Fußballbuch-Update Nr. 13: Von Madi Pry zu Talia DellaPeruta

Liebe Leserinnen und Leser! / Ciao a tutti!

Es ist unglaublich… Das Fußballbuch hat rund 7.100 km zurückgelegt und den Nordatlantik überquert. Es wurde von Madi Pry an Talia DellaPeruta weitergegeben, die es von Chapel Hill, North Carolina, nach Mailand, Italien, gebracht hat.

Talia hat sich die Zeit genommen, kurz zu erzählen, wie sie zum Fußball gekommen ist und was eines ihrer schönsten und denkwürdigsten Erlebnisse im Fußball war….

Was ich hier mit großem Respekt anmerken möchte: Ich war sehr beeindruckt, dass Talia mir das Interview nur wenige Stunden vor dem Endspiel der CONCACAF-Frauen-U20-Meisterschaft gegeben hat (das übrigens durch einen von ihr verwandelten Elfmeter gewonnen wurde letztlich 2:0 gegen Mexiko). Ich glaube nicht, dass das selbstverständlich ist. Trotzdem hat sie sich Zeit gelassen. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Glückwunsch auch wenn das Spiel zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Interviews schon eine Weile her ist zum Titel an Talia und ihr Team! Und an alle, die hier mitlesen: Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und Verfolgen der Reise des Buches!

Eure

Lisa Blue

P.S.: Bitte beachtet, dass das Interview den Stand vom 12.3. widergibt. Danke.

Hallo Talia, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir vor eurem Finale Zeit für das Interview nimmst.

Danke, ja, wir sind super aufgeregt.

Fangen wir direkt an… Was hat Madi dir gesagt, was du in das Buch schreiben sollst bzw. warum hast du dich entschieden, an unserem Projekt teilzunehmen?

Ja, sie hat mir erzählt, dass dieses Buch an verschiedene Menschen in unterschiedlichen Ländern weitergegeben wurde, und das finde ich einfach supercool. Ich wollte ein Teil davon sein, weil ich denke, dass Fußball eine universelle Sprache ist, und wenn man nicht dieselbe Sprache spricht, dann können wir doch alle dadurch, dass wir das Spiel lieben, miteinander in Verbindung stehen. Ich halte das für eine wirklich coole Idee und möchte ein Teil davon sein. Ich freue mich darauf, weitere Geschichten in dem Buch zu lesen und auch meine eigenen Erfahrungen und das, was das Spiel mir gegeben hat, einzubringen. Ich finde es einfach eine wirklich coole Idee, die du dir ausgedacht hast, um viele Geschichten von Leuten aus der ganzen Welt darüber zu erzählen, wie das Spiel sie beeinflusst hat oder was sie daran lieben.

Könntest du bitte kurz etwas über sich selbst erzählen? Wie bist du zum Fußball gekommen, warum magst du ihn?

Ich habe mit drei Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Mein Vater hat mich dazu gebracht, und das ist etwas, was er und ich zusammen gemacht haben. Ich habe es also genossen, Zeit mit ihm zu verbringen, und er hat mich im Garten trainiert, seit ich drei Jahre alt war. Ich habe es einfach geliebt. Ich lernte sehr schnell. Ich bin sehr wettbewerbsorientiert und mag es, mich zu messen und hart zu arbeiten, und ich liebe die technische Seite des Spiels, also habe ich viel geübt.

Ich spiele für die Universität von North Carolina. Ich bin im zweiten Studienjahr und gehöre auch zur U20-Jugendnationalmannschaft der USA. Mit dieser Mannschaft qualifizieren wir uns gerade. 

Du spielst also für Chapel Hill, richtig? Und jetzt machst du ein Auslandssemester in Italien oder wie funktioniert das? Madi Pry hat mir darüber geschrieben…

Ja, meine Assistenztrainerin ist eine wirklich gute Freundin der Cheftrainerin des AC Mailand-Teams. Sie hat also mit ihr gesprochen und meinte: „Hey, ich habe zwei Spielerinnen, die gerne im Ausland spielen und dort aufs College gehen würden. Hättest du etwas dagegen? Ich könnte sie für ein Semester zu dir schicken, während sie studieren…“ Ich habe also in Mailand an der Universität von Katalonien studiert und für die erste Mannschaft von Mailand gespielt.

Das ist großartig. Welche Erfahrungen hast du international gemacht? Du hast gesagt, dass du im Moment beim U20-Frauen-Turnier spielst, das in Santo Domingo ausgetragen wird. Kannst du ein bisschen von den letzten Tagen erzählen? Hast du Freundschaften mit Spielerinnen aus anderen Mannschaften, Nationen geschlossen? Vielleicht auch in den letzten Jahren?

Ja, ich war tatsächlich Teil der U14-, U15-, U17- und U20-Nationalmannschaft. In den letzten fünf Jahren war ich in der Nationalmannschaft und bin mit ihr in über 10, 15 Länder gereist, und so habe ich in verschiedenen Ländern definitiv viele Freundinnen aus anderen Teams gefunden. Ich habe einige Freunde auf Haiti, in Kanada, Mexiko und Puerto Rico.

Hast du schon etwas in das Buch geschrieben? Oder überlegst du noch, was du schreiben könntest?

