Vorgestellt: Die Uwe-Seeler-Stiftung

UWE Seeler
Stiftungsgründer Uwe Seeler. Foto: Werner Treimetten

Guter Zweck. Uwe Seeler galt als einer der besten Mittelstürmer der Welt. Der gebürtige Hamburger war schon damals nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz sehr engagiert. Ihm war es wichtig, „denen zu helfen, die infolge ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Zustandes auf die Hilfe anderer angewiesen“ sind. Er legte vor allem Wert darauf, Kinder und Menschen mit Behinderung, „die in unserer Leistungsgesellschaft einen besonders schweren Stand haben und oftmals nur wenig Anerkennung und Akzeptanz finden“, zu unterstützen. So gründete er 1996 die Uwe-Seeler-Stiftung.

 

Zu den Tätigkeitsbereichen der Stiftung

Die Uwe-Seeler-Stiftung unterstützt Menschen in Not in den unterschiedlichsten Bereichen. Sie bietet ihnen u.a. Hilfe zum Lebensunterhalt. Im Jahr 2015 beispielsweise konnte sie mit mehr als 180.000 Euro u.a. finanziell in Not geratenen Familien helfen und Reparaturkosten übernehmen. Darüber hinaus beteiligte sie sich an den Kosten, die für Therapien für Kinder mit infantiler Cerebralparese entstanden sind. Auch wurden in Kooperation mit anderen Stiftungen Operationen schwerstkranker Menschen aus Kriegsgebieten ermöglicht. Daneben förderte die Uwe-Seeler-Stiftung behinderten gerechte Umbaumaßnahmen und spendete 25.000 Euro an mehrere Hospize in Hamburg und auch deutschlandweit. Zudem beteiligte sie sich an der Finanzierung von Spezialrollstühlen und neuen behinderten gerechten Fahrzeugen. Damit die Kinder in besonders bedürftigen Familien ein schönes Weihnachtsfest feiern konnten, erhielten diese mitunter Lebensmittelgutscheine im Wert von insgesamt 2.850 Euro.

Im Gründungsjahr der Stiftung kamen rund 37.000 Euro für den guten Zweck zusammen, seit 2001 bewegt sich die Summe, die jährlich gespendet wurde, kontinuierlich im sechsstelligen Bereich. 2015 wurde bereits mehr als eine halbe Million Euro an Bedürftige ausgeschüttet. Insgesamt hat die Uwe-Seeler-Stiftung seit ihrer Gründung beachtliche 4.243.765,72 Euro an Menschen in Not ausgezahlt.

 

Das Team der Uwe-Seeler-Stiftung

Der Vorstand der Stiftung setzt sich aus Uwe Seeler, Udo Bandow, Berthold Brinkmann, Gerhard Delling, Sven Lorenz, Frank Rost und Kerstin McGovern zusammen. Als Namensgeber und Gründer ist „Uns Uwe“ der Vorsitzende, Udo Bandow fungiert als sein Stellvertreter. Kerstin McGovern bildet das Herz der Geschäftsstelle: Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Auf Grund der Vielzahl an Anfragen erhält sie meist Unterstützung durch eine weitere Bürokraft. McGovern nimmt die Anträge entgegen, hört den Bedürftigen zu, und ist genauso Ansprechpartnerin für Presseanfragen. So ermöglichte sie mir ein Interview mit Vorstandsmitglied Gerhard Delling…

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Herr Delling sich extra nach dem Länderspiel in Dortmund (22.3.) einen Mietwagen genommen hat und direkt nach Hamburg gefahren ist, um mir am Donnerstagmorgen dieses Interview zu geben. Dies zeigt meines Erachtens, wie stark sich diese Menschen für die Stiftung engagieren.

 

Gerhard Delling über die Hintergründe der Stiftung

Herr Delling, wie ist die Idee von Herrn Seeler entstanden, eine Stiftung zu gründen?

Wer Uwe Seeler kennt, der weiß, dass er ein sehr empathischer Mensch ist, der wirklich am Leben anderer teilnimmt und das berührt ihn auch. So ist 1996 der Gedanke entstanden: „Was kann man tun, um denen zu helfen, die unschuldig in Not geraten sind?“. Dann kam die beste Idee mit der Stiftung.

Welche Ziele verfolgt die Uwe-Seeler-Stiftung hauptsächlich?

In erster Linie ist sie für Menschen da, die unverschuldet in Not geraten sind. Das ist bewusst so ausgedrückt, weil das Spektrum der Menschen, die Hilfe benötigen, sehr groß ist. Das merkt man an den Anfragen. Gerade in der heutigen Zeit, in welcher viele Menschen an der Armutsgrenze – oder sogar darunter – leben, gibt es unglaublich viele Notsituationen. In diesen Fällen kann man wirklich auch mit kleineren Taten und Zuwendungen sehr viel bewirken.

Wo wird geholfen?

Es gibt natürlich größere Geschichten, wie beispielsweise bei der ersten integrativen Schule in Hamburg. Dort ist die Uwe-Seeler-Stiftung engagiert. Es gibt – was auch unfassbar ist, dass es nötig ist – tatsächlich Essensgutscheine, für Menschen, die wirklich überlegen müssen, ob sie am nächsten Tag etwas zu essen haben. Es sind ganz viele Geschichten, bei denen die Krankenkasse nur bis zu einem gewissen Punkt greift und danach nicht mehr. Wo man vielleicht noch eine Behandlung braucht, die nicht abgedeckt wird. Das geht bis hin zu Heizkostenzuschüssen. Das Spektrum ist unfassbar groß. Es gibt so viele Details, aber das meiste geht in diese Richtung. Immer steht dahinter ein Mensch, der sich wirklich überlegen muss, wie er diese Aufgabe finanziell hinbekommt. Und der wendet sich dann in letzter Verzweiflung an die Uwe-Seeler-Stiftung. Ich glaube, auch wenn ich mich umhöre und umschaue, dass es nicht viele gibt, die sich genau um diese verzweifelten Menschen kümmern.

Woher kommen die meisten Anfragen?

Am häufigsten erhalten wir Anträge aus Hamburg und der Region. Aber auch bundesweit haben wir Fälle.

Wodurch werden die Menschen auf die Stiftung aufmerksam, gerade auch in den verschiedenen „Schichten“?

Das war wirklich ein Prozess über Jahre. Uwe leistet dahingehend grandiose Arbeit. Ich finde es toll, dass er sich so persönlich einsetzt und das wirklich lebt. Er macht das mit so einer Begeisterung, aus voller Überzeugung und mit Herzblut. Das ist er, das ist nicht gespielt. Das hat er alles alleine aufgebaut und unser Anteil ist wirklich entsprechend gering. Man kann sich gar nicht vorstellen, auf wie vielen Veranstaltungen Uwe pro Jahr unterwegs ist und bis heute – obwohl er ja auch nicht jünger wird – derart engagiert ist. Das ist wirklich er. Es sind ganz viele persönliche Kontakte, die er aufgebaut hat, oder eben Menschen, denen es gefällt, wie er so ist. Er ist ja eine Art „Ronaldo von früher“. Man könnte sich gar nicht vorstellen, dass Ronaldo hier durch die Gegend läuft, zu einem Golfturnier fährt und wie Uwe – der im Augenblick nicht mehr spielen kann – den ganzen Tag von Flight zu Flight (Gruppe von Spielern; Anm. von Lisa Schatz) fährt und fragt, ob alles in Ordnung sei. Bei so einem Turnier bringt er Getränke vorbei und ist den ganzen Tag auf Achse, um danach freudestrahlend einen Scheck für den guten Zweck entgegen nehmen zu können.

 

Ohne die Unterstützung Ehrenamtlicher läuft nichts

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Gerhard Delling sprach mit mir über die Hintergründe der Uwe-Seeler-Stiftung. Foto: Lennart Westphal

Wie wird die Uwe-Seeler-Stiftung „gestemmt“?

Wir sind alle, Frau McGovern und eine weitere Arbeitskraft ausgenommen, ehrenamtlich aktiv. Das Ziel ist ja, möglichst geringe Ausgaben zu haben und möglichst viel für den guten Zweck zusammenzubekommen. Die Veranstaltungen werden meist von Menschen organisiert, die Uwe Seeler kennen oder von der Stiftung gehört haben und dann die Einnahmen spenden. Axel Lange aus Berlin beispielsweise, der zusammen mit Uwe bei den Schneeforschern ist, veranstaltet jährlich ein Turnier in Fleesensee. Dabei kamen an einem Wochenende immer Summen im sechsstelligen Bereich heraus. Dort waren Uwe oder ich oder wir beide in den vergangenen Jahren stets anwesend. Menschen wie Axel Lange sind der Stiftung sehr nahe gewachsen, sie haben sie über Jahre hinweg begleitet und massiv unterstützt. Es gibt viele weitere Unterstützer.

Das ist ja klasse, wenn man schon vieles planen kann auf Grund der regelmäßigen Turniere…

Ja, genau. Zum einen ist eine große Verlässlichkeit vorhanden und zum anderen entstehen zahlreiche Freundschaften und es wird viel für den guten Zweck getan. Das finde ich auch wichtig bei der Uwe-Seeler-Stiftung. Die Stiftung ist keine, die mit großen Werbeplakaten oder Werbung nach außen geht und sagt: „Schickt mir mal euer Geld“. Sondern meist war es bisher so, dass wirklich jemand persönlich vor Ort war und erklärt hat, worum es genau geht und welche Ziele man hat, und versucht, die Menschen zu überzeugen, einen Beitrag zu leisten.

Welche Menschen helfen ehrenamtlich mit?

Derjenige, der ein Turnier veranstaltet – wie zum Beispiel Axel Lange (s.u.; Anm. von Lisa Schatz) – stellt das zusammen mit seinen Mitarbeitern auf die Beine und organisiert das nebenbei. Dort wirken ganz viele Helfer und Helfershelfer mit, die sich der Sache verschrieben haben und dahinter stehen und das mitleben. Viele Dinge kann man gar nicht bewerten. Das würde gar nicht funktionieren, wenn nicht jeder seinen kleinen Teil dazu beitragen würde. Das große Ganze ist eben für den Erfolg verantwortlich. Dies ist hier so. Es geht nicht, wenn nicht ganz viele Menschen das auch wollen und sich damit identifizieren und sagen, dass sie das gut finden.

Inwiefern wird mit anderen Organisationen kooperiert?

Wir arbeiten viel mit der Franz-Beckenbauer-Stiftung zusammen. Diese ist schon größer, funktioniert aber ähnlich. Wir tauschen uns aus und wenn es einen Fall gibt, der nicht ganz klar ist, kann man sich noch einmal absichern, ob der jeweils andere schon einen solchen hatte. Da gibt es eine enge Verdrahtung.

 

Woher die Spenden kommen und wohin sie gehen

Seit Beginn der Uwe-Seeler-Stiftung wurden mehr als vier Millionen Euro Spenden gesammelt. Im Jahr 2015 kamen rund 450.000 Euro zusammen. Haben Sie damit gerechnet, dass die Stiftung eine solche Größenordnung an Spendensummen erreicht?

Am Anfang nicht. Im ersten Jahr waren es rund 38.000 Euro, die ausgeschüttet wurden. Das hat sich stetig weiterentwickelt und verfestigt. Es wird natürlich nicht einfacher, Spenden zu akquirieren, aber dieses Niveau kann man meines Erachtens halten und eventuell können wir noch mehr erreichen. Nicht nur im Fußball werden die Summen immer größer. Zugleich ist es so, dass Geld dort, wo es ist – zumindest gefühlt – immer inflationärer wird. Ich glaube, dass die Entwicklung weitergeht. Aber zu Beginn war wirklich nicht damit zu rechnen.

Woher kommen die meisten Spenden?

Das meiste kommt von den Veranstaltungen. Neben denjenigen, die die Events organisieren und Geld spenden, gibt es dort auch viele andere Menschen, die einen gewissen Betrag spenden oder etwas ersteigern oder einfach nur vorbeikommen kommen und eine Teilnahmegebühr zahlen, welche auch für den guten Zweck ist. In den vergangenen Jahren hat sich zudem der HSV sehr erkenntlich gezeigt. Und natürlich der Deutsche Fußball Bund, der auch immer wieder großzügige Spenden beisteuert. Man muss ein bisschen kreativ sein, wenn es darum geht, an bestimmte Institutionen und Menschen heranzukommen und die Kontakte dann eben auch herstellen. Das ist in erster Linie unsere Aufgabe.

Wie wird entschieden, wer wie viel Geld erhält?

Von dieser Detailarbeit sind wir befreit. Das sind so extrem viele Anträge. Das ganze Jahr hat Kerstin McGovern da unglaublich viel mit zu tun. Das sind so viele kleine Anfragen – und das ist meines Erachtens auch das Besondere an dieser Stiftung: Es gibt hier und da auch immer wieder größere Projekte. Aber hier geht’s meist wirklich um Kleinstsummen. Diese sind so elementar wichtig für diese Menschen, weil dort, wo sie wirklich gar nicht mehr vorhanden sind, wo sie absolut fehlen, ist die Not dermaßen groß – das ist wohl mit der „Welt, in der wir leben“, gar nicht zu vergleichen. Es ist natürlich eine riesen Aufgabe zu prüfen, dass alles seine Richtigkeit hat und dass das Geld wirklich dort ankommt, wo es gebraucht wird. Allein im vergangenen Jahr wurden über 1.100 verschiedene Anträge bewilligt. Bei 365 Tagen im Jahr kann man sich vorstellen, dass sie alle sehr schnell und genau gecheckt werden mussten.

 

„Die Anzahl Bedürftiger ist frappierend“

Inwiefern bekommen Sie etwas von den Einzelfällen mit? Gab es bei den Sitzungen zum Beispiel einen Fall, den Sie besprochen haben und der Sie besonders schockiert hat?

In erster Linie fand ich diese Anzahl an Menschen, denen es wirklich schlecht geht, im traurigen Sinne überwältigend. Es ist frappierend: Wir in einem so wahnsinnigen Überfluss. Dass es wirklich so viele Menschen gibt, die Unterstützung in dieser Form nötig haben und brauchen, ist unserem Stand der Entwicklung nicht würdig, wenn man ehrlich ist. Somit empfinde ich den Einsatz der Stiftung als sehr positiv. Natürlich kann man das Leid jeden Tag beklagen, aber das bringt einen nicht weiter. Dennoch gibt es so viele Bedürftige. Das ist für die Gesellschaft eigentlich nicht tragbar, da müsste dringend etwas geändert werden. Und hier wird schon vieles getan.

Wir hatten zum Beispiel vor einigen Jahren den Fall, dass jemand dringend einen Blindenhund brauchte, weil seiner verstorben war. Der Mann war völlig verzweifelt, weil Blindenhunde generell sehr teuer sind. Wenn ein solcher Hund gut ausgebildet ist, bewegen sich die Kosten für ihn schon im fünfstelligen Bereich. Von derartigen Fällen bekommt man schon etwas mit. Als ich gelesen habe, dass wir das finanzieren konnten, fand ich das toll.

Gab es noch andere Fälle neben dem Blindenhund, die Sie erwähnen möchten?

Ich finde es erschreckend, dass jemand eine Krankschreibung hat und eigentlich zum Arzt muss, es aber gewisse Leistungen gibt, die nicht übernommen werden. Und derjenige weiß nicht, wie er dort hinkommt. Die einzige Chance für ihn ist es, sich ein Taxi zu nehmen und wir reden hier über dreißig oder vierzig Euro. Das Volumen ist wohl etwas größer, weil er mehrmals fahren muss. Aber dass so etwas einen Verwaltungsprozess auslöst, ist schon heftig. Viele würden sagen: „Ich fahr dich schnell hin“. Aber das gibt’s: Dass Menschen allein sind, ganz auf sich gestellt, und kein Geld haben. Also, diese Menge an kleinen Zuwendungen, die dabei sind, finde ich extrem.

 

Zum Alleinstellungsmerkmal der Uwe-Seeler-Stiftung

Was macht die Stiftung besonders, was grenzt sie von anderen Stiftungen ab?

Sie ist schon relativ groß, und trotzdem vom Umfang und von den handelnden Personen her sehr klein. Wir sitzen stets in einer kleinen Runde zusammen, in der sich jeder kennt. Zudem gibt es keinen festangestellten Geschäftsführer oder dergleichen. Die Ausgaben sind sehr gering. Natürlich gibt es ein, zwei Kräfte, die diese ganze Flut an Anfragen bearbeiten. Zudem ist es so, dass – vor allem Frau McGovern – nicht nur die Fälle bearbeitet, sondern auch als eine Art Sorgentelefon dient. Viele Menschen rufen bei ihr an, die nicht nur in finanzieller Hinsicht eine Zuwendung brauchen, sondern zugleich nach Aufmerksamkeit suchen. Das sind Dinge, die dort miterfüllt und abgefedert werden. Aber der administrative Part ist doch sehr bescheiden und klein gehalten, damit dort relativ wenig Geld verpufft.

Haben Sie auch jemanden in der Stiftung, der als psychologischer Ansprechpartner für die Anfragenden dient?

Nein, dafür ist die Stiftung von der personellen Besetzung her zu klein. Das würde neue Kosten auslösen. Aber umso bemerkenswerter ist es, dass Frau McGovern dies alles übernimmt.

Hat sich Frau McGovern selbst komplett in die Materie eingearbeitet oder hat sie auch eine psychologische Ausbildung absolviert? Ich kann mir vorstellen, dass manche Fälle schon echt hart sein können – gerade die psychologische Betreuung, die die Menschen brauchen.

Das stimmt. Ich weiß nicht, ob sie da eine Ausbildung hat. Aber als Persönlichkeit ist sie sehr empathisch. Trotzdem ist es so, dass es nicht mehr händelbar wäre, wenn man das zu seinem eigenen Schicksal machen würde. Sie hat natürlich mittlerweile eine riesen Erfahrung in dem Bereich. Sie engagiert sich hier seit rund zwanzig Jahren. Ich denke, sie bräuchte nicht mal ein Diplom in der Richtung.

 

Delling über seinen Einsatz für die Stiftung

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Gerhard Delling neben der von Brigitte Schmitges umgesetzten Fuß-Skulptur von Uwe Seeler. Foto: Lisa Schatz

Was hat Sie dazu bewogen, sich für diese Stiftung zu engagieren?

Ich kenne Uwe schon lange. Ich muss dazu sagen, dass ich auch in der Bürgerstiftung in Hamburg bin und auch dem Eagles Charity Golf Club sowie der Alexander Otto Sportstiftung angehöre. Wenn es zeitlich möglich ist, ist man meiner Meinung nach dazu verpflichtet, sich Gedanken zu machen und ein bisschen zu engagieren. Als die Anfrage von Uwe kam, musste ich gar nicht lange überlegen, weil ich ihn über die vielen Jahre so gut kennen gelernt habe, dass ich wusste, wie integer das Ganze ist. Ehrlich gesagt war es sogar eher andersherum: Ich dachte, dass es eine große Ehre ist, dass er mich fragt. Er und Udo Bandow, der schon immer mit die treibende Kraft in der Stiftung gewesen ist. Zwei, die ich mit gewissem Stolz mittlerweile als Freunde auch an meiner Seite weiß!

Wie bringen Sie sich genau ein und welche Aufgaben haben Sie?

Mein Anteil ist verschwindend gering. Wir haben natürlich unsere Stiftungsratssitzungen. Dort besprechen wir vor allem, was während des Jahres geschehen ist. Zudem geht es darum, wie das Geld, das reinkommt, am besten verwaltet werden kann, sodass es …. nicht weniger wird, sondern am Ende des Tages eher noch ein paar Zinsen abwirft, die man dann ausschütten kann. Das ist im Augenblick mit eine der schwersten Aufgaben. Daneben gibt es Veranstaltungen, zu denen ich gehe. Bei den meisten allerdings ist Uwe vor Ort. Und eines muss ich betonen: Es ist unfassbar, was er da für ein Programm abreißt. Wenn er irgendwie kann, ist er immer am liebsten selbst dabei. Das sind z. B. Golfturniere, bei denen er dann den Scheck übernimmt.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in der Zusammenarbeit mit Herrn Seeler und den anderen Vorstandsmitgliedern?

Wenn wir uns in regelmäßigen Abständen treffen, ist es immer sehr harmonisch und schön. Es gab so viele tolle Turniere, bei denen wir zusammen vor Ort waren. Anfang dieses Jahres beispielsweise waren wir in Spanien bei der Uwe-Seeler-Trophy, einem Benefiz-Golfturnier in Marbella. Dort haben ehemalige Fußballprofis gegen Journalisten gespielt. Das waren drei wunderbare, lustige, unterhaltsame Tage und zugleich wurde wieder ein großer Scheck über 50.000 Euro an die Stiftung übergeben.

Wie laufen die Sitzungen ab?

Wir besprechen zunächst, was seit unserer letzten Begegnung alles passiert ist. Dann geht es an das Zahlenwerk. Das ist sehr wichtig: „Was ist rausgegangen und was kommt herein?“. Zudem diskutieren wir, welche Veranstaltungen neue Einnahmen bringen könnten und welche eventuell wegfallen. Es geht aber tatsächlich ums Geld: Wo legen wir es an? Wie geht es weiter, Aktienmarkt oder Anleihen? Was ist möglich und was nicht? Früher war es einfacher, weil es da Termingelder gab und wenn eine Stiftung konservativ mit möglichst geringer Aktienquote trotzdem Geld generieren wollte, hat man versucht, ein gutes Geschäft mit der Bank zu machen und gesagt: „Komm, wir machen relativ langfristig Termingelder“. Das war sehr sicher. Diese Form der Finanzierung ist mittlerweile komplett ausgefallen. Da muss man schon kreativ sein. In der Hinsicht ist Herr Gollub von Aramea mit dabei, der wirklich jedes Mal en detail sagt: „Die und die Sachen haben wir gemacht und die anderen aus diesem und jenem Grund nicht und wir sind jetzt bei einem Plus in der Höhe von XY Euro“. Man muss ihm hoch anrechnen, dass wir stets in einem Plus waren. Frau McGovern erzählt im Anschluss von ihrer Arbeit und speziellen Fällen, die schwieriger waren oder ihr besonders ans Herz gegangen sind.

Wie würden Sie die Atmosphäre innerhalb der Stiftung beschreiben?

Es ist ein sehr kleiner, familiärer Kreis und dadurch sehr kameradschaftlich. Wir befinden uns alle immer in regem Austausch. Uwe ist ja am glücklichsten, wenn er am Tisch sitzt, seine Freunde oder Menschen, die positiv und wohlgesonnen sind, um sich herum hat und diese gerne über Gott und die Welt reden mögen. Man sitzt auch mal mit Ex-Fußballprofis und aktuellen Profis auf der Jahresabschlussfeier zusammen, dann wird das Schifferklavier herausgeholt und gesungen…(lacht)

Vielen Dank für das Interview, Herr Delling.

Das habe ich gerne gegeben, bitte.

-> Weitere Informationen zur Uwe-Seeler-Stiftung findet ihr unter http://www.uwe-seeler-stiftung.de/.

-> Hiermit möchte ich mich auch für die gute Kooperation beim Hamburger SV bedanken, der mir ermöglicht hat, das Interview mit Herrn Delling im Volksparkstadion zu führen.

Urs Meier: Glitzerwelt Fußball vs. Armut in Südafrika

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Urs Meier engagiert sich im Rahmen der Kindernothilfe für den guten Zweck. Hier ist er beim UNO-Spiel mit afrikanischen Kindern zu sehen. Foto: Kindernothilfe

„Meiers Engagement für die Kindernothilfe“

Herr Meier, Sie sind seit einigen Jahren als Botschafter für die Kindernothilfe aktiv. Wie ist der Kontakt entstanden, weshalb engagieren Sie sich dort und was genau machen Sie in dem Rahmen?

Ich habe lange überlegt, zu welcher Organisation ich passe: „Was passt zu mir, wo passe ich hin?“. Ich wollte mich aktiv im sozialen Bereich einbringen. Jeder hat ja so seine Fähigkeiten und Möglichkeiten. Gerade, wenn man etwas bekannter in der Öffentlichkeit ist und für Ehrlichkeit, Fairness und Aufrichtigkeit steht, sollte man sich für einen guten Zweck engagieren. Ich habe mir zahlreiche Organisationen angeschaut und gesagt „Nein. Nein“. Da war es vielleicht die Nachhaltigkeit, da war es vielleicht die „Ehrlichkeit“: Wie geht man mit demjenigen um, wie geht man mit Spendengeldern um? Es hat nie gepasst. Irgendwann kam jemand, der meinte, dass ich von den Werten her zur Kindernothilfe passen würde. Ich habe mir das ganz genau angeschaut und mit den entsprechenden Menschen gesprochen, vor allem mit dem Geschäftsführer in Deutschland. Da wusste ich: Es passt, und noch mehr: Das ist nachhaltig! Die Organisation legt viel Wert auf seriöse und ehrliche Zusammenarbeit. Die Kindernothilfe wurde zur transparentesten Organisation in Deutschland gewählt. Ich hatte den Eindruck: „Wow, das ist es. Das passt“. Und ich habe es nie bereut. Was ich jetzt mache? Einfach Projekte unterstützen, vor Ort sein. Es ist wichtig, dass ich in die Städte und Regionen fahre, in denen die Kindernothilfe tätig ist und dass ich die Glaubwürdigkeit dieser Projekte unterstreiche. Das ist auch das, was für mich von Bedeutung ist. Viele der Menschen, die einen Flyer bekommen und zur Spende aufgerufen werden, können oft nicht abschätzen: Ist das jetzt wirklich nachhaltig, wird das Geld richtig eingesetzt? Ich sage dann: „Ja, es kommt an und wird gut eingesetzt“. Viele von ihnen meinen daraufhin: „Ok, wenn Urs Meier dahintersteht und das sagt, unterstützen wir dieses Projekt“.

Sie waren schon einige Wochen vor der WM 2010 für die Kindernothilfe in Südafrika. Wie waren Ihre Eindrücke? Vor allem, als Sie die Armut gesehen haben und im Hinterkopf hatten, dass dort bald eine WM ausgetragen wird?

Vor allem diese Diskrepanz zwischen der Glitzerwelt Fußball-Weltmeisterschaft und dieser Armut hat mich nachdenklich gemacht. Diese Schnittstellen verlaufen in der Stadt, zum Teil in den Straßen, in den Zufahrtswegen. Wenn man miterlebt hat, was mit den Armen passiert ist: Sie wurden umgesiedelt. Straßenkinder wurden deportiert. Sie wurden aus Städten wie Durban und Johannesburg an die äußersten Landesgrenzen verfrachtet, damit man sich sicher war: Bis sie zurück sind, ist die Weltmeisterschaft vorbei. Solche Dinge liefen da ab. Meine Einstellung war: „Ich bin jetzt für eine Hilfsorganisation hier, die eigentlich genau diesen Menschen eine Perspektive geben will“. Da bist du hin- und hergerissen und denkst dir: Das kann ja nicht sein! Du stehst in der Öffentlichkeit, du bist im Fernsehen, du bist ein Teil dieses Systems, das hier abläuft. Und hier musst du eigentlich genau das Gegenteil vertreten. Dieser Spagat war extrem. Ich wollte im Vorfeld der Weltmeisterschaft, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass man diese Probleme auch sieht. Nach dem Motto: „Wir haben eine Verpflichtung. Wir gehen in dieses Land und sollten diesem eigentlich etwas bringen. Aber stattdessen nehmen wir ihm etwas“. Wenn man heute die Stadien in Südafrika sieht und weiß, dass sie nicht zu bezahlen sind und nicht genutzt werden…(schüttelt den Kopf). Man hat immer wieder dieselben Fehler gemacht und nicht daraus gelernt. Meine Aufgabe als Botschafter ist es eben auch, auf solche Begebenheiten aufmerksam zu machen.

 

„Die FIFA muss sich Gedanken machen“

Was sagen Sie zu den kommenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar, gerade auch unter dem politischen Aspekt?

Genau das ist wieder das Problem. Man hat da auch wieder Entscheidungen getroffen, die unter dem Aspekt von Menschenrechten und sozialem Engagement schwer zu verstehen sind. Auch da sind wir natürlich mit Projekten vor Ort. Aber es ist schwierig. Hierbei denke ich an die neue Führung des Fußball-Weltverbands. Die FIFA muss sich Gedanken dazu machen: „Wie könnten wir in diesen Ländern, in die wir hineinkommen, etwas Positives hinterlassen?“. Oder das, was eben die Kindernothilfe macht: Die Nachhaltigkeit ins Auge zu fassen, das ist wichtig.

Eine Schwierigkeit ist häufig das „Helikopterhelfen“ einiger Organisationen, also alles aufzuwirbeln und wieder Retour zu gehen. Hierbei hat man zwar Publicity, die Aufmerksamkeit der Medien. Aber im Anschluss ist man weg. Wenn man das Ganze ein Jahr später betrachtet, sieht man: Zuvor ist es den Menschen dort besser gegangen. Denn nur mit Geld macht man einfach auch sehr viel kaputt. Weil man Strukturen zerstört, Strukturen innerhalb von Familien, innerhalb von Gemeinschaften und Ortschaften. Es braucht sehr viel Feingefühl bei der Arbeit vor Ort. Gute Organisationen haben das und sie arbeiten langfristig. Darum sage ich immer, dass die Kindernothilfe so gut zu mir und zu meinen Vorstellungen passt: weil man mittel- und langfristig arbeitet.

Die FIFA müsste bei der Vergabe von Weltmeisterschaften genau auf solche Gesichtspunkte achten: „Geht es den Menschen und Kommunen in den Ländern, in denen wir die Turniere ausrichten, nachher besser, oder haben sie durch unser Engagement und durch das, was dort passiert, eine Belastung?“.

Welche Projekte gefallen Ihnen am besten? Welche Hilfe wird vor Ort geleistet?

Man versucht, die feinen Strukturen innerhalb der Gesellschaft zu erkennen und die Einheimischen einzubinden. Wir Westeuropäer glauben, dass unsere Denkweise dorthin adaptiert werden muss. Aber das geht einfach nicht. Es zerstört sehr vieles. Die Menschen in Südafrika zum Beispiel haben zum Teil viel bessere Geflechte. Sie haben ein Gemeinschaftsgeflecht, das – im Gegensatz zu unseren – trägt. Unsere sind oft finanziell und materiell gesteuert. Wenn wir ihnen diese überstülpen, gehen ihre Geflechte kaputt. Das heißt, es haben zwar wenige Leute eine Hilfe dadurch und es geht ihnen dadurch vielleicht besser, aber dem Großteil geht es nicht besser, gerade in Südafrika. Sie werden dadurch von der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie vielleicht ein neues Haus bekommen haben.

Es geht um das Miteinander. Man kann ihnen ein neues Haus oder einen neuen Boden geben, aber dies muss in der Gemeinschaft entstehen. Es ist von Bedeutung, dass man den Sand oder die Materialen zusammen kauft und die Gemeinschaft gemeinsam diesen Boden umgräbt: Teamwork. Diese Strukturen haben schon jahrzehntelang funktioniert und man darf sie nicht auseinanderreißen.

 

„Das Verhalten der Straßenkinder muss man erstmal verstehen“

Vieles muss man erst verstehen. Ich musste auch das Verhalten der Straßenkinder erstmal verstehen: Die Kindernothilfe gibt ihnen die Möglichkeit, in ein beheiztes Haus zu gehen, ein eigenes Bett zu haben, duschen zu können, etwas zu Essen zu haben und in die Schule gehen zu können. Sie hätten also „alles“. Man denkt, sie würden sofort dieses geschützte Leben führen wollen. Pustekuchen. Das ist nicht der Fall. Man würde diesen Menschen aus seiner Struktur herausreißen. Die Straßenkinder haben eine Struktur: Sie haben einen Anführer, sie schauen aufeinander, sie haben Hierarchien. Das heißt, dass man zuerst ihr Vertrauen gewinnen muss, um überhaupt in diese Strukturen hineinzukommen. Dies geht nur, wenn man die Strukturen auch kennt. Und das wiederum ist nur durch ehemalige Straßenkinder möglich, die zu Psychologen oder Ähnlichem ausgebildet wurden. Es ist ein langer Weg, bis man die Straßenkinder nur in einen solchen Schutzraum bringt. Wenn ein solches Kind dort ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch dort bleibt. Vielleicht geht es wieder, weil es sich dort nicht wohl fühlt oder weil ihm die Gemeinschaft auf der Straße mehr Sicherheit zu geben scheint. Dort ist sein Anführer und sagt: „Wenn du ein Problem hast, bin ich da. Aber verarsch mich nicht“. Auch da muss man den Kindern Zeit lassen, muss man viel arbeiten. Im Prinzip ist da so viel in der Seele kaputt gemacht worden und es dauert, Vertrauen zu gewinnen. Das ist ein langer Prozess. Das kannst du nur, wenn du das verstehst. Man merkt schon, dass es folgendermaßen ist: Du hast tausend Straßenkinder und vielleicht schaffen es nur zehn davon. Aber für diese zehn lohnt es sich. Für jeden Einzelnen lohnt es sich.

WM-Vorfeld-Pressereise nach Südafrika mit Urs Meier-
Urs Meier blickt nachdenklich auf die Gräber vieler Aids-Toter in Südafrika. Foto: Kindernothilfe

Was wird am Meisten getan?

Grundsätzlich ist jedes Projekt ein ganz anderes. In Indien gibt es andere Projekte als in Südafrika, in Südafrika wieder andere als in Peru oder in Bolivien. Man muss alles einzeln betrachten. Wenn ich an Südafrika denke: Dort besteht vor allem das Problem mit Aids. Die Menschen verlieren ihre Kinder, oft ihre ganzen Habseligkeiten. Oder die Kinder sind alleine, Papa und Mama sind gestorben, und eigentlich würde das Haus ihnen gehören. Die Schwierigkeit ist: Irgendein Onkel oder ein ferner Verwandter reißt sich das Haus unter den Nagel, behandelt die Kinder schlecht, sodass sie irgendwann abhauen und auf der Straße stehen. Das ist unglaublich. Die Kindernothilfe setzt sich in diesem Fall dafür ein, dass das Kind wieder zu seinem Recht kommt. Sie weist darauf hin: „Moment, dieses Haus gehört dem Kind und nicht dir“. Sie versucht, dass das Kind das Haus zurückbekommt und bei einem Verwandten unterkommt, der es gut mit ihm meint oder in einer Familie, die es aufnimmt. Das sind lange Prozesse, die hier ablaufen. Aber das Ziel ist immer dasselbe: Den Kindern ihr Eigentum wieder zurückzugeben, ihnen eine Perspektive zu geben und sie wieder in die Gemeinschaft einzubinden. Wenn man mit den Kindern, die dort wohnen, spricht und sie nach ihrem größten Wunsch fragt, antworten sie, dass sie zuhause bleiben wollen, dass sie dort heiraten möchten und dort ihre Kinder zur Welt bringen wollen. Sie möchten wirklich dort bleiben. Diese Wurzeln, dieses „in der Gemeinschaft getragen zu sein“, ist dort viel, viel, viel tiefer als bei uns. Das spüren die Menschen und darum möchten sie nicht von dort weg. Deshalb muss man versuchen, sie dort wieder zu integrieren.

 

Meiers Begeisterung am Entdecken neuer Länder

In welche Kontinente reisen Sie am liebsten?

Was mich grundsätzlich immer wieder fasziniert, ist Afrika. Afrika ist so ein Kontinent, dessen Gegenden und Menschen mich sehr beeindrucken: Diese Ursprünglichkeit, dieses Natürliche. Man merkt, dass die Menschen dort einen viel größeren Bezug zur Natur haben. Sie leben viel mehr aus dem Bauch heraus. Sie spüren das, weil sie es noch nicht verlernt haben. Die Natur selbst gefällt mir und zum Teil diese Stille, das „man selbst sein und in sich ruhen“. Auch das Asiatische fasziniert mich. Wenn ich eine Reihenfolge meiner Lieblingskontinente machen müsste, wäre Afrika auf jeden Fall auf Platz 1.

Welche Länder mögen Sie am Meisten?

Das waren eigentlich immer die, die ich noch nicht kannte. Ich möchte immer wieder etwas Neues erleben. Dieses Kennen lernen neuer Länder finde ich super. Das Problem ist ja oft: Du hast eine Vorstellung, eine Meinung, die vertreten wird – ob dies durch die Medien ist oder ob das deine Freunde sagen – aber du hast das nicht selbst erlebt. Das selbst erleben, selbst fühlen, selbst spüren und zu sagen „wow“, das ist das Spannende. Es ging mir damals mit Südafrika, Kenia und Tansania so. Nordafrika ist zum Beispiel etwas, das zwar näher an meinem Wohnort in Spanien liegt. Dennoch würde ich eher nach Zentralafrika, Ost-, West- oder Südafrika fliegen, weil ich mich dort eher aufgehoben fühle. Ich finde einfach: Die Welt ist so spannend, so vielfältig. Dieser Vielfalt möchte ich mich nicht verschließen und sagen, dass ich nur da oder da hingehe. Nach Osteuropa zu reisen fand ich während meiner Zeit als Schiedsrichter sehr spannend. Länder wie Armenien, Georgien oder auch Lettland, Estland und Albanien waren toll. Albanien war unglaublich. Das war damals im Prinzip zu. Du konntest nur als Schiedsrichter, als Sportler einreisen. Als wir das erste Mal in Albanien waren, hatten wir das Gefühl, wir seien fünfzig Jahre zurück. Wenn du nur aufs Land gefahren bist, hattest du das Gefühl, du hättest eine Zeitreise gemacht. Das war schon etwas Besonderes.

Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit für das Interview genommen haben, Herr Meier.

Bitte, sehr gerne.

Urs Meier: „Wir brauchen eine Professionalisierung der Schiedsrichter!“

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Urs Meier nahm sich in Hamburg viel Zeit für unser Interview. Foto: Lisa Schatz

Die meisten Fußballbegeisterten, die seinen Namen hören, denken wohl sofort an das ZDF-WM-Studio 2006 oder seine gelbe Karte im WM-Halbfinale 2002 gegen Michael Ballack. Die Rede ist von Urs Meier. Der ehemalige Spitzenschiedsrichter war im Profifußball tätig, stand mit Fußballprofis auf dem Platz und pfiff internationale Spiele, darunter WM- und EM-Spiele. Dennoch war er kein „Profi-Schiedsrichter“. Neben seinem Job mit der Pfeife ging er der Arbeit im eigenen Küchen- und Haushaltsgerätegeschäft nach. Sein Training gestaltete er selbst. Vom Verband verpflichtende Termine mit seinen Assistenten zum Trainieren: Fehlanzeige. In seinem Buch „Urs Meier – Mein Leben auf Ballhöhe“ plädiert er für eine Professionalisierung der Schiedsrichter, gibt spannende Einblicke in seine Karriere und die große Bühne des Weltfußballs. „Anpfiff“ – im wahrsten Sinne des Wortes – zum ersten Teil des Interviews mit Urs Meier über seine Anfänge als Referee, die hohe Bedeutung von Schiedsrichter-Assistenten, erhaltene Morddrohungen und seinem Ritual, vor den Spielen ins Gras zu beißen…

Herr Meier, wie ist es dazu gekommen, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Nach meinem ersten Buch hatte ich nicht vor, noch eines zu verfassen. Aber dann kam jemand vom Verlag und hat gefragt, ob ich die Professionalisierung der Schiedsrichter in einem Buch thematisieren möchte. Darauf habe ich geantwortet: „Wenn ich dieses Kapitel drin habe, dann mach ich es“. Jetzt ist es das Kapitel Nr. 1, das lag mir sehr am Herzen. Vor allem, wenn man so lange als Schiedsrichter im internationalen Fußball tätig war, kann man so viele Geschichten erzählen.

 

Spitzenschiedsrichter ist nicht gleich PROFI-Schiedsrichter

Ein Zitat eines TV-Kommentators lautet: „Der Lampenverkäufer aus Würenlos hat schon wieder keinen Elfmeter gepfiffen“. Wie genau sind Sie mit solchen Aussagen umgegangen und inwieweit haben Sie darauf reagiert?

Reagieren kann man da drauf eigentlich nicht, das ist natürlich eine Tatsache. Eben, weil man noch einen Beruf hat und kein Profi-Schiedsrichter ist. Die Fußballer, die Spitzenfußballer, das Umfeld nimmt uns, die Schiedsrichter, nicht als vollwertig wahr. Sie haben immer das Gefühl: „Ja, der beschäftigt sich am Samstag noch nebenbei mit dem Spiel und weiß eigentlich gar nicht so genau, worum es geht“. Das ist oft so diese Sichtweise der Trainer, Präsidenten, Spieler. Die ist auch heute noch da. Wenn dann ein Spiel schlecht läuft, wird genau das aus der Schublade genommen und geschaut, was man beruflich macht. Wenn man gut pfeift, interessiert das niemanden, aber wenn man einen schlechten Tag hat, heißt es sofort: „Er ist Zahnarzt, Lehrer etc. Wie kann der eine Ahnung von Fußball haben?“. Aber im Prinzip haben sie Recht. Es ist tatsächlich so, dass sich manche Schiedsrichter auf hohem Level zu wenig mit Fußball befassen. Es liegt an den Verbänden. Sie haben die Strukturen im Spitzenfußball zu verändern. Da müssen sie in die Verantwortung gehen.

Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass Sie der FIFA vor einigen Jahren ein Konzept mit Möglichkeiten/Beispielen zur Professionalisierung des Schiedsrichterwesens vorgelegt haben. Wie genau kam es zu dem Konzept?

Das habe ich einfach gemacht, weil es meine Sichtweise, die Sichtweise als Schiedsrichter, dargelegt hat. Ich habe darin beschrieben, was das Optimale wäre, was wir brauchen, was ich brauche. Es gibt auch verschiedene Dinge, die wir verändert haben und die heute noch verwendet werden. Zum Beispiel ist das Kommunikationssystem (Funksystem; Anm. von Lisa Schatz) der Schiedsrichter auf meine Initiative hin entstanden. Das sind einfach Sachen, wovon ich gesagt habe: „Die brauchen wir“. Vor allem brauchen wir professionelle Strukturen im Schiedsrichtertum. Diese haben wir zum Teil heute noch nicht: Die Schiedsrichter gehen zu ihrem Hausarzt, wenn sie Verletzungen haben, eine psychologische Unterstützung nach schwierigen Fällen gibt es nicht. Wir hatten jetzt den Fall mit Deniz Aytekin beim Spiel Paris St. Germain gegen Barcelona. Ohne, dass ich es jetzt zu 100 Prozent weiß, aber ich bin mir fast sicher, dass da im Nachhinein keine professionelle Aufarbeitung des Spiels gemacht wurde und das wäre wichtig gewesen. Dass man so einen Schiedsrichter, der zur Spitze Deutschlands, ja sogar zur Weltspitze gehört, auffängt und alles aufarbeitet. Dass man aus einem schlechten Tag, aus schlechten Entscheidungen im Prinzip Stärke transformiert und nicht Schwäche, Resignation. Dazu gehören einfach professionelle Strukturen.

 

Meiers Anfänge als Schiedsrichter

Sie wussten schon – bevor Sie 18 Jahre alt waren – dass Sie Schiedsrichter werden wollen. Haben Sie sich zur Vorbereitung Bücher gekauft oder anders darauf vorbereitet oder das Wissen aus Ihren eigenen Spielen in den Juniorenteams mitgenommen?

Eigentlich hätte ich die Spielregeln kennen müssen, da ich in meinem damaligen Verein lange in der Jugend und dann auch in der 1. Mannschaft gespielt habe. Das war aber nicht so. Das ist das Problem: Selbst in den Profiligen kennen sehr viele die Spielregeln nicht. Mit den Spielregeln setzt man sich eigentlich nur richtig auseinander, wenn man Schiedsrichter ist. Dann liest man sich das Regelbuch durch. Der eine intensiver, der andere nicht so intensiv. Ich habe es sehr intensiv durchgelesen, weil ich der Meinung war, das es die Basis ist als Schiedsrichter. Wenn du die Spielregeln nicht hundertprozentig kennst, dann kannst du keine Sicherheit ausstrahlen. Dann bist du blockiert. Die Spieler merken dann bei Entscheidungen: „Oh, jetzt ist er unsicher, jetzt überlegt er, jetzt ist er blockiert“. Das merkt man vor allem auch selbst. Deshalb ist das wichtig.

Sie haben geschrieben, dass Ihre Fehler am Anfang ganz wichtig waren. Welche Fehler waren das hauptsächlich?

Der Anspruch ist generell natürlich, dass man fehlerfrei ist. Aber zu Beginn macht man Fehler. Jeder Fehler schmerzt, jeder Fehler tut weh. Aber jeder Fehler bringt einen auch irgendwo weiter, jeder Fehler ist eigentlich da, um einen anderen Fehler wieder zu verhindern. Wenn ich an mein erstes Spiel als Schiedsrichter denke: Darin bin ich hinter dem Tor vorbeigelaufen und hinter den Zuschauern vorbei, ich stand wohl mehr neben dem Spielfeld als darauf. Ich musste damals erstmal lernen, dass ein Schiedsrichter auf den Platz gehört, in die Mitte hinein, als zentraler Punkt. Natürlich bin ich auch falsch gelaufen, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste möglichst schnell und möglichst nah beim Spielgeschehen sein. Man braucht aber vor allem eine seitliche Einsicht. Auf Kosten der Nähe ist es oft besser, eine seitliche Einsicht zu erlaufen. Man ist zwar weiter weg, aber sieht dann, was passiert. Auch den Umgang mit den Trainern und Spielern muss man erst lernen: Da kann man oft zu leicht oder zu heftig reagieren. Ich durfte in den ersten Jahren in den unteren Ligen viele Fehler machen, man hat mir Zeit gelassen. Im Nachhinein war das für mich sehr hilfreich, als ich in den oberen Ligen Fuß gefasst habe. Dann habe ich dort weniger Fehler gemacht als einige Kollegen. Vor allem sind mir die groben Fehler erspart geblieben – wohl auch dank dieser guten Basis, die gelegt wurde.

War der Umgang mit den Trainern in den unteren Ligen schwieriger als in den Profiligen?

In meinen ersten zwei Jahren als Schiedsrichter ging mir alles ans Herz, das tat verdammt weh. Ich brauchte zwei Jahre – vielleicht gibt es Schiedsrichter, bei denen das länger oder nicht so lange dauert. Danach ging das Gesagte von draußen nicht mehr ans Herz. Aber dann ist es eben auch so – wenn man mit 40, 50 Menschen auf einem Dorfplatz ist – hört man jedes Wort. Das wissen natürlich auch die Spieler. Ich sage immer: „Ein guter Schiedsrichter sieht mehr als er hört“. Manchmal ist es auch besser, mal nichts zu hören oder etwas zu überhören. Manchmal wurde das auch als Schwäche angesehen, wenn sich die Spieler gefragt haben, warum man jetzt etwas nicht hört. Wenn man dann aber gepfiffen hat, musste man manchmal etwas machen, was man nicht tun wollte und z.B. den Trainer vom Platz weisen, den man gar nicht vom Platz weisen wollte. Vom Gesagten her musste man das machen.

Wie waren die Spiele in der Zeit Ihrer Ausbildung mit der Arbeit vereinbar?

Das war genau das Problem. Ich weiß nicht, was der Aufbieter wollte. Ich war ein junger, wilder Hund und wohl auch der frechste. Das konnte er nicht leiden. Ich musste das mit meinem Arbeitgeber regeln. Im Prinzip war es eine Zumutung. Der Aufbieter mochte mich nicht und schickte mich zu weit entfernten, teils abgelegenen Spielorten, die für mich mit dem Zug äußerst schlecht zu erreichen waren. Es war immer ein logistischer Aufwand und manchmal eine Meisterleistung, das hinzukriegen. Ich konnte schon fast alle Zugfahrpläne auswendig.

 

Ein gutes Team ist „goldwert“

Wie haben Sie Ihre Assistenten Luigi Ponte und Antonio Vecchio ausgewählt?

Luigi Ponte kannte ich schon lange und ich wusste, dass er ein positiv Verrückter war. Er ist ein Fußballverrückter und heute noch Präsident, also dem Schiedsrichterwesen verbunden, und mit Leib und Seele dabei. Das Problem war, dass er in dieser Zeit auch noch Fußballer und Trainer war. Es war keine sichere Nummer. Er ist immer wieder von der Schiedsrichterei weggegangen. Er war wieder ein Jahr Trainer, dann kam er wieder zurück. Aber ich wusste: Wenn ich den an der Linie habe, dann habe ich so einen richtig fußballverrückten Typen, einen, der Fußball versteht, einen, der Fußball liebt. Bei Antonino Vecchio war es so, dass er eben auch ein Italiener war. Ich habe ganz viele Deutsch-Schweizer an der Linie ausprobiert. Aber mit ihnen war es meistens langweilig. Da war kein Witz dabei, da war keine Leidenschaft dabei, da war keine Fußballbegeisterung dabei. Da hab ich gesagt nee, also nee. Ich wollte ein Team, mit dem ich auch mal lachen kann und in dem es locker zugeht, bei welchem ich mich freue, es schon vor dem Spiel zu sehen. Mit dem man nach dem Spiel, auch wenn es nicht so gut gelaufen ist, etwas essen und trinken gehen kann und sich so wieder auf die gute Spur bringen kann. Ich wollte solche Typen und auch eine gewisse Leichtigkeit haben. Die beiden hatten das: Sie waren genial und super an der Linie. Ich konnte mit ihnen top zusammenarbeiten. Sie haben ihre Rollen gut angenommen, was sehr wichtig war. Das Problem ist ja oft: Es gibt Assistenten, die das Gefühl haben, sie sind die Nummer 1, sie seien der Schiedsrichter und das geht in einem solchen Team, in diesem Gefüge nicht. Der Chef steht in der Mitte und nicht an der Linie.

Wie wichtig sind die Assistenten für einen Schiedsrichter?

Sehr. Es gibt drei Dinge, die bei einem Schiedsrichter stimmen müssen. Das ist die Regelkenntnis, die Kondition und das sind die Assistenten. Wenn du in ein Spiel gehst, musst du wissen: Der macht seinen Job auf der Linie mit den Abseitsentscheidungen. Da ist er hundertprozentig, da verlasse ich mich auf ihn. Da muss ich auch nicht überlegen, ob er dazu fähig ist. Wenn mich das schon belastet, dann überträgt es sich auf mich als Schiedsrichter, dann überträgt es sich auf das Spiel, auf die Spieler. Es ist einfach unglaublich wichtig, dass das Umfeld stimmt. Dass sie sich dementsprechend verhalten. Dass ich keine Angst haben muss, wie sie sich aufführen, was sie zu den Medien und zum Umfeld sagen.

Ein Schiedsrichter kann unheimlich viel verlieren, auch nach dem Spiel. Ich sage immer: 30% passieren vor dem Spiel, 40% im Spiel und 30% nach dem Spiel. Nach dem Spiel kann man so viel verlieren: Weil man sich selbst dumm verhält, etwas Dummes sagt, die Assistenten etwas Dummes sagen. Das wollte ich nicht haben. Mir war es wichtig, mich da auf meine Assistenten verlassen zu können. In einem gut funktionierenden Team sind die Assistenten goldwert, die musst du pflegen und hegen. Es ist wichtig, dass man ein Team ist.

Sie haben eine einheitliche Teamkleidung für Ihr Schiedsrichterteam entworfen. Wie ist das angekommen?

Bei den Spielern und beim Umfeld ist es hervorragend angekommen, weil sie gesehen haben: Da kommt Klasse. Der Verband und die anderen Schiedsrichter haben das anders gesehen. Die größten Kritiker hast du ja oft im eigenen Lager und das ist ja auch im Schiedsrichterwesen so. Wenn du mit neuen Ideen kommst, wenn du mit Dingen kommst, die die Menschen nicht kennen, sind sie erstmal immer unglaublich skeptisch. Nach dem Motto: „Sind die nicht ganz gescheit? Was wollen die? Die wollen nur angeben, die wollen nur Aufmerksamkeit erheischen“. Nein, das war überhaupt nicht der Fall. Wenn du Bilder angeschaut hast, wie die Schiedsrichterkollegen teilweise zu den Spielen gekommen sind: teils in Jogginghose, also das war unglaublich. Und dann hatten sie das Gefühl, dass sie von den Spielern akzeptiert werden. Das geht einfach nicht. Als ich die italienischen Spieler gesehen habe, war für mich klar: Das muss Klasse haben. Denn auch beim Einlaufen hatten die Schiedsrichterteams damals keine einheitlichen Anzüge. Wir haben immer wieder versucht, das zu verändern und da auch neue Muster hineinzubringen. Das hat nach und nach geklappt. Auch mit den Anzügen. Aber das war dann eben das billigste Modell, das der Fußball-Verband gefunden hat. Das war ja scheußlich…Naja gut.

 

Zum Geruch des Rasens

Ihr Ritual war es, vor den Spielen ins Gras zu beißen. Wie sind Sie darauf gekommen?

Ich wollte ein Ritual haben, dass mir nochmal Kraft gibt und mich auf das Spiel einstimmt. Luigi Ponte hatte immer ein rotes Badetuch dabei. Aber für mich war klar: Es durfte nichts sein, das man vergessen konnte. Den Geruch des Rasens mochte ich schon immer. Das ist einer der schönsten Gerüche, die es überhaupt gibt: Also, frisch geschnittener Rasen bei Flutlicht und dann noch Regen, frischer, warmer Regen. Wenn du das riechst, hast du Energie wie fünfzig. Am Rasen zu riechen war mir wichtig, und dann draufzubeißen. Das Problem war, dass er auf dem Land meist besser war als in den Stadien. In den Stadien hast du unglaublich viel Dünger und Pestizide. Wenn ich das meiner Frau erzählen würde, würde sie sagen: „Ja, bist du denn nicht ganz gescheit? Die ganzen Gifte, die du da aufnimmst…“. Das waren wohl einige. Es war wahrscheinlich nicht so gesund in diesen Rasen zu beißen. Aber wie gesagt, es war mein Ritual und hat mir wirklich Kraft gegeben: Ich bringe eine gute Leistung, sodass ich wieder in dieses Stadion kann. Dass ich stark bin, dass ich ehrlich bin, dass ich neutral bin, war für mich immer ganz wichtig. Dieses „Hier zu sein, jetzt, hier und heute, jetzt, in diesem Moment stark zu sein“. Im Stadion selbst bin ich immer kurz allein gewesen. Da waren meine Assistenten selbst beim Warm machen. Es war ein Moment für mich, so eine Minute, die ich einfach nur für mich hatte. In der Kabine waren wir zusammen. Aber diese eine Minute draußen für mich, die habe ich gebraucht.

 

Über die Wichtigkeit von Torkameras

Jetzt kommt ein anderes Thema: Torkamera. Natürlich ist sie von Vorteil, um ganz genau sagen zu können, ob der Ball nun wirklich drin war oder nicht. Inwiefern hat sie vielleicht auch einen leicht negativen Touch, da immer mehr Berechnung im Spiel ist?

Die Torkamera habe ich schon lange gefordert. Und zwar aus folgendem Grund: Ich habe immer gesagt, dass ich eigentlich alles entscheiden kann auf dem Fußballplatz, wenn ich das Spiel lesen kann. Mit meinen Assistenten im Team, da können wir fast alle Entscheidungen treffen. Einen Entscheid können wir nicht treffen: Ob der Ball hinter der Linie war oder nicht – vor allem, wenn er in der Luft war. Wenn der Ball in der Luft herausgespielt worden ist, siehst du es von vorne nicht. Der Assistent sieht es auch nicht, weil er normalerweise auf der Abseitslinie steht. Wenn du einmal in dieser Situation bist, wenn du einmal als Schiedsrichter da unten stehst, dann merkst du, wie hilflos du bist. Du hast keine Chance. Keine Anhaltspunkte. Du hast nichts, niemanden. Niemand kann es in dem Moment richtig entscheiden.

Ich habe immer gesagt, dass ich da von der Technik Hilfe benötigen würde. Von keinem Torrichter, sondern von der Technik, weil ich mich da hundertprozentig verlassen können möchte. Es waren lange Gespräche, die ich zum Teil mit Sepp Blatter, mit der FIFA geführt habe. Ich habe ihm immer gesagt: „Das ist ein Grundsatzentscheid, den ihr da fällen müsst. Will man das? Will man das verändern? Oder lässt man es so?“. Ich habe auch gefordert: „Wenn ihr es so lasst, dürft ihr den Schiedsrichter nicht im Regen stehen lassen, dann müsst ihr ihn schützen“. Und sie haben ihn zum Beispiel bei der WM 2010 nicht geschützt. Das war meiner Meinung nach ein Skandal von den Verbänden. Da musst du den Schiedsrichter schützen. Da musst du dahinter stehen. Da musst du sagen: „Der konnte das nicht sehen“. Und jetzt haben wir die Torkamera etc. und diese Probleme gibt es nicht mehr. Das entlastet die Schiedsrichter unglaublich. Sie haben ein Problem, eine Angst weniger. Weil du immer mit diesem Scheißgefühl ins Spiel gegangen bist: „Hoffentlich passiert mir das nicht“. Je höher die Spiele waren: Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Champions League – Finalspiele, Halbfinals. Da gehst du rein und denkst: „Hoffentlich nicht heute, hoffentlich nicht heute“. Das sind keine guten Gefühle.

Natürlich haben wir gewusst – und das wusste auch die FIFA, das wussten die Verbände – dass die Stimmen laut würden und die Technik auch in anderen Fällen genutzt werden wollen würde. Im Moment sind wir da dran: Wo macht es Sinn, das einzuführen? Wo macht es Sinn, auf Technik zurückzugreifen? Wo macht es keinen Sinn? Wo wird der Fußball verbessert, wo wird er – auch für die Zuschauer – attraktiver, und wo passiert genau das Gegenteil? Wenn wir natürlich das Salz aus der Suppe nehmen, wenn wir die Diskussionen aus dem Fußball nehmen, wenn wir den Fußball langweilig machen, dann werden wir die Zuschauer nicht mehr haben. Und das ist die Gefahr. Da muss die FIFA ganz genau hinschauen: Wohin entwickelt sich das Ganze? Deshalb machen wir jetzt erstmal Tests. Das finde ich gut. Ich finde es auch gut, dass die Bundesliga entschieden hat, dass sie bei diesen ersten Tests mitmacht. Und danach schauen wir mal, wie sich der Fußball weiterentwickelt und was passiert. Je nachdem muss man entscheiden: Zurück auf Anfang und wir machen das nicht, oder wir intensivieren das Ganze. Ich denke, dass es eher auf letzteres herausläuft: Dass der Oberschiedsrichter kommen wird, dass der Fernsehschiedsrichter kommen wird, der den Mann auf dem Platz unterstützt. Ich bin fast überzeugt, dass das passieren wird.

Fänden Sie das gut?

Im Prinzip auch wieder nur unter dem Aspekt der Professionalisierung. Dass der Mann auf dem Platz Profischiedsrichter ist. Derjenige, der dem Schiedsrichter dann hilft, muss eben auch ein Fachmann sein. Ein Schiedsrichter, der das auf dem Feld nicht richtig gesehen hat, wie soll er das auf dem Bildschirm richtig erkennen? Das ist nicht so einfach, vor allem, wenn mehrere Situationen ineinandergreifen.

 

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Urs Meier mit seinen Arbeitsutensilien. Foto: Lisa Schatz

Erhaltene Morddrohungen und Polizeischutz

An die Schwierigkeit des Erkennens bestimmter Situationen möchte ich nun anknüpfen. Sie haben beim EM-Viertelfinale 2004 korrekterweise ein Tor von England im Spiel gegen Portugal nicht gegeben. Viele Menschen glaubten, es sei ein reguläres Tor gewesen. Am Morgen nach dem Spiel waren 16.000 E-Mails, Morddrohungen eingeschlossen, in Ihrem E-Mail-Fach. Wie sind Sie damit umgegangen, haben Sie psychologische Unterstützung erhalten und wie haben Sie dies verarbeitet?

Da ich ein paar Monate vorher einen ähnlichen Fall mit den rumänischen Vertretern hatte, wusste ich, wie so eine Kampagne abläuft. Diesbezüglich war ich einigen Leuten – auch von der UEFA – voraus. Aber das war eine andere Größenordnung. Ich wusste, dass da eine riesige Lawine losgetreten worden ist. Das wurde von der UEFA zum Teil gar nicht realisiert, vor allem nicht in der Medienabteilung. Die dortigen Mitarbeiter waren der Auffassung, dass das ein kleines Schneebrett sei. Ich meinte: „Nein, das ist eine riesige Lawine und die wird immer größer. Sie holt uns jetzt gleich ein. Die holt mich ein, die holt euch ein, tut etwas dagegen“. Das haben sie nicht gemacht.

Am Anfang stand ich über der Sache, weil ich wusste, dass ich richtig entschieden hatte. Ich war der Meinung, dass nun Ruhe einkehren müsste und die Menschen bald merken müssten, dass meine Entscheidung korrekt war. Aber mein Umfeld wurde nervöser, die Polizei wurde immer nervöser, die Drohungen wurden intensiver und größer. Dann kam wie gesagt diese Lawine. In dieser Zeit bin ich untergetaucht. Die Polizei wollte, dass ich zehn Tage weg bleibe. Ich bin nach sieben Tagen zurückgekommen. In diesen Tagen hatte ich absolute Ruhe. Meine damalige Partnerin und ich sind weggefahren und haben abgeschaltet. Wir haben alle Medien ignoriert. Als ich in mein Umfeld zurückkam, hat mich das Ganze wieder eingeholt. Am Schlimmsten waren die ersten Spiele. Da habe ich eine unglaubliche Aggressivität von Seiten gewisser Menschen wahrgenommen. Ich habe gemerkt, dass diejenigen, die mir schon immer etwas Böses wollten, die mich gerne vom Sockel gestoßen hätten, hochgekommen sind. Auf einmal waren all diejenigen da, die sich zuvor nicht getraut hatten, weil man zu stark und erfolgreich war. Sie hatten das Gefühl, nun sei ich schwach und angreifbar. Auch einige Medien haben noch einen drauf gesetzt. Meine E-Mail-Adresse wurde von einem Radiosender und einer Fluggesellschaft bekannt gegeben. Wenn ich sie nicht vom Netz genommen hätte, wären es wohl über eine halbe Million E-Mails geworden, die ich erhalten hätte.

Sie hatten Sicherheitsleute und Polizeischutz vor Ihrem Haus. Wer hat sich darum gekümmert?

Da ich in Würenlos gewohnt habe und dort mein Geschäft hatte, war der Dorfpolizist dafür zuständig. Dieser hatte sich mit der Kantonpolizei in Verbindung gesetzt, welche die Situation auch als Bedrohung eingestuft hat.

Wie hat der Verband gehandelt?

Der Verband hat nichts gemacht. Absolut gar nichts. Die UEFA hat zum Beispiel nach einer Woche auch nicht mehr nachgefragt, wie es mir geht. Im Gegenteil. Als ich angefragt habe und sagte, ich hätte nun zehn Tage Arbeitsausfall und ich würde gegen einen Teil der englischen Presse klagen wollen und fragte, ob da etwas zu machen sei, hieß es, dass ich das schon selbst machen müsse. Als ich gefragt habe, ob die UEFA mich dabei unterstützen würde, lautete die Antwort: „Machen Sie das mal, wir schauen mal…“. Auf jeden Fall habe ich damals 3.500 Pfund für einen Juristen in England ausgegeben, der mir schließlich den Ratschlag gab: „Lass es sein, vor allem, wenn die UEFA dich nicht dabei unterstützt“. Diese 3.500 Pfund habe ich nie zurückerhalten.

 

Zu den Höhen und Tiefen eines Schiedsrichters

Als die FIFA 1992 die Schiedsrichter nominierte, waren Sie auf Grund einer Mitteilung, die nicht ankam, nicht dabei. Hätten Sie sich damals vorstellen können, weiterhin in der Nationalliga A, B und in der 1. Liga (Schweiz; Anm. von LS) zu pfeifen, oder hätten Sie eher hingeschmissen und ausschließlich in Ihrem Haushaltsgeräte- und Küchengeschäft gearbeitet?

Mein Ziel war immer, bei der WM 1998 zu pfeifen. Als die Nominierung nicht angekommen ist, habe ich gemerkt, dass es mit der WM 1998 verdammt knapp werden würde. Denn damals brauchte man eigentlich schon einen Vorlauf von mindestens fünf Jahren. Ich wusste: Wenn ich diese Erfahrung im internationalem Bereich zeitlich nicht habe, dann reicht mir das nicht. Von den Strukturen her war mir klar, dass ich erst 1995 wieder eine Chance hätte. Das hätte zeitlich nie gereicht. Ich hätte ja dann immer noch eine Weltmeisterschaft gehabt – 2002 – von dem her hätte ich weiterhin dafür gekämpft, dieses FIFA-Zeichen zu bekommen und hätte mir als Nächstes die WM 2002 als Ziel ins Auge gefasst. Gott sei Dank kam es anders. Aber die Aussage, „Deine Nominierung ist bei der FIFA untergegangen“, war schon speziell.

Für Sie unerwartet, wurde dann doch noch ein Platz frei. Wie haben Sie im ersten Moment auf diese Meldung reagiert?

Ich hatte 1992 noch einige Gespräche und wusste daher, dass ich vom Schweizer Fußball-Verband nachnominiert werden würde. Wir hatten da einen guten Chef: Willi Jaus. Dieser hatte gemerkt, dass das Ganze bei der ersten Nominierung politisch beeinflusst war. Im Gespräch habe ich ihm natürlich auch klar zu verstehen gegeben, dass ich mit der Entscheidung überhaupt nicht zufrieden sei. Er hat angeführt, worin der andere und worin ich besser sei. Es gab einen Aspekt, in welchem er ganz knapp vorne vor mir sei. Ich meinte: „Wunderbar, er ist wirklich knapp vor mir in diesen Punkten, die du mir aufgezeigt hast. Aber wenn man einen Zehnkilometerlauf betrachtet, gibt es folgendes Problem: Er läuft zwar vor mir über die Ziellinie, aber er ist eine Runde hinter mir. Sie haben diese Runde vergessen“. Ich war vor ihm. Ich hatte einfach die besseren Spiele, viel mehr Erfahrung, ich hatte die großen Spiele. Das alles fehlte ihm. Ein Kriterium war zum Beispiel, dass er besser Englisch könne als ich. Ist das ein Kriterium, um FIFA-Schiedsrichter zu werden? Da war ja alles klar. Der andere wurde schließlich Generalsekretär der FIFA. Alles gut.

Sie haben im Januar 1998 das Eröffnungsspiel des Stade de France gepfiffen. Wie ging es Ihnen dabei, waren Sie aufgeregt?

Es war schon etwas Besonderes. Ich hatte das Eröffnungsspiel. Das lief über die FIFA. Du weißt, die Weltmeisterschaft findet in Frankreich statt. Die Menschen schauen schon auf dieses Spiel. Der Druck ist aber auch da. Ich wurde knapp vorher für die Weltmeisterschaft 1998 nominiert und dann war dieses Eröffnungsspiel. Natürlich bist du etwas nervös: Wie läuft das? Du musst hier eine Visitenkarte abgeben. Wenn es gut läuft, steigert das deine Chancen für die Weltmeisterschaft. Wenn es schlecht läuft, hast du die schlechten Karten für die Weltmeisterschaft. Aber eigentlich war ich relativ locker drauf. Es war bitterkalt. Alles war kalt. Das war die kälteste oder zweitkälteste Nacht in meiner Zeit als Schiedsrichter. Es war richtig kalt.

 

Über die Vorbereitung auf die Spiele und den Druck auf Schiedsrichter

Inwieweit arbeiten Schiedsrichter mit Sicherheitsbeauftragten zusammen?

Bei internationalen Spielen gibt es am Vormittag der Spieltage immer ein Sicherheitsmeeting. Dort sind normalerweise der Polizeichef und der Sicherheitschef des Stadions anwesend. Als Schiedsrichter kann man da auf eventuelle Mängel hinweisen oder auf Dinge, die problematisch sein könnten. Die Sicherheitsleute geben natürlich auch ihre Einschätzung ab und besprechen, wo es Probleme geben könnte. Sehr professionell waren diese Besprechungen vor allem in England. Vor dem Spiel kam der Polizeichef immer nochmals in die Garderobe. Er hat zum Beispiel nochmal erklärt, dass man alles im Griff habe oder was im Stadion passiert sei, was er erwarten würde. Wir waren immer integriert und wussten, wenn das und das passiert, machen wir das und das.

Als Sie noch Schiedsrichter waren, woher kam der größte Druck? Wie war das 1998   beim – auf Grund der Politik – als brisant eingestuften Spiel der USA gegen den Iran?

Bei dem Spiel handelte es sich ja um ein WM-Spiel und alle waren nervös. Es ist schwierig, wenn alles um einen herum nervös wird und man immer mit diesen Menschen zusammen ist: Das überträgt sich. Irgendwann denkst du dann auch: Ja, verdammt noch mal. Das ist dasselbe wie wenn deine Frau sagt, dass im Haus etwas knackst. Und du denkst: „Was soll das? Da ist nichts“. Und auf einmal hörst du es auch irgendwo knacksen. Oder alle erzählen von Einbrüchen in der Umgebung und davon, wie gefährlich es in dieser Gegend ist. Irgendwann erfasst dich das. Mit dem Druck ist es dasselbe. Du musst aufpassen, dass du ihn nicht annimmst. Den größten Druck machst du dir selbst. Indem du unbedingt etwas schaffen willst: „Du willst jetzt da hin“. Das heißt, du baust ihn dir selbst auf: „Ich möchte das und das erreichen. Ich will dann und dann da sein“. Dann merkst du, dass es vielleicht nicht so gut klappt und was machst du? Du setzt dich noch mehr unter Druck. Du begibst dich auf den Weg zu diesem Ziel und merkst, dass es manchmal auch eng wird und Abzweigungen gibt. Zudem gibt es Menschen, die da sind und dich beurteilen. Entweder geben sie dir die Leiter, um nach oben zu kommen, oder sie geben sie dir nicht. Du weißt ganz genau: „Wenn ich die Leiter nicht habe, komme ich nicht hoch. Wenn sie mich nicht da haben wollen, geht’s nicht. Aber wenn ich nach oben will, muss ich hier und hier und hier weiterkommen“. Du bist von den Verbänden abhängig und diese machen dir den Druck. Ja, der größte Druck kam eigentlich immer von den Verbänden. Von den Menschen, die eigentlich für dich da sind, um dich hochzubringen. Anstatt dass sie dir den Druck nehmen, bringen sie ihn. Das ist das Schlimmste. Du musst dich frei machen von dem. Ich habe mich davon frei gemacht, indem ich mir gedacht habe: „Ich bringe auf dem Platz eine so gute Leistung, sodass sie nicht an mir vorbei können. Und wenn sie mich nicht wollen oder wenn ich nicht so gut bin, wie ich mir das vorstelle, dann werde ich aufhören. Dann ist es halt vorbei“. Auch das habe ich nicht als lebensbedrohlich empfunden. Dann ist es eben so.

Aber Sie haben gleich gemerkt, dass die Leistungen passen…

Ja, das war meine Taktik. Sie konnten nicht an mir vorbei, weil ich so gute Leistung gezeigt habe. Aber das ist dasselbe wie mit dem Druck: Dass du den selbst eben nicht annehmen darfst. Einfach nicht zu viel nachdenken. Mein Beobachter sagte einmal: „Deine Stärke ist, dass du nicht überlegst“. Er hatte Recht. Das nächste Spiel war für mich immer das wichtigste. Tack. Tack. Nicht schon weiterdenken. Ich war der Meinung: Wenn ich das mache, dann erreiche ich mein Ziel. Das lief. Der Druck war einfach nicht da.

Inwieweit machen die Medien Druck auf Schiedsrichter?

Man muss sich mit Kritik auseinandersetzen. Nicht jede Kritik ist schlecht. Es gibt oft kritische Stimmen von Seiten der Medien, wozu man sagen muss: „Verdammt noch mal, sie haben Recht“. Das muss man annehmen. Wenn vier Medien schreiben würden, dass man arrogant wirke, muss man darüber nachdenken, warum das so ist: „Warum wirke ich arrogant? Was mache ich falsch, sodass ich arrogant wirke? Ist meine Nase vielleicht etwas zu hoch?“. Es sind ja oft Details: Wie schaue ich beispielsweise einen Spieler an, wie spreche ich mit ihm? Wie gehe ich mit dem Publikum um? Wie gehe ich mit den Trainern um? Wie ist meine Körperhaltung? Diese sollte ich wohl genauer analysieren. Wenn ich einen Psychologen habe, muss ich ihn schon fragen: „Wie ist meine Außenwirkung? Warum sagen die das, warum wirke ich so?“ Und dann rät er vielleicht: „Schau mal deine Gestik an, schau mal deine Körperhaltung an. Betrachte mal den Abstand, den du zu diesem Spieler hast. Es ist besser, wenn du einen Schritt zurückgehst. Mache weichere Bewegungen, offenere Bewegungen, nicht schneidende oder stechende Bewegungen“. Es muss so weit gehen, dass alles automatisch geschieht. Dann wirkt es auch natürlich.

Wurden solche Themen auch in Ihren Schiedsrichter-Lehrgängen angesprochen?

Selten. Das meine ich eben. Das sind Aspekte, an denen man mit den Schiedsrichtern arbeiten müsste. In Deutschland gibt es mehrere Schiedsrichter – wenn ich mit diesen in dem Bereich arbeiten könnte, und ich bin kein Psychologe, hätten sie relativ schnell eine bessere Außenwirkung, eine bessere Akzeptanz bei den Spielern und beim Umfeld. Sie hätten auch weniger Druck. Wenn du Angriffsfläche bietest, kommt der Druck. Einige Schiedsrichter haben sich früher gefragt: „Wieso hat der Herr Meier mit den Spielern nie Probleme und ich schon?“. Das lag daran, dass ich mit den Spielern anders kommuniziert habe.

Haben Sie Kurse mit den Inhalten „Rhetorik und Körperhaltung“ besucht und war Ihre Arbeit als Verkäufer diesbezüglich für Sie eine gute Ausbildung?

Ein guter Verkäufer weiß, wie er auftreten muss. Er verkauft sich und seine Entscheidung eben auch gut. Dahingehend hat mir meine Ausbildung und meine Arbeit im Küchen- und Haushaltsgerätegeschäft schon geholfen. Das Problem ist, dass die Beobachter der Schiedsrichter deren Fehler im Auftreten oft selbst nicht sehen und die Beobachter eventuell auch dieselben Fehler auf dem Platz gemacht haben. Wie sollen sie den anderen Schiedsrichtern etwas beibringen, das sie selbst nicht beherrschen, weil sie es nicht gelernt haben?

Haben Sie sich und ihre Assistenten bezüglich der Körpersprache auf dem Platz analysiert?

Immer. Wir haben anhand der Körpersprache innerhalb des Teams sofort gemerkt, wie der jeweils andere drauf war. Zu locker oder zu angespannt war nicht gut. Wenn einer zu locker oder zu aufgeregt war, haben wir uns gegenseitig darauf hingewiesen.

Wie genau haben Sie sich auf besondere Spiele vorbereitet? Woher haben Sie die Informationen über die Länder bezogen?

Vieles habe ich nachgelesen. Es hat sicherlich nicht geschadet, dass ich schon mein ganzes Leben politisch interessiert bin. Dass ich die Geschichte der Länder kannte. Nicht nur beim Spiel der USA gegen den Iran. Wie die Menschen reagieren, wie man Menschen führen muss, wie man mit Menschen umgehen muss. Auch im eigenen Land. Wenn du ein Derby hast, auch. Vieles läuft vor allem auf der persönlichen Ebene: Wie gehst du mit diesen Menschen um? Das, was ich vorher gesagt habe: 30% passieren vor dem Spiel und 30% nach dem Spiel. Wie gehst du mit den Situationen um, wie sprichst du mit den Leuten? Umso mehr Infos man hat, umso besser ist es. Oft ist es so, dass die eigenen Erfahrungen, die man mit verschiedenen Kulturen hat, das allerwichtigste sind. Es ist auch das Spüren im Vorfeld. Es nützt dir alles nichts, wenn dir alle sagen, wie schlecht und gefährlich alles sei und wie die Menschen miteinander umgehen würden und du eigentlich etwas ganz anderes spürst, wenn du ins Stadion kommst. Du spürst: Nee, nee. Ich muss jetzt da nicht mit Angst reingehen. Und man denkt sich: „Was haben sie mir eigentlich erzählt? Ich spüre etwas ganz anderes“. Ich glaube es ist immer wichtig, dass du spürst, wie die Lage ist: Wie gehen sie miteinander um, wie sprechen sie miteinander? Wie sprechen sie übereinander? Was passiert da? Das spürst du und dann musst du in dem Moment dementsprechend agieren. Wenn du jetzt einen fixen Plan hast, wird dieser eher unbrauchbar sein. Man sollte erstmal selbst eigene Erfahrungen sammeln und sich informieren.

Das Problem ist zudem die Presse. Die ist ja auch gefärbt. Zum Beispiel: „Wie ist die Stimmung im Iran?“. Ja, ist die wirklich so, wie es in der westlichen Welt widergegeben wird? Es ist vielleicht eine andere. Und wenn man dann die Gelegenheit hat mit iranischen Taxifahrern zu sprechen, sind diese total positiv gestimmt. Ich hatte durch mein Haushaltsgerätegeschäft mit zwei Architekten aus dem Iran zu tun und habe mit ihnen geredet. Ich habe mit Amerikanern gesprochen. So habe ich diese Menschen erlebt. Einen Abend vor dem Spiel haben wir uns zusammengesetzt und ich habe gemerkt: „Aha, da ist von all dieser Hetze, die da gemacht wird, von dieser Angstmacherei, da ist gar nichts da“. Im Gegenteil: Sie möchten eigentlich eher einander die Hand reichen, sie sind positiv auf das Spiel eingestellt. Ja ok, dann mach ich da mit. Dann versuche ich das aufzunehmen – diese Herzlichkeit, diese Fairness. Und ich versuche einen Beitrag dazu zu leisten und das Ganze nicht noch zusätzlich mit kleinlich vergebenen Karten oder mit einer kleinlichen Spielleitung anzuheizen, sondern laufen zu lassen.

Das angesprochene Spiel fand am FIFA-Fairplay-Tag statt. Sie haben vorgeschlagen, dass sich beide Mannschaften und ihr Schiedsrichterteam vor dem Anpfiff für ein Foto zusammenstellen (laut Urs Meier war die FIFA nicht dafür; Anm. von LS). Wie waren die Reaktionen auf das Bild im Nachhinein?

Alle hatten das Gefühl, dass das von der FIFA organisiert wurde. Das sind einfach solche Dinge, die musst du machen. Das musst du spüren. In tausend Spielen hast du es so gemacht und diesmal musst du es eben anders machen. Das musst du eben spüren, dass es genau dieses tausendste Spiel ist. Das ist im Leben so, das ist mit den Kindern so, das ist mit der Frau so, das ist mit dem Umfeld und mit den Freunden so. Das ist immer so richtig gewesen und heute ist es eben anders richtig. Wenn es eine Ausnahme ist und es einmal ist, dann ist es eben auch richtig. Verstehst du?

 

Was die Verbände verbessern könnten…

Ja, wenn eine solche Botschaft dabei transportiert wird, auf jeden Fall. Jetzt ein anderes Thema. Sie haben über den Schiedsrichter John Toro Rendon geschrieben, der in einem Spiel drei rote und sieben gelbe Karten gegeben hat. Er habe eine zu dem Zeitpunkt neue WM-Regel (‘tackling from behind‘; Anm. von LS) zu hart aufgefasst, sei sehr stark kritisiert worden und erstmal nicht mehr aus dem Hotelzimmer herausgekommen und habe dann auch nicht mehr gepfiffen. Hier komme ich nochmal auf die Psychologie zu sprechen. Es heißt ja, dass die psychologische Betreuung inzwischen gestellt wird, aber inwieweit hat sie sich tatsächlich entwickelt?

Das Problem ist, dass bei der WM 2014 kein Psychologe dabei war. Man hat ihn wieder gestrichen. Ich vermute, dass man das Gefühl hatte, alles selbst machen zu können. Aber das hat für mich schon etwas mit einer gewissen Überheblichkeit und Arroganz zu tun. Ich kann doch nicht als Schiedsrichterverantwortlicher oder als Schiedsrichterkommission auch noch den Psychologen spielen. Ich kann das als Freund. Natürlich kann ich das. Aber ich bin nicht psychologisch ausgebildet. Wenn es dann wirklich so weit käme, dass jemand am Abgrund steht und springen will, bin ich nicht der richtige Mann, demjenigen die richtigen Worte zu sagen. In der Situation brauche ich jemanden, der das gelernt hat, der denjenigen abholen kann und verhindern kann, dass er hinunterspringt. Wenn ich komme, ist es vielleicht noch wahrscheinlicher, dass er eher springt, weil ich es nicht gelernt habe, in dem Moment passend zu handeln. Das müssten die Verantwortlichen wissen. Gerade bei einer Weltmeisterschaft stehen Schiedsrichter bei gewissen Spielen wirklich oft an einem ganz, ganz schmalen Grad. Der eigene Druck ist riesig. Du willst es hier beweisen, jetzt erst Recht. Und dann kann es sein, dass es vielleicht auch mal schief geht. Dass es ein Spiel gibt, das vielleicht nicht so läuft. Genau dann brauchen sie jemanden, der ihnen helfen kann.

Die gesamte Problematik der Psychologie im Spitzensport besteht ja nicht nur bei den Schiedsrichtern, sondern genauso bei den Spielern. Wie viele von ihnen werden nicht psychologisch betreut? In vielen Vereinen herrscht die Einstellung: „Was ist denn? Wir haben doch einen Trainer, wir haben einen Trainerstab“. Jedoch muss der Trainer in seiner Rolle aufpassen. Wenn ein Spieler ein Problem hat, braucht er einen Psychologen als Ansprechpartner. Ich sage schon immer, dass die Strukturen in den Vereinen verbessert werden sollten. Sie kaufen einen Spieler, einen „Ferrari“, ein.  Im Anschluss kümmert sich niemand richtig um ihn: Man schüttet kein Benzin mehr hinein und das Öl ist auch nicht das Beste. Er steht im Regen, kriegt keine Liebe, wird nicht gepflegt.

Aber am Samstag muss er glänzen und Tore schießen. Man sollte sich fragen: „Wie lebt er? Was macht dieser Spieler, der zum Beispiel aus Afrika kommt?“. Er sitzt in seiner schönen Wohnung. Natürlich ist die Wohnung schön. Nur sie ist kalt für ihn. Darin steht vielleicht ein Sofa, das man gekauft hat und ein großer Fernseher mit PlayStation. Eventuell hängt man ihm noch ein Bild von Hamburg rein, obwohl er aus Nigeria stammt. Und der arme Typ kommt ins Training, geht nach Hause und die Decke kommt immer weiter herunter. Wenn er Hunger hat, geht er in einen Fastfood-Laden. Niemand hat ein Auge darauf, ob er das richtige isst und wie es ihm psychologisch geht: dass er Heimweh hat, dass ihm die Wärme der Familie fehlt. Anstatt zu sagen, „Moment, was machen wir, damit es dem Spieler bei uns gut geht? Wir haben noch zwei, drei Spieler, die aus Brasilien kommen. Sie könnten eine WG gründen, damit sie sich wohl fühlen. Ihre Frauen könnten sich auch kennen lernen und sie alle könnten miteinander spanisch oder portugiesisch sprechen. Sie könnten tanzen und lachen und sagen: „Wow“. Dadurch, dass sich diese Spieler zuhause fühlen und eine gute Stimmung bei ihnen herrscht, bringen sie am Samstag wieder ihre Leistung und alle sind zufrieden. Aber nein! Wehe er bringt keine Tore, dann wird er auch noch kritisiert. Und niemand schaut, wie es demjenigen geht. Keiner ist da. „Nee, wieso schießt der keine Tore mehr?“.

Sie haben in Ihrem Buch erwähnt, dass ein Schiedsrichter auf dem Wissensstand der Spieler und Trainer sein sollte. Wäre es sinnvoll, Lehrgänge zu veranstalten, an denen Schiedsrichter, Trainer und Spieler teilnehmen und gemeinsam Spiele analysieren? Wie sind dahingehend Ihre Erfahrungen?

Man bräuchte das unbedingt. Die FIFA und vor allem die UEFA sind gerade noch dran. Pierre Luigi Collina bringt das derzeit voran. Die Verbände arbeiten in dem Bereich intensiver miteinander. Aber diese Politik ist wie ein Heftpflaster. Es ist wunderbar, wenn ich einmal im Jahr mit einem Trainer ein Treffen habe, der mir Spielsysteme vorstellt. Nur das Problem ist, dass es nicht nachhaltig ist: Wenn ich nur einmal etwas gehört habe und die Gespräche nicht fortgesetzt werden. Der Austausch müsste kontinuierlich stattfinden. Wenn ich in einem Tageskurs schon die Tiefe hätte, die mir für die Champions League, für die Weltmeisterschaft, für die großen Spiele in der Bundesliga reichen würde, würden die Trainer wahrscheinlich etwas falsch machen. Sie arbeiten fortlaufend an den Systemen und wir Schiedsrichter müssen auch durchgehend dran bleiben. Der Austausch mit den Trainern selbst müsste viel intensiver werden.

 

„Ich konnte mich gut auf die Zeit nach der Schiedsrichterkarriere vorbereiten“

Wie haben Sie sich auf die Zeit nach dem Pfeifen eingestellt? Sie haben geschrieben, dass Sie dachten, Sie wären nach einem halben Jahr quasi vergessen und würden sich einfach nur noch auf Ihr Geschäft mit den rund zwölf Mitarbeitern konzentrieren.

Es war bei der EM 2000 klar, dass ich mit dem Pfeifen aufhöre. Ich hatte gemerkt, dass das damals mit den Leuten nicht meine Welt war, dass das nicht meine Werte waren. Mit solchen Menschen wollte ich nichts zu tun haben. Ich habe weitergemacht und meinte, dass die WM 2002 ein schöner Schlusspunkt wäre. Damit habe ich mich lange auseinandergesetzt. Bei der WM 2002 habe ich kurz vor der Nominierung für das Halbfinale gemerkt, dass ich noch viel zu viel Freude am Pfeifen habe. Ich hatte noch so viel Lust auf große Aufgaben, auf große Werke und Meisterschaften und habe entschieden: „Komm, mach bis 2004, Europameisterschaft, das ist geil, und nach dem letzten Spiel der EM ist Schluss“. Das wäre für alle – meine damalige Partnerin ausgenommen – eine Überraschung gewesen. Ich hätte meinen Rücktritt selbst bekannt geben können. Zu dem Zeitpunkt war für mich klar: Nach einem halben Jahr weiß kein Mensch mehr, wer Urs Meier ist. Und das war für mich auch ok. Es war nicht so, dass ich gedacht hätte, dass es mir fehlen würde. Dann fand eben diese EM statt. Auf Grund einiger Vorfälle konnte ich nicht den Rücktritt erklären. So wollte ich nicht zurücktreten. Somit habe ich beschlossen, Ende des Jahres aufzuhören. In der Schweizer Meisterschaft hätte ich noch weiterhin pfeifen können. Aber ich wusste, dass ich in der Vorrunde aufhören würde. Das habe ich den Verbänden mitgeteilt. Die FIFA und UEFA wussten auf Grund der Altersbegrenzung, dass Schluss ist. Da ich schon lange wusste, zu welchem Zeitpunkt meine Schiedsrichterkarriere vorbei ist, konnte ich mich gut auf die Zeit danach vorbereiten.

Inwieweit wurden Sie von Ihren Eltern unterstützt, als Sie im Alter von 18 Jahren das Ziel ins Auge gefasst haben, bei der WM 1998 als FIFA-Schiedsrichter zu pfeifen?

Im Alter von zwölf Jahren habe ich mit dem Fußball spielen begonnen. Mein Vater war überhaupt nicht begeistert. Er war schon sauer, als ich aus dem Turnverein ausgetreten bin. Mein Vater hat mich im Fußball nie gefördert. Meine Mutter hat mich immer am meisten unterstützt, indem sie mir die Freiheiten gelassen hat. Das war stets die größte Unterstützung. Die Freiheit und das Vertrauen. Sie hatte immer Vertrauen in mich. Dieses Urvertrauen, dieses positive. Das ist etwas, das ich auch meinen Kindern weitergeben möchte. Da habe ich auch oft mit meiner jetzigen Frau diskutiert. Meine kleine Tochter ist jetzt dreieinhalb Jahre alt. Wenn sie etwas macht, sage ich zu meiner Frau: „Ja, lass sie. Die macht das“. Meine Frau meint dann: „Ja, wie? Wenn sie da hinunter fällt“. Ich erwidere: „Sie fällt nicht runter. Sie kann das“. Ich habe der Kleinen gesagt: „Wichtig ist es, nie loszulassen. Du hältst dich immer irgendwo fest“. Wenn sie das bewerkstelligt, kann es zwar sein, dass sie irgendwo ausrutscht, aber sie hält sich irgendwo. Dann kann man immer noch hinrennen und sie halten. Diese Mütter, die ihre Kinder festhalten – jede Stufe halten, also nein. „Lass sie doch los. Lass sie los. Du merkst, dass sie sich festhält. Sie soll doch selbst versuchen auf die nächste Stufe zu kommen“.

Nachspielzeit. Bitte vollenden Sie folgenden Satz:

Schlussendlich war meine Zeit als Schiedsrichter… eine erfüllte, wunderschöne Zeit, die ich nicht missen möchte und die ich so sofort wiederholen würde.

 

Infos:

-> Im zweiten Teil des Interviews (hier zu finden) spricht Urs Meier über sein Engagement für die Kindernothilfe, über die „Diskrepanz der Glitzerwelt Fußball und der Armut“ in Südafrika und darüber, welche Länder er am liebsten mag.