unterschiedlich natürlich. Es gibt Spielerinnen unter uns, die Kontakt in die Heimatregion haben und diese sehr engagiert ist und dort etwas entstanden ist. Genauso gibt es welche, die das nicht mitbekommen haben. Es gibt Vereine, die sagen: „Bei uns ist überhaupt nichts angekommen. Alle reden immer vom Aufschwung, aber bei uns ist das eigentlich rückläufig und es werden Mannschaften abgemeldet“. Das stimmt leider ebenso. Das würde ich überhaupt nicht bestreiten. Es ist nicht in jeder Region so, sondern es kommt auf den Landesverband an. Es ist davon abhängig: Wie engagiert sind Kreisverbände? Es ist vielleicht auch durch das Engagement von Sponsoren bedingt, von denen ein Antrieb kommen kann. Und von den handelnden Personen in den Vereinen. Deshalb gibt es Regionen, die einen richtigen Aufschwung erlebt haben, und es gibt leider welche, in denen der Trend fortgesetzt wurde und noch weniger Frauen und Mädchen am Spielbetrieb beteiligt sind.

Aktuelle Effekte im Fußball der Frauen

Ich habe es durch die neu gegründete Bambinigruppe bei mir im Heimatverein, die ich mittrainiere, am eigenen Leib erfahren. Dort ist der Mädchenanteil sehr hoch, 50/50 schätze ich. Das kann vielleicht damit zusammenhängen, dass ich Trainerin bin. Das weiß ich nicht. Aber hier sieht man, dass es nicht nur einzelne Mädels sind, die Fußball spielen wollen, sondern dass sich wirklich eine ganze Gruppe zusammenfindet und es den Kindern vollkommen egal ist, ob es Jungs oder Mädchen sind. Die wollen einfach zusammen Sport machen und Spaß haben. Und man sieht es genauso auf anderen Ebenen: Wenn man auf die Landesverbandsebene geht. Ich war ganz begeistert von den Aufstiegsspielen Regionalliga / 2. Bundesliga, wie viele Zuschauer vor Ort waren. Bei Viktoria Berlin genauso wie beim Hamburger SV. Dass beide Heimspiele ausverkauft waren. Gladbach hat im Borussiapark gespielt, Elversberg hatte ein volles Stadion. Dann kommen dazu auch Landespokalfinals. Also Hamburg beispielsweise mit St. Pauli war einfach mit 3.882 Zuschauern ausverkauft beim Landespokalfinale. So etwas hat’s vorher noch nicht gegeben. Da sehe ich auch einen Effekt. (freut sich) Diese Effekte gibt es auf verschiedenen Ebenen, aber noch nicht überall. Ich bin froh, dass es sie gibt und hoffe, dass es so weitergeht. Aber es tut mir auch immer leid um die Vereine, die selbst sagen, sie spüren den Effekt nicht.

Oder so ein Fall wie Turbine Potsdam…

Ja, aber das mit Potsdam lag nicht an der Europameisterschaft, sondern Jahre zurück, wie die Weichen dort gestellt bzw. nicht gestellt worden sind. Das hat sich dann angekündigt. Eigentlich war die Saison davor mit der Fast-Qualifikation für die Champions League eine Überraschung.

Für Andernach und Potsdam ist das schon schwierig… Da die Balance zu finden.  

(Almuth lacht, winkt und blickt an der Kamera vorbei)

Sind deine Zwillinge grad draußen unterwegs?

Nein, meine Mutter, die durch den Garten läuft. (wir lachen)

Wenn du Bayern, Wolfsburg, Frankfurt und Hoffenheim anschaust: Ich sehe diese Lücke zu den anderen Vereinen und bin gespannt, wie sich das entwickelt.

Frankfurt hat sehr aufgeschlossen. Sie haben die Saison letztendlich auf einem guten Platz abgeschlossen, haben sehr viele Punkte gesammelt und entwickeln sich infrastrukturell stark weiter. Da bin ich gespannt, was noch an Transfers passiert. Man hat jetzt einige Nachrücker, die gerne noch etwas machen wollen, die es vielleicht ernster nehmen, also beispielsweise mit Leipzig. Ich bin gespannt und habe eher das Gefühl, dass der Abstand geschlossen wird. Du hast immer zwei Vereine, die vornewegmarschieren. Es gab Zeiten, wo es Potsdam und Frankfurt waren. Dann waren es Potsdam und Duisburg. Aber es gab stets zwei Vereine, auch vor Bayern und Wolfsburg, die unter sich den Titel ausgemacht haben. Vielleicht maximal drei. Und jetzt sehe ich Potenzial, dass sich die Liga ein bisschen auffächert. Dass es spannender wird. Weil Hoffenheim schon mal in der Champions League mitgespielt hat. Und jetzt hat man mit Frankfurt jemanden – mit dem man – nicht bis zum letzten Spieltag, aber davor – stark konkurriert hat. Bei anderen Vereinen wie bei Leipzig oder Köln sehe ich Potenzial, dass diese Bemühungen langfristig bleiben könnten.

Ich meinte jetzt eher auf die Bundesligaclubs Sand, Andernach und Potsdam bezogen – die jetzt da nicht derart die Möglichkeiten haben mit den Vereinen, bei denen die Männerteams schon lange in der Bundesliga spielen, in der nahen Umgebung…

Ja, das ist so. Aber man muss sagen: Da fehlte vielleicht auch der Mut, zu investieren. Klar haben sie einen anderen Hintergrund als die Lizenzvereine. Aber auch bei Essen merkt man, dass sie etwas tun wollen, dass sie im Austausch sind, um sich hinsichtlich neuer Trainingsanlagen und eines Leistungszentrums mit der Stadt abzustimmen. Potsdam hatte jahrelang Vorsprung vor Bayern, Wolfsburg und Co. Allein mit ihrem Internat. Sie haben nun im Nachhinein nicht genug aus diesen Möglichkeiten gemacht und man kann bei Potsdam nicht sagen, dass sie die Sponsoren in der Region nicht gehabt hätten. Sie haben schon vor zehn Jahren infrastrukturell und vom Gehalt her Dinge geschaffen, die viele erst aufholen mussten. Sie sind bloß einfach in ihrer Entwicklung stehen geblieben und waren eher mit Auseinandersetzungen beschäftigt – auch mit Babelsberg –  anstatt vielleicht lösungsorientiert zu handeln. Das ist schade. Aber man darf sich nicht immer nur dahinter verstecken: Ja, die Lizenzvereine. Man hat das mitunter selbst in der Hand.

Auch der 1. FFC war so weit vorneweg in Frankfurt. Da sind vielleicht ein paar Investitionen in die falsche Richtung gelaufen. Ansonsten hätte man das gar nicht aufholen können. Ich meine: Fast die ganze Nationalmannschaft hat beim 1. FFC Frankfurt gespielt. Wenn man das schon mal gehabt hat, verschwindet das nicht auf einen Schlag. Es hat nicht am Geld gelegen, sondern daran, dass sich infrastrukturell nichts bewegt hat..

„Für einen professionellen Spielbetrieb braucht es ein Mindestgehalt“

Fußballprofi Almuth Schult fordert: Für einen professionellen Spielbetrieb braucht es ein Mindestgehalt“. Foto: DFB

Wo siehst du generell noch Potenzial? Was würdest du dir vom DFB wünschen für den Fußball der Frauen, oder von den Landesverbänden und von den Vereinen?

Für den Profibereich müssen sie einfach mal Lizenzauflagen erstellen, die einen professionellen Spielbetrieb gewährleisten. So wie es in England oder in den USA der Fall ist. Dass Regularien erlassen werden über ein Mindestgehalt, über höhere Mindestanforderungen, über eine gewisse  Infrastruktur an die Vereine. Auch mit einer guten Qualität. Das ist wichtig.

Im Hinblick auf die Landesverbände etc.: Es geht um eine gleichberechtigte Förderung von Mädchen und Jungen in allen Bereichen. Egal, ob das in den Stützpunkten ist. Egal, ob es in den Auswahlmannschaften ist. Es darf nicht passieren, dass man bei der Kreisauswahl bei den Jungs Fahrgeld gibt und bei den Mädchen nicht. Oder dass irgendwo bei den Mädchen keine Trainingsklamotten zur Verfügung gestellt werden. Dass die Vereine darauf schauen, dass jeder Trainer eine Aufwandsentschädigung bekommt und nicht nur die der männlichen Teams. Man sollte den gemeinnützigen Auftrag der Vereine auch in dem Zusammenhang leben und nicht nur nach der Generierung von Profit gehen.

(Fehlende) Frauen im Profifußball der Männer

Der Bayerische Fußballverband fördert aktuell Trainerinnen. So wurde ein B-Lizenz-Lehrgang für Frauen von der UEFA und vom Verband finanziert. Wenn du jetzt ein bisschen die Perspektive wechselst: Wie nimmst du das wahr, dass vielleicht auch Frauen in Managementpositionen kommen könnten?
Was mir in der Medienwelt fehlt: Es wird meist über die Trainerinnenpositionen geschrieben. Aber dass Frauen im Profifußball der Männer auch in Managementpositionen vorangehen? Mir hat das immer gefehlt. Bis auf Katja Kraus…

Man muss jetzt einmal unterscheiden zwischen Management, Sportdirektion und Geschäftsführung. Im Management an sich, im Teammanagement sind ein paar Frauen. Bei Bayern etc.
Es ist bloß wirklich so: Die GeschäftsFÜHRUNG ist vakant. Da gibt es soweit ich weiß keine Geschäftsführerin in der 1. und 2. Liga. Mittlerweile gibt es Präsidentinnen oder weibliche Aufsichtsräte. Aber in der Geschäftsführung an sich oder vor allem auch in der sportlichen Leitung gibt es keine Frauen. Das meinst du wahrscheinlich damit?

Ja, genau.

Das wäre wichtig, das sehe ich auch so. Ich hoffe, dass mal ein Verein den Mut hat und sagt: „Jo, ich stelle jetzt mal eine Geschäftsführerin ein“.
Bisher gibt es nur solche Plätze wie Finanzvorstand etc., die von einer Frau besetzt werden. Zum Beispiel bei Schalke…

Und bei Darmstadt 98.

Aber diese wirklich leitende sportliche Position ist noch nie von einer Frau im Profifußball der Männer besetzt worden.

Denkst du, dass dahingehend Hürden bestehen? Mein Eindruck ist, dass es oft diese Bedenken gibt – jetzt sind wir beim Thema: „Teilzeit und Kinder“…
Ich persönlich habe das Gefühl, dass hier mehr als 100 Prozent erwartet werden. Also quasi mehr als 24/7 nur für den Verein. Da fliegt man dann auch mal mitten im Urlaub für ein Spiel [s. Beispiel im Interview mit Christian Heidel] zurück. Dass das noch in den Köpfen „dieser Generation Männer“ drinnen ist? Wobei da ja Jüngere nachkommen.

Ganz sicher! Man sucht als Mensch zwangsläufig immer – wenn man von sich selbst überzeugt ist, dass man einen guten Job gemacht hat – nach jemandem mit dem gleichen Profil. Wenn die Männer dies tun, dann fällt halt das andere Geschlecht schon mal raus. Da ist die Frage: Wer bestimmt die Nachfolge und wie ist sie gestaltet? Da sind wir doch in einem sehr konservativen Prozess im Fußball. Und da müssen einem vielleicht die Augen geöffnet werden: Manchmal sind es Kleinigkeiten, sind es Erfahrungen, die dann helfen, etwas zu ändern. Ich hoffe darauf. Man merkt, dass ein kleiner Wandel stattfindet. Auch im Fußball. Obwohl der Fußball in vielen Dingen noch nicht so weit ist, wie er immer selber denkt.

„Die VDV lässt keine Frauen als aktive Mitglieder zu. Und das im Jahr 2023.“

Nun ein kleiner Bruch. Ich habe dich über die Plattform „Fußball kann mehr, Wir können mehr“ kontaktiert. Was hältst du von Initiativen wie dieser? Soweit mir bekannt ist, gab es von euch Spielerinnen einen Zusammenschluss. Was hat sich diesbezüglich bewegt? Welche Punkte wollt ihr angehen? Wünscht ihr euch mehr Mitbestimmung?

Zusammenschlüsse können viel bewirken „Fußball kann mehr“ hat auch schon ein bisschen was bewegt. Selbst wenn’s nur die Wahrnehmung in so manchem Verband oder Verein ist.

In Richtung Spielerinnen: Es ist nun mal so, dass wir im internationalen Vergleich deutlich hinterherhinken. Nahezu jedes Land hat eine Spielerinnengewerkschaft, Spielerinnenvereinigung, wie auch immer man dies nennen möchte – also eine Players‘ Union. Und das auf allen Ebenen: sowohl auf der der Liga als auch auf der der Nationalmannschaft. Wir haben das in dem Sinne nicht. In Deutschland wird immer kolportiert, dass die VDV [Vereinigung deutscher Vertragsfußballer; Anm. LS] da ist. Aber die VDV lässt keine Frauen als stimmberechtigte Mitglieder zu. Und das im Jahr 2023. Was ziemlich peinlich ist. Wir waren mit der VDV im Austausch. Dies hat aber nicht zu einer fruchtbaren Partnerschaft geführt. Aus diesem Grund sind wir jetzt dabei uns selbst zu organisieren, auch mit der Erfahrung, die man in anderen Ländern gesammelt hat. Weil wir Spielerinnen haben, die international gespielt , und gesagt haben, DIE Gewerkschaft ist die Stimme der Spielerinnen, die etwas transportiert, die sich für Sachen einsetzt und die genau diesen Effekt von einer gemeinsamen Meinung abbildet. Wenn man einzeln losgeht, kann man einzeln bestraft werden und vielleicht wird man dann auch nur einzeln gehört. Das soll nicht der Fall sein. Jemand muss sich für die Belange der Spielerinnen einsetzen. Das ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten wirklich zu kurz gekommen.

Den zweiten Teil des Interviews mit Almuth Schult findet ihr unter diesem Link.

Interview mit Gerd Dais, Trainer des SV Waldhof Mannheim

Mannschaftspraesentation SV Sandhausen
Gerd Dais fungierte von 2011 bis 2012 als Cheftrainer des SV Sandhausen. Foto: EIBNER-PRESSEFOTO

Trainerwesen. Gerd Dais war lange Zeit als Cheftrainer des SV Sandhausen (2008-2010 und von 2011 bis 2012; Anm. von Lisa Schatz) tätig. Im November 2012 wurde er freigestellt, Anfang 2013 hatte er nochmal ein kurzes Gastspiel bei den Stuttgarter Kickers. Im April diesen Jahres hat er nach einer vereinslosen Zeit den Trainerposten des FC Nöttingen übernommen und mit dem kleinen Verein den Aufstieg in die Regionalliga Südwest geschafft. Der Club entschied sich dafür, dass der A-Jugend-Trainer in der kommenden Saison sein Amt übernimmt. Seit 7. Juli ist Gerd Dais nun Cheftrainer beim SV Waldhof Mannheim. Im Interview hat er mir erzählt, wie er mit der Situation umgegangen ist, als er knapp drei Jahre in keinem Verein gearbeitet hat, welche Hobbies er betreibt und wie er in seiner Zeit beim SV Sandhausen die Gegner analysiert hat…

Herr Dais, wie haben Sie die knapp zwei Monate bis zum Aufstieg beim FC Nöttingen erlebt?

Ich war schon mehrfach beim FC Nöttingen tätig. Den Aufstieg in die Regionalliga zu bewerkstelligen war eine interessante Sache, vor allem die Spiele in Hauenstein, wo wir kurzfristig mit 4:3 zurückgelegen sind. So spielt der FC Nöttingen 2016/2017 in der Regionalliga Südwest. Aber ohne mich. Wobei man sagen muss, das der FC Nöttingen ein kleiner Verein ist und wirtschaftliche Probleme hatte. Daher hat man sich entschlossen, den Etat, der ursprünglich in der Oberliga vorhanden war, nochmal um einen fast sechsstelligen Betrag zu kürzen. Und man hat auch schon entschieden, den A-Jugend-Trainer als neuen Cheftrainer der ersten Mannschaft zu verpflichten.

Sie haben kürzlich den Posten als Cheftrainer des SV Waldhof Mannheim übernommen. Wussten Sie in den Wochen nach Ihrem Aufstieg mit Nöttingen, wie es für Sie beruflich weitergeht?

Zunächst gab es in der Kürze der Zeit in der Hinsicht keine neuen Möglichkeiten. Es galt halt wieder zu warten. Aber so ist die Situation, wenn man diesen Job ausübt und das habe ich schon des Öfteren erlebt. Es ist nicht so, dass mir das schlaflose Nächte bereitet hätte.

Bleiben wir beim Thema Vereinslosigkeit. Bitte beschreiben Sie, was Sie zwischen 2013 und 2016 gemacht haben.

Ich wurde 2013 von den Stuttgarter Kickers beurlaubt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch einen Vertrag für ein Jahr. In den drei Jahren hat sich der ein oder andere Verein bei mir gemeldet, aber das war nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Ein intensiveres Gespräch hatte ich Anfang diesen Jahres, als der SSV Jahn Regensburg auf mich zugekommen ist. Das Gespräch war sehr positiv, jedoch hat sich der Verein für Heiko Herrlich entschieden. Es war nur noch die Frage: Entweder Heiko Herrlich oder meine Person. Ansonsten habe ich mich auf dem Laufenden gehalten, was die Ligen angeht: Ob das jetzt die Regionalliga oder die Dritte Liga war. Zudem habe ich mich beim Bund Deutscher Fußball-Lehrer fortgebildet und mich selbst wieder sehr dem Sport gewidmet, da in meiner Zeit als Cheftrainer diesbezüglich keine Zeit vorhanden war, und habe die drei Jahre eben so genutzt.

In welchen Bereichen haben Sie sich beim BDFL weitergebildet? Von der taktischen Ausbildung bis hin zum Auftreten vor der Mannschaft deckt der Bund ja viele verschiedene Bereiche ab.

Es gibt ja regionale Veranstaltungen. Ich bin in der Verbandsgruppe Baden-Württemberg beheimatet. Jedes Jahr gibt es den Jahres-Kongress, der kürzlich in Mannheim stattgefunden hat. Den habe ich besucht. Zudem werde ich beim nächsten Kongress in Fulda  (25.7.-27.7.2016; Anm. von Lisa Schatz) anwesend sein. In Fulda wird natürlich die Europameisterschaft aus taktischen Gesichtspunkten betrachtet und dahingehend, was sonst noch aufgefallen ist. Auch die regionalen Veranstaltungen habe ich zum Teil besucht. Hier ging es um den Umgang mit der Mannschaft, um die eigene Körpersprache und Rhetorik sowie andere interessante Themenblöcke wie z. B. Sportmedizin. Das war alles sehr vielfältig.

Sie meinten vorher, dass es Ihnen keine schlaflosen Nächte bereitet habe, von 2013 bis 2016 und auch derzeit vereinslos zu sein. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Es müsste ja eine riesen Umstellung sein, wenn plötzlich vom einen Tag auf den anderen die Medienanfragen wegfallen und die Fans nicht mehr ständig versuchen, mit einem ins Gespräch zu kommen.

Die letzte Station in Stuttgart war damals ziemlich kurz. Das war Mitte April, als ich gefeuert wurde.

Und wenn Sie jetzt an Ihre Zeit in Sandhausen denken, wo Sie länger Trainer waren?

Die Zeitspanne, als ich mit Sandhausen als Zweitligatrainer ausgestiegen bin, bis zu den Stuttgarter Kickers war nicht so lange. Das war im November und im Januar ging es weiter. Wie gesagt, ich komme aus der Region. Ich bin gebürtig aus Heidelberg. Sandhausen ist nur fünf Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Ich habe selbst von 1985 bis 1987 in Sandhausen gespielt, wodurch natürlich hier schon eine engere Bindung vorhanden war als bei meinem Gastspiel bei den Stuttgarter Kickers. Ich kenne hier sehr viele Leute – egal, ob ich ins Fitnessstudio gehe oder andere Sachen unternehme. Da werde ich natürlich immer wieder darauf angesprochen, ob sich im Fußball etwas tut und ob ich wieder etwas mache. Nach meiner Zeit bei den Stuttgarter Kickers hat sich auch der ein oder andere aus dem Rhein-Neckar-Kreis gefragt, was ich mache und wie es weitergeht. Aber natürlich war das nach der Sandhäuser Beurlaubung bedeutend mehr. Beim ersten Mal bzw. als ich in der Dritten Liga in Sandhausen beurlaubt worden bin, sind wir auf dem siebten oder achten Platz gestanden und man wollte ja mit aller Gewalt aufsteigen. Später habe ich den SV Sandhausen vor der Regionalliga gerettet. Wenn ich damals nicht verpflichtet worden wäre, wäre der Verein wahrscheinlich abgestiegen und alles, was wir in den Jahren zuvor aufgebaut hatten – die Aufstiege von der Oberliga in die Regionalliga und Dritte Liga – wäre dann kaputt gewesen. Wir haben uns gerettet und den Schwung mitgenommen und sind dann mit dem VfR Aalen und dem SSV Jahn Regensburg in die zweite Bundesliga aufgestiegen.

Würden Sie sagen, dass es von 2013 bis 2016 nicht ohne Fußball gegangen wäre? Haben Sie in den drei Jahren Hobbies nachgeholt – wie z. B. eine Reise, die Sie lange aufgeschoben hatten, unternommen? Oder stand der Fußball wirklich immer noch im Vordergrund?

Ich habe in der Zeit natürlich wirklich viel im Fußball mitverfolgt. Ich muss schon sagen, dass die Endphase 2012 in Sandhausen auch wirklich viel Kraft gekostet hat. Vielleicht wäre es im Nachhinein besser gewesen, wenn ich den Trainerposten in Stuttgart nicht übernommen hätte. Aber manchmal ist man hinterher schlauer oder man kann es sich gar nicht aussuchen, was das Angebot betrifft. Ich war damals positiv gestimmt, aber im Nachgang wäre es anders besser gewesen. Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um Abstand zu gewinnen. Sicherlich habe ich das ganze nach wie vor aus der Ferne verfolgt und was die Hobbies angeht, habe ich mich mehr dem Sport gewidmet. Ich habe dann Tennis gespielt und bin Fahrrad gefahren. Was das Reisen angeht – ich bin eher der Typ, der lieber zu Hause ist und im Urlaub nicht gerne wegfährt.

Haben Sie schon einmal mit einem Trainerberater zusammengearbeitet?

Es gab Anfragen, „Kann ich etwas für dich tun?“. Den ein oder anderen losen Kontakt gibt es, aber ich arbeite in dieser Hinsicht nicht fest mit jemandem zusammen.

Wenn Sie an Ihre Zeit als Cheftrainer zurückdenken, wie wichtig finden Sie die Zusammenarbeit mit den Medien, mit Sportpsychologen und mit Mentaltrainern?

Mit den Medien hatte ich eigentlich nie Probleme – ob es jetzt in Sandhausen oder in Stuttgart war. Mit Mentaltrainern habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. In Sandhausen haben wir vor einer Saison eine Teambuildingmaßnahme durchgeführt, Laganda (Übersetzung: Gemeinschaftssinn; Anm. von Lisa Schatz). Das war immer sehr positiv und natürlich habe ich mit Arno Schimpf zusammengearbeitet. Er war auch in der Anfangsphase in Sandhausen mit dabei. Später hat er die Spieler dann je nach Wunsch individuell betreut. Wer wollte, konnte seine Hilfe in Anspruch nehmen.

Was halten Sie von Life Kinetik?

Im Profibereich kann man das sicherlich ins Training integrieren. In Nöttingen war das natürlich etwas anderes, da wir nur zwei- oder dreimal pro Woche Training hatten. Da gibt es wichtigere Dinge als Life Kinetik. Aber im Profifußball ist es durchaus eine wichtige Geschichte, aber es sollte dann auch von Nachhaltigkeit geprägt sein. Es bringt nichts, wenn man so etwas einmal macht und zwei Wochen später nochmal. Dies sollte dann schon Kontinuität haben. Die Spieler sind diesbezüglich sehr wissbegierig und wollen da wirklich das Beste herausholen. Wie gesagt, es ist eine gute Sache. Wenn man Life Kinetik einmal pro Woche in ein halbstündiges Aufwärmprogramm integriert, ist das meiner Meinung nach ganz gut.

Inwiefern beschäftigt sich ein Cheftrainer mit der Geschichte eines Vereins?

In Sandhausen war das ein spezieller Fall. Die räumliche Trennung zu Sandhausen war relativ gering. Als ich ein Kind war, hat Sandhausen mit am höchsten gespielt und ich habe das damals verfolgt. Als ich dann selbst gespielt habe, waren wir noch in einer Amateurliga und da hatte ich nach den Spielen auch persönlichen Kontakt zu den Fans. Wir waren mit ihnen zusammen im Vereinsheim, haben dort etwas getrunken. Als ich später in der Oberliga Trainer war, war auch die ganze Mannschaft im Clubhaus und einige von den Spielern waren zuvor selbst Fans. Da hat man sich also gekannt und es gab keine Berührungsängste. In Nöttingen war es ähnlich, da der FCN auch ein ländlicher Verein ist. Bei den Stuttgarter Kickers bin ich wenig mit den Fans in Berührung gekommen, da das im Gazi-Stadion schwieriger war und wir auf Plätzen trainiert haben, wo relativ wenige Fans anwesend waren. Wenn es bei einem Traditionsverein nicht läuft, wird das ein oder andere meines Erachtens manchmal überkritisch gesehen.

Dann zu Ihrer Arbeit an sich. Welchen Anteil nahmen Spielanalysen in Ihrer Tätigkeit als Cheftrainer ein, wenn Sie auf Ihre Zeit beim SV Sandhausen denken?

In Sandhausen, bei den Stuttgarter Kickers und auch in Nöttingen habe ich mit einem Scout zusammengearbeitet. Er hat die Gegner, auf die wir getroffen sind, immer unmittelbar vor den Spielen beobachtet. Er hat das dann zu Papier gebracht und teilweise auch Bilder zu Standardsituationen gemacht. Das bin ich durchgegangen und wenn es zeitlich möglich war, habe ich mir deren Spiele persönlich angeschaut, um mir selbst auch nochmal ein Bild zu machen. In der Anfangszeit war das alles relativ begrenzt, was Videoanalysen angeht. In Nöttingen und bei den Stuttgarter Kickers haben wir keine Videoanalysen gemacht. Beim SV Sandhausen war es schwierig. Dort hat der Co-Trainer immer das zusammengeschnitten, was gut und was nicht so gut war. Letztendlich war das alles in diesem Bereich.

Wie war das in der Saison 2011/2012? Hatten Sie in dieser Zeit auch wirklich nur einen Scout und den Co-Trainer, die in dieser Hinsicht Informationen aufbereitet haben?

Der eine Scout hat wirklich alles abgedeckt. Es war also alles ganz, ganz klein gestrickt. Wenn wir gespielt haben, hat er wirklich den unmittelbaren Gegner angeschaut und ich habe die gegnerischen Teams beobachtet, gegen die wir zwei, drei Wochen später spielten, sofern es der Spielplan erlaubt hat. Wir haben schon versucht, alles optimal abzudecken, was nicht immer einfach war.

Dann noch kurz ein Rückblick auf die EM-Zeit. Haben Sie sich alle Spiele angeschaut oder nur die Deutschlandspiele? Haben Sie die Partien auch gedanklich analysiert? Sind Sie eher der Typ, der sich solche Spiele zusammen mit Freunden oder Bekannten anschaut oder alleine?

Ich schaue mir viele Spiele an, aber natürlich nicht alle. Die Deutschlandspiele habe ich immer geguckt. Dabei habe ich mir auch Gedanken gemacht, aber, dass ich das zu Papier gebracht hätte, war nicht der Fall (lacht). Manchmal habe ich mir die Partien zusammen mit Freunden angeschaut, das war ganz unterschiedlich. Jedoch habe ich nicht gemeinsam mit anderen Fußballtrainern geguckt, um danach zu diskutieren.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dais.

Gerne.