Ich habe versucht darüber nachzudenken, was ich schreiben möchte, weil ich so viele Geschichten erzählen möchte und wie sehr der Fußball mich und so viele Menschen beeinflusst hat. Aber ich denke, ich schreibe über die verschiedenen Länder, in denen ich gewesen bin, die verschiedenen Kulturen, die ich kennen gelernt habe, wie Fußball uns alle zusammenbringt und wie wir ihn alle lieben. Und ich denke, ich werde auch ein bisschen über diese Erfahrung mit dem U20-Team schreiben, je nachdem, wie es heute läuft. Insgesamt war es ein sehr, sehr gutes Turnier für mich. 

Dann eine ganz andere Frage. Du weißt ja, dass Megan Rapinoe und ihre Mannschaftskameradinnen das Ziel der gleichen Bezahlung der Männer und Frauen durch den US-Verband erreicht haben und dass sie so hart dafür gekämpft haben. Wenn du etwas im Frauenfußball, international oder in den USA, ändern könntest, was wäre das?

Ich würde sagen, auf jeden Fall mehr Mittel für den Frauenfußball und damit vielleicht auch mehr Profiteams in den USA. Man hat begonnen, ein paar mehr WNSL-Teams [Women’s National Soccer League; Anm. von LS] zu gründen, das ist die Profiliga für Frauen in Amerika. Aber ich denke: Mehr Teams in den großen Städten würden dazu beitragen, jüngere Mädchen zu fördern, damit sie später einmal auf dieser professionellen Ebene spielen können.

Weißt du schon, in welchem Bereich du später einmal arbeiten willst? Es ist noch ziemlich früh, um ehrlich zu sein, aber willst du nach deiner Karriere im Fußball bleiben? Was denkst du im Moment?

Ich meine, es war schon immer mein Ziel, professionell zu spielen und Teil der US-Frauen-Nationalmannschaft zu sein. Ich spiele also noch viel länger Fußball. Ich möchte auf jeden Fall auch im Ausland Fußball spielen, deshalb freue ich mich sehr über diese zusätzliche Erfahrung, in Italien zu spielen. Und ich habe auch schon ein paar Wochen in Deutschland gekickt. Ich möchte auf jeden Fall im Nationalteam bleiben und in die A-Nationalmannschaft kommen. 

Kannst du dir vorstellen, später einmal Trainerin zu werden?

Ich glaube, als ich jünger war, in den Jahren vor Heather O’Reilly, hätte ich „nein“ gesagt. Aber jetzt möchte ich auf jeden Fall Assistenztrainerin oder Cheftrainerin am College werden. Wie Heather O’Reilly. Sie ist ein Vorbild für mich. Ich glaube, sie hat mich echt beeinflusst, sie war meine Trainerin. Ich möchte die Mädchen wirklich motivieren und eine Art Vorbild sein und ihnen dabei helfen, ihre sportlichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Was fasziniert dich am meisten am Fußball? Er ist wie eine Sprache für alle. Magst du es auch, wirklich ein Team zu sein, dich weiterzuentwickeln, oder was gefällt dir am meisten am Spiel selbst?

Ich mag es, wie viel man über sich selbst und andere lernen kann. So wie man in einem Team arbeitet. Man entwickelt viele Führungsqualitäten wie Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Kreativität, wie man in jeder Umgebung man selbst sein kann. Das sind einige Dinge, die ich wirklich während meiner Zeit im Fußball gelernt habe und die ich immer noch zu verbessern versuche.

Ich habe auch mit Anson [Dorrance; Trainer; Anm. von LS] von Chapel Hill gesprochen und ich war sehr beeindruckt von den Möglichkeiten dort. Würdest du sagen, dass es für Frauen am besten ist, in den USA Fußball zu spielen, weil es dort College-Teams gibt? Ihr habt großartige Einrichtungen. Die USA sind sehr weit mit ihren Möglichkeiten, und ich denke, dass die USA in einigen Bereichen in der Entwicklung viel weiter sind. Sie tun so viel für euch oder ist das ein falscher Eindruck von mir?

Nein, nein, du hast völlig recht. Das Spiel wächst in Amerika, was im Frauenbereich wirklich toll ist. Das heißt, es werden Frauen-Profiteams gegründet, die vielen Spielerinnen helfen, die nächste Stufe zu erreichen. Denn wir haben viele Talente in Amerika. Wir müssen sie nur weiter fördern und ihnen einen Ort bieten, zu dem sie kommen können.

Wie ist es hinsichtlich des Respekts? Ich glaube, es gibt auch Männerteams an den Colleges. Respektieren sie sich gegenseitig oder sagen sie so etwas wie „Oh, die Frauen…“ und so weiter – denn ich glaube, ihr seid viel weiter als wir hier in Deutschland. Wenn man sich die erste deutsche Liga anschaut, die 1. Bundesliga, dann sagen sie – natürlich nicht alle, aber ich habe es oft gehört –  so etwas wie: „Oh, Frauenfußball…, hm, …naja, …“ Es ist schon ein bisschen crazy hier, um ehrlich zu sein. Sie müssen wirklich für ihre Rechte oder für den Respekt kämpfen.

Ich glaube, in den USA ist das nicht so. In Deutschland haben die Männerteams die Frauenteams nicht so sehr respektiert, als ich dort gespielt habe. Aber in den USA respektiert die Männermannschaft das Frauenteam.

Gibt es einen besonderen Moment in deiner Karriere, der dir am besten gefallen hat? Du hast viele Turniere erlebt und wegen des Fußballs viele Menschen aus der ganzen Welt getroffen. Gibt es eine besondere Geschichte, an die du dich erinnerst und von der du sagen würdest: „Oh, das war wirklich, wirklich besonders und großartig“?

Das ist wirklich schwierig. Vielleicht würde ich sagen, als ich bei den U15-Qualifikationsturnieren der CONCACAF war. Wir waren dort bei einem Turnier und alle Mannschaften waren auf demselben Platz. Meine Mannschaft hat sich mit der Mannschaft von Trinidad und Tobago unterhalten und Spaß gehabt. Sie wollten mit uns mitmachen. Also haben wir alle zusammen getanzt, bevor wir gegeneinander gespielt haben. Das war etwas ganz Besonderes.

Ein anderes Mal waren wir, glaube ich, in Südkorea. Wir wohnten in der gleichen Einrichtung wie die südkoreanische Nationalmannschaft. Sie hatten einen Tischtennisraum und wir haben ein großes Turnier mit den Südkoreanerinnen veranstaltet, um zu sehen, wie wir mithalten können. Es hat sehr viel Spaß gemacht, sich mit ihnen in einer anderen Sportart zu messen.

Aber sie sind wirklich gut im Tischtennis, oder?

Sie waren sehr gut, sie haben uns natürlich geschlagen.

Habt ihr bei der aktuellen Meisterschaft in der Dominikanischen Republik auch ein besonderes Erlebnis rund um den Fußball oder eine besondere Begegnung mit einem Menschen gehabt?

Ja, wir haben in unserem zweiten Spiel gegen Puerto Rico gespielt. Da kam ein Mädchen zu mir und sagte: „Hey, ich finde, du bist eine tolle Spielerin…. Wäre es für dich in Ordnung, wenn wir ein gemeinsames Foto machen?“ Sie spielt in Puerto Rico. Das war wirklich, wirklich cool.

So süß.

Natürlich gab sie mir auch eines ihrer Trainingsshirts und lächelte…

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wollte nicht so viel mit dir reden, weil du heute das Finale hast.

Sehr gerne.

Interview mit Kristian Barbuscak

Bild_Interview mit Kristian Barbuscak
Kristian Barbuscak ist seit November 2014 als Torwarttrainer beim SSV Jahn Regensburg tätig. Foto: Lisa Schatz

Fußball international. Als ich beim Training des Drittligisten SSV Jahn Regensburg zusah, fiel mir der Perfektionismus des Torwarttrainers, Kristian Barbuscak, auf. Aufbau und Durchführung der Trainingseinheit: absolut akribisch. Seine Schüsse: perfekt gespielt. Er ließ seine Jungs mit Augenklappen trainieren und baute weitere Elemente ein, die ich bislang selten oder nie bei anderen Torwarttrainern beobachtet habe. Nach dem Training sprach ich ihn an und lernte einen weltoffenen Menschen mit einer äußerst interessanten Hintergrundgeschichte kennen. Er kam im Alter von 15 Jahren alleine nach Deutschland, um beim FC Bayern München zu spielen und eine Ausbildung zu absolvieren. Danach ging es über Lazio Rom, Austria Wien und die Grashoppers Zürich zu den New York Metro Stars. Als er mir davon erzählte, wurde ich neugierig und beschloss, euch seine einzigartige Geschichte in Form eines Interviews näherzubringen.

Herr Barbuscak, wollten Sie schon immer im Profifußball arbeiten oder gab es zwischendurch auch andere Pläne?

Unbedingt. Für mich als aktiver Torhüter hat sich diese Leidenschaft einfach nie in Frage gestellt. Mich haben zwei Schwerpunkte im Fußball interessiert: Der des Torwarttrainers, was ich jetzt ausüben darf, und auch der organisatorische Bereich, also das Teammanagement. Ich durfte ziemlich viele Hospitanzen machen, fast weltweit. Bei diesen war für mich nicht nur das spezifische Torwarttraining der Kollegen wichtig, bei welchem ich sehr viel lernen durfte. Für mich war es auch von großer Bedeutung, mich mit dem Busfahrer, Zeugwart, Fanshop-Mitarbeiter, mit der Sekretärin der Geschäftsführung, mit dem Koch und dem Teammanager zu unterhalten. Das hat mir sehr gut gefallen. Angenommen, ich dürfte nicht Torwarttrainer sein, dann wäre ich wohl Teammanager.

 

„Gerade die Stimmen der Menschen im Hintergrund sind wichtig“

Sie haben schon perfekt übergeleitet. Wie wichtig ist Ihnen Querdenken? Gerade, wie Sie es gerade formuliert haben, und inwieweit fließt es in das Torwarttraining mit ein?

Von außen betrachtet sehen viele den Fußball wohl so: Es gibt einen Kader mit 24 Spielern und den Trainerstab von vier Personen und das war’s. Aber im Fußball sind viel, viel, viel mehr Menschen wichtig. Viel mehr. Und die Stimmen gerade den Mitarbeitern oder den Leuten zu geben, die nicht im Fokus stehen, sondern Drumherum, im Hintergrund für den Verein arbeiten, das ist von hoher Bedeutung. Diese Stimmen sind sehr wichtig. Gerade für mich. Wie sich das im Torwarttraining widerspiegelt? Wahrscheinlich gar nicht direkt. Aber da ich durch meine Erfahrung gelernt habe diesen Menschen zuzuhören, kann ich das Aufgenommene quasi in meiner Arbeit integrieren und insofern – wenn ich die guten oder die schlechten Launen des Torhüters erkenne – darauf reagieren oder entsprechend agieren.

Also auch in Richtung Persönlichkeitsentwicklung?

Definitiv. Wenn sich der Torhüter aufregt, dass der Platz nicht perfekt gemacht worden ist und ich mich sowieso noch mehr darüber aufrege, jedoch weiß, warum der Platz nicht so gemacht werden kann wie beim FC Bayern oder Real Madrid, versuche ich mich erstmal in die Lage des Platzwartes zu versetzen und dann schließe ich eine Brücke zwischen seinem Bereich und meinem Bereich. Dann versuche ich eine gute Stimmung zu erschaffen.

 

Über das Ballett zum Fußball

Wie sind Sie überhaupt zum Fußball gekommen?

Ich hatte leider mit vier Jahren einen Unfall, nach welchem mein kleiner Finger amputiert wurde. Nach der Amputation war ich als Kind in einem Schockzustand über mehrere Wochen. In der Zeit habe ich nicht gesprochen, ich war wirklich total still. Nach beliebigen Fragen meiner Eltern, vor allem von meiner Mutter, ob ich Hunger habe, ob ich Süßigkeiten möchte, Geschenke, ob ich sie liebe, habe ich keine Antwort von mir gegeben. Sie haben versucht verschiedene Therapien einzusetzen. Sie sind zum Beispiel mit mir ins Kino gegangen. Aber ich war immer traurig und durch die Amputation gekennzeichnet. Eines Tages gingen wir zum russischen Staatsballett. Ich habe gesehen, wie die Menschen elegant tanzten und angefangen zu reden. Dann brachte mich meine Mama in die Tanzschule und dann habe ich im Alter von fünf Jahren ungefähr zehn Monate lang Ballettübungen gemacht. Man sagte mir damals, dass ich sehr talentiert sei, und ich bin sehr gerne dorthin gegangen. Ich war der einzige Junge dort bei den Mädels und meine Mutter fand es toll, aber nicht bezüglich des Sports, sondern dass ich wieder angefangen habe zu reden und mich normal zu verhalten.

Weshalb hat Sie gerade das Ballett derart fasziniert, dass Sie wieder begonnen haben zu sprechen?

Ich weiß es nicht. Warum gerade Ballett, warum nicht Kino oder Pferde? Meine Eltern haben so viel versucht. Ich weiß nicht, wieso Ballett. Wahrscheinlich die Eleganz, das Gefühl für Feinheit und für Perfektionismus. Mein Dad war selbst Sportler, aber nicht im Ballsport, sondern er ist Fahrrad gefahren. Er hat sich die Entwicklung meiner Person in diesem einen Jahr angeschaut. Als er eines Tages nach Hause kam, hat er angedeutet: „Ja, das ist nix für Jungs. Also schon, aber man entwickelt sich zu einer anderen Art von Männlichkeit“. Er entschied: „Ab morgen spielst du Fußball“. Dann habe ich mit dem Ballett aufgehört.

Einfach so, ohne Widerrede?

Ja, ich habe gesagt, ich möchte nicht mehr. Ich war sechs Jahre alt. Ich bin im Kommunismus aufgewachsen. Bei uns in der Tschechoslowakei – gerade was den Sport anbelangte –  wenn man talentiert war, wurde man gefördert. Man wurde gleich der Elite zugeordnet und so kam ich zu einer Aufnahmeprüfung zu einem Verein, der das in der Tschechoslowakei war, was der FC Bayern München für Deutschland ist: Slovan Bratislava. Dort gab es eine eigene Sportschule mit Eliteklasse. Dort musste ich eine einwöchige Aufnahmeprüfung machen. Die letzten beiden Tage waren nur Spiele. Es wurde schnell aussortiert, ohne jegliches Gefühl für den Menschen. Das war damals im Kommunismus so. Ich habe es geschafft, unter die besten Hundert zu kommen. Zwanzig Spieler und zwei Torhüter wurden genommen. An den beiden Tagen mit den Spielen waren mehrere Trainer anwesend. Die Gruppe, in der ich war, wurde von einem Trainer gefragt: „Möchte jemand von euch freiwillig ins Tor gehen?“. Ein Kind zeigte auf mich und sagte: „Den brauchst du nicht fragen, weil er nur neun Finger hat“. Und das im Alter von sechs Jahren! Da habe ich mir gedacht: „So, jetzt erst recht“. Heute bin ich dankbar dafür, dass der Junge das gesagt hat, weil ich sonst nicht da wäre, wo ich bin. Somit war mein ganzes Leben durch mein Handicap geprägt: Ich musste immer mehr trainieren als die anderen. Ich war häufiger verletzt als die anderen. Der Finger neben dem amputierten war oft ausgekugelt. Aber das war für mich nie eine Entschuldigung. Ich habe immer mehr an der Sprungkraft gearbeitet, an der Reaktionsschnelligkeit. Ich war nicht talentiert. Im Kommunismus gab es kein Talent. Man hat hart gearbeitet. So richtig hart, ja. So kam ich zum Fußball.

 

Von der Tschechoslowakei zum FC Bayern – im Alter von 15 Jahren…

Wie ging es danach weiter?

Bis zu meinem 15. Lebensjahr war ich in der Elite. Diese beendete ich mit dem Hauptschulabschluss. Das war damals so. Danach konnte man noch das Abitur oder eine Ausbildung machen. Aber für mich ging’s nach Deutschland. Meine Eltern blieben in der Tschechoslowakei. Es gab im Jahr 1992 ein Turnier in der Nähe von Fürth, bei dem ich mit der Nationalmannschaft oder mit der Auswahl dabei war. Ich habe damals ein paar ganz gute Bälle gehalten. Dort wurde man auf mich aufmerksam. Im selben Jahr bot – durch die Grenzöffnung – die Bayerische Bauindustrie der Tschechoslowakei eine Kooperation an. Die – vom Schulergebnis her – fünfzig besten Kinder bekamen die Chance, eine Ausbildung in Bayern zu machen. Und es kamen 51 Kinder nach Bayern… Wir mussten an einem Schnelldeutschkurs teilnehmen, um eben eine Ausbildung in Deutschland machen zu können. Schon vorher wurde ausgemacht, dass ich auf Grund des Fußballs, eine Ausbildung in München machen muss wegen des FC Bayern. Ich kam her, habe mich gleich verletzt. Erste OP, am Meniskus. Dann wurde ich zwei Jahre an die SpVgg Unterhaching ausgeliehen. Dort spielte ich zwei Jahre und kam dann zurück zum FC Bayern.

Wie war es in dieser Zeit mit dem Heimfahren, mit Heim- und Fernweh? Oder haben Sie sich erstmal gefreut, ein Abenteuer zu erleben und in ein neues Land zu kommen?

Ich kam mit 15 Jahren hierher und bekam eine eigene Wohnung. Am Anfang war das Ganze schon etwas seltsam für mich. Meine Eltern zum Beispiel mussten acht Jahre lang für eine Mikrowelle sparen, welche es bei uns nicht gab. Dann ging die Grenze auf und wir haben uns diese Mikrowelle gekauft. Ich bin im Plattenbau aufgewachsen. In dem einen großen Block, in welchem vierzig Familien gewohnt haben, hatten wir als einzige eine Mikrowelle. Ein Nachbar hatte einen Videorekorder. Ich kam nach Deutschland und hatte alles. Mein erster Gedanke war, alles mit nach Hause zu nehmen und zu verschenken. Bei uns im Supermarkt gab es nur zwei Marmeladen: eine rote und eine gelbe. Und wir waren alle glücklich und zufrieden. Da gab es keinen Streit. Man kannte nichts anderes. Und da kam ich hierher und es gab vierzig verschiedene Marmeladen. Und dann gab es Menschen, die eine bestimmte wollten, die es gerade nicht gab und sie regten sich voll auf und für sie war der ganze Tag im Eimer (nachdenklich).

Also, die ersten Monate waren ganz cool für mich, weil ich das erste Kind war, das – was Fußball anbelangte – aus der Tschechoslowakei zum FC Bayern oder hier nach Deutschland gewechselt ist. Man wird mit so vielen materiellen Sachen konfrontiert. Als Kind habe ich in der Tschechoslowakei eine Trainingshose bekommen, ohne Marke. Und ich habe eine Regenjacke und Gummifußballschuhe erhalten und das war’s. Hier in Bayern habe ich auf einmal drei kurze und drei lange Trainingsanzüge bekommen sowie zwanzig Paar Handschuhe mit Logo. Wirklich unvorstellbar. Die ersten drei Monate waren nur Kennenlernen und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen echten Porsche gesehen, nicht nur als Matchbox-Auto. Und der Supermarkt! Im Regal habe ich für meine Mikrowelle Fertiggerichte in x verschiedenen Variationen gesehen. Also, das war schon heftig.

 

Als man die Dinge noch viel mehr zu schätzen wusste…

Dann gab’s den ersten Urlaub über Weihnachten. Damals war ich zwei Wochen zu Hause. Ich kam heim und hab mich wie ein kleiner Star gefühlt. Alle wollten wissen, wie es draußen sei, und alle haben mich bewundert und die neuen Klamotten, die ich anhatte. Als ich hierher zurückkam, musste ich hart arbeiten. Hier habe ich keine Bewunderung erfahren. Von niemandem. Dann bekam ich Heimweh. Mir haben meine Freunde gefehlt, extrem meine Eltern. Ich war alleine und habe viel weinen müssen und dürfen. Nach den Spielen war es für mich immer sehr schwierig: Die anderen Spieler sind da mit ihren Familien immer gleich essen gegangen, Omas, Opas und Tanten waren da. Ich bin dann alleine in die Straßenbahn gestiegen und nach Hause gefahren. Also, es war eine enorm harte und gute Schule fürs Leben. Ich würde es wieder machen. Zu der Zeit, in der ich mich befand.

Ich habe einen 13-jährigen Sohn. Angenommen, er hätte jetzt die Gelegenheit, dass er mit Fünfzehn von Deutschland nach Amerika oder England – aber heute kann man das nicht so vergleichen – kommen könnte, glaube ich, dass ich mit ihm mitgehen würde. Aber zu der Zeit damals war die Welt noch mehr „in Ordnung“. Gerade in Bayern und gerade in München. Man hat die Dinge viel mehr geschätzt. Für mich war das etwas ganz Besonderes, dass ich in diese gelbe Telefonzelle gehen durfte und meine Mama anrufen konnte. Es gab kein Handy.

Gab es damals auch schon ein Jugendhaus beim FC Bayern?

Nein, ich habe eine Wohnung von der Firma gestellt bekommen, bei der ich die Ausbildung absolviert habe.

Wie gut konnten Sie die Ausbildung mit dem Training koordinieren?

Die Schule und alles andere war an den Fußball angepasst. Die allgemeinen Werte waren ganz anders. Ich habe meiner Mama einen Brief geschrieben. Handschriftlich. Und meine Mama hat mir auch so geantwortet. Dann bin ich jeden Tag von der Schule oder vom Training nach Hause gegangen und habe den Briefkasten mit so einem Herzschlagen aufgemacht. Wenn ein Brief darin war – zwölf Seiten, die mir meine Mama abends am Tisch geschrieben hat, als mein Vater und mein Bruder schon schliefen, dann konnte ich mir das exakt vorstellen: Der Geruch der Küche, in der ich aufgewachsen bin. Ich finde es schade, dass viele Menschen diese Werte heute verloren haben und dass soziale Medien alles andere übertreffen. Nichtsdestotrotz ist die Technik heute sehr vorteilhaft. Ich hätte damals alles gegeben, wenn ich einen Videoanruf hätte tätigen können. Alles hat Vor- und Nachteile.

Wie haben Sie die Zeit beim FC Bayern erlebt? Wie schnell wurden Sie integriert?

Die ganze Mannschaft hatte Respekt vor mir, dass ich alleine in Deutschland war. Und ich war für alle etwas ganz Besonderes – ich hatte hier zwar nicht meine Eltern und auch keine Unterstützung von anderen Außenstehenden – aber ich war der einzige in der Mannschaft, der eine eigene Wohnung hatte. Da war der Neid schon extrem. Mein Trainer war damals Gerd Müller, der Co-Trainer war Jürgen Press.

Wussten Sie schon vorher, wer Gerd Müller ist?

Ja, wir hatten einen Fernseher und als Kind waren mir Namen wie Müller, Beckenbauer, Maier und Breitner bekannt. In München habe ich ihn dann zum ersten Mal in Echt gesehen. Ich habe das erst viel später verstanden, aber das Schicksal, das Gerd Müller nach seiner Zeit als Fußballprofi getroffen hat, hat ihn vielleicht menschlicher gemacht. Ich habe mich mit ihm ein paar Mal unterhalten. Die Gespräche waren für mich von großer Bedeutung. Wenn ich Heimweh hatte oder wenn mich irgendetwas geärgert hat, hat er mir zugehört und er hat mich verstanden. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. Also, ein totales Gegenteil von Sepp Maier. Dieser war mein Torwarttrainer. Das war eben harte Schule. Da war Gerd Müller menschlicher. Der Co-Trainer war der Coach, und Gerd Müller war der Mentor. Ich hatte eine sehr schöne Zeit in München. Und in der Bewunderung der ganzen Profis wie Kahn, Helmer, Matthäus, Basler, Ziege, Nerlinger und Klinsmann, das war schon etwas Besonderes.

 

In der Welt der Proficlubs

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das alles realisiert haben? Sie wurden da ja richtig ins kalte Wasser geschmissen: Ein neues Land, eine neue Sprache, eine neue Kultur und der große FC Bayern München.

Für mich war das dadurch, dass ich in der Tschechoslowakei in der Schule in einer Mannschaft des besten Vereins war, von den spielerischen Elementen her kein großer Unterschied. Mein Team in der Tschechoslowakei war auch nicht schlecht. Wir waren von den technischen und taktischen Elementen her nicht so gut wie die Spieler beim FC Bayern, aber wir konnten besser laufen und härter arbeiten als diese. Wir konnten in der Tschechoslowakei vielleicht zwei, drei Finten mit einem Übersteiger, und Schere und Zickzack. Aber wir konnten nicht Zidane und Doppelpass. Also, das Spiel von Bayern war schon anders.

Wie ging es weiter? Sie haben ja sehr oft den Verein gewechselt…

Ja, leider. Auf Grund der Qualität wurde ich beim FC Bayern nicht übernommen. Es gab einfach bessere. Zum einen Tomic. Dieser musste dann auch wechseln, als Gospodarek kam und Ersatz von Oliver Kahn wurde. Tomic ist Augenthaler damals nach Graz gefolgt und ich bin zu Lazio Rom gegangen. Dort war Dino Zoff als Präsident tätig. Er war mit Trappatoni befreundet, welcher damals Trainer beim FC Bayern München war. Mein Landsmann bei Lazio Rom war Pavel Nedvěd. So kam ich nach Italien. Aber leider gab es eine Regel, auf Grund derer nur drei EU-Ausländer spielen durften, und somit bin ich gleich nach Wien weiter. Dort hat es auch nicht so richtig funktioniert. Ich habe es leider immer nur geschafft, die Nummer 1 in der B-Mannschaft zu sein. Also in dieser U21, U23 damals: der Zweiten. Es war so ähnlich wie es jetzt hier in Regensburg mit dem dritten Torwart ist. Er trainiert zwar mit und ist im täglichen Geschäft mit drinnen. Aber wenn es dann um die Spiele geht, ist er nicht im Kader.

Dann habe ich mein Glück versucht, so schnell wie möglich auf Profilevel zu kommen, und mich entschieden, von dieser Topliga, also von der deutschen bzw. italienischen, irgendwohin zu gehen, wo ich mehr Chancen bekommen würde. Ich ging nach Wien, wo mich der Trainer aber nicht so mochte. Der Torwarttrainer und der Präsident kamen gut mit mir klar, aber der Cheftrainer hatte ein Problem mit mir. So kam ich in die Schweiz.

Lagen Ihnen die Angebote der Vereine damals schon vor oder haben Sie selbst bei den Clubs angefragt?

Nein. Ich war damals in der Nationalmannschaft. Es gab damals schon ein paar Spieler, die im Ausland gespielt haben. Ich habe mich mit ihnen unterhalten und wusste, wo eventuell ein Torhüter gebraucht werden konnte. Dort habe ich angerufen und gesagt: „Ich komme vorbei“. Dann kam ein entscheidender Punkt: Es gab Interesse eines türkischen Vereins. Für mich war aber die Türkei damals – ich weiß nicht warum – keine Option. Gleichzeitig lernte ich in Zürich einen Italiener kennen, der sehr gute Kontakte nach Amerika hatte. Dort gab es einen Manager, der wiederum Kontakt zu den Metro Stars in New York hatte. Dorthin wechselte Matthäus und ich wechselte zu deren zweiter Mannschaft.

Wie sind Ihre Eltern mit Ihrer Situation umgegangen? Haben sie sich gefreut, dass Sie neue Länder kennen lernen konnten, oder war es für sie eher schwierig, dass Sie weg waren?

In dem Alter, in dem ich diese Möglichkeiten bekommen habe, neue Welten, neue Menschen, neue Mentalitäten, neue Sprachen kennenzulernen, in dieser Zeit waren meine Eltern einfach hinter einer riesigen Mauer und sie waren durch den Kommunismus eingesperrt. Sie haben sich sehr gefreut, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe, und haben mich da unterstützt. Wir waren ständig in telefonischem und schriftlichem Kontakt. Heute bin ich sehr dankbar dafür. Ich spreche sieben Sprachen und kenne viele Menschen. Das hat was.

 

Das Essen baut Brücken zwischen den Menschen

Wie haben Sie die Sprachen gelernt? Haben Sie Unterricht genommen oder haben Sie tatsächlich das Wichtigste über den Fußball aufgenommen?

Ich habe leider keine einzige Sprache in einem Kurs gelernt. Daher kann ich keine Sprache perfekt. Nicht einmal meine Muttersprache. Es ist oft so: Wenn ich meiner Mutter eine SMS in unserer Sprache sende, schreibt sie zurück: „Kind, das ist nicht gut“. Mein Urgroßvater war ein amerikanischer Konsul in der Tschechoslowakei. Meine Familie kommt mütterlicherseits aus Ungarn, väterlicherseits aus Amerika. Er kannte dreizehn Sprachen in Wort und Schrift. Wahrscheinlich durfte ich da irgendetwas erben. Ich interessiere mich sehr für neue Kulturen. Auf allen Stationen meiner Karriere ist mir aufgefallen, dass Essen die beste Brücke zwischen den Menschen ist. Es ist ein sehr wichtiges Element, wenn man neue Kulturen kennenlernt. Ich glaube, es gibt kein Geschenk auf diesem Planeten wie ein so ehrliches Lachen oder eine derart positive Ausstrahlung des Gegenübers, wenn man es mit einem guten Essen beeindrucken kann. Ich war einfach oft und sehr gut essen. Man öffnet sich und fängt an zu sprechen. Ich glaube, dass mir die Kommunikation beim Essen diese Scheu und Angst genommen hat, einen grammatischen Fehler zu machen, sodass mich jemand auslachen könnte.

 

Über das Torwarttraining zur damaligen Zeit

Worin hat sich der Trainingsalltag in den Ländern voneinander differenziert? Sie haben schon davon gesprochen, wie es bezüglich der Technik, Taktik, Kondition und dem Zweikampfverhalten war. Wie war zum Beispiel nochmal der Unterschied zwischen dem Training beim FC Bayern und in New York bzw. zwischen dem FCB und Lazio Rom?

Die beste Torwartschule – allgemein das Spiel – war in Rom. Wobei ich ganz ehrlich sagen muss: Ich durfte von diesem Fußballkuchen nur vier Jahre lang kosten. Auf Grund einer schweren Verletzung musste ich meine Karriere als Aktiver sehr früh beenden. Meine Bänder und mein Knie waren so kaputt, dass ich bei einem neuen Verein keinen Medizincheck überstanden hätte. Dann kam eben die Neuorientierung in Richtung Trainerwesen. Ich hab damals einfach alles so gemacht, wie man es mir gesagt hat, aber nicht die Unterschiede gesehen, wie ich sie heute sehe. Damals gab es noch keine Torwarttrainer. Die Ausbildung dazu hat noch nicht existiert. Ich hatte einfach gute Ersatzspieler, die sehr gut schießen konnten. Auch mein Torwarttrainer in Rom konnte sehr gut schießen. Ja, und das war eigentlich das Training. Dass ich durch diese Qualität der Schüsse so nah wie möglich an das Spiel kam.

Und die Antizipation des Torhüters war noch gar kein Thema?

Gar nicht. All das, was ich jetzt mit meinen Torhütern übe und ihnen lerne, wäre damals meines Erachtens eine Revolution gewesen. Ich weiß nicht, ob damals ein Torhüter diese Art von Training hätte absolvieren können.

 

Von der Münchner Disziplin bis zur italienischen Leichtigkeit

Welche Kultur hat Sie am Meisten fasziniert?

Ich glaube, dass die Mischung das Interessante an dem Ganzen ist. Ich mag München sehr: für seine Sauberkeit, für seine gewisse Art von Charme. Mir gefallen die Disziplin und die Ordnung sehr. Wenn ich zu diesem „Münchner Cocktail“ ein Element hinzumische, vermisse ich die Leichtigkeit der Römer, den Stolz der römischen Menschen, die das Leben lieben und genießen. Ich übertreibe jetzt mal ganz bewusst: Für einen Münchner ist es wahrscheinlich wichtig, dass er nach der Arbeit in sein schickes Auto steigt und nach Hause fährt, wo er sich auf sein x-tausend Euro teures Sofa setzt und Nachrichten oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ anschaut. Ein Italiener hat kein Auto, er fährt mit einem Fahrrad, welches in Deutschland wahrscheinlich nicht mal den TÜV bestehen würde – wäre ein TÜV erforderlich – und setzt sich mit anderen Menschen an den Tisch, unterhält sich mit ihnen und sie lieben das Leben. Das war eine riesen Lehre für mich. Wirklich toll.

Die Fähigkeit, etwas perfekt zu machen, und gerade die Elemente der Gastronomie derart gekonnt einzusetzen und die Sauberkeit und Ordnung – dahingehend habe ich sehr viel von Wien gelernt. Die Österreicher sind darin echt genial. Dann: Die Pünktlichkeit der Schweizer! Ihr Lebensstil, auch ihre Ordnung und Sauberkeit, das Miteinander, das Respektvolle, das hat mir sehr gut gefallen. Dann kommen wir zu dem krassesten Abschnitt meiner Laufbahn als Spieler: Ich glaube, es gibt nur wenige Städte auf diesem Planeten, in denen mindestens eine Person von allen Völkern der Erde lebt, und das ist New York City. Ich denke, dass die zweite Dubai sein müsste. Für mich hat New York vom Fußballerischen her gar keine Weiterentwicklung bedeutet. Aber kulturell betrachtet auf jeden Fall.

Gibt es eine Anekdote, die Sie – vielleicht damals, auf Grund der Sprachunterschiede – erlebt haben?

Als ich mit 15 Jahren nach Deutschland kam, konnte man sich über den Teletext – soziale Medien gab es damals noch nicht – daten. Darüber haben drei meiner Mitspieler vier Mädels gedatet und mich gefragt, ob ich mitkommen möchte. Ich sprach kein richtiges Deutsch und sagte nur: „Ja, gut, ich komme mit. Wie viel Geld muss ich mitnehmen?“. Einer meinte, dass fünf Mark reichen würden. Davon konnte man sich damals ein Spezi und eine Leberkäsesemmel kaufen: also eine super Sportlerernährung (lacht). Wir haben uns dann tatsächlich mit den vier Mädels getroffen. Die anderen haben sich alle miteinander unterhalten. Ich habe kein Wort verstanden. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass es um Horoskope ging. Die Mädchen haben jeden von uns gefragt, welches Sternzeichen wir seien. Als sie mich fragten, was ich sei, habe ich gesagt: „Torwart“. Alle haben gelacht. Sie haben es mir erklärt und ich meinte: „Ja, ok, ich bin Fisch“ (lacht).

 

„In meinem Zimmer hing die Karte des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds“

Wenn Sie nochmal auf Ihre bisherige Zeit im Fußball zurückblicken: Welches war Ihr schönstes Erlebnis?

Das waren ziemlich viele Momente und sehr, sehr schöne Momente in der Jugendzeit. Turniere in England und Mexiko. Für mich war das Reisen, das Kennenlernen der Kulturen das Schönste. Diese Lust auf Neues, etwas zu entdecken. Das war so komisch: In der Jugend war es für meine Mitspieler wichtig, in welche Diskos sie nach dem Spiel gingen. Ich hatte zu der Zeit eine Monatskarte des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV; Anm. von LS) und zu Hause kein Poster von einem Schauspieler oder einer Boyband oder Ähnlichem, sondern die Karte des MVV hängen. Wenn ich einen Tag frei hatte, habe ich einen Blick auf die Karte geworfen und zum Beispiel entschieden: „Ok, ich fahre heute mit der S2 bis zur Endstation nach Petershausen und das ist mein Ausflug. Dort esse ich in einem Restaurant zu Mittag und gehe Spazieren“. So habe ich dann über Holzkirchen, Dachau, Ebersberg, Wolfratshausen und Starnberg die ganze Umgebung kennenlernen wollen. Das war für mich immer etwas Faszinierendes. Ich wollte so viel entdecken und so viel aus der Welt saugen. Und diese Einstellung versuche ich jetzt an meine Schützlinge weiterzugeben.

Ein super Schlusswort. Vielen Dank für das spannende Interview, Herr Barbuscak.

Bitte, sehr gerne